19.02.2013

KEIJI HAINO / JIM O'ROURKE / OREN AMBARCHI imikuzushi




 



KEIJI HAINO / JIM O'ROURKE / OREN AMBARCHI
imikuzushi
2012



Seit 2009 treffen sich die drei Lärmer Keiji Haino, Jim O'Rourke und Oren Ambarchi immer um die Jahreswende herum im “SuperDeluxe” in Tokyo, improvisieren zusammen recht Gigantisches und veröffentlichen Auszüge davon dann ein knappes Jahr später auf aufs Schönste von Stephen O'Malley coverdesignten Alben. War der Erstling “Tima Formosa” noch recht elektronikdurchsetzt und wartete bisweilen mit fiesen Hochtönen auf, bei denen ich leider immer passen muss, wurde schon der erste Nachfolger, „In A Flash Everything Comes Together As One There Is No Need For A Subject“ (2011), mehr Impro-Rockbrett als Impro-Elektro-Jazz, zumal dort auch schon die Protagonisten ihre Instrumente klassisch aufstellten: Jim O’Rourke am Bass, Oren Ambarchi an den Drums und Keiji Haino an der E-Gitarre und an den Effekten.

(von links) Jim O'Rourke, Oren Ambarchi, Keiji Haino im „SuperDeluxe“, Tokyo

Entdeckt habe ich sie erst mit dem letztjährigen “Imikuzushi”, als mich dessen erster Track einsaugte in dieses seltsame regelmäßige Treffen der drei Krachkumpel: Ein ohne Vorwarnung einsetzender und nach fast 14 Minuten wieder abbrechender Lärmstrom ohne Unterlass, ohne Anfang, ohne Ende. Jim O'Rourke durchwalkt mit seinem Bass Keiji Heijnos E-Gitarrenkrater, deren Tonalitäten ungefähr dort erst anfangen, wo Neil Youngs Skalen sich gerade eben noch weigern, in freien Krach überzugehen. Die gleiche Analogie lässt sich auch zu Haijno’s Gebrüll ziehen: Ähnlich in der Stimmanlage wie Neil Young, wenn auch nicht ganz so hoch, startet Heijno mit kontrollierter Aggressivität, wo Neil Young längst den letzten Vers hinter sich gelassen hat. Drummer Oren Ambarchi unterfüttert das Ganze mit einer durchgehenden, nie endenden, rasenden Drum-Explosion.

Ohne zu wissen, warum, hielt mich der Track (dessen langen Namen ich mir spare) in seiner schreienden Radikalität so in den Bann, dass ich erst später die geheimnisvollen Strukturfragmente entdeckt habe, die sich unter dem 12 minütigen kollektiven Tonschrei verborgen halten. Die restlichen drei Tracks von “Imikuzushi” zäumen erhabener ein, müssen keine Gipfel stürmen, sondern können sich auch mal kleine Auszeiten nehmen. Dann ziehen sie wieder in straighte, gerade so vom Bersten abgehaltene Rockfundamente aus Bass und Drums, in die Haino meisterhafte Gitarrenfiguren fräst.

Immer wieder kommt Hainos unheimliche Fähigkeit zum Tragen, mit Stimme und Tongerätschaften eine Art kalter Mystik heraufzubeschwören, die sich ihres ritualen Charakters nicht schämt, aber die vollkommen unesoterisch ist. Ein echter Magier halt, der gleichzeitig seinen Pschyrembel kennt. Für mich persönlich die Gitarrenentdeckung der letzten Jahre, obwohl Haino auch schon seit den 1970er Jahren lärmt, unter anderem mit seiner Band Fushitsusha. Aber eben ohne meine Kenntnis.


18.02.2013

SAVOY GRAND minustöne








SAVOY GRAND accident book
2009




Savoy Grands „Accident Book“ habe ich an anderer Stelle schon zwei Oden geschrieben. Ich füge noch hinzu, dass ich mittlerweile zu der Überzeugung gelangt bin, dass sie damit ihr bisher bestes, weil an Tönen noch ärmeres Werk hingelegt haben, obwohl doch schon vorher alles toll und unbegreiflich leer war. Die brauchen nicht Jahre, um ein neues Album vollzuspielen, die brauchen Jahre, um es von allen unnötigen Tönen zu befreien. Das was übrig bleibt, strahlt umso heller. Eine Band wie ein gutes Gedicht. 


17.02.2013

TOOTS AND THE MAYTALS nanana

Ich tat mir den unsäglichen Eurovision-Deutschland-Entscheid am Donnerstag an. Auf das Schlimmste eingestellt, kam es erwartbar schlimm mit banalen LalalaNaNaNa-Refrains und anderen Nichtigkeiten.

Wie es der Zufall so will, kam mir einen Tag später "Funky Kingston" von Toots & The Maytals in den Sinn und in Form der "Toots and The Maytals Live"-LP von 1980 auch ins Ohr. Und da wurde mir wieder klar, wie magisch ein NaNaNa-Element doch sein kann. Wäre ich 1980 im Hammersmith Palais zugegen gewesen, als Toots Hibbert das erste Mal jenes signifikante NaNaNa von "Funky Kingston" sang, mit der Aufforderung, es ihm gleichzutun, hätte ich aus vollem Hals mitgesungen. Garantiert. Ich ertappe mich oft dabei, unvermittelt im Auto aus heiterem Himmel jenes NaNaNa zu singen. Und direkt danach sag ich "Yeah", ich sag "Yeah". Kenne keine bessere Live-Reggae-Platte als "Toots and The Maytals Live at Hammersmith Palais".








TOOTS AND THE MAYTALS "live"
1980

16.02.2013

RHYTHM & SOUND jahresringe in dub









RHYTHM & SOUND





Die schwingende elektronische Federung von Rhythm & Sound, dem Reggae-Projekt von Moritz von Oswald und Mark Ernestus, ist für mich unerreicht. Ich mag es zwar auch sehr gerne, wenn auf den Putz gehauen wird (höre zum Beispiel die Jahtari-Dub-Possee aus Leipzig), aber trotzdem komme ich immer wieder auf die eleganten Tiefschlag-Zimmerer Rhythm & Sound zurück. Schade, dass diese Richtung von den Herren von Oswald und Ernestus schon seit Jahren nicht mehr beackert wird. Ein wenig Konservatismus und Rückbesinnung täte da mal ganz gut. Gerade dub-infektierte Musik kann eigentlich nie zur Gänze auserzählt sein.



 


 




14.02.2013

SWANS laute lautigkeit










SWANS the seer 2012




Michael Gira, Hauptverantwortlicher der Unternehmung Swans, meinte ja irgendwo, er wünsche jedem nur das Beste - aber Swans auf „The Seer“ machen nicht den Anschein, als wäre das Beste gewaltfrei und mit gut gepflegten Zähnen erreichbar. Man merkt diesem, diesem … WERK! durchaus die Jahrzehnte an, die Gira und seine Gesellen und Gesellinnen offenbar dafür benötigt haben.

„The Seer“ hat eine Schwere, an der es durchaus lustvoll schleppt. In seiner gerade so im Zaum gehaltenen Aggression ist es sowas wie die moderne Version von Comus, jener Folk-Band Anfang der 1970er Jahre, die auf ihrem erstem Streich „First Utternace“ mit expliziten, vermystifizierten Lyrics über Gewalt einen Gegenpol zur ja ebenfalls mythisch überhöhten Hippie-Glückseligkeit fand.

Ein Blick fast schon romantischer Bösartigkeit liegt auf "The Seer", ausgewalzt mit bis auf die Zähne bewaffnetem Folk und Lärm, der Zeit hat, viel Zeit. Und Bass hat er, und Perkussion, und Pathos von unten, von ganz tief unten. Und auch liebliche Stimmen und kleine Chöre.

Im Zentrum der Dunkelheit trägt das Böse ein freundliches Lächeln mit Zahnfarbe A6, was ungefähr derjenigen eines ungepflegten, Rotwein trinkenden, Zigarre rauchenden 101-Jährigen entspricht. Swans sollten die Bayreuther Festspiele leiten. 


addendum: 
Einziger Negativpunkt: Die Halbstünder werden auf dem Triple-Vinyl lieblos zerrissen, hören einfach auf und werden auf der nächsten Seite fortgesetzt. Das nimmt ihnen einiges an Wucht. Zwar ist ein Download-Code beigefügt, aber trotzdem ärgert mich so ein unsensibles Vorgehen ziemlich.

13.02.2013

OPEN STRINGS alt / neu


 Open Strings Early Virtuoso Recordings From The Middle East, And New Responses








 OPEN STRINGS early virtuoso recordings 
                                     from the middle east, and new responses
2009




Aus den EMI-Archiven der ehemaligen Kolonialmacht England darf sich das Londoner Plattenlabel Honest Jon's bedienen. Aus dem Vorderen Orient der ersten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts lassen sie „Open Strings“ auf dieser erstaunlichen Do-CD materialisieren.

Saitentöne auf ungekannten Instrumenten entführen auf der ersten CD meisterhaft in die Gegenwart, wenn auf einmal eine Improvisation ein maschinelles Geknatter imitiert (Hubschrauber? Maschinengewehr? Oder ist es nur eine Variation, deren Bedeutung hunderte Jahre alt ist?). Gradwanderungen aus Disziplin und Leidenschaft, aus Sehnsüchten, Individualismen und Traditionen.

Auf CD2 werden zeitgenössische Gitarristen und andere Saitenspieler gewahr, wie tief sie von diesem Zeug beeinflusst sind. Auch schön, aber an die Orientalen kommen sie nicht ran, selbst Paul Metzger (hier) nicht.

Einziges Manko: Keine Hintergrundinfos, nur dies: „Disc A is mostly 1920s recordings from Egypt, Iran, Iraq and Turkey, transferred from original 78s in the EMI archive, with sound restoration by Andy Walter at Abbey Road Studios. Disc B is new commissions in response”.

Ich hätte gerne noch viel mehr erfahren als diese dürftigen Sätze und die Namen der Musiker.

12.02.2013

2012 durch die zeiten meistgehört










Platz 1 und 2!
Grisman und Garcia außer sich.




Meistgehörte Stücke in 2012.

Die wahren Top 20 von Lärmpolitik.de - quer durch die Zeiten.
Keine Begründungen, nur gefühlte Strichliste:



1. Jerry Garcia & David Grisman - "Louis Collins"
(von "Shady Grove", veröffentlicht 1996)

2. Jerry Garcia & David Grisman - "The Ballad of Frankie Lee and Judas Priest"
("Been All Around This World", 2004)

3. Can - "Oh Yeah"
("Tago Mago", 1971)

4. Mississippi John Hurt "Louis Collins"
("Avalon Blues: The Complete 1928 OKeh Recordings", 1996)

5. Mississippi John Hurt "Frankie"
("Avalon Blues: The Complete 1928 OKeh Recordings", 1996)

6. Annette Peacock - "I'm The One"
("I'm The One", 1972, WVÖ 2012)

7. Bill Callahan - "Jim Cain"
("Sometimes I Wish We Were An Eagle", 2009)

8. Bill Callahan - "Eid Ma Clack Shaw"
("Sometimes I Wish We Were An Eagle", 2009)

9. Alexander Tucker - "Omnibaron"
("Portal", 2008)

10. Alexander Tucker - "Sitting in a Bardo Pond"
("Third Mouth", 2012)

11. Keiji Haino, Jim O'Rourke, Oren Ambarchi - "1"
("Imikuzushi", 2012)

12. Oren Ambarchi - "Sagittarian Domain"
("Sagittarian Domain", 2012)

13. Gregg Allman - "Midnight Rider"
("Laid Back", 1973)

14. General Strike - "My Other Body"
("Danger In Paradise", 1995, WVÖ 2012)

15. Neneh Cherry & The Thing - "Cashback"
("The Cherry Thing", 2012)

16. Santana - "Stone Flower"
("Caravanserai", 1972)

17. Don Julin - "Going To California"
(Mandolin lesson, youtube, 2011)

18. Ann Peebles - "One Way Street"
("I Can't Stand The Rain", 1974)

19. John Fahey - "Poor Boy"
("The Transfiguration Of Blind Joe Death", 1965, WVÖ 1986)

20. Kammerflimmer Kollektief - "Palimpsest"
("Jinx", 2007)

11.02.2013

YES postpunk-vorbehalte










YES - siberian khatru (von Close To The Edge)
1972




Brillant. Einfach brillant. Weiß nicht, warum ich so lange gebraucht habe, um das herauszuhören. Wahrscheinlich alte postpunk-sozialisierte Vorbehalte. Mir scheint jede Sekunde gut genutzt. Kraftmeierei kann ich keine entdecken. Stattdessen ist der Sound total physisch.
Zur Überbrückung gut geeignet, bis die neue Flaming Lips da ist (dauert ja nicht mehr lange). Auch wenn thematisch der "Terror" der neuen Flaming Lips mit der affirmativen, das Universum (und seine angeschlossenen Funkhäuser) bejahenden Philosophie von Yes nicht so viel zu tun haben mag: Musikalisch ist das nicht so weit weg von "Pink Robots", "War With The Mystics" und "Embryonic".





10.02.2013

PAUL METZGER zuhause einsam

Paul Metzger, der Mann mit den tausend Banjo-Saiten, veröffentlicht nach längerer Plattenabstinenz mal wieder eines seiner von lärmpolitik.de so verehrten freien Banjo-Traktate.



Diesmal wieder Solo - seine Stärke - und auch von den Umständen her sehr einsam eingespielt, nämlich im kalten Winter zuhause im noch kälteren Minnesota. "Tombeaux" wird's heißen. Erscheinungsdatum: April 2013.

07.02.2013

CAN mantras mooney mutationen









 CAN the lost tapes 2012



 
Can’s „The Lost Tapes“ – ein 3-CD-Box großer Extrakt aus einem gigantischen 50stündigen Bandsalat aus vergessenen Exzess-Groovern, sorgfältig inszenierten Raumklängen, Live-Aufnahmen, Soundtracks und anderem zum Teil nachträglich zusammengefügten Klickerkram. Vielleicht nicht in jeder Sekunde eine Offenbarung, enthält aber doch eine in dieser Menge und Qualität nicht für möglich gehaltene Ergänzung des alten Can-Katalogs mit bisher ungehörter Musik.

Can

Staunend lauscht der Hörer explosiven Rhythmustraktaten, die sich an einer einzigen Phrase entlang hangeln, die der frühe Sänger der Band, Malcolm Mooney, aus aktuellem Anlass auf irgendeiner Ausstellungsparty des Studiobesitzers aufschnappte und bis zum beginnnenden Wahnsinn wiederholte. Wie sich aus solchen Banalitäten Mantras ergeben, die dann plötzlich musikalische Beziehungsgeflechte befeuern, zeigt, wie sehr der Can-Sound ein Gruppensound war, selbst wenn das Basismaterial später nochmal nachträglich bearbeitet werden sollte.

Bezeichnenderweise fiel ihre Musik ab dem Moment in sich zusammen, als der technische Fortschritt den Bandmitgliedern erlaubte, beliebig viele Tonspuren für sich alleine bespielen zu können. Das zu editierenden und zu verklebende Basismaterial entstand nicht mehr im zeitgleichen Gruppenprozess, mit all seinen kleinen, essenziellen Interaktionen und Richtungsänderungen. Kurz: Man hörte sich nicht mehr zu. Ab da konnte auch Holger Czukay, der meistens für die Klebearbeiten zuständig war, offenbar kaum noch was retten. Aus dieser späten Phase hat es nur ein winziges Rinnsal brauchbaren Materials auf die Box geschafft.

06.02.2013

DANIEL HIGGS ins mark


 Daniel Higgs - Beyond & Between - Track 2









DANIEL HIGGS beyond & between
2012



Ich bin dem Marimbaphon verfallen, seit Captain Beefheart den zweiten E-Gitarristen in seiner magischen Band durch ein Marimbaphonisten ersetzte. Auf „Beyond & Between“ lässt sich Daniel Higgs, der frühere Hardcore-Musiker aus dem Dischord-Umfeld, von Marc Clos begleiten, der ein ums andere Mal Higgs Sektenführergesang und seine dramatisch-spartanischen Banjoklänge mit gewählt gesetzten Perkussionsschlägen ins Mark erschüttert.



Daniel Higgs

Warum nur meine Schwäche für Daniel Higgs? Ich glaube, dahinter steckt das Bedürfnis, sich einmal im Leben um nichts mehr kümmern zu müssen, keine Entscheidungen treffen zu müssen, sondern stattdessen einfach einem durchgeknallten Priester aufzusitzen und mit Haut und Seele irgendeinen metaphysischen Quatsch zu glauben und Sektenführeranweisungen zu befolgen. Zumindest für einen kurzen Augenblick. Dann würde es mir auch schon wieder reichen. Einmal Himmel und zurück.

05.02.2013

JAKOB ULLMANN im verschwinden











JAKOB ULLMANN fremde zeit - addendum
2012



Um Jakob Ullmann müsste sich das heimische Feuilleton doch eigentlich reißen: Geboren 1958 im ostdeutschen Freiberg, NVA-Militärdiensttotalverweigerer, Jobs als Heizer, Hausmeister, Anstreicher. Dann Studium der Kirchenmusik, Autor musikwissenschaftlicher Texte, mal eben zwischendurch in Philosophie promoviert, und seit 2008 Professor an der Hochschule für Musik in Basel. Wie viele interessante Geschichten mögen in dieser Vita stecken? Juckt das denn hierzulande niemanden? Ich erfuhr von Jakob Ullmann jedenfalls das erste Mal aus der letztjährigen April-Ausgabe der englischen WIRE.

Jacob Ullmann

Ullmann arbeitet mit der Idee, seiner Musik jegliche Dynamik zu nehmen, die sich aus der Lautstärke speist. Er komponiert dafür mit dem Gegenteil: Der Lautschwäche.
Die auf drei CDs verteilten vier extrem leisen Stücke agieren an der Peripherie der akustischen Wahrnehmung. Sie sind nie ganz zu fassen, auch von sich selbst nicht. Mit mehr oder weniger strengen Regeln und Freiheiten, die er den professionellen Musikern auf den Weg gibt, versucht Ullmann, die eigenen Kompositionsroutinen zu umgehen. Die Mikros tasten den Sound in einiger Entfernung ab. Die Distanz zwischen Mikro und Instrument, sie bleibt ein Teil der Kompositionen. Egal wie laut man den Verstärker dreht, diese Entfernung ist nicht zu verkleinern, sie erzeugt ein feines Rauschen, in dem sich Details verlieren.

Was aber hören wir? Unter Anderem Streichquartette, Flöte, Fagott, Perkussion, Kontrabass, Stimmen, Klavier. Ullmann komponiert freie Musik, die in ihrer Lautschwäche distanziert und verführerisch wirkt. Verführerisch auch deswegen, weil sie eben mehr ahnen als wissen lässt. Wahrscheinlich wird man nie ganz genau herausbekommen können, was in den Stücken im Einzelnen passiert. Man wird sich aber danach sehnen können. Und innerhalb dieses Kontinuums der Ahnungen verliert man in den langen Stücken wirklich schnell das Gefühl für den Ablauf der Zeit. „fremde zeit - addendum“, in der Tat. Für mich die originellste und unfassbarste Musik von 2012.


addendum:
Die 3-CD-Box (die bald eine zusätzliche CD mit weiteren Aufnahmen Ullmanns bekommt) ist über edition-rz zu beziehen. Sie kostet 30 Euro plus Porto. Einfach E-mail an edition-rz schicken. Man kommt mit netten Menschen in Kontakt, die sich ehrlich freuen, wenn man ihre vollkommen unverkäufliche Musik bei ihnen bestellt. Und manchmal legen sie sogar noch ungefragt ein kleines Geschenk bei... Alternativ kann die Box auch über A-Musik, Köln, bezogen werden.

04.02.2013

NENEH CHERRY & THE THING kinder ausm haus








NENEH CHERRY & THE THING 
the cherry thing 
2012


 
Kein Freund von schnöden Listen oder gar Rangfolgen, fällt es mir trotzdem leicht, zumindest das folgenreichste Album herauszustellen, das mir 2012 untergekommen ist: Neneh Cherry & The Thing mit „The Cherry Thing“. Folgenreich deswegen, weil sich an dessen Mut zu poltern und zu rütteln ein ganzer Rattenschwanz ähnlicher Musik angeschlossen hat, der mich durchs letzte Jahr trug und durchs neue Jahr noch trägt.
Neneh Cherry & The Thing
Für mich war die Energie von „The Cherry Thing“ - die im muskulären, die Schönheit nicht suchenden Jazz verankert ist - wie ein überraschendes Zeichen, dass die Rückbesinnung auf freien, queren Jazzlärm als prominent platzierte Zutat von Songs tatsächlich befreiend wirken kann. Zumal wenn jemand wie Neneh Cherry - die mal vor einiger Zeit in den Pop-Zirkus hineingeraten ist und dabei sicher kein schlechtes Geld verdient hat - dann aber auch erst recht so richtig auf rempelnde Freejazz-Passagen zurückgreift, sobald die Kinder ihr eigenes Geld verdienen.

So hat „The Cherry Thing“ dann sogar noch einen Lerneffekt, nimmt es doch mittels Coverversionen mehr oder weniger bekannter Originale (unter anderem von Suicide, Stooges, MF Doom, Nenehs Stiefvater Don Cherry) in eine Rohheit mit, auf die sich sonst womöglich viele Hörer erstmal gar nicht eingelassen hätten. Man muss sein Heil als in die Jahre gekommende/r Pop-Sänger/in also doch nicht im klassischen Comeback suchen, sondern kann auch getrost aufs Publikum pfeifen und sich sperrigen Kunst zuwenden, ob sie einem jetzt die Miete zahlt oder nicht. Dafür gebührt Neneh Cherry mein Respekt. Für mich die überraschendste Wiederkehr des letzten Jahres.

Für die schwedisch-norwegischen Aktionsjazzer The Thing dagegen war „The Cherry Thing“ eher ein Aufbruch in aufgeräumtere Gefilde, was ihnen aber auch mal ganz gut getan hat. Sonst pflegt die Band – und darin ganz besonders der Saxophonist Mats Gustafsson – auf ähnlich hohem Energielevel eher noch freier und pressiger zu klingen. Das konnte ich dann sehr anschaulich auf den früheren Zusammenarbeiten von The Thing mit Jim O'Rourke und Otomo Yoshihide hören.

Dream Baby Dream


 Cashback

03.02.2013

ALAN VEGA kollision-a-billy











 ALAN VEGA collision drive 1981



So gut wie das Beste von den Cramps. Stumpfer aber, ernster, auch leidenschaftlicher. Und so ein 13-minütiges kriechendes Monster wie "Viet Vet" haben die sowieso nicht hingekriegt (wollten sie wohl auch nicht). Glory Glory Hallelujah.


Magdalena 83



Viet Vet