06.12.2014

THE CHRYSANTHEMUMS kühlen und brummen

Die Chrysanthemums, eine ungeschlechtliche Fortpflanzung der Deep Freeze Mice, federten ihren aus allen Luken hervorkriechenden Humor mit klassischen, um drei Ecken gedrechselten Popsongs ab, die in einem Paralleluniversum - das im Text auf der Rückseite auch entwickelt wurde - sicher zu anhaltendem Ruhm in Liebhaberkreisen der Beatles und des Kühlschrankgewerbes geführt hätte. Letzteres schon allein wegen der Hymne auf den Kühlschrank, der immer tapfer seinen Dienst versieht (aus der Sicht des Kühlschranks besungen) - "Buzzing Unobtrusively":




THE CHRYSANTHEMUMS is that a fish on your shoulder or are you just pleased to see me? 
1987



25.11.2014

BANCO DEL MUTUO SOCCORSO schuhhommage


Für Emerson Lake und Palmers Manticore-Label spielten Banco Del Mutuo Soccorso einige Tracks vorheriger Alben neu ein und addierten noch ein paar neue Tracks dazu. Die ursprünglich italienischen Texte wurden in englisch gesungen, was ihnen ein bisschen ihren Flow genommen hat. Trotzdem auch heute noch (oder heute wieder) eine Platte, der zu folgen sehr kurzweilig ist, weil sie immer wieder schöne Wendungen zu bieten hat. Opernähnliche Passagen wechseln sich mit Synthies ab, die dann wieder auch mal mit romantischen Gitarren oder erhebenden Klavierfiguren gekontert werden. Es geht nie um Wiederholung, sondern immer um ein neues Weiter, auf das sich die Musik ständig unberechenbar zubewegt. Vielleicht hat diese Prog-Wanderlust auch Sänger Francesco Di Giacomo dazu bewogen, dem Straßenschuh auf dem Cover ein uneitles Denkmal zu setzen. 


BANCO DEL MUTUO SOCCORSO banco 
(manticore, 1975)


13.10.2014

BRÖTZMANN / BENNINK schwarzwaldfahrt

Ich bin seit kurzem und mit zunehmender Freude dabei, mich in Arbeiten von Peter Brötzmann einzuhören. Die Schwarzwaldfahrten, die Peter Brötzmann und Han Bennink im Mai 1977 unternahmen, sind ein großer kindlicher Spaß, denn die beiden haben es geschafft, den Schwarzwald als Mitspieler zu gewinnen und zu dritt ringen sie sich gegenseitig absonderliche Geräusche ab. Saxophone und Klarinetten blubbern im Fluss, Vögel zwitschern zwischendurch, Tropfen tropfen, selbst ein Banjo wird traktiert. Bennink schlägt zudem noch auf alles, was da ist, und was da ist, ist der Wald mit seinen Hölzern und Steinen und Fließgewässern. Ein paar Schellen hat Bennink auch mitgenommen. Trotzdem klingt es nicht, als wären zwei wildgewordene junge Männer im Weinrausch über ein Gehölz hergefallen. Stattdessen werden viele Geräusche sorgfältig ausgehorcht, geprüft und mit Platz zur Entfaltung ausgestattet und entwickelt.



BRÖTZMANN / BENNINK - schwarzwaldfahrt 
(1977, LP WVÖ 2012)




09.10.2014

ANDY PARTRIDGE fuzzy

Versammelt alle Fuzzy Warbles CD's zu einer 9-CD-Box. Demo-Versionen von vielen bekannten XTC-Songs, dazu noch Liegengebiebenes, Scherze, abgelehnte Soundtracks usw. Mit Kommentaren vom Meister. Ein bisweilen erfrischend ruffes Erlebnis, mit dem man sich im Kämmerlein beschäftigen kann, während draußen irgendwelche Pop-Debatten vor sich hin toben. Das Schlimme: Plötzlich werden sie egal, die Debatten.

