11.10.2015

JIMMY BUFFETT freizeitkapitän

changes in latitudes changes in attitudes
1977

Ich glaube, mit dieser Platte begann Buffett in die Liga schwerreicher Musiker aufzusteigen. Wenn sehr wohlhabende Unternehmer ihren musikalischen Talenten frönen, lasse ich als Vertreter des Kleinbürgertums natürlich nur dann Fackel und Mistgabel im Schober, wenn mich die Art des sorglosen Herumdümpelns auf Segelyachten auch künstlerisch überzeugen kann. Das ist hier zwar ab und an der Fall, aber insgesamt kann mich der tropisch gewürzte Country-Folk-Rock nicht so recht für sich einnehmen. Das Foto auf der LP-Rückseite ist jedoch zum Untergluckern gut. Trotzdem fürchte ich, das Buffett-Abenteuer ist für mich an diesem Breiten- und Längengrad schon wieder beendet.



JIMMY BUFFETT changes in latitudes changes in attitudes (lp-rückseite)
1977




08.10.2015

SIX ORGANS OF ADMITTANCE erratic


hexadic

Ben Chasny durchbricht etwaige Gitarrenroutinen durch selbstersonnenes Kartensystem und dessen Vorgaben. Oder so. Heraus kommt jedenfalls struktrierter E-Gitarren-Krach (zart unterstützt von klassischem Bass, Drums und selten Gesang), der so brachial bisher von ihm noch nicht zu hören war. Hat seinen Keiji Haino aber sowas von studiert. Im November erscheint "Hexadic II".



SIX ORGANS OF ADMITTANCE hexadic 
2015


07.10.2015

ROBERT PALMER double fun

Ich kann mich an vernichtende Kritiken erinnern, die Robert Palmer übel nahmen, dass er „You Really Got Me“ als glatten Hybriden aus Stevie Wonder und New Orleans aufgeführt hat. Ich kann mich auch an einen 1-Stern-Verriss des ganzen Albums im damaligen Musik Express erinnern. Dann klafft in meiner Erinnerung eine Lücke von 37 Jahren. Bis ich gestern "Double Fun" das erste Mal so richtig von vorne bis hinten durchgehört habe. Ich entdeckte mondän groovenden, sorgfältigst gelegten Soul-Funk und Reggae, der dich mindestens auf Armlänge von allem Ärger fernhält, aber ansonsten gegen Körperzuwendungen nichts einzuwenden hat. Über den Sound legt sich ein leichter Schleier gefühlten sanften Hörsturzes, der selbst eine Schweinegitarre in etwas fast schon Dezentes und Schönes zu verwandeln imstande ist. Lange nicht mehr so elegant geschüttelt worden.


ROBERT PALMER double fun 
1978

 

06.10.2015

GRUMBLING FUR halbe sachen

preternaturals

Weitere 80s-Elektro-Pop-Infektionen, wie schon beim Vorgänger "Glynnaestra" (und überhaupt nicht beim Erstling "Furrier"). Das Tempo dieser Platte macht mich wahnsinnig. Zu langsam zum Leben, zu schnell zum Sterben, also mittendrin. Typisch für Alexander Tucker, der sich im Zwielicht halblebendiger Materie zuhause fühlt. So ein Tempo hat Steve Gunn auch öfters mal drauf. 




GRUMBLING FUR preternaturals
2014


05.10.2015

THE VELVET UNDERGROUND kanalentzweiung

white light/white heat

Platte unter meinen Top100, aber die Geschichte von "The Gift" habe ich nie wirklich verstanden. Ich finde die Idee aber nach wie vor sehr schön, den Stereoeffekt so zu nutzen, dass sich die Kanäle im Sound nicht wie üblich ergänzen, sondern vollkommen unabhängig voneinander agieren, sich also absolut nichts, was auf dem einen Kanal passiert, auf das bezieht, was auf dem anderen Kanal passiert. Danach hätte die Menschheit vom künsterischen Standpunkt aus betrachtet auch schon wieder direkt zu Mono wechseln können, denn weiter als zu "The Gift" hat sich der Stereoeffekt eigentlich nicht entwickelt. Außer vielleicht auf ein, zwei Progalben von Banco del Mutuo Soccorso, wo die Kanäle in ihrem schnellen Wechsel interessant zu flackern beginnen.



