14.01.2019

LET IT BLEED zum Fünfzigsten

The Rolling Stones – Let It Bleed (1969)

War ich bei „Beggars Banquet“ eher mal einer der letzten, die zum Fünfzigsten gratuliert haben, möchte ich bei „Let It Bleed“ der erste sein. Obwohl es natürlich noch etwas früh ist, denn „Let It Bleed“ erschien ja erst später im Jahr, nämlich im Dezember 1969. Angedacht war der Juli, dann aber wartete man doch noch die US-Tour ab. Vielleicht dachte Jagger ja zudem, das Plattencover würde sich in der dunklen Jahreszeit besser machen, wie er ja bescheuerterweise auch dachte, er müsse warten, bis es in Altamont dunkel ist, bis seine satanischen Seidenklamotten zur Geltung kommen. Wir wissen alle, wie dunkel es in Altamont dann wirklich wurde.



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1. Gimme Shelter

Jagger singt gut, aber die Clayton ist ganz groß. Das könnte eine sehr emanzipatorische Geste von ihm gewesen sein: Als ein Sexismen und Machismen nicht abgeneigter Mann nicht nur zuzugeben, Schutz zu suchen, sondern diese Schutzsuche auch noch von einer ebenbürtig positionierten Frau mitsingen zu lassen, die einiges mehr an Soul-Power in der Stimme hat. Die Beatles wirkten dagegen zu der Zeit wie ein reiner Männerverein, der sich von einer Frau bedroht fühlte. Vielleicht konnte Jagger seine eigene Schutzsuche aber auch dadurch wieder relativieren, indem er eine ebenfalls Schutz suchende Frau an seiner Seite platzierte. Das könnte man ihm wieder anti-emanzipatorisch auslegen, so als dürften Männer alleine keine Angst haben. Ich finde aber, der Song hat ein gutes Gleichgewicht der Geschlechter gefunden. Jagger nimmt sich mehr Raum, aber Merry Clayton nutzt ihren im Gegenzug besser aus, weil sie eben einfach die überwältigendere Singstimme hat.

Mit „Let It Bleed“ begann dann auch die Phase, wo die Stones ihren Sound erweiterten, indem sie sich Hilfe von Außen holten, andere Musiker in ihr Bandkonzept einfügten. Sei es die Einbindung von Bläsern, Chören, Old Time-Elementen, Ry Cooder oder eben Merry Clayton. Es waren gute Entscheidungen, die da getroffen wurden. Diese Einbindungen gingen vorher sicher auch schon vonstatten, aber beim Vorgängeralbum „Beggars Banquet“ schien mir die Neuerfindung der Stones als zusammenstehende Band nach ihrem recht planlosen (aber nicht uninteressanten) psychedelischen Herumgeeier doch im Vordergrund zu stehen. Sie mussten sich erst wieder einen Sender bauen, weil sie sich vorher etwas versendet hatten. „Let It Bleed“ öffnete sich dagegen mehr in Richtung Erweiterung der Möglichkeiten durch zusätzliche Mitstreiter. Das spiegelte sich auch in der Produktion: Weniger dicht gedrängt die Kerngruppe stärkend wie bei „Beggars Banquet“, dafür expansiver, offener, zur Teilhabe einladend.

Nochmal im Speziellen zu „Gimme Shelter“: Ich kann mich eigentlich kaum an einen Song erinnern, bei dem Charlie Watts an den Drums sitzt, der so swingt und treibt, so elastisch und elegant wirkt, obwohl der Beat eigentlich relativ behäbig ist. Daran kann man immer gut eine tolle Rhythmusarbeit erkennen: wenn es schneller wirkt, als es ist, man als Hörer das Rätsel aber nicht lösen kann, warum eigentlich. Ähnlich gut wie „It's Only Rock'n'Roll“ (der Song), aber da war ja auch nicht Watts an den Drums.
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2. Love In Vain