 
ANDY PARTRIDGE the official fuzzy warbles collector's album 
2006

08.10.2014

IMBOGODOM buschrauschen


Eine der eher abstrakten, spröden Ditties und Dröhnungen aus einem der recht zahlreichen Nebenprojekte Alexander Tuckers. Als Imbogodom arbeitet er mit Daniel Beban zusammen. Die beiden durften im labyrinthischen Bush House, einem Studio-Komplex der BBC, mehrere Jahre lang bis zu dessen Stillegung Sound-Quellen und Tonbandgeräte nutzen und entwarfen dabei oft recht dunkelatmosphärische Tracks, Tunes und Loops, die sich lange überlegen, ob sie dir freundlich gesonnen sind und sich durchaus auch mal dagegen entscheiden. Die Bilder hat Tucker selber gemalt. Er ist der mit den langen Haaren und den drei Bäumen im Gesicht.



 





IMBOGODOM the metallic year 
2010



06.10.2014

THE SUNBURNED HAND OF THE MAN alles jute

Gab mir 2003 nach einer längeren Strecke anderer musikalischer Präferenzen den Glauben an echoersoffene refrainfreie Zonen wieder; an ein Aneinanderkleben absackender Instrumentaljams im Freien mit wechselnden, im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbaren, generationenübergreifenden Besetzungen; an der Faszination platter Stichwort-Lyrics; an Bongotrommeln und Acid-Improvisationen. Kurz: Hat mir den Rock'n'Roll zurückgebracht. Daher bis dato meine wichtigste Platte dieses Jahrtausends, für deren physikalischen Besitz ich dann irgendwann tatsächlich 32 Euro für ein gebrauchtes Exemplar ausgegeben habe.

Außerdem schön, dass mal jemand einen Teil des Universums als Telleruntersetzer auf Jute gestickt hat.

 
THE SUNBURNED HAND OF THE MAN - headdress 
2002




05.10.2014

MASTODON mission remission

Michael ist mein Prog-/Metal-Freund. Ab und an sagt er Sachen wie: "Nächste Woche erscheint die neue Mastodon!". Ich setze dann meine Checkermiene auf und entgegne: "Wer ist Mastodon?" Michael kennt mich gut und weiß mich daher oft zu überzeugen. So auch in diesem Fall. "Remission" ist zwar nicht die neue Mastodon, sondern die zweite von vor 12 Jahren, aber sie füllt gut die Lücke, die "Oceanic" von Isis hinterlassen hat. Ähnlich epischer Prog-Metal mit ähnlichem Gebrüll, ein bisschen schneller zur Sache kommend und mit gutem, gravitationsverbiegendem Gitarrengrimm.
  "Leviathan" und "Crack The Skye" sind mittlerweile auch hier aufgeschlagen. Ich kann das irgendwie mit Freude so weghören. Groß differenzieren zu müssen, wäre zu diesem Zeitpunkt so, als müsste ich die sonische Qualität von drei Geröllabgängen ranken. Jedenfalls zupackend verprogter Metal. Pathos hier, Punk-Krach dort. In der Mitte irgendwelche Konzepte. Gesang könnte manchmal noch grunziger sein. Mein liebster Metal im Moment. 

 
MASTODON - remission 
2002

09.02.2014

MOONDOG oo









MOONDOG more moondog 1956




Moondogs frühe Rhythmusarbeiten von 1956 auf selbsterfundenen und wunderbar benannten Perkussionsinstrumenten: Oo, Trimba, Yukh, Tuji. Archaische, ultragenau die schwierigsten Takte klopfende Takes, die klingen wie auf Beatbox programmiert. Dazwischen rituelle Einsprengsel, Oboe, Mantraähnliches, Spoken Words, Klavier.


04.02.2014

LE ORME alien-paar










LE ORME felona e sorona 1973 




Ein Freund schenkte mir letztens zum Geburtstag "Mountains Come Out Of The Sky - The Illustrated History of Prog Rock". Mit unabsehbaren Folgen. Gerade beginne ich mich in den Gladiatorengängen des italienischen Progs zu verlaufen. So auch in Le Orme's "Felona e Sorona". Die italienische Version. Es gibt nämlich auch noch eine Version in Englisch, für die Peter Hammill die Texte übersetzt hat. Ich kann noch nicht sagen, was italienischen Prog im allgemeinen ausgezeichnet hat, vielleicht der Hang zu Melodie und Klassik neben dem Experiment. 



















29.01.2014

BLACK BANJO SONGSTERS nicht im blut














BLACK BANJO SONGSTERS
black banjo songsters of north carolina and virgina 
Folkways 1998






"The sounds and social history of African American banjo playing—32 superb instrumentals and vocals, recorded between 1974 and 1997."


Das Bild zeigt das Gemälde "The Banjo Lesson" von Henry Ossawa Tanner, 1893. Eines der eher raren Beispiele, wo Banjo spielende Afro-Amerikaner nicht als arme, aber glückliche, emotionsgesteuerte, zu Spaß und Tanz aufspielende Halbwilde dargestellt werden. Stattdessen ein intimes Setting, in dem ein Erwachsener einem Kind in ungestörter Atmosphäre das Banjospielen beibringt. Beide konzentrieren sich still auf die Aufgabe des Lehrens und des Lernens. Niemand hat hier irgendwas "im Blut". Es geht um das Begreifen und Umsetzen einer Spieltechnik.

Die Bedeutung dieser Szene wird besonders deutlich, wenn man mal nach Beispielen sucht, wie sonst (nicht nur) zu jener Zeit Afro-Amerikanische Musiker dargestellt werden. 




HENRY OSSAWA TURNER
the banjo lesson 1893




23.01.2014

TIM BUCKLEY dream letter










TIM BUCKLEY  dream letter - live in london 1968 (VÖ 1990)




Buckley war ja in der Zeit zwischen 1967 und 1970 sein eigenes Genre, eigentlich waren seine Platten jener Zeit wiederum innerhalb des Buckley-Genres eigene Genres. Umso größer meine Freude, als es 1990 einen unerwarteten Live-Nachklapp gab. Buckley im Konzert in London 1968, mit so nie gehörter Besetzung, weil Pentangle-Bassist Danny Thompson nur dieses eine Mal mitspielte. Recht frei werden die Songs umspielt, mit Buckleys Stimme als improvisierendem Mittelpunkt, um den sich alles dreht und wendet. Neben bekannten Buckley-Tunes auch mit sechs vorher unveröffentlichten Songs (drei eigene, drei Coverversionen), die für sich schon wieder eine ganze, genre-definierende Platte ergeben hätten. Magie, wenn man mich fragt. Der Sound ist vielleicht etwas zu kristallin, aber wie dem auch sei: Ein seltenes Beispiel dafür, dass auch 22 Jahre nach der Entstehung einer Aufnahme, sie noch nachträglich bei Veröffentlichung in den Kanon eingebaut werden kann.

13.01.2014

JONATHAN RICHMAN entscheidungsfindung


 Der gute Jonathan zweifelt noch, ob er sich die totschicken Stiefel zulegen soll:


JONATHAN RICHMAN jonathan goes country 1990  




















Triffft dann aber die richtige Entscheidung:

 

05.01.2014

IT'S IMMATERIAL song + bild

 







IT'S IMMATERIAL song 1990




Zweites und offiziell letztes Album des Poptüftler-Duos. Kein Song lädt hier zu Remixen ein, wie es noch auf "Life's Hard And Then You Die" (1986) der Fall war. Stattdessen Sozialbeobachtungen (Arbeitslosigkeit, Vorstadtleben, Biographien 'gewöhnlicher' Menschen), genauestens in elektro-akustische, oft ruhende Formen gegossen. Wie sein Vorgänger ein Ewigkeitsanwärter.

Die Band produzierte in den 1990ern noch ein komplettes, vollständiges drittes Album ("House For Sale"), das aber vom Plattenlabel mit Standardfloskel abgelehnt wurde ("Too dark"). Ein paar Songs daraus hat das Duo, das offenbar immer noch existiert, auf ihrer Soundcloud-Seite veröffentlicht. Was man hören kann, ist eher weniger dark als "Song". Mir unbegreiflich, warum sowas nicht veröffentlicht wurde.






DAVID BOMBERG mount st hilarion and the castle ruins 1948