30.09.2013

VALET geistert









VALET blood is clean 2007




Noch etwas sperriger, gruseliger, lähmender, bisweilen auch klirrender als der Nachfolger "Naked City" von 2008. Vielleicht auch etwas unschuldiger. Wahrscheinlich lernen eben auch Geister ihr verfluchtes Leben lang dazu und werden erfahrener. Schamanentrommeln begleiten schweres Atmen, Synthieflächen legen Vergangenheitsschleier, dezente Gitarren verhallen in unheimlichem Gelulle, irgenwo zischt etwas wie Stacheldraht über Beton gezogen. Dazu lesen wir Carlos Castaneda rückwärts und schließen ob dieser Platitude ganz langsam die Augen auf Halbmast. 2007 war das Gemisch noch mindesthaltbar. Ich kann das aber immer noch manchmal hören.

29.09.2013

SIBYLLE BAIER wenn alles schläft










SIBYLLE BAIER  colour green (VÖ 2006)




Die Geschichte hinter der Musik dürfte einigen bekannt sein: Nach getaner Arbeit, nachdem das Kind zu Bett gebracht, der Mann ins Bett gegangen ist, setzt sich Sibylle Baier an Tonband und Mikro und flüstert ihre selbstgeschriebenen Songs zur Akustikgitarre. Anfang der 1970er Jahre entstehen so 14 Songs. Veröffentlicht werden sie nie, nur als Cassette verteilt an ein paar Freunde und Verwandte. Jahrzehnte später entdeckt der Sohn die Bänder, stellt sie J. Mascis vor, der gibt sie weiter an ein befreundetes Label, welches sie 2006 veröffentlicht.


Wir hören sehr zarten Folk, Reflektionen übers Alltagsleben, über Liebe, Freunde, Wim Wenders (Sibylle Baier tritt kurz in dessen „Alice in den Städten“ auf). Sibylle Baier singt englisch mit deutschem Akzent, was ihr in englischsprachigen Reviews Vergleiche mit Nico eingebracht hat. Vielleicht, weil zarte, aber nicht auf Mädchen machende Singstimmen überschaubaren Umfangs immer irgendwie für das ungeübte, fremdsprachige Ohr wie Nico klingen. Sibylle Baier singt aber leichter, selbst wenn es schwer wird in den Songs. Sie klingt dann manchmal wie eine selbstreflexive Astrud Gilberto. Musik und Stimme und Texte bilden eine sehr spezielle Einheit, obwohl hier absolut nichts neu erfunden wird. Diese spezielle Einheit empfinde ich selten. Das Setting der Songs ist so intim, dass ich mich manchmal unwohl und deplatziert fühle, ihnen zuhören zu dürfen. Wie ein klobiges, fast schon übergriffiges Eindringen in die Privatsphäre wirkt es dann sogar, als auf dem letzten der 14 Stücke plötzlich ein kleines Streicherensemble untergemischt wird. Es erstaunt mich immer wieder, wie es möglich ist, mit so wenig Aufwand an Mitteln so viel zu bewegen.


27.09.2013

JÜRGEN MÜLLER institut für akustische meereskunde









JÜRGEN MÜLLER science of the sea 
(1982, wvö 2011)



Student am Institut für Meereskunde in Kiel leiht sich Synthesizer, macht ein paar wassertaugliche Soundtracks zu seinem Studium und verschenkt eine Winzauflage davon Anfang der 1980er Jahre als LP an Kollegen und Verwandte. Oder auch nicht und alles ist nur ein Fake (wofür einiges spricht). Auf meinen Reisen in die unergründliche Welt von Kiels Gebrauchtplatten-Korallenriffs ist mir jedenfalls noch nie ein Exemplar von "Science Of The Sea" in die Flossen geschwommen.

Ob Fake oder nicht, es erwartet den Forschenden eine schöne aquatische Reise ins Reich der analog-elektronisch generierten Meeresanalogien. Es wird recht viel geblubbert, was ich an Unterwasser-Soundtracks immer merkwürdig finde, weil der einzige, der unter Wasser blubbert, der Taucher ist. Angestammte Bewohner des Meeres blubbern nämlich nicht, auch wenn Fische öfters mal so dargestellt werden, als würden Luftblasen aus ihrem Maul aufsteigen. Selbst Wale blubbern selten, denn sie entledigen sich der Ausatemluft ja außerhalb des Wassers. Also ist die Unterwasserwelt praktisch blubberfrei. Trotzdem ist die faszinierend andersartige Fremdheit des Lebensraums schön eingefangen. Und ein bisschen von dieser Fremdheit schwingt auch im Menschen mit, denn wir sind ja nach wie vor aquatische Lebewesen, nur schleppen wir unser Wasser eben einfach ständig mit uns mit.


