08.11.2016

THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE kanalwanderungen






The Jimi Hendrix Experience – Electric Ladyland (Barclay, F, Reissue von 1971)


Diesmal kein Mono, aber von der Richtung her schon ein bisschen, denn die teilweise extremen Stereosoundwanderungen zwischen den Kanälen, wie ich sie für „Electric Ladyland“ in Erinnerung habe, sind hier mehr in die Mitte gerückt. Das hat auch schon Julian Cope irgendwo mal erwähnt. Vielleicht ist Barclay zu der damaligen Zeit deswegen so verfahren, um das Album für Mono-Abspielgeräte kompatibler zu machen, denn die vier Seitenlabel sind alle als „Mono-Stereo“ ausgewiesen. Ich empfand „Electric Ladyland“ tatsächlich bisher teilweise etwas merkwürdig auseinandergezogen, als wären vakuumierte Räume im Sound eingeschlossen, taube Areale, als wäre da etwas unvorteilhaft aus dem Ruder gelaufen oder konnte nicht Schritt halten mit den Vorstellungen von Jimi Hendrix, der ja hier erstmals größere Kontrolle auf die Produktion ausüben konnte. So empfand ich auch den Bass manchmal wie einen Hohlkörper. Ich hatte das Album allerdings auch sehr lange nicht gehört und kannte es nur von einem Reissue, das einem Freund gehörte. Kann mich also auch täuschen.

Hier jedenfalls auf diesem Barclay-Reissue von 1971 ist der Sound ganz wunderbar. Nicht in der Art wunderbar wie der punkige Barclay-Monomix von „Are You Experienced“, aber das ist auch klar, weil sich „Electric Ladyland“ aus Studio-/Live-Aufnahmen zusammensetzt, denen unterschiedliche Umstände zugrunde lagen. Eben nicht nur aus dem rauen Guss einer Dreierbesetzung erspielt, sondern verschiedene Aufnahmesituationen und Gastmusiker reflektierend. Hier kommt alles klar, druckvoll und ohne merkwürdige Raumlöcher. Der Bass ist fühlbar präsent, alles fügt sich ein und entfaltet seine Macht.

Tracks, in denen ich bisher eher schwache Teile hörte, werden plötzlich viel besser: „1983“ klingt nun für mich in dem längeren Mittelteil, wo vordergründig eigentlich nicht viel passiert, plötzlich wie ein pränataler Postrock-Traum, wo sehr behutsam mit wenigen Parts eine sehr subtile Spannung aufgebaut wird. Und wer immer noch behauptet, Hendrix sei natürlich ein fantastischer Gitarrist aber ein mittelmäßiger Sänger gewesen, der solle sich doch bitte mal den Gesangspart von „1983“ anhören. Hendrix betritt hier mit seiner Stimme Areale, in denen ich mich gleichzeitig an Curtis Mayfield und Skip Spence auf „Oar“ erinnert fühle. Vertreter also, die nicht mit Gesangskunststücken glänzen, sondern Augenblicke kreieren, in denen sich plötzlich etwas öffnet in der eigenen inneren Tiefe.


Ein paar Merkwürdigkeiten noch als Ergänzung:
– Zwischen „Have You Ever Been (To Electric Ladyland)“ und „Crosstown Traffic“ ist eine etwa 12-sekündige, etwas verwirrende Pause

– Die Songs sind teilweise optisch in der Rille nicht separiert:
Seite 1: „And The Gods Made Love“ und „Have You Ever Been“ sind zusammengeschweißt, dann gibt es eine Abgrenzung (nach der 12-Sekunden-Pause) zu „Crosstown Traffic“, das wiederum von „Voodoo Chile“ nicht abgegrenzt ist.
Seite 3 ist komplett ohne Abgrenzung

– Teilweise sind die Zeitangaben falsch, wahrscheinlich eine Folge der fehlenden Separierung

– Anderes Cover:
War wohl so üblich bei Hendrix-Veröffentlichungen auf Barclay. Die Erstpressungen bekamen andere Cover, und die über die Jahre veröffentlichten Reissues bekamen teilweise nochmal wieder andere Cover. Nicht unbedingt immer schlechtere. Ich finde die Cover-Version mit der Riesenhand, die das kleine Hendrix-Bild an den unteren Coverrand drückt, gar nicht so übel, bringt man sie mit der Rückseite zusammen: Vom Druck befreit schwebt das Bild dort wie eine Feder empor. Eine Freiheitsmetapher zur Bürgerrechtsbewegung? Hergeholte Überinterpretation?

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