11.10.2015

JIMMY BUFFETT freizeitkapitän

changes in latitudes changes in attitudes
1977

Ich glaube, mit dieser Platte begann Buffett in die Liga schwerreicher Musiker aufzusteigen. Wenn sehr wohlhabende Unternehmer ihren musikalischen Talenten frönen, lasse ich als Vertreter des Kleinbürgertums natürlich nur dann Fackel und Mistgabel im Schober, wenn mich die Art des sorglosen Herumdümpelns auf Segelyachten auch künstlerisch überzeugen kann. Das ist hier zwar ab und an der Fall, aber insgesamt kann mich der tropisch gewürzte Country-Folk-Rock nicht so recht für sich einnehmen. Das Foto auf der LP-Rückseite ist jedoch zum Untergluckern gut. Trotzdem fürchte ich, das Buffett-Abenteuer ist für mich an diesem Breiten- und Längengrad schon wieder beendet.



JIMMY BUFFETT changes in latitudes changes in attitudes (lp-rückseite)
1977




08.10.2015

SIX ORGANS OF ADMITTANCE erratic


hexadic

Ben Chasny durchbricht etwaige Gitarrenroutinen durch selbstersonnenes Kartensystem und dessen Vorgaben. Oder so. Heraus kommt jedenfalls struktrierter E-Gitarren-Krach (zart unterstützt von klassischem Bass, Drums und selten Gesang), der so brachial bisher von ihm noch nicht zu hören war. Hat seinen Keiji Haino aber sowas von studiert. Im November erscheint "Hexadic II".



SIX ORGANS OF ADMITTANCE hexadic 
2015


07.10.2015

ROBERT PALMER double fun

Ich kann mich an vernichtende Kritiken erinnern, die Robert Palmer übel nahmen, dass er „You Really Got Me“ als glatten Hybriden aus Stevie Wonder und New Orleans aufgeführt hat. Ich kann mich auch an einen 1-Stern-Verriss des ganzen Albums im damaligen Musik Express erinnern. Dann klafft in meiner Erinnerung eine Lücke von 37 Jahren. Bis ich gestern "Double Fun" das erste Mal so richtig von vorne bis hinten durchgehört habe. Ich entdeckte mondän groovenden, sorgfältigst gelegten Soul-Funk und Reggae, der dich mindestens auf Armlänge von allem Ärger fernhält, aber ansonsten gegen Körperzuwendungen nichts einzuwenden hat. Über den Sound legt sich ein leichter Schleier gefühlten sanften Hörsturzes, der selbst eine Schweinegitarre in etwas fast schon Dezentes und Schönes zu verwandeln imstande ist. Lange nicht mehr so elegant geschüttelt worden.


ROBERT PALMER double fun 
1978

 

06.10.2015

GRUMBLING FUR halbe sachen

preternaturals

Weitere 80s-Elektro-Pop-Infektionen, wie schon beim Vorgänger "Glynnaestra" (und überhaupt nicht beim Erstling "Furrier"). Das Tempo dieser Platte macht mich wahnsinnig. Zu langsam zum Leben, zu schnell zum Sterben, also mittendrin. Typisch für Alexander Tucker, der sich im Zwielicht halblebendiger Materie zuhause fühlt. So ein Tempo hat Steve Gunn auch öfters mal drauf. 




GRUMBLING FUR preternaturals
2014


05.10.2015

THE VELVET UNDERGROUND kanalentzweiung

white light/white heat

Platte unter meinen Top100, aber die Geschichte von "The Gift" habe ich nie wirklich verstanden. Ich finde die Idee aber nach wie vor sehr schön, den Stereoeffekt so zu nutzen, dass sich die Kanäle im Sound nicht wie üblich ergänzen, sondern vollkommen unabhängig voneinander agieren, sich also absolut nichts, was auf dem einen Kanal passiert, auf das bezieht, was auf dem anderen Kanal passiert. Danach hätte die Menschheit vom künsterischen Standpunkt aus betrachtet auch schon wieder direkt zu Mono wechseln können, denn weiter als zu "The Gift" hat sich der Stereoeffekt eigentlich nicht entwickelt. Außer vielleicht auf ein, zwei Progalben von Banco del Mutuo Soccorso, wo die Kanäle in ihrem schnellen Wechsel interessant zu flackern beginnen.



THE VELVET UNDERGROUND 
white light/white heat
1968


04.10.2015

THE FALL unterhält dich

THE FALL  the infotainment scan

Gallige, auch mal musikalisch fast traurige Reflektionen über End-Dreißiger-Probleme und die große News-Media-Unterhaltungsmaschinerie, die es natürlich auch schon gab, bevor alle ins Netz gesogen wurden. Ich glaube, mit "The Infotainment Scan" begann für The Fall der Moment, ab dem sie gerne mal Hardrock-Riffs durchzuprügeln pflegten. Schätzungsweise Top 6 im Fall-Katalog.





THE FALL  the infotainment scan
1993


03.10.2015

RAS MICHAEL superreligiös


RAS MICHAEL & THE SONS OF NEGUS love thy neighbour (1979)

Nyahbingi ist eine vorwiegend auf Trommeln und Chants beruhende taditionelle Musik, die auf den Rasta-Meetings (Grounations) trance-ähnlich eingesetzt wird. Manchmal kommen auch noch Gitarren, Keyboards, Bass und Drums dazu. Und einmal geschah es auch, dass sich Lee Perry solcher Aufnahmen annahm. Das war zum Ende der Black Ark, Perrys Studio, kurz bevor es in Flammen aufging. Zu der Zeit war Lee Perry mental schon nicht mehr in der Lage, Platten herauszubringen, sodass der Legende nach Ras Michael die Tapes heimlich aus der Black Ark rettete und 1979 auf Jah Life veröffentlichte. Ein paar Jahre später gab es ein erstes Reissue, auf dem dann aber kurioserweise drei Tracks durch zwei andere ausgetauscht wurden, was auch Reggae-Autorität Steve Barker ziemlich verdattert zurückließ („Only in the crazy world of reggae business could this happen“).

„Love Thy Neighbour“ ist hypnotische Superreligion, die Trommeln mumpfen beseelt im linken Kanal, die Chants im rechten, und die Black Ark verbindet sie mit ihrem speziellen Kleber aus Effekten und anderen magischen Seltsamkeiten. Nicht unähnlichen den anderen Experimenten, mit denen Perry in der Spätphase der Black Ark den Reggae-Kosmos erweiterte, und die ihn zu Zusammenarbeiten mit afrikanischen und indischen Musikern bewegte.