Ich dachte lange Zeit, Mick Taylor würde die Slide spielen, dabei ist es Keith Richards. Vielleicht steht sie deswegen so im Ton, ohne Firlefanz zu machen. Wie es sich eben ergibt, wenn die Sehnsucht sehr direkt einfach da ist, immer und unveränderlich immer gleich schlimm. Da darf eine Slide keine Schnörkel spielen. Jedenfalls eine außerordentlich gute Leistung an der Sehnsuchtsgitarre. Wie überhaupt hier alles großartig ist. Jagger in echter Leidensform, Watts sehr präsent, aber nichts erdrückend, die Mandoline von Ry Cooder. Perfekt, bewegend, lyrisch. Und an dieser Stelle sowieso ein Extralob an Richards, der für Let It Bleed die allermeisten Gitarrenparts alleine wuppen musste und das mit Bravour löste. Ich möchte keinen seiner Beiträge auf dem Album von einem Schönerspieler zugrundeverschönert hören. Insofern ein Glück, dass Mick Taylor noch keinen großen Anteil am Bandgefüge hatte. Womit ich seine späteren Leistungen für die Band nicht schmälern möchte.
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3. Country Honk
 
„Country Honk“ gelingt es, eine Old-Time-Fiddle richtig gut klingen zu lassen, was beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Eine fiddelige Fiddle kann manchmal nämlich echt ganz schön nerven. Selbst auf über jeden Zweifel erhabenen Zusammenstellungen wie Harry Smiths „Anthology Of American Folk Music“ oder diversen Alben auf American Folkways nerven Fiddle nicht zu knapp. Es ist nicht ihre kratzige, raue Drone-Wirkung, die nervt (im Gegenteil, diese Wirkung begrüße ich), sondern die Penetranz, mit der sich auf einigen Old-Time-Tracks die Fiddle Alphatier-mäßig in den Vordergrund fiddelt. Tatsächlich gibt es in der Old-Time-Musik den Begriff des „Alpha Fiddlers“. Allerdings ist es auf „Country Honk“ bestens gelungen, die Fiddle melodiös und treibend zugleich zu machen, ohne dass sie das Gesamtbild über Gebühr dominiert. Der ruffe Fiddle-Charme ist zwar dafür rundgeschliffen worden, aber in diesem Fall war das eine sehr gute Entscheidung.

Insgesamt ist „Country Honk“ ein lustiger Haufen primitiver Folkmusik, gespielt von Menschen, die nicht so genau wissen, ob sie einen lustigen Haufen primitiver Folkmusik wirklich spielen dürfen, ohne sich gleichzeitig über sie lustig zu machen. Das alte Problem von Jagger, wenn er sich an Countrymusik-Spielarten versucht: Er muss immer ein ironisches Hintertürchen einbauen. Selbst bei „Dead Flowers“ auf „Sticky Fingers“. Es zeigt aber umgekehrt auch, dass er das Thema durchaus sensibel angeht und um seine Unsicherheit darin weiß. Einige der besten Stücke der Stones sind aus diesem Country/Folk-Umfeld entstanden. Auf „Steel Wheels“ leider auch ein ungeheuer schlechtes, soweit ich mich erinnere.
****1/2


4. Live With Me

Frühes Beispiel der „Ragged Company“-Phase - wie ich sie mal nennen möchte - in der sich die Stones ab „Beggars Banquet“ bis einschließlich „Exile On Main Street“ öfter gefielen: Sich als Teil der abgerissenen Gesellschaft inszenierend, innerhalb derer immer mal wieder wahlweise die Teilhabe, Romantisierung, die harten und die Schattenseiten abgefragt werden. Bei „Live With Me“ geht's um die Teilhabe („Don't you wanna live with me?“). Die streunende Katze des Bettlerbanquetts ist erwachsen geworden, sie wird jetzt nach eigenen Entscheidungen gefragt. Zum Beispiel, ob sie dem ganzen unaufgeräumten Muff abgerissener Typen wirklich freiwillig ihr Leben widmen möchte.
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5. Let It Bleed

