27.03.2013

VAN MORRISON erinnerungen und einbildungen









VAN MORRISON common one 
1980



War nie der bedingungslose Fan von Van Morrison. Meine Bedingungen waren: Keine Musikerhandwerkskunst, keine Bläsersoli, keine Produktion mit Höchstnote in HiFi-Zeitschriften.

Eine bestimmte Platte von Van Morrison, die ich nie besaß, verfolgt mich schon seit langer Zeit. Refrainfetzen fallen mir regelmäßig ein, indifferente Stimmungen wie ferne, eingebildete Erinnerungen. Langes Ziehen, Ausfaden ins Nichts. Dann erstand ich sie doch noch. Ich hatte sie jahrhundertelang exakt memoriert. Was ich nicht wusste: "Musical Director/Arranger: Pee Wee Ellis". Irgendwie in die Zeit gefallen. Und mit was? Mit Musikerhandwerkskunst, Bläsersoli, Produktion mit Höchstnote in HiFi-Zeitschriften.


25.03.2013

OREN AMBARCHI teil 2 - halbe stunde hit











OREN AMBARCHI sagittarian domain
2012





Das zweite favorisierte Album Oren Ambarchis heißt so wie sein einziger Track: Sagittarian Domain, ein 33-minütiges Überbleibsel aus den „Audience Of One“-Sessions und gleichzeitig Soundtrack-Arbeit. Hier ist Ambarchis Spiel, gemessen an seinen niedrigfrequenzlastigen Arbeiten in den Nullerjahren, nochmal um einiges präsenter. Eine Entwicklung, die er selbst auf seine Zusammenarbeit mit SunnO))) zurückführt.

Auf „Sagittarian Domain“ bedient sich Ambarchi eines alten Tricks der Groovemotoriker Klaus Dinger und Michael Rother (weltberühmt als NEU!), nämlich mittels schnellem gleichförmigen Beat und langen Elektronik- oder Gitarren-Schleifen räumliche Fortbewegung zu simulieren. Zieht einen Klaus Dingers Schlagzeug aber eher mit leichtem Spiel in den Sog, spielt Oren Ambarchi eine kräftige, sehr muskuläre Drum-Figur ein, die dem halbstündigen Track eine starke Physis gibt. Die letzten Minuten von „Sagittarian Domain“ sind dann einem zarten, traurigen, kammermusikalischen Nachhall vorbehalten. Vollkommen überzeugend.

24.03.2013

OREN AMBARCHI teil 1 - unruhe-ambient









OREN AMBARCHI audience of one
2012



Über die Haino/O’Rourke/Ambarchi-Schiene kam ich zu Oren Ambarchi, dem australischen Multinstrumentalisten, der Anfang der Nuller-Jahre ganze Alben mit freundlichem, niederfrequentem Brummen aus dem Moog-Bass füllte, später dann zum Teilzeitmitglied der Dröhnmetaller SunnO))) um Stephen O’Malley wurde, und der dieses Jahr in wechselnden Kollaborationen ungefähr 6 bis 10 Alben herausbrachte, vielleicht auch 11 oder 12. Jedenfalls etwas zuviel Output für mich, um hinterher zu kommen.

Zwei weitere Arbeiten neben Ambarchis Zusammenarbeit mit Haino und O’Rourke bekam ich aber mit – und beide zählen ebenfalls zum Besten, was mir im letzten Jahr um die Ohren geflogen ist:

"Audience Of One" ist davon die ruhigere Angelegenheit (die andere Angelegenheit wird im zweiten Teil behandelt). Sie lässt sich anfangs leicht verkosten mit „Salt“, einem zarten Songgebilde, auf dem Ambarchi wieder auf seine niederfrequenten Töne zurückgreift und dazu sehr sanft singt und summt. Man merkt ihm an solchen Stellen an, dass er neben beinhartem Lärm auch ein Fan von Solo-Werken übertalentierter Pop-Multiinstrumentalisten wie Lindsey Buckingham und Paul McCartney ist und gerne mal im heimischen Melbourne vor WIRE-Journalisten entsprechende Platten aus der Sammlung zupft und auf dem Boden verteilt.