Meine Version von „Love Thy Neighbour“ ist ein neuerliches LP-Reissue, es fehlen auch dort die drei ursprünglichen Tracks. Die zwei, die dafür kamen, sind aber keinesfalls schlechter. Natürlich sind die gestrichenen drei - "Do You Know", "Long Time Ago", "Jesus Christus Is The King (Dreadlock)" - vollkommen unverzichtbar. Man besorge sie sich bitte als vor zwei Jahren von Jah Life veröffentlichte 12''.



RAS MICHAEL & THE SONS OF NEGUS 
love thy neighbour 
1979


02.10.2015

SUN RA kein stress

SUN RA AND HIS MYTH SCIENCE SOLAR ARKESTRA
sleeping beauty
(orig. 1979, wvö 2010)

Sun Ra für Leute, die sonst kein Sun Ra hören, sprich: Hier wird kein Stress gemacht, der Cosmos ist wohlgesonnen, das Arkestra breitet eine Art ultrainspirierten, gleichzeitig dichten und luftigen Bigband-Kollektiv-Soul aus, mit dezenten Chants und ohne irgendwelchen Dampf machenden Rampensäuen. Die erste LP-Seite läuft auf 33 rpm. Hat ein paar Minuten gedauert, bis ich kapiert hatte, dass die zweite Seite mit dem 11-Minütigen Titelstück auf 45 rpm abzuspielen ist. Eine halbe Stunde egolose Liebe.



SUN RA AND HIS MYTH SCIENCE SOLAR ARKESTRA
sleeping beauty
(orig. 1979, wvö 2010)




01.10.2015

JIM O'ROURKE drogenfrei

Immer wieder gerne tue ich mir O'Rourkes "Simple Songs" an. Sowas wie Laurel-Canyon-Songwriter-Rock ohne Koks und dadurch auch ohne Selbstüberschätzung. Vielleicht ein Zustand, der Anfang der 1970er wirklich mal in Californien für eine kurze Zeit übers Tal zog und zarte, unschuldige Blüten gedeihen ließ, bis dann eben die Dealer ihre Klientel fester in den Griff nahmen. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Vielleicht ist so eine unabgewichste ambitionierte Platte mit diesen Bezugnahmen heutzutage wirklich nur noch in Japan möglich. Laurel Canyon kann sich wahrscheinlich sowieso niemand mehr leisten. Die Songs sind übrigens ganz und gar nicht simpel, sie tun nur so.



JIM O'ROURKE simple songs
2015


08.06.2015

MASTODON pieken und bratzen

Metal zwischen Epos, undurchsichtigen Konzepten, gewaltigem Gebratze und recht zartem, weil verständlich Worte artikulierendem Gebrüll. Macht Spaß, so wie eben auch Ahab dem ein oder anderen Meeresungeheuer mit kitzeligem Gepieke Spaß gemacht hat. Man weiß ja, es ist nur ein Trägermedium zur Vervielfältigung künstlerischen Ausdrucks. Niemand ist zu Schaden gekommen.



MASTODON leviathan
(Relapse Records, 2004)


26.05.2015

THE COCOON [wvö] while the recording engineer sleeps

Die Platte zum meistgelesenen Text auf Lärmpolitik ever, ist gerade eben auf Staubgold wiederveröffentlicht worden. Ich bitte um freundliches Austicken.




THE COCOON while the recording engineer sleeps
1989, wvö 2015

07.05.2015

WACKIES und letzte LPs


Mein alljährlicher „Wackies“-Anfall, den ich immer via Hardwax stille:



 






 JERRY HARRIS i'm for you




Horace Andy – Exclusively
Fast so gut wie „Dance Hall Style“. Weniger Dub, z.T. gleiche Songs, andere Mixe. Kaum im Haus, schon unverzichtbar.

Reckless Roots Rockers – same
Mit diesem distinktiven Wackies-Sound, einer Mischung aus aufgeräumter Black Ark, durchlässigem Tubby und Bass.

Jerry Harris – I'm For You
Multiinstrumentalist der Wackies-Hausband, der dazu noch gut singen kann. Ausnahmsweise mal kein Qualitätsreissue aus dem Hause Ernestus und von Oswald, sondern eine amerikanische Wiederveröffentlichung mit nostalgischem Jamaika-Feeling: Miese Pressung, Bass-Besäufnisse und der Gesang verstrahlt sich brüchig in die Rillen. Irgendwie auch toll.



Dann noch:

Tim Hardin – The Homecoming Concert
Hardins letztes Konzert. Wund.

The Velvet Underground – The Velvet Underground (UK-Reissue, 1971)

Der Toiletten-Mix von Reed fehlte mir noch. Reed drängt sich in den Vordergrund mit Gitarre und Stimme, die anderen haben das Nachsehen. Eben eine alternative, egomanischere Sichtweise einer der Beteiligten. Erstaunlich gut erhaltenes Exemplar, was ja bei der Stille, die hier oft zum Tragen kommt, nicht ganz unwichtig ist.

The Mahavishnu Orchestra with John McLaughlin – The Inner Mounting Flame
(US-Original, für 3 Euro ausm Grabbeltisch, müsste mal gewaschen werden)
Aggro-Fusion.

27.04.2015

TIM HARDIN heim

Ein neuer Anfang hätte es werden sollen. Ein neues Album war schon zu Hälfte fertig. Kurze Zeit später war Tim Hardin tot. Mit 39. Vier Tage nach seinem Geburtstag. Dies sind Auszüge aus seinem letzten Konzert. Hardin alleine an der Gitarre und einmal am Klavier. Natürlich ist das allein durch das reduzierte Setting schon intim, aber Hardin legt hier zudem noch eine wunde Intensität in die Songs. Zwischendurch in den Ansagen merkt man aber auch, wie sehr er das Konzert genießt. Und am Publikum merkt man, wie Hardin den Raum zum Britzeln bringt. Nicht das hier groß ausgeflippt wird oder so, aber es strahlt in den Raum.

Eines von den vielen Alben, die mir ein lieber Bekannter in letzter Zeit empfohlen hat. Und dessen Empfehlungen mich nie enttäuschen. Danke, Thomas-san.

Das Cover zeigt Hardin mit seiner Großmutter. Er widmet ihr auch einen Song: „Misty Roses“.



