10.11.2016

Vom wahren Wert oder Warenwert des Punk

Dass irgendwann alles, was mal sperrig und widerständig war, vom Mainstream geschluckt, durchgekaut, gründlich verwertet und wieder ausgespuckt wird, ist nichts Neues. Rock ´n ´ Roll gibt es heute als Freizeitsport an der Volkshochschule, Hippie-Schick kann man im Kaufhaus von der Stange erwerben, und in bunten Magazinen wird über den passenden Style zum Opern-Air-Festival referiert. Underground – war da mal was? 

In Englands Hauptstadt wird zurzeit das Jahr 2016 als ein besonderes „Event“ begangen, das sich unerschrocken „Punk London“ nennt. Daran beteiligt sind u.a. das Museum of London, aber auch viele andere Unterstützer wie der Bürgermeister der Stadt. Untertitel: „40 Jahre subversiver Kultur“. Ein Jahr der „Events, Talks, Filme, Ausstellungen und mehr...“. Da bleibt kein Auge trocken. Auf der Homepage sieht man einen alternder Irokesen-Träger, der es in Schlips und Kragen scheinbar zum Ordner bei den Festivitäten gebracht hat. So hat zumindest ein Veteran noch etwas von der Sause. 

Natürlich ist es wünschenswert, dass auch die Popkultur reflektiert und gefeiert wird. Ein komischer Nachgeschmack bleibt trotzdem, wenn sich plötzlich alle in den Armen liegen. Und so kann man es durchaus verstehen, dass sich Joe Corré kritisch zu dem Feierjahr äußerst. Hat er doch als Punk-Kind seiner Eltern, der Modeschöpferin Vivienne Westwood und des Musikmanagers Malcolm McLaren, einiges erlebt und einstecken müssen. Dass der Punk heutzutage von der Gesellschaft gefeiert wird, die seine Protagonisten früher gejagt hat, wie er sagt, macht ihn sauer. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung, und nicht nur da, kündigte er an, am 26. November seine Sammlung aus Punk-Devotionalien zu verbrennen. Testpressungen von Platten, Kleidungsstücke, Grafiken – alles ab ins Feuer. Ein Wert von fünf Millionen Pfund. Ein Aufschrei folgte. Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, von dem eine olle Hose im Portfolio sein soll, war not amused.

Joe Corré, eigentlich Joseph Ferdinand Corre, ist selbst Modeschöpfer und hat das Unterwäsche-Lable Agent Provocateur gegründet. Mit seiner Aktion will er den Blick auf den wahren Wert der Dinge lenken - oder auch auf den Warenwert. Denn, dass der Aufschrei angesichts seiner Verbrennungsaktion so heftig ausfiel, liegt nicht zuletzt an der bezifferten Summe seiner Sammlung: fünf Millionen Pfund! Doch die – so verriet Corré – hat er frei erfunden. Die entstandene Publicity gibt ihm Recht. Ohne die Millionen-Vernichtung wäre wohl kaum so aufgeregt berichtet worden. Dass der Termin der Verbrennung seiner Punk-Sammlung mit dem Titel „Burn Punk London“ ebenfalls auf der Homepage des Events „Punk London“ angekündigt wird, ist da nur eine weitere irre Volte des Ganzen.

(bejblog)

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