15.12.2013

POLMO POLPO knusprig








POLMO POLPO the science of breath 2002





Schöner tektonisch aktiver Rausche- und Techno-Ambient. Wem je beim Hören des seltsam knuspernden Geräuschs, das manchmal über zugefrorene Seen zieht, warm ums Herz wurde, der wird sich hier vielleicht heimisch fühlen. Von 2002 und immer noch gerne gehört.



14.12.2013

ROGUE'S GALLERY versunken









ROGUE'S GALLERY pirate ballads, sea songs, & chanteys  
2006




Ausuferndes Piratenmotto-Projekt von Hal Willner mit mal wieder allem was Rang und Namen hat (bis auf Tom Waits und Oberpirat Keith Richards, weswegen es 2013 dann noch mit "Son of Rogues Gallery" einen Nachklapp gab). Angenehmerweise größtenteils kratzig oder dunkelatmosphärisch gestaltete Versionen, die eher mal in Schicksalen versinken als sich rockhymnenmäßig aufzublasen.

 







 

HOWARD PYLE marooned 1909





13.12.2013

TONY JOE WHITE stetes hoodoo









TONY JOE WHITE hoodoo 2013




Recht geradlinige, im Groove nahezu meditative Veranstaltung, die neue Platte von Tony Joe White. Klingt auf heutigen Stand der Technik gebrachte Billy-Swan-Gedächtnis-Produktion, womit dann der unschlagbar guten Phase White's gedacht wird, nämlich seinen ersten zwei Platten "Black And White" und "... Continued" von 1969.

Statt sich über herausragendes Songwriting den Kopf zu zerbrechen, gibt White hier mehr den Stoiker, der eine Grundidee pro Song einfach durchzieht und wenn er dann schon dabei ist, den nächsten Song auch noch damit bestreitet. Sowas kann sich nur jemand leisten, der vollstes Vertrauen in seine Fähigkeiten hat und in der Lage ist, eine Idee immer wieder anders zu spielen, obwohl er immer wieder das Gleiche spielt. Das Gleiche, nicht dasselbe. Darin liegt die Kunst.



Und da es so schön ist, in diesem Post immer wieder das Foto zu sehen, auf dem Tony Joe White immer wieder mit Gitarre und Verstärker auf Stuhl und vor Hütte sitzt, hier gleich nochmal:

12.12.2013

GLENN JONES erzählt geschichten aus











GLENN JONES the wanting 2011




Glenn Jones trägt nicht nur ein Bild von sich und John Fahey am Schlüsselbund, sondern letzterer brachte ersterem auch ins Bewusstsein, dass es völlig reicht, sich mit einer Akustikgitarre auf die Bühne zu stellen, den Mund zu halten und einfach zu spielen.

Dabei hat Glenn Jones einen Stil an der Stahlsaite entwickelt, der nicht ganz an die Sprödigkeit heranreicht, die Fahey oft in seine Tracks einfließen ließ. Dafür spielt Jones irgendwie verliebter, nicht selbstverliebter, aber mit runderen, ausschmückenden Melodien. Vielleicht ist er mehr der Geschichtenerzähler, während Fahey die Eckpunkte von Geschichten eher nur anriss, sie roh behauen dem Hörer zur Ausformung überließ, nicht ohne ihnen aber noch etwas sehr sehr Altes mit auf den Weg zu geben.



11.12.2013

HOWE GELB arbeiterklasse









HOWE GELB  dreaded brown recluse 1991




 Aus einer Zeit, als man noch nicht wusste, was man von Gelbs kleinteiligen Jazzy-Snips halten sollte, die er mehr und mehr in seine Giant Sand-Alben einflocht. Dreaded Brown Recluse war Gelbs erstes Solo-Album, und ich befürchtete eine weitere Übung in Kleinteiligkeit und zerfledderten Songfragmenten. Aber stattdessen kam ein relativ aufgeräumtes Country-Folk-Album, mit neuen aber auch ein paar alten Songs in neuem Gewand. Kleine Puzzleteile wurden zwar auch in die Runde  geworfen, aber insgesamt ein tolles Album. Ich sah Giant Sand wieder in der Spur, nicht wissend, dass das Howe Gelb-Oevre in den nächsten Jahrzehnten ins quantitativ Gigantische anwachsen würde. Mit allem Halbgaren und Tollen und allem tollen Halbgaren. Ein wildes Stück Land amerikanischer Musiktradition. Gelbs aktuelle Platte zeigt ihn sepiadurchtränkt wie einen Erntearbeiter zu Zeiten der Depression.



15.11.2013

CORNELL CAMPBELL schick









CORNELL CAMPBELL  i shall not remove 1975-80
comp vö 2000



Campbells naiver Gesang kann mich manchmal in den Wahnsinn treiben. Ich sehne dann die Dubs herbei, die sich zuverlässig auf der zweiten Hälfte der extended Tracks zeigen. Oder besser noch den Megamix, wo sich Dr. Alimantado erfrischend rough einmischt, worauf dann ein sehr beseelt treibender Dub von Tubby folgt. Schicken Wagen und schicken Anzug hatte der Campbell Cornell jedenfalls.

13.11.2013

ANE BRUN fremd im eigenen song









 ANE BRUN it all starts with one
2011



Trotz oder gerade wegen der Mühe, ein Großwerk zu schaffen, ist "It All Starts With One" recht anämisch geraten. Mit "It All Starts With One" löst Ane Brun - die großartige norwegische Sängerin und Komponistin zwischen Folk, Soul und skandinavischer Americana - ihren bisher recht eng an starken pop-geschulten Melodien orientierten Songverbund auf. Perkussion, Streicher und Klavier kleiden keine vorgefertigten Melodien in variierenden Farben mehr aus, sondern sie erzählen ganz eigene Geschichten, deren musikalische Fortgänge aus den Anfängen nicht unbedingt hergeleitet werden können. Ein bisschen so, wie es auch Julia Holter vermag.
Das roch 2011 schon sehr nach Opus Magnum, nach großen Reviews und Jahresbestenlisten. Aber so richtig will sich das Album nicht mit Leben füllen, ist aber gleichzeitig auch wieder zu seelenvoll angelegt, um das Starre zum Thema zu erheben