TIM HARDIN the homecoming concert 
(Line Records, 1981)

24.04.2015

ROCKS OFF storyboard

Am Samstag stand in der TAZ ein kleiner Artikel über Rocks Off - ein Plattenladen in Husum - wie Swen, der Besitzer, mir heute nicht ohne Stolz erzählte. Ein kleiner, aber feiner Artikel, der ganz gut Swen und Ladenatmosphäre wiedergibt.

Swen hat immer ein paar interessante Geschichten auf Lager, mit denen er mich gekonnt am Plattenwühlen hindert. Ein Highlight aus meinem heutigen Besuch ist der Satz: „Zuhause habe ich fast alles von Van Morrison, er ist gnadenlos überschätzt“. Kurz bevor ich ging, gab er noch einen kleinen biografischen Überblick über das Leben Aleister Crowleys, den er mit Querverweisen zu Ron L. Hubbard und Benito Mussolini garnierte. Swen hat mich im Laufe der Jahre darüber informiert, wie Led Zeppelin die Ideen schwarzer Bluesmusiker für ihre eigenen ausgegeben haben und mir die Beispiele vorgespielt. Er ist auch der Meinung, dass Ahmed Ertegun da entscheidend seine Finger im Spiel hatte. Swen erzählte mir, dass Rick Wakeman für ein Konzert die Royal Albert Hall zur Tropfsteinhöhle umbauen ließ und Vincent Price Kochrezepte gesammelt und zusammen mit seiner Frau ein sündhaft teures Kochbuch geschrieben hat. Außerdem wurden einige Orchester-Soundtracks für Hollywood-Großprojekte von Werken eines Husumer Komponisten inspiriert. Unter anderem für "Star Wars". Also es lohnt sich durchaus, mal in Husum bei Swen vorbeizuschauen. Ich bin dann schließlich mit vier Platten eines gnadenlos überschätzten Musikers von dannen gezogen.



ROCKS OFF  husum

23.04.2015

DAVID BOWIE pinups


Angeregt durch die letztens wieder auf Arte gezeigten Bowie-Dokus und "Shadows In The Night", Dylans aktuelles Sinatra-Cover-Entkleidungsalbum, hatte ich die Eingebung, ein anderes reines "Songschreibender Superstar covert Lieblingssongs statt selbst welche zu schreiben und untergräbt entweder absichtlich die Erwartungen oder hat einfach gerade keine guten eigenen Songs zum Verbraten parat"-Album mal wieder anzuschmeißen. Und da ich "Shadows In The Night" sehr schätze, dachte ich, das würde auch auf "Pinups" abfärben. Nur benötigt "Pinups" gar keine fremde Farbe, glänzt es doch aus sich heraus. Anders natürlich als "Shadows", nämlich mit beschwerterem Sound, selbst in den vermeintlich leichteren Momenten. Bowie hatte damals eine tolle Band um sich versammelt, mit Mick Ronson, T.J. Bolder und Aynsley Dunbar. Das hatte bei all dem Spaß, der immer wieder durchscheint, gleichzeitig Gewicht und Autorität. Dazu noch die Saxofone, der Moog - und die Violine, die sich ab und an ganz überraschend einschleicht (und deren Spieler auf dem Cover nicht aufgeführt ist). Ist dann irgendwie auch egal, wer die Songs geschrieben hat. Hätte nicht gedacht, dass mir "Pinups" nochmal soviel Freude machen würde.


DAVID BOWIE pinups 
1973

05.04.2015

DOCK BOGGS o tod

Über die irreale, geisterhafte Ausstrahlung alter Fotos aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist schon des öfteren geschrieben worden. Hier in diesem Beispiel wird das Irreale, längst Vergangene nochmal betont (und auch belebt), ohne zu versuchen, hinter das Geheimnis zu kommen. Der Scan gibt den Eindruck gut wieder: Das Graue schimmert undeutlich und silbern, darüber setzt sich ein hellblauer Filter wie eine wohlwollende, aber irgendwie auch distanzierte Vergilbung. Eine zarte Grafik aus (herabgefallenen?) Blättern signalisiert eine gewisse Bodenständigkeit, vielleicht aber auch die nur kurze Entfernung, die viele Themen der Platte vom Grab entfernt sind. In allem - in der Präsentation, in der Musik - eine sagenhafte Banjo-Platte.



DOCK BOGGS country blues 
[complete early recordings (1927-29)] 
(Revenant, 2004)


04.04.2015

KAREL GOTT hudba není zlá

Aus vollkommen nichtigem Anlass war ich hinter dieser LP her. Es ging um einen Dialog im damaligen Spex-Forum, wo ein User von seinem Bedauern darüber berichtete, dass der gute Karel nur durch den "Biene Maja"-Song von der Weltbevölkerung wahrgenommen wird. Worauf ich dieses Cover aus dem Google-Hut zauberte, auf dem man sehr schön sehen kann, wie Karel Gott übrigens von der Biene Maja wahrgenommen wird.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich fühlte mich verpflichtet, diese LP zu besitzen, bekam sie dann auch nach geduldigem Suchen bei Ebay für ein paar Euro und musste leider meine Hoffnung, als erster Mensch die ungeheure Qualität dieses vollkommen unbeachteten Meisterwerks erkannt zu haben, an der ersten Biegung der Moldau begraben. Coverversionen wie "You've Lost That Loving's Feeling" (Originalschreibfehler) oder "Amazzing Grace" (Originalschreibfehler) wurden doch ziemlich schlagermäßig mit Orchester und Streichern zugepampt. Auf einigen (oder allen) Stücken singt Karel Gott tschechisch, was gar nicht so schlecht klingt. Insgesamt trotzdem verzichtbar, außer man schafft es, eine lustige Erinnerung damit zu verknüpfen. Für mich daher unverkäuflich.



KAREL GOTT hudba není zlá 
1973

04.03.2015

EARTH primitive and deadly

Ich muss doch immer schwer schlucken, wenn ich für eine Southern Lord-LP um die 30 Euro hinblättern muss. Aber ab und an muss es eben sein. Es hat schon eine gewisse Tradition bei mir, dass ich die musikalische Ernte eines Jahres meist erst im Folgejahr einhole, und so ist es auch mit Earth, die diesmal ihren Slow-Metal weniger doomen, dafür aber mehr tunen - mit Gastsängern nämlich, die ebenfalls der dunklen Schwere und Langsamkeit zugetan sind: Mark Lanegan und Rabia Shaheen Qazi. Natürlich gibt es auch wieder schwarzsabbathikalische Instrumentals, denen aber diesmal statt einer für viele Earth-Platten bevorzugten Reduktion im Sound, eine bedrohlich aufgepolsterte Produktion entgegengetreten wird. Die OBI spricht von "enormous darkness". Auch von Verzückung und Euphorie. In etwa so, wie purpurne Felsen Euphorie ausstrahlen.