Kernstück von „Audience Of One“ ist „Knots“, ein 33-minütiger ambient-artiger Unruhestifter, der sich langsam und bedrohlich aufbaut, sich mit Sound aufsaugt und ausdehnt und ausdehnt. Immer wieder zuckt Blitz und Donner in das untrennbare, angespannte Gebilde aus Gitarren, Autoharp, Bratsche, Cello, Stimme, Waldhorn und untergründiger Perkussion. Nach 27 Minuten etwa kommt „Knots“ etwas zur Ruhe, die Anspannung bleibt und wird immer wieder durch elektronische Entladungen durchzogen. Als wäre Blitz und Donner die Dub-Version eines langsam abziehenden bewölkten Tages. Ein Meisterwerk, auf einer Stufe mit ähnlich aufgetürmtem Unruhe-Ambient wie Animal Collectives „Infant Dressing Table“ oder Köhns „Nigewöhne“.



07.03.2013

DEEP DARK WOODS wintersommerwende









DEEP DARK WOODS winter hours
2009




Das Alte Kanada lebt in diesen Rabauken weiter: The Deep Dark Woods. Ich bin sicher, sie haben ein gutes Leben, das trotzdem nicht frei von Schwierigkeiten ist. Irgendwo schrieb ich: Sie sind wie Neil Young ohne Neil-Young-Probleme. Und dafür mag ich sie. Verholzte Geschichten und durchgängig gute Songs, die auch die Byrds nicht vom Sattel geworfen hätten, als die ihren süßen Schatz noch beim Rodeo suchten.

Winter Hours“ habe ich den ganzen Sommer 2009 über gehört. Und die Chancen stehen gut, dass sie auch 2013 eine ähnliche Rolle spielen werden. Das ist nämlich ganz typisch für mich: Ich höre auch jeden Sommer die End-Sommer-Torschlusspanik-Nummer „Summer’s Almost Gone“ von den Beau Brummels und die End-Winter-Akku-ist-leer-Liebe-ist-weg-Nummer „Winter“ von den Stones. Das sind nämlich in Wirklichkeit ausgesprochene Sommersongs.

02.03.2013

ALEXANDER TUCKER fabelfolk


 






ALEXANDER TUCKER third mouth
2012




Alexander Tucker wurde vor ein paar Jahren die Ehre zuteil, von den Indie-Diktatoren von "Pitchfork" mit einem Totalverriss bedacht zu werden ("Portal" von 2008 bekam  2.0 von 10.0 Punkten). Ich hätte für dieses schwindelerregende Psych-Folk-Meisterwerk eine glatte 9.3 vergeben.

Tucker ist so ein psychedelischer Folker, der seine Inspiration aus allerlei Vorkommnissen bezieht, die sich am Rande des Jenseitigem abspielen.Aus dem Comic "Swamp Thing" zum Beispiel, wo sich aus pflanzlicher Materie ein lebendiges Sumpfmenschdingens erhebt.


Auf den meist selbstgestalteten Covern seiner Platten sieht man Alexander Tucker mal im groben, alles verbindenden Linolschnitt einen Klumpen Waldboden betrachten, als würde er ihn mit einem fetten Lichtstrahl beleben (so bei seiner Zusammenarbeit mit Daniel O'Sullivan als Grumblin Fur: "Furrier"), oder er portraitiert mal ein Fabelgetier (so wie bei "Portal")

Dann wieder, auf "Third Mouth" (2012), bedient er aufs Schönste eines meiner Lieblingsgenres der Bildenden Künste - Tiere von hinten darstellen - mit dem rückwärtigen Portrait eines Hasen. Übrigens auch wieder ein Beispiel der britischen "Green Language".

Musikalisch hat Tucker ein beeindruckendes Händchen für die Verwebung von Loops, Moogs, Folk und auch mal fernöstlichen Skalen. Dazu kommt noch seine Stimme, die in dunklen Lagen ohne Probleme als Brian-Eno-Impersonator durchgehen könnte. Wie im Rausch musste ich mir daher im letzten Jahr so gut wie alles von seinem Gesamtwerk zulegen.

Mittlerweile hat Tuckers Musik einen festen Platz in meinem ganz persönlichen Seltsam-Folk-Rock-Impro-Kanon erobert. Ich behaupte, wer ein Faible für solch dunklen Folk-Kram hat, wer sich (wie ich) immer noch vor dem Wicker Man fürchtet, der sollte sich Tuckers Musik einmal ins Abspielmedium holen.