24.10.2013

GRANDADDY schluffen









GRANDADDY the sophtware slump 2000




Vereinten die Schluffigkeit von Beck und die Fähigkeit Neil Youngs, am großen Bild zu malen, mit dem Hang der Flaming Lips zum sperrigen Irrsinn. "He’s Simple, He’s Dumb, He’s the Pilot" ist in meinen Ewig-Top-Ten (manchmal).

21.10.2013

KEIJI HAINO, JIM O'ROURKE, OREN AMBARCHI plötzliches zusammensein






 


KEIJI HAINO, JIM O'ROURKE, OREN AMBARCHI 
in a flash everything comes together as one 
there is no need for a subject  
2011




Wenn Keiji Haino im Titelstück plötzlich mit einem Schrei 1000 gequälter Verstärkerseelen einsteigt (auf der Gitarre? Mit der Lap Steel? Mit dem Air Synth?), dann zieht's mir die Organe doch noch etwas verschärfter zusammen als jeder noch so gut designte "böse" Soundeffekt im "Hobbit" oder so. Dann wieder fallen die drei Impro-Brüder in grummelnde Soundlöcher, aus denen sie frei und ohrbelastend herausfinden, um gut und gerne mal in Zehnminutenpluslänge zu bersten. Manchmal sogar hymnisch zu bersten. Das klingt komisch, aber über Musik zu schreiben, klingt oft komisch (muss aber sein).


16.10.2013

THE CLEAN kompilation









THE CLEAN compilation 1986




 Bedienen sich ähnlicher Techniken wie Velvet Underground und Neu! Nämlich Noiseschlieren über einen simplen, treibenden Rhythmus zu legen, was eine besondere Sogstimmung erzeugt. Die Clean haben aber zudem eine (neuseeländische) Punksozialisation im Gepäck, die ihren Sound nervös macht. Müssen sich auf "Compilation" hinter ihren Vorbildern nicht verstecken, weil sie zwar ähnlich arbeiten, aber ebenso vollkommen eigen klingen. Ich wiederhole diese kleine Ungeheuerlichkeit gerne noch einmal: Müssen sich hinter Velvet Underground und Neu! nicht verstecken.



13.10.2013

LINDA PERHACS in der zwischenwelt









LINDA PERHACS  parallelograms 1970




Kleines großes Folk-Wunderwerk von Linda Perhacs, der ausgebildeten Zahnhygienikerin, die ihre Songs in Zeichnungen zu notieren verstand. Wurde von einem Filmmusik-Komponisten entdeckt, als sie ihm die Zähne säuberte und man ins Gespräch kam (wahrscheinlich hat sie mehr sagen können als er). Leider stand die Herstellung des Albums unter keinem guten Stern, was die Vermarktung und die Pressqualität der LP anbelangt. Enttäuscht wandte sich Linda Perhacs vom Musik-Business ab, um fortan mehrere Jahrzehnte wieder Zahnzwischenräume zu schrubben. Hat in Devendra Banhart einen großen Fan. Die beiden sind mittlerweile befreundet. Zarter zwischenweltlicher Folk, mit seltsamen Stimmschichtungen, elektronischen Einschüben und kleiner Band ziemlich einmalig in Szene gesetzt. Lohnt sich immer noch. Platte ist diverse Male wiederveröffentlicht worden.


06.10.2013

KEITH HUDSON gebrodel









 
KEITH HUDSON flesh of my skin blood of my blood  
1974



Eine der eigenartigsten und auf merkwürdig spirituelle Weise psychedelischten Reggae-Alben wo gibt. Keith Hudson war ein Reggae-Produzent, der Anfang der 1970er Jahre seine ersten Produktionen offenbar von seinem Lohn als Zahntechniker finanzierte. Mit einer Nichtstimme gesegnet, die Keith Richards wie einen ausgebildeten Chorsänger klingen lässt, ließ er Anfangs auch eher mal den ein oder anderen Deejay über seine Tracks singen. 1974 zog er nach London, nahm ein paar seiner Bänder mit und vollendete "Flesh Of My Skin Blood Of My Blood", ein stark religiös gefärbtes Gebrodel, mit gospeligen Backgroundsängerinnen, Hudsons Krächzen, Flöten, kosmischen Tonspuren und manchmal wie riesige Blasen aufsteigenenden Bässen. Ähnlich mythisch wie das, was Lee Perry in seiner Black Ark veranstaltete, aber nicht so verfiltert, sondern eher sumpfig und lehmig. Dann auch wieder vernebelt von billigen Synthies ... Kurz: So noch nie gehört.



05.10.2013

COMUS erst und letzte erschütterung









COMUS first utterance 1971




Comus, britische Folk-Band Anfang der 1970er Jahre, die auf ihrem ersten Streich „First Utterance“ mit expliziten, vermystifizierten Lyrics über Ängste und Gewalt einen Gegenpol zur ja ebenfalls mythisch überhöhten Hippie-Glückseligkeit fand. Verpackt in reine Akustik (nur der Bass ist elektrisch), die über weite Strecken dramatisch und aggressiv daherkommt. Und selbst wenn sie mal nicht aggressiv daherkommt, auch mal süßlich und beschwingt die Flöte spielt, weiß man doch zu jeder Sekunde, es wird nicht gut enden. Großen Anteil an dem Psycho-Spin von "First Utterance" hat neben den Texten auch die kratzige, leicht überschnappende Stimme von Roger Wooton.

Verkaufte sich 1971 null, kam aber im Zuge der Renaissance von Free-Folk/-Rock/New Weird America Anfang der Nullerjahre wieder ins Bewusstsein. Zu dem Zeitpunkt verstand man dann auch die ausfransenden, improvisierenden Songkonstrukte besser zu würdigen, die ihnen 1971 noch vorgehalten wurden. Blendendes Werk. Original-Doppel-LP kostet wahrscheinlich eine Doppelhaushälfte. Selbst das Vinyl-Reissue (Mitte der 90er?) erzielt hohe Preise. Ich empfehle die Do-CD "Song To Comus - The Complete Collection" auf Castle-Music fürn Appel und'n Ei. Mit allem, was Comus damals aufgenommen hatten, inklusive ein paar zusätzlichen Tracks zu Zeiten von und kurz nach "First Utterance", und ebenso dem schwachen Nachfolger von 1974.

04.10.2013

BILL CALLAHAN erinnerungs-überblendungen










BILL CALLAHAN dream river 2013





Der Zufall will es, dass Bill Callahan jüngst eines der schönsten Überblendungscover veröffentlicht hat. Und eines der außergewöhnlichsten sowieso, denn es ist keine Foto- oder Film-Überblendung - wie sie ja in der Plattencoverkunst gar nicht mal so selten sind - sondern eine Ölbild-Überblendung - und die ist wirklich, wenn nicht einmalig, so zumindest extrem selten. Ich spreche natürlich von Bill Callahans neuer Platte "Dream River", deren Musik sich ähnlich unmerklich in die Worte einschaltet, wie sich das Gesicht auf dem Bild langsam aus dem Gebirgsmassiv herausschält. Wie eine ständige, nicht wegzubekommene Erinnerung. Man ahnt die Erscheinung erst, ...

... und mit zunehmender Entfernung erkennt man dann ...










... die eigene Großmutter?

Was fällt mir zu "Dream River" ein? Goethe. Der hatte auch im Alter zu sehr reduzierten Naturgedichten gefunden, mitunter schien er allen verbalen Ballast über Bord geworfen zu haben, die Überbleibsel um die Hälfte reduziert und dann noch zwei Drittel der Verse gestrichen. So ist auch Callahan. Irgendwann wird er womöglich sogar noch die vagesten Songstrukturen als Ballast empfinden. Auf "Dream River" ist er auf einem guten Weg dahin, ein sich langsam veränderndes Gesamtgebilde an Tönen die Geschichte der Worte stärken oder kommentieren zu lassen. Und wenn dazu eben Flöte und Fiedel nötig sind, soll es halt so sein. Andererseits scheut er ja auch keine bedrohlich aufsteigende E-Gitarre. Frei sein in den Mitteln, und sie nur so sparsam einzusetzen, wie nötig. Neben Julia Holters "Loud City Song" das genaueste musikalische Erzählgedicht, das mir dieses Jahr untergekommen ist.

Auf der Rückseite von "Dream River" wird übrigens auch übergeblendet:














01.10.2013

CLINTON durch die disco









CLINTON disco & the half way to discontent 1999




Cornershop als Clinton inna Disco-style. Komplett mit Handclaps, Curtis-Mayfield-Zitat und anderen Wiedererkennungszutaten und Erweiterungen. Es verirrt sich auch mal sowas wie Kama-Sutra-Disco dazwischen. "Disco & The Half Way To Discontent" hatte großes Potenzial mit extrem kurzer Halbwertzeit in Nullkommanichts dem Vergessen anheimzufallen. Tat das auch, bis so Nerds wie ich nach Jahren daherkamen und beispielsweise "Album-Cover mit Händen drauf" suchten - und feststellten: Nach wie vor sehr unterhaltsam. Ich mag auch diese Sounds uralter Computerspiele, die hier bisweilen durch die Gegend fliegen. So wie sie das auch auf alten Dub-Platten von Scientist tun. Da fliegen sie aber zu Reggae durch die Gegend, nicht zu Disco.