EARTH primitive and deadly 
southern lord, 2014


01.03.2015

LÄRMPOLITIKs 100



Kürzlich wiederentdeckt: Lärmpolitiks all-time Top100.

Mit praktischen, mehr oder weniger aussagefähigen und recht spontanen Kurzkommentaren. Es wäre nämlich höchst ungehörig, solche Platten einfach so loszuschicken, ohne ihnen einen netten Kommentar mit auf den Weg zu geben. Daher ist jetzt alles etwas lang geworden. Ich bitte bei allen Alben, die ich vergessen oder spontan wieder verworfen habe, um Entschuldigung. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag für eine neue Top100-Alben-Liste.


1 Upsetters - Return Of The Super Ape
Das letzte Album, das Lee Perrys Black Ark zu deren aktiver Zeit noch einigermaßen unbehelligt verlassen konnte. Danach entzündete sie sich selbst. Ich hätte hier eigentlich "Scratch On The Wire" genannt, eine Zusammenstellung von Tracks aus der Spätphase der Black Ark. "Return Of The Super Ape" als 'echtes' Album geht aber auch. Wichtig ist mir, an erster Stelle die Black Ark zu sehen.



2 The Beatles - The Beatles
Das kreativ umgesetzte Ende der Lebensform "Band" und der Anfang der Lebensform "Individuum lässt sich von anderen Individuen helfen, geht dann aber eigene Wege mit teilweise wieder ganz anderen Individuen". So wie im wirklichen Leben halt.

3 Neil Young - On The Beach
Young am Boden und sich gerade wieder aufraffend. Sowas wie die ruhigen, intensiven, schon wieder langsam austeilenden Elegien auf Seite 2 hat er nie wieder hinbekommen. Und bis auf den Herrn auf Platz 7 hat es auch nie wieder jemand geschafft, Young darin das Wasser zu reichen.

4 Cpt. Beefheart And His Magic Band - Trout Mask Replica
Das Moby Dick der amerikanischen Musik.

5 Rufus Wainwright – Poses
Ließ mich nach dem tollen Van-Dyke-Parks-getränkten Debut erst kalt, traf mich dann wie ein Blitz.

6 John Lennon / Plastic Ono Band - John Lennon / Plastic Ono Band
So gut wie das Beste von den Beatles (die ich auf dem Album an keiner Stelle vermisse - zumal Ringo sowieso mitspielt). Roh, offen, reduziert.

7 Songs: Ohia - Didn't It Rain
Ich stellte mal irgendwann die Behauptung auf, dass es jedes Jahr ein Album gibt, das die Stimmung von "On The Beach" einfängt, man muss es nur finden. Totaler Blödsinn. Es gab in all den Jahren nur ein einziges, das es wirklich tat. Jason Molinas Tod hat mich getroffen.

8 Robert Wyatt - Rock Bottom
Kurz nachdem er es für das Beste hielt, eine Party über den Balkon zu verlassen. Schwebezustände und freie Ausbrüche, als wäre alles nur ein Traum mit schlechtem Ausgang.

9 The Rolling Stones - Some Girls
Ihre Beste, meiner bescheidenen Meinung nach. Reflektionen über sich selbst und New York, mit Punk und Disco im Hintern.

10 Sufjan Stevens - Illinoise
Versuchte sich am großen Popmusik-Roman mit Geschichtsrecherche und Jugendaufarbeitungsdrama - und scheiterte nicht. Dank Peanuts, Heilsarmee-Trompeten und anderem uncoolen Kram.

11 Velvet Underground - White Light/White Heat
Brachte Lärm in mein Leben, der sich nie wieder verzog.

12 Pere Ubu - The Modern Dance
Die Faszination von Industrieanlagen, klirrende Gläser und ein paar Teenagerprobleme. Clevelands beste Surf-Band.

13 The Rolling Stones - Beggars Banquet
Eine Burleske (oder Groteske?) in durchschlagendem, fast rein akustischen Gewand.

14 Espers – II
Elektrisch verdröhnter Neo-Psychedelik-Folk der allersorgfältigsten Art. Verbreitet in seiner majestätischen Erhabenheit zu jeder Sekunde den Odem jahrhundertealter Beständigkeit. Ich behaupte, sowas hat niemand vorher oder nachher so perfekt hinbekommen.

15 Wire - Chairs Missing
Prog-Punk.

16 Sunburned Hand Of The Man – Headdress
Gab mir 2003 den Glauben an Rockmusik zurück. Mit was? Mit lächerlichen 1-Wort-Parolen, weggetretenem Frei-Rock, Kommunen-Bongos, sinnlosen LSD-Soli und Echobesäufnissen in refrainfreien Zonen. Immer noch von mir verehrt.

17 PiL - Metal Box
Verlagerte das herkömmliche Soundkonzept von Gitarre-Bass-Drums-Gesang.

18 The Cocoon - While The Recording Engineer Sleeps
Stellvertretend für alles, was Jürgen Gleue je veröffentlicht hat. Ist aber innerhalb dessen auch ganz weit oben. Frei-Form-Psychedelik, in der Gunter Hampels Vibraphon flottiert.

19 Rufus Wainwright - Want Two
Wainwright mit ganz großem Zirkus. Dieses Mal ging es noch gut, danach verlor ich an seinen Angeboten das Interesse.

20 Bob Dylan - Modern Times
Mit Dylan habe ich es im Moment nicht so. Aber Modern Times gab mir als erstes Album einen Schlüssel zur Hand, mit dem ich einen Zugang öffen konnte. Danach rollte ich das Dylan-Feld von hinten auf. Stelle ich die Top100 Liste während eines Dylan-Rappels zusammen, hätten hier 3-5 Alben Platz.

21 The Beach Boys – Friends
Doch meine Liebste von ihnen. Danach dann Smiley Smile und Surf's Up, nein Surf's Up und Smiley Smile. Wechselt immer mal.

22 Dennis Wilson - Pacific Ocean Blue
Die Beach Boys boten viel Gelegenheit zur Erschütterung, aber "Pacific Ocean Blue" berührt mich von ihrem Output insgesamt doch am tiefsten.