THE VELVET UNDERGROUND 
white light/white heat
1968


04.10.2015

THE FALL unterhält dich

THE FALL  the infotainment scan

Gallige, auch mal musikalisch fast traurige Reflektionen über End-Dreißiger-Probleme und die große News-Media-Unterhaltungsmaschinerie, die es natürlich auch schon gab, bevor alle ins Netz gesogen wurden. Ich glaube, mit "The Infotainment Scan" begann für The Fall der Moment, ab dem sie gerne mal Hardrock-Riffs durchzuprügeln pflegten. Schätzungsweise Top 6 im Fall-Katalog.





THE FALL  the infotainment scan
1993


03.10.2015

RAS MICHAEL superreligiös


RAS MICHAEL & THE SONS OF NEGUS love thy neighbour (1979)

Nyahbingi ist eine vorwiegend auf Trommeln und Chants beruhende taditionelle Musik, die auf den Rasta-Meetings (Grounations) trance-ähnlich eingesetzt wird. Manchmal kommen auch noch Gitarren, Keyboards, Bass und Drums dazu. Und einmal geschah es auch, dass sich Lee Perry solcher Aufnahmen annahm. Das war zum Ende der Black Ark, Perrys Studio, kurz bevor es in Flammen aufging. Zu der Zeit war Lee Perry mental schon nicht mehr in der Lage, Platten herauszubringen, sodass der Legende nach Ras Michael die Tapes heimlich aus der Black Ark rettete und 1979 auf Jah Life veröffentlichte. Ein paar Jahre später gab es ein erstes Reissue, auf dem dann aber kurioserweise drei Tracks durch zwei andere ausgetauscht wurden, was auch Reggae-Autorität Steve Barker ziemlich verdattert zurückließ („Only in the crazy world of reggae business could this happen“).

„Love Thy Neighbour“ ist hypnotische Superreligion, die Trommeln mumpfen beseelt im linken Kanal, die Chants im rechten, und die Black Ark verbindet sie mit ihrem speziellen Kleber aus Effekten und anderen magischen Seltsamkeiten. Nicht unähnlichen den anderen Experimenten, mit denen Perry in der Spätphase der Black Ark den Reggae-Kosmos erweiterte, und die ihn zu Zusammenarbeiten mit afrikanischen und indischen Musikern bewegte.

Meine Version von „Love Thy Neighbour“ ist ein neuerliches LP-Reissue, es fehlen auch dort die drei ursprünglichen Tracks. Die zwei, die dafür kamen, sind aber keinesfalls schlechter. Natürlich sind die gestrichenen drei - "Do You Know", "Long Time Ago", "Jesus Christus Is The King (Dreadlock)" - vollkommen unverzichtbar. Man besorge sie sich bitte als vor zwei Jahren von Jah Life veröffentlichte 12''.



RAS MICHAEL & THE SONS OF NEGUS 
love thy neighbour 
1979


02.10.2015

SUN RA kein stress

SUN RA AND HIS MYTH SCIENCE SOLAR ARKESTRA
sleeping beauty
(orig. 1979, wvö 2010)

Sun Ra für Leute, die sonst kein Sun Ra hören, sprich: Hier wird kein Stress gemacht, der Cosmos ist wohlgesonnen, das Arkestra breitet eine Art ultrainspirierten, gleichzeitig dichten und luftigen Bigband-Kollektiv-Soul aus, mit dezenten Chants und ohne irgendwelchen Dampf machenden Rampensäuen. Die erste LP-Seite läuft auf 33 rpm. Hat ein paar Minuten gedauert, bis ich kapiert hatte, dass die zweite Seite mit dem 11-Minütigen Titelstück auf 45 rpm abzuspielen ist. Eine halbe Stunde egolose Liebe.



SUN RA AND HIS MYTH SCIENCE SOLAR ARKESTRA
sleeping beauty
(orig. 1979, wvö 2010)




01.10.2015

JIM O'ROURKE drogenfrei

Immer wieder gerne tue ich mir O'Rourkes "Simple Songs" an. Sowas wie Laurel-Canyon-Songwriter-Rock ohne Koks und dadurch auch ohne Selbstüberschätzung. Vielleicht ein Zustand, der Anfang der 1970er wirklich mal in Californien für eine kurze Zeit übers Tal zog und zarte, unschuldige Blüten gedeihen ließ, bis dann eben die Dealer ihre Klientel fester in den Griff nahmen. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Vielleicht ist so eine unabgewichste ambitionierte Platte mit diesen Bezugnahmen heutzutage wirklich nur noch in Japan möglich. Laurel Canyon kann sich wahrscheinlich sowieso niemand mehr leisten. Die Songs sind übrigens ganz und gar nicht simpel, sie tun nur so.



JIM O'ROURKE simple songs
2015