Nur in den Titelsong, in „Midnight Rambler“ (als Symbol des Bösen) und jeweils einen Vers von „You Can't Always Get What You Want“ und „Monkey Man“ konnte man noch den Satanistenquatsch hineininterpretieren, dem Jagger eine zeitlang anhing. Auf „Monkey Man“ wird sogar wieder relativiert: Wir wollen doch nur den Blues spielen! Schade, dass Jagger den Quatsch wenig später für Altamont wieder aufkochte und sich in seiner Eitelkeit nicht entblödete, den Auftritt so lange hinauszuzögern, bis die Nacht anbrach, damit seine doofen Teufelsklamotten besser zur Geltung kamen. „Let It Bleed“ als Song ficht das nicht an. Gutes Akustikgitarrengerüst, in das Ian Stewart ziemlich bestimmt seine Tasten schlägt. Die wiederkehrende Zeile „We all need someone ...“ kehrt mir ein bisschen zu oft wieder und bremst den Track etwas unvorteilhaft aus. Gute treibende Wendung dann aber zum Ende hin, ein paar kompositorisch gelungene Schlenker in der Mitte. Auch die E-Gitarre ist schön sparsam und manchmal auch schneidend eingesetzt. Ein guter Abschluss einer nahezu perfekten ersten Plattenseite.
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1. Midnight Rambler

Einziger Track für mich, der unvorteilhaft gealtert ist. Zum einen, weil mein Bedarf an psychopathischen Serienmördern in dieser an Krimkrimkrimis mit psychopathischen Serienmördern übersättigten Zeit vollkommen gedeckt ist und ich wirklich nicht noch "Bostonblut" brauche; zum anderen, weil ich nicht undedingt zwingend jubelnd am Straßenrand stehe, wenn ein Mundharmonikaspieler des Weges kommt; zum dritten, weil mich das midnightramblerische musikalisches Motiv und dessen ausgewalzte, eher unspannende Umsetzung auf „Let It Bleed“ mittlerweile langweilt. Meinetwegen ist „Midnight Rambler“ noch spannend, wenn sie's live so runterrocken wie auf „Get Yer Ya Ya's Out“, aber mit dieser Version hier bin ich durch. Im Moment zumindest.

„Get Yer Ya Ya's Out“ wird übrigens auf Lärmpolitik keiner ausführlichen Behandlung angedeiht gelassen. Von ein paar einsamen Höhepunkten abgesehen (zum Beispiel „Love In Vain“ oder eben „Midnight Rambler“) lässt mich das dortige Live-Geschehen ziemlich kalt. Wenn die 69er-Tour so tolle Auftritte beinhaltet hat, warum hat die Band es dann nicht gebacken bekommen, ein einziges dieser angeblich so mitreissenden Konzerte zu dokumentieren, ohne dass Jagger sich nachträglich noch Gesangspassagen im Studio einzusingen genötigt sieht, oder sonstwie an den Aufnahmen per Overdub herumgespielt wird? Aber solch nachträgliches Herumgefummele ist ihm ja auch später nicht auszutreiben gewesen. Ich erinnere mich an ein Reissue von „Some Girls“ als Doppel-CD mit Bonustracks, die Jagger dann Jahrzehnte später noch gesanglich aufpoliert hat – mit übertrieben pronounziertem Gesang, wie er sich ja immer mehr in seinen Stil eingepflanzt hat im Laufe der letzten Jahrzehnte. Keine gute Idee. Doppel-CD wurde wieder secondhand verkauft, ohne dass Tantiemen geflossen sind. Nehmt das, Stones!
***1/2


2. You Got The Silver

Richards erster Song als alleiniger Sänger ist seit jeher einer meiner liebsten der Stones. Den Richards-Gesangsbonus, den ich immer vergebe, brauchts hier gar nicht. Falls man mich mal singen hören möchte, dann bietet sich manchmal die Gelegenheit an einer roten Ampel in Schleswig-Holstein, wenn ich im Auto diesen Song mitsinge. Das ist nämlich auch gut an Richards: Was er singen kann, das können die meisten Menschen tonlagentechnisch auch singen, selbst wenn sie sonst nicht singen können. Wahre Folkmusik.
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3. Monkey Man

Atemberaubend magischer Anfang, bei dem ich es immer etwas schade finde, dass da dann irgendwann so reingerockt wird. Das dann aber wieder sehr gut, insofern ist alles verziehen. Richards findet hier feine knappe Gitarrenfiguren, die sich harmonisch nicht schnell auflösen. Watts Drumsound ist wieder großartig, wie auf der ganzen Platte. Jagger kehrt die spießig-rassistische „Affen“-Metapher, mit der sich Langhaarige zu der Zeit öfter konfrontiert sahen, ins Gegenteil um und feiert sein Affendasein. Ich kann das nur unterstützen. Jeder sollte sich glücklich schätzen, ein Affe zu sein. Ich glaube ja, „Monkey Man“ und „Live With Me“ haben ihren Ursprung in der „Their Satanic Majesties Request“-Zeit erfahren, komme darauf aber vielleicht nochmal zurück, falls ich besagtes Album Track-By-Track einmal durchnudeln sollte. Den halben Punkt Abzug gibt es nur, weil ich gemerkt habe, dass ich doch nicht so ganz verzeihen kann, dass sie den Anfang nicht weiter ausgebaut haben. Sie hätten eine Symphonie daraus machen sollen.
****1/2


4. You Can't Always Get What You Want

Im Prinzip kumuliert hier nochmal alles in besonders blendender Form, was „Let It Bleed“ ausmacht: Die Einbeziehung auswärtiger Kräfte wird großartig verknotet mit einer Songidee, die in diesem Fall aus einem Zwei-Akkord-Gerüst auf der Akustikgitarre besteht, das den ganzen Song durchzieht und das kaum merklich mit knappen Funkeinsätzen auf der E-Gitarre verknüpft wird. Al Kooper brilliert an Waldhorn, Piano und ungreifbar fließfähiger Orgel. Jimmy Miller (und nicht Charlie Watts) spielt die vielleicht schönsten, vollkommen leicht und kraftvoll den Beat umspielenden Drums der Stones-Geschichte. Jagger glänzt mit beeindruckender Gesangsleistung und episodisch angerissenen Rätselversen, die sich von/über/mittels Drogen von kirsch- nach blutrot verfärben, ein paar Charaktere anreißen und dabei sicher ihre Inspiration von diesem Typen drüben aus Duluth bezogen haben. Der Bach-Chor erhaben und treibend. Die Bongos addieren großartig einen Gegenbeat. Produzent Miller knüpft hier eine gigantisch gute Textur. Ein siebenminütiges Paradebeispiel, wie Sound nicht in solistischen Einzeltaten, sondern in vertikalen Strukturen entworfen sein kann.
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Fazit:
Es gibt einige Gemeinsamkeiten beim Aufbau von „Let It Bleed“ und „Beggars Banquet“. Wobei es oft keine Parallelen sind, sondern vielmehr Fortschreibungen und Perspektivwechsel. Aus der spätpubertierenden Revolutionsfantasie eines Mittelklasse-Jungen aus relativ sicheren Verhältnissen wird der Ernstfall mit Vergewaltigung und Mord in unbehüteten Arealen. Der Flirt mit dem in guten Umgangsformen bewanderten Teufel springt um in die gar nicht mehr charmante Geschichte eines Massenschlitzers. Die streunende Katze, die nun ernster genommen wird, habe ich oben schon erwähnt. Mit „Love In Vain“ ist das zweite Kapitel geschrieben in der Blues-Trilogie der verlorenen Liebe, die mit „No Expectations“ begann und auf „Sticky Fingers“ mit „I Got The Blues“ endet. Die zweifelnde Country-Hochzeitsburleske „Dear Doctor“ wird durch die feierlaunige Country-Bar-Burleske „Country Honk“ ersetzt. "Jig-Saw Puzzle" und "You Can't Always Get What You Want" verbindet Struktur, Langstrecke und verdylanisierte Episoden-Lyrik.

„Let It Bleed“ ist eine überzeugende Weiterentwicklung von „Beggars Banquet“. Hin zu mehr Offenheit, auch hin zu einer gewissen majestätischen Größe im Soundentwurf. Auf „Beggars Banquet“ steckten sie die Köpfe zusammen, mit „Let It Bleed“ gingen sie erhobenen Hauptes vor die Tür.
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(Reihe wird fortgesetzt)

Bewertung: * (schlecht) - ***** (gut)

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