23 George Faith - To Be A Lover
Zarteres hat die Black Ark nie verlassen.

24 Chrome - Half Machine Lip Moves
Two cool punk-infected chicks listening to Can, Neu! und den Stooges, während im Fernseher der Sci-Fi-Horror-Kanal mitläuft, Teil 2 (Teil 1 ist "Alien Soundtracks"). Helios Creed erlebte als Jugendlicher ein Jimi-Hendrix-Konzert. So hätte es tatsächlich mit Jimi weitergehen können: Hässlich und deformiert.

25 Dälek – Absence
Noise-Schreie mit kryptischen Rhymes. A blast.

26 Neil Young - Rust Never Sleeps
Best of both worlds (Elektrisch, Folk).

27 John Cale – Fear
Zwischen Wut, Romantik und Güte. Aber eigentlich immer gefährlich.

28 Caetano Veloso – Uns
Aus persönlichen Gründen ausgewählt. Es gibt bessere von Veloso, aber diese war die erste LP, die ich hörte, nachdem ich sie 3 Wochen in Portugal mit mir rumgeschleppt hatte und morgens nach 2-tägiger Non-Stop-Rückfahrt vorm Schlafengehen noch kurz durchhörte.

29 Bill Callahan - Sometimes I Wish We Were An Eagle
Callahan ist wie Goethe. Der reduzierte seine Gedichte zum Alter hin auch immer mehr.

30 Yes - Close To The Edge
Eine perfekt komponierte und umgesetzte Ensemble-Platte. Möglicherweise eine provokante Aussage, aber dies hier ist vollkommen ego-lose Musik.

31 Paul Metzger - Gedanken Splitter
Metzger aus Minneapolis ist mein Mann am experimentellen Banjo. Das er übrigens 23-saitig spielt, ähnlich wie eine Barocklaute. "Gedanken Splitter" ist eine teilweise überwältigend aggressive Platte. Besonders auf - nomes est omen - "Zugentgleisung". Weniger aggressiv, dafür mehr raga-esk ist das Album "Deliverance", das ich hier ebenfalls sehr empfehlen kann. Man sollte jedoch in beiden Fällen sehr lange Banjo-Improvisationen mögen.

32 Isis – Oceanic
Wahrhaftig ozeanisches Metal-Epos, unterbrochen von ruhigen Post-Rock-Passagen. Erhaben wie eine Taucherkugel, die sich von der Kette gelöst hat und im Licht von Laternenfischen langsam zu Boden singt. Unten wartet dann das Beben. Man sollte Metal-Grunzen mögen.

33 Hüsker Dü - Flip Your Wig
Die Byrds mit Hardcore-Vergangenheit und ähnlich hohem Streitpotenzial

34 It's Immaterial – Song
Nach ihrem super-charmanten und auch augenzwinkerndem Intellektuellen-Pop auf "Life's Hard And Then You Die" ist "Song" schwere, traurig konstatierende Kost, die sich konsequent weigert, auch nur ansatzweise einen Hit abzuwerfen. Stattdessen Erzählungen über Arbeitslosigkeit und andere resignierende Lebenskämpfe, oder milde Betrachtungen des ordinary life. Die Musik ist eine sorgfältige Begleitung und Verstärkung der Worte. Oft Synthies und Perkussion. Man muss mein Faible dafür sicher nicht teilen. Ich glaube, diese Band ist ein bisschen das für mich, was für andere Talk Talk ist.

35 The Modern Lovers - The Modern Lovers
Als die Modern Lovers noch die Velvets beerbten. Mit Krach, Repetition, schneidender Orgel, Beleidigungen an einen bildenden Künstler und einer bewegenden Geschichte über einen Krankenhausaufenthalt.

36 King Tubby - Harry Mudie Meet King Tubby's in Dub Conference Volume One
Tubby macht hier die bisweilen flöten- und streicherbewehrten Tracks von Reggae-Pop-Produzent Harry Mudie nackig. Locker eine der besten Dub-Konferenzen der Reggae-Geschichte. Volume Two ist genauso gut. Volume Three fällt dagegen ab.

37 Al Green - Call Me
In den 80ern bei WOM für 5 Mark erstanden, traf's mich wie der Blitz.

38 Brian Eno - Another Green World
Noch Song, schon davon abstrahiert. Die Platte eines unerkannt bleiben wollenden Königs, der in einer untermöblierten Bauhaus-Bude wohnt.

39 Ann Peebles - Part Time Love
Selbstbewusstsein ohne dick aufzutragen. Die Peebles ist mir die liebste Soul-Sängerin. Und Hi-Records hatten den besten Sound dazu. Platte ist mit vielleicht 27 Minuten nicht zu lang.

40 Tim Buckley - Happy Sad
Jede Platte ein eigenes Genre innerhalb des Über-Genres namens "Tim Buckley". Total eigen. "Lorca" ist unbegreiflicher als "Happy Sad", aber ich kann mich nicht dagegen wehren, wie Buckley das "feelin“ in "I've got a strange, strange feelin'" singt. Daher fällt meine Wahl auf „Happy Sad“. Einer der ganz ganz Großen in der Musik überhaupt. Verschätzte sich nach Tour-Ende in den 70ern nach längerer Heroin-Abstinenz mit der Dosis.

41 Keiji Haino, Jim O'Rourke, Oren Ambarchi – Imikuzushi
Ich benötige von Zeit zu Zeit Platten, die mich so fordern und verwirren, wie ich mir vorstelle, wie andere Rockplatten zu ihren Zeiten das unvorbereitete Publikum gefordert und verwirrt haben. Es dürfen daher keine Platten sein, deren Aufbauten zu vertraut sind. Sie müssen unberechenbar sein und überrumpeln. Bis man sie sich wieder vertraut gehört hat. Dann müssen wieder neue Alben diesen Part übernehmen. Vor 11 Jahren hatte diesen Part "Headdress" übernommen. Vor zwei Jahren war es "Imikuzushi".

42 Prince Far-I & The Arabs - Cry Tuff Dub Encounter Chapter III
Prince Far-I's Donnerstimme und ausgewählte Cry-Tuff-Tracks in der Sherwoodschen Dub-Wäscherei in die Mangel genommen. Jede Sekunde wert.

43 The Thirteenth Floor Elevators - The Psychedelic Sounds Of The …
Der heulende texanische Wahnsinn, der erstmals den "Psychedelic"-Begriff trug. Zu recht.

44 Judee Sill - Judee Sill
Wieder so ein Riesensongschreibertalent mit den schönsten denkbaren Melodien, das zu früh starb. Und wieder an Heroin.

