05.02.2013

JAKOB ULLMANN im verschwinden











JAKOB ULLMANN fremde zeit - addendum
2012



Um Jakob Ullmann müsste sich das heimische Feuilleton doch eigentlich reißen: Geboren 1958 im ostdeutschen Freiberg, NVA-Militärdiensttotalverweigerer, Jobs als Heizer, Hausmeister, Anstreicher. Dann Studium der Kirchenmusik, Autor musikwissenschaftlicher Texte, mal eben zwischendurch in Philosophie promoviert, und seit 2008 Professor an der Hochschule für Musik in Basel. Wie viele interessante Geschichten mögen in dieser Vita stecken? Juckt das denn hierzulande niemanden? Ich erfuhr von Jakob Ullmann jedenfalls das erste Mal aus der letztjährigen April-Ausgabe der englischen WIRE.

Jacob Ullmann

Ullmann arbeitet mit der Idee, seiner Musik jegliche Dynamik zu nehmen, die sich aus der Lautstärke speist. Er komponiert dafür mit dem Gegenteil: Der Lautschwäche.
Die auf drei CDs verteilten vier extrem leisen Stücke agieren an der Peripherie der akustischen Wahrnehmung. Sie sind nie ganz zu fassen, auch von sich selbst nicht. Mit mehr oder weniger strengen Regeln und Freiheiten, die er den professionellen Musikern auf den Weg gibt, versucht Ullmann, die eigenen Kompositionsroutinen zu umgehen. Die Mikros tasten den Sound in einiger Entfernung ab. Die Distanz zwischen Mikro und Instrument, sie bleibt ein Teil der Kompositionen. Egal wie laut man den Verstärker dreht, diese Entfernung ist nicht zu verkleinern, sie erzeugt ein feines Rauschen, in dem sich Details verlieren.

Was aber hören wir? Unter Anderem Streichquartette, Flöte, Fagott, Perkussion, Kontrabass, Stimmen, Klavier. Ullmann komponiert freie Musik, die in ihrer Lautschwäche distanziert und verführerisch wirkt. Verführerisch auch deswegen, weil sie eben mehr ahnen als wissen lässt. Wahrscheinlich wird man nie ganz genau herausbekommen können, was in den Stücken im Einzelnen passiert. Man wird sich aber danach sehnen können. Und innerhalb dieses Kontinuums der Ahnungen verliert man in den langen Stücken wirklich schnell das Gefühl für den Ablauf der Zeit. „fremde zeit - addendum“, in der Tat. Für mich die originellste und unfassbarste Musik von 2012.


addendum:
Die 3-CD-Box (die bald eine zusätzliche CD mit weiteren Aufnahmen Ullmanns bekommt) ist über edition-rz zu beziehen. Sie kostet 30 Euro plus Porto. Einfach E-mail an edition-rz schicken. Man kommt mit netten Menschen in Kontakt, die sich ehrlich freuen, wenn man ihre vollkommen unverkäufliche Musik bei ihnen bestellt. Und manchmal legen sie sogar noch ungefragt ein kleines Geschenk bei... Alternativ kann die Box auch über A-Musik, Köln, bezogen werden.

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