14.05.2018

PERE UBU apokalypse now

In den Weiten der Datenbank meines Receivers fand ich letztens einen Live-Mitschnitt von Pere Ubu von 1991: „Apokalypse Now“, der so ziemlich das Gegenteil von den beiden Ubu-Konzerten ist, denen ich beiwohnen durfte. Nämlich kommunikativ und gutgelaunt statt abweisend und erratisch. Was alle Konzerte gemeinsam hatten, war so etwas wie eine große bodenständige Macht, die von Pere Ubus Präsenz ausging, nur eben mit anderer Grundierung. „Apokalypse Now“ macht mir großen Spaß, lärmt auch mal lehrreich in Stooges-Manier, hommagiert Van Dyke Parks, ist vergleichsweise offen und hell. David Thomas kommuniziert mit dem Publikum aufs Liebste. Alan Ravenstine war damals schon nicht mehr dabei, stattdessen aber Eric Drew Feldman. Apokalypse now? Feels like heaven.

12.05.2018

DAVID BOWIE pinups (1973)


Spiel mit Identitäten. Im Bewusstsein, dass man einerseits nicht nur eine einzige Identität hat, sondern sehr viele in einem schlummern, andererseits der Kultur- und Kunstprozess nicht aus einem Individuum schöpft, sondern aus dem, was schon da ist: Vorherige Kunst, sozialer Kontext, Zitate und Überlagerungen. Roland Barthes rief in den 60ern den Tod des Autors aus. Dylan versuchte auf „Self Portrait“ einen Weg, sich selbst aus seinem Werk zu entfernen. Später auf der Rolling Thunder Tour 1975 malte er sich das Gesicht kreidebleich, als wäre er ein Toter. Oder ein Dylan-Darsteller in einem antiken Theaterstück. Bowie fächerte sich stattdessen in zig Identitäten auf. Sie landeten beide irgendwie zeitweise auf dem gleichen Weg damit: Nicht der Künstler schöpft aus einem abgegrenzten Selbst heraus, sondern er filtert das, was die Kultur ihm bietet. Vielleicht deswegen entschied sich Bowie, mit „Pinups“ ein Coverversionen-Album zu machen.

27.04.2018

CECIL TAYLOR conquistador!




CECIL TAYLOR
conquistador!
1966

Der Tod von Cecil Taylor und die anschließende Rezeption im Netz und in den Magazinen hat mich aufmerksam gemacht und mein Interesse geweckt, mich mal mit ihm zu beschäftigen. Ich konnte mich noch an eine Titelstory über ihn in der Wire erinnern, wo er auch ein bisschen unfaires Zeug zu Mick Jagger und den Stones gesagt hatte, aber ich fand es schon erstaunlich genug, dass so ein freier Jazz-Mann wie Taylor überhaupt Lust hatte, sich die Stones auf ihrer ersten US-Tour anzusehen. Ich las etwas über „Conquistador!“, Taylors Band-Platte von 1966, und beschloss, mir die mal zu besorgen. Bei Discogs gab es sie recht günstig bei einem Händler, bei dem ich eh noch andere LPs zu bestellen hatte, nämlich ausgerechnet was von den Stones („Black And Blue“) und weniger ausgerechnet was von Poly Styrene („Translucent“). Ich erwischte ein merkwürdiges Exemplar von „Conquistador!“, das aus einer deutschen tadellosen Pressung 70er-Jahre-Teldec-Pressung bestand, die aber in einer originalen US-Hülle steckte. Diese Version ist auf Discogs dokumentiert, offenbar ist da also jemand aus Deutschland an die Originalhüllen gekommen und hat sie einfach für diese Press-Version benutzt.

Ich hatte ein bisschen Angst vor den atonalen Clustern, von denen öfters im Zusammenhang mit Cecil Taylor geschrieben wird und war überrascht, wie direkt einen die Musik mitreisst, wie sie immer wieder den Hunger antreibt wissen zu wollen, wie es weitergeht. Cecil Taylos knallige Tastenkaskaden kamen mir schon beim ersten Hören unmittelbar gut, folgerichtig und vertraut vor. Vielleicht mein Rückhören seines Einflusses auf die Musik im allgemeinen? So weit von -ichsachma- Jerry Lee Lewis scheint mir das gar nicht entfernt zu sein.

Wenn man vom Rockgetöse kommt, leuchtet es unmittelbar ein, wenn einfach mal in die Tasten gebrüllt wird. Bammbamm bamm bammbammbamm. Ansonsten kann Taylor natürlich weitaus mehr, seine Klavierläufe können Lichtjahre überbrücken und gleichzeitig so subtil sein wie ein geladenes Elektron. Der Sound hat eine anthrazidene Färbung – ähnlich dem geheimnisvollen Coverbild – ist dunkel und etwas unscharf und verbasst. Mir gefällt das, weil eben dadurch nicht der Eindruck entsteht, als würde hier unter technisch optimalen Bedingungen einfach eine weitere Blue Note-Platte von Van Gelder routiniert in glanzvollem Sound bei einer gepflegten Tasse Kaffee serviert. Stattdessen legt sich feiner hartnäckiger Schmutz auf die Instrumente, wie auf die Umgebung eines stark befahrenen Zubringerknotens. Der Bass wirkt teilweise wie ein noch etwas bassigerer Ausschlag allgemeinen Gegrummels, das sich weigert, einen festen Ort einzunehmen. Sowas zieht magisch an. Cecil Taylor selbst hätte gerne noch etwas lauter abgemischt werden können.

Cecil Taylor und Andrew Cyrille würde man in „Pacific Rim“ einen Jaeger anvertrauen, so sehr handeln sie in ständigem Kontakt zueinander. Die Soli der Mitstreiter nehme ich nicht als Soli wahr. Sie sind eher sowas wie Motivfinder, Handlungsvorschläge, Strukturreformen und Kommentare. Sie werden oft aufgenommen oder wohlwollend toleriert und ermutigt. Immer werden sie respektiert. Schön sind auch die ruhigen Stellen, wenn es weniger dicht zugeht, ohne das ein allgemeines Energiebritzeln, das über der gesamten Platte liegt, an Intensität verliert. Saxophone und Trompete haben immer mal wieder richtig schöne Melodieteile in ihrem Spiel. Die zweite Seite dann hat eine andere Färbung, ist fordender, zerriger. Immer in einem dichten, enorm attraktiven Gruppensound. Exzellente intensive, erstaunlich unnervige Platte.