45 Scientist - Scientist Wins The World Cup
Die Scientist-Serie mit den Comic-Cover auf dem Reggae-Label Greensleeves bildete einen tiefen Sample-Pool für spätere Neo-Dubber wie Unitone HiFi oder die Crooklyn/WordSound Posse. Hier mein liebstes der Dub-"Originale" von Scientist. Metallischer und klarer als der zischelnde King Tubby (der aber an anderer Stelle in dieser Liste gewürdigt wird)

46 Curtis Mayfield – Superfly
Groove-und soundmäßig immer noch erste Sahne. Meine liebste von Mayfield.

47 PJ Harvey - To Bring You My Love
Die glamouröse Vamp-Inszenierung. Vielleicht gefällt mir "White Chalk" doch noch besser. Ich kenne sowieso nichts Schlechtes von ihr. Seit über 20 Jahren around, und hat mittlerweile mehr große Songs geschrieben als die Stones. Und ist immer noch auf kreativem Top-Niveau.

48 Can - Tago Mago
Insgesamt in den meisten Parts, den schwierigen und den groovigen, immer noch ziemlich toll. Ich kann vor dieser geballten Ansammlung an Power und Inspiration nur den Hut ziehen und weiß gerade keine Worte dafür.

49 The Fall - This Nation's Saving Grace
Mit schöner Hommage an Can und Damo Suzuki (siehe Nr. 48). Für The Fall sollte man eine eigene Top 10 machen. So glamourös klangen The Fall jedoch nie wieder. Glamour ist aber auch nicht das alles entscheidende Kriterium auf Fall-Platten. Mark E. Smith hat vielleicht die lustigste Autobiografie der Musik-Welt geschrieben.

50 Portishead – Dummy
Mit Portishead kam gewaltige Verlangsamung in die Indie-Welt. Eine der prägendsten Platte der 1990er. Etwas überhört, ziehe ich aktuell "Third" meist vor

51 Congos - Heart Of The Congos
Vielleicht der Punkt, an dem die Black Ark am vollkommensten klang und der Wahnsinn noch einigermaßen im Zaum gehalten wurde

52 Young Marble Giants - Colossal Youth
Ich bin allem verfallen, was hier spielt. Eine damals völlig neue, karge Sounderfindung. Ich bin sowieso Fan der Rhythmus-Box.

53 Slits – Cut
Schlitze. Schnipp! Mit federndem Reggae, Off-Beat-Gesang und selbsterfundenen punky Jingle-Gitarren. Ein feministisches Album, dessen Cover der Feminismus erstmal verdauen musste

54 Cpt. Beefheart And The Magic Band - Doc At The Radar Station
Der Kapitän haute allen auf die Finger, die heimlich versuchten, seinem Sound auch nur den leichtesten Hauch von Hall unterzujubeln. Ansonsten regiert hier die Wut und das konstruierte Chaos, etwas demokratischer umgesetzt. Daher das „The“ vor der Magic Band statt dem vormaligen „His“.

55 Jan Jelinek Avec The Exposures - La Nouvelle Pouvreté
Ich glaube, es geht um Model-Welten. Der Jelinek-Groove ist so speziell wie derjenige von Can oder Neu!, er ist aber schwieriger zu fassen, weil alle Parts und Bits und Pieces an ihm in magischer Weise teilhaben

56 Dr. Alimantado - Best Dressed Chicken In Town
Dr. Alimantado, von John Lydon in seiner berühmten Radio-Playlist den Punks vorgestellt, mit einem Querschnitt seiner DJ-Arbeiten aus den Siebzigern. Der Titeltrack (gelegt in der Black Ark) übertrifft alles, aber der Rest ist trotzdem auf so hohem Niveau, dass noch Platz 56 herausspringt. Darf in keiner Musik-Sammlung fehlen, die über Bob-Marley-Folklore hinausgeht, werfe ich mal etwas besserwisserisch in die Runde.

57 Cpt. Beefheart And His Magic Band - Lick My Decals Off, Baby
Der Käptn mit übriggebliebenen Arbeitsgrundlagen von "Trout Mask" und der genialen Idee, die zweite Gitarre durch ein Marimbaphon zu ersetzen.

58 Gene Clark - No Other
Teure, schwer schwelgende Laurel-Canyon-Koks-Platte, die kommerziell völlig unterging.

59 St Vincent - Strange Mercy
Beerbt Robert Fripp und Madonna gleichzeitig. Eine der kreativsten MusikerInnen der letzten Jahre.

60 Television - Marquee Moon
Jazz.

61 Stevie Wonder - Songs In The Key Of Life
Übervoller und vielleicht perfektester Songreigen aller Zeiten.

62 Comus - First Utterance
Brutaler Violinen-und Flöten-Folk.

63 Neu! - Neu!
Der Groove des Horizonts ohne amerikanische Einflüsse.

64 This Heat - This Heat
Macht einsam und Fieber und bringt mich immer in ziemlich angespannte Zustände. Ich rechne selbst nach Jahrzehnten des Hörens noch mit Überraschungen.

65 Timesbold - Ill Seen Ill Sung
Folk mit Ofenrohr und Bruchstellen. Klingt wie aus Gegenden ohne Ortsschilder, ist aber aus Brooklyn.

66 Roddy Frame - Western Skies
Große Songs in kleinem Gewand, besser noch als die erste Aztec Camera.

67 The Go-Betweens - Send Me A Lullaby
Scheint mir ihr perfekter Augenblick zu sein.

68 Giant Sand - Ballad Of A Thin Line Man
Noch ohne Zerfaserungen eine der konzentriertesten Giant-Sand-Platten. Und die erste, die ich kennenlernte. Eine Platte wie eine große Erzählung aus einem Amerika fern der Küste.

69 Giant Sand - The Love Songs
"Sticky Fingers" ist Howe Gelbs Lieblingsalbum, las ich mal irgendwo. "The Love Songs" ist unterm Strich das bessere Album und zusammen mit "Thin Line Man" mein liebstes von ihm. Ich hege eine Art Hass-Liebe zu den Stones, man möge mir daher den ein oder anderen Seitenhieb verzeihen.

70 The Seeds - Raw & Alive / Merlin's Music Box
Fake-Live-Album mit untergemischtem Teenager-Gekreische. Eat-yer-ya-ya's out!