25.09.2013

PETER HAMMILL gepresste zustände









PETER HAMMILL the future now 
1978



Ich tat der Platte kürzlich Unrecht. Ich behauptete, sie wäre ein Zeitprodukt - soweit stimmt es noch - dem die heutige Zeit nicht gut getan hat. Da stimmte es nicht mehr. Warum nicht? Kurz: Sie gewinnt duch ihre Mittel. Sie ist fast Drum-los, es kommt dafür nur kurz eine Beat-Box zum Einsatz, aber Beat-Boxen kommen auch heutzutage gelegentlich zum Einsatz, denn Retro ein nicht unwichtiger Buchstabe im Alphabet der Pop-Musik. Ein wichtiger Buchstabe sogar, ich würde sogar sagen ein Vokal. Und wenn man auf "echte" Drums verzichtet wie auf "The Future Now", dann verzichtet man auch auf sehr zeitbezogenen Drum-Sounds. Und Drum-Sounds sind immer das erste, was altert. Merke also: Verzichtet man auf Drums, dann steigt die Wahrscheinlichkeit auf relative Zeitlosigkeit der Musik.

Warum noch besteht "Future Now" den Test der Zeit? Nun, Peter Hammill hatte zum Zeitpunkt ihrer Entstehung Solo-Platten nur dann aufgenommen, wenn sie inhaltlich zu persönlich waren, als dass sie unter dem Namen "Van der Graaf Generator" erscheinen konnten. Und auch wenn trotzdem fast immer Van der Graaf Generator"-Leute auf seinen Solo-Platten mitmachten, waren Hammill-Solo-Platten zu dem Zeitpunkt eben extrem individualisierte Äußerungen von Peter Hammill als Einzelperson mit all den Einzelgedanken, Einzelzweifeln und Einzelaggressionen und Einzeleffekten, die nicht in irgendwelche gruppendynamischen Prog-Jams führten.

Sie führten stattdessen eher in Kleinwerke mit kostengünstigen Lösungen: Ein einsames Klavier statt ein Ensemble, eine Stimme statt ein Chor - oder ein Chor aus einer Stimme wie in "Mediaevil"- ein Moment der Stille statt ein Drumbreak, eine billige Synthieuntermalung statt eines Orchesters. Statt eines voll ausgeformten Songs ein Fragment eines Songs, zusammengesetzt aus Fragmenten von Songideen. Und je fragmentarischer die Mittel, desto weniger nagt die Zeit am Ergebnis. Es ist kein Zufall, dass Solo-Platten oft die Stimme in den Vordergund stellen, von Loops oder Effekten beschossen, und was kann im Übrigen an der gepressten Aggression, die Hammills Stimme selbst in zarten Momenten umgibt, veralten? Nichts. Denn sie ist Ausdruck innerer Zustände und das einzige, was sich im Zeitablauf ändert, sind die Bedingungen, die solche Zustände provozieren. Ein aggressiver Schrei bleibt ein aggressiver Schrei, egal ob jetzt, vor 35 Jahren oder vor 5000 Jahren geschrien.



09.09.2013

KEITH HUDSON king mutantes










KEITH HUDSON entering the dragon
1974




Keith Hudson - Zahntechniker, Reggae-Produzent und Krächzer - befindet sich mit "Entering The Dragon" am Vorabend seines Riesenwerks "Flesh Of My Skin". Im Nachhinein ist dessen einmalig vermanschte Reggae-Psychedelik zwar schon von Ferne zu ahnen – im Titelstück etwa – aber noch wirkt alles geerdet und weltlich. Ein bisschen wie bei Love, bei denen die Vorgängeralben auch nicht auf „Forever Changes“ vorbereiten konnten. Trotzdem enthält auch schon "Entering The Dragon" tolle Stücke, schöne Versionen, überzeugende Deejay-Gäste und den virtuos nervenden Nicht-Gesang Hudsons. Höhepunkt: „Man From Shooter's Hill“ mit prominent draufgepackter Fuzz-Gitarre, wie eine Mischung aus King Tubby und Os Mutantes.