71 Magnolia Electric Co. - Magnolia Electric Co.
Jason Molina ging nach Songs: Ohia mit großem elektrischen Bahnhof seinen Weg, der dem der Crazy Horse nicht unähnlich war. Ein ganz Großer (gewesen). Rest In Peace.

72 The Baptist Generals - No Silver/No Gold
LoFi, bis das Telefon klingelt.

73 The Byrds - Younger Than Yesterday
Die freundliche Seite der Psychedelik wird mit recht außerweltlichen Melodien gefeiert.

74 Keith Hudson - Playing It Cool & Playing It Right
Ziehe ich seinem allgemein und zurecht als Überwerk gesehenen "Flesh Of My Skin Blood Of My Blood" vor, eben ein Über-Über-Werk wahrhaftiger Reggae-Psychedelik. WVÖ vor einigen Jahren auf Basic Replay. Teilweise die selben Nummern wie auf „Flesh ..“, aber andere Versionen.

75 The Thirteenth Floor Elevators - Easter Everywhere
Der Zweitling der Elevators. Genauso gut wie das Debut, nur ganz anders. Fetter Proto-Hardrock statt Psycho-Gekreisel.

76 Steffen Basho-Junghans - Waters In Azure
"One" ist Pulsieren mit einem Finger auf einer Saite gespielt (und ohne Spielhand!). Alles andere als ein netter Gag. Der experimentellste Stahlsaiten-Gitarrist kommt aus dem Harz.

77 Kammerflimmer Kollektief – Cicadidae
Nachts des Sommers, wenn Temperaturen sich schwer auf Körper legen.

78 Tuxedomoon - Half-Mute
Zersetzungen im Kreise von Synthie, Beat-Box, Sax, Violine, Tapes, Bass, James Whale und anderen Gothik-ismen.

79 Antonio Carlos Jobim - A Certain Mr. Jobim
Jobim und Ogerman sind das Traumteam edel gelackter Bossa-Delik.

80 Brethren Of The Free Spirit - The Wolf Also Shall Dwell With The Lamb
Laute (Jozef Van Wissem) und Gitarre (James Blackshaw). Erlöst uns nicht von dem Bösen, hat aber ein Herz für religiöse Splittergruppen früherer Jahrhunderte. Von Blackshaw könnte man einige seiner Solo-Alben hier nennen. Ich lass es aber mal bei Brethren.

81 Tom Waits - Real Gone
Stinkendes Drecksalbum. Für mich sein bestes.

82 Spacemen 3 - The Perfect Prescription
Eine dunkle, überraschend unlärmige Reise in die Verherrlichung nicht empfehlenswerter Drogen.

83 Jeffrey Lee Pierce – Wildweed
Konzentrierter als der Gun Club, bei nicht geringerer Leidenschaft.

84 Fleetwood Mac – Rumours
Beziehungszerstörung und -findung und -zerstörung und -findung auf Koks und zigfach-Platin.

85 Neneh Cherry & The Thing - The Cherry Thing
Machte mich mit der Energie von Mats Gustafsson bekannt.

86 A.More (Anthony Moore) - Flying Doesn't Help
Angriff der Avantgarde auf den Mainstream - mit manisch-bitterer Pathoswucht und übriggebliebener Studio-Zeit von Manfred Manns "You Angel You". Hat sich Null verkauft (also Manfred Mann natürlich schon).

87 The Books - Thought For Food
Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Samples der Welt (und glaubt mir, es ist Folk).

88 Wechsel Garland - Liberation Von History
Wir bauen uns einen Kontext aus Dub, Folk und Kölner Elektronik.

89 Tony Joe White - … Continued
Von Billy Swan ("I Can Help") warm und rund produzierte reine Southern-Country-Soul-Magie.

90 Jesse Sykes & The Sweet Hereafter - Reckless Burning
Sehnender Americanoir, der gerne an fremden Orten mit dunklen Himmeln landet, den ein oder anderen Schmerz im Gepäck.

91 Miles Davis - Get Up With It
Meine liebste von Miles Davis. Mag ich etwa den Orgelspieler Miles Davis lieber als den Trompetenspieler?

92 The Cruel Sea - Three Legged Dog
Die Beasts Of Bourbon mögen den grimmigeren Blues gespielt haben, aber die Mischung aus Surf, Dub, Rock und lustigen selbstironischen Geschichten gibt den Ausschlag für The Cruel Sea.

93 Colleen - Everyone Alive Wants Answers
Verknurspelt Spieluhren-Loops, Babygebrabbel, Streichersamples, Akustikgitarren aus fernen Jahrhunderten durchs Telefon in konkrete Unheimlichkeiten.

94 MC 900 Ft Jesus - Welcome To My Dream
Wieder so ein nachtverdunkelter HipHop, der in die ein oder andere gekrümmte Seele blickt. Durchaus mit einigem Humor.

95 Annette Peacock - I'm The One
Warum sich besonders Frauen als Pioniere der elektronischen Musik hervorgetan haben, müsste auch mal untersucht werden. Die erstaunliche Annette Peacock legt hier ihr Leben bloß und schreckt auch nicht vor physischen Inneneindrücken zurück.

96 Ikara Colt - Chat And Business
Spielten zwei Platten ein, legten vorher schon quasi das Datum fest, wann sie sich auflösten wollten und lösten ihr Business dann wie vereinbart pünktlich auf. Wurden danach nie wieder gesehen. Ich tausche alles von The Who gegen ihren modernen Mod-Krach ein.

97 Saint Vitus - Born Too Late
Die Epigonen sind oft besser als die Originale. So auch diese Sabbath-Wiedergänger, die lähmende Metal-Tracks auf SST veröffentlichten. Der Doom im Metal fand hier seinen Anfang.

98 Pyrolator – Ausland
New York, ein heißer Sommer und der Spielzeugbaukasten von Der Plan. Kurt Dahlke hat eine der unterhaltsamsten elektrotropikalischen Platten diesseits des Rheins aufgenommen.

99 Alexander Spence – Oar
Nach Monaten in der Psychiatrie im Alleingang in Nashville aufgenommenes Werk von erschütternder Verletztlichkeit.

100 David Bowie - Hunky Dory
Berlin-Phase hin oder her, ich mag den etwas überkandidelten, selbstironischen Bowie besonders auf Hunky Dory sehr gerne. Traumhaftes Songgespür allerorten. Und Rick Wakeman ist einfach ein toller Musiker, wenn man ihn im Zaum hält. Voll süß auch, wie Wakeman in dieser Bowie-Doku letztens im TV schwärmte. Aus der Erinnerung: „Also wie Bowie da den Akkord –zack- der eigentlich gar nicht passt, aber den er da hinhaben wollte, und dann klingt das … Moment … ich versuch’s mal eben zu spielen, habe ich seit damals nicht … so, jetzt … (Wakeman spielt eine Passage von „Life On Mars“ auf Anhieb perfekt auf dem Klavier), … also das ist absolut super und typisch David. Muss ich zuhause sofort nochmal nachspielen!“

23.02.2015

HAINO/ O'ROURKE/ AMBARCHI tee für die erschöpften

KEIJI HAINO/ JIM O'ROURKE/ OREN AMBARCHI 
tea time for those determined to completely exhaust every bit of this body they've been given 
2015

Die Teezeit, die uns Haino, O'Rourke und Ambarchi auf ihrem sechsten Kränzchen gönnen, begleiten sie auf Seite 1 der LP mit gewohnt gekonntem Krachgebäck an Hainos E-Gitarre, das diesmal sogar manchmal Ähnlichkeit mit melodiösen Psych-Soli hat, freundlich und schmackhaft ummantelt von O'Rourkes Bass und flambiert von Ambarchis Drums. Zwischendurch kredenzt uns Haino zur Geschmacksintensivierung eine schamanische Zeremonie mit bassigem Gewittergrollen.

Seite 2 beginnt mit einsamem Haino-Japanisch (vielleicht "Noch etwas Tee?"), das sich mit zarter Flöte abwechselt, die der Japan-Folker gerne mal zwischendurch einstreut. Ein Bass-Brummen im Hintergrund kündigt schon an, dass da noch mehr auf uns zu kommt. Haino tranciert sich den ein oder anderen Schrei heraus, die Band steigert sich langsam rein, bis plötzlich Hainos Silben verstummen. Stille. Stille. Ein leises, langgezogenes Musikmotiv (Gitarre?) kommt auf uns zu, eine E-Gitarre übernimmt dunkel und verzerrt, alles noch verhalten, O'Rourke setzt einen Basspflock, Ambarchi schellt dezent im Hintergrund. Langsam wirds lauter, Haino schreit kurz dazwischen und schlägt die Saiten zu einem Fantasie-Powerakkord an. Aus dem entwickeln sich schranzige Gitarrenverklüftungen, O'Rourke und Ambarchi folgen und schon sind wir wieder kurz im Lilalärmeland. Nach ein paar Minuten sackt das Land in sich zusammen wie eine kurz aufgekochte Lava-Insel, Haino beschwört wieder irgendwas, dann schließlich setzt er seine Jenseits-von-Crazy-Horse-Gitarre wieder ein. O'Rourke und Ambarchi entwickeln einen primitiven, kraftvollen Rhythmus drunter und das ganze Ding torkelt auf irgendwas zu, das - man ahnt es irgendwie - die ganze Unternehmung abrupt zum Stehen kommen lassen muss. Und so kommt es dann auch. Großartige Platte. Weniger verfolkt wie Teil 5, ähnliche aber längere Krach-Bietungen wie Teil 4, stellenweise das Beyond-Neil-Young-Feeling von Teil 3 und Teil 2. Von den Oberton-Effekten von Teil 1 ist hier (zum Glück) nichts enthalten.




27.01.2015

WEEN untergegluckert

Ween hätten es verdient gehabt, auf den "Rogue Gallery"-Piraten-Song-Projekten von Hal Willner dabei zu sein. Ja, es wäre sogar zwingend gewesen. "The Mollusk" umblubbert tatsächlich etwas Unterwasserisches und Shantyhaftes, ohne das groß an die Schiffsglocke zu hängen. Manchmal steht den beiden Weens ja ihre Scherzkekserei im Weg, aber hier bleiben sie mit außergewöhnlich guten Songs auf Kurs.



WEEN - the mollusk 
1997

23.01.2015

WIRE schwimmen

1979 aufgenommen, fiel die Single durchs Rost rechtlicher Streitigkeiten, nachdem die Band von EMI rausgeschmissen wurde. Ein für damalige Wire-Verhältnisse eher schmoover Schleicher mit diesem speziellen, präzisen Wire-Funk.



WIRE - our swimmer 
single, 1981


22.01.2015

FLYING SAUCER ATTACK fremdkörpererfahrungen

Absolutes Lieblingscover. Innen - im Kern der schwebenden Steine - gleißendes Gedröhne, das immer noch Fremdkörpererfahrungen provoziert. Da passt es, wenn Steine plötzlich Planeten zu sein scheinen.








FLYING SAUCER ATTACK new lands 
1997

21.01.2015

PEAKING LIGHTS haben gebrummt


Ich ertappte mich dabei, wie ich Überlegungen anstellte, mir Led Zeppelin III nachzukaufen. Um diesen Gedanken schnell wieder zu verdrängen, musste ich schnell in meinem kleinen Vinylhügel eine akustische Gedankenüberlagerung finden. Ich fand sie bei Peaking Lights' "Imaginary Falcons". Das sympathische Liebespaar Indra Dunis und Aaron Coyes ist auf "Falcons" noch mehr an den brummigen, irrealeren Dingen des Lebens interessiert. An einem abgewetzten Schleier der Erinnerungen, der selbst einen Gruß an einen Spatzen noch in einen elektronischen Superzeitlupentrip hüllt. Aus diesen brüchigen Geschichten der Liebe ist dann tatsächlich später ein kleiner Racker entstanden, dem dann aber erst auf dem übernächsten Album "Lucifer" - freilich etwas kinderfreundlicher - gehuldigt wird. Ich glaube, Led Zeppelin III brauch ich doch nicht.


PEAKING LIGHTS  imaginary falcons 
2009 

19.01.2015

ROEDELIUS andeuten, dazudenken


Roedelius in seiner zurückgenommenen Art, Musik anzudeuten und den Rest sich dazudenken zu lassen. Trotzdem fehlt kein Ton. Ein Meister. Übrigens auch ein Meister der Kreiierung von Songtiteln. Auf "Wenn der Südwind weht" z.B. "Veilchenwurzeln", "Saumpfad", "Sonnegeflecht". Auf "Durch die Wüste": "Johanneslust", "Glaubersalz". Einwortpoesie.

"Sonnegeflecht" klingt für Roedeliussche Sound-Verhältnisse beinahe schon bombastisch.



ROEDELIUS - wenn der südwind weht 
1981









ROEDELIUS - durch die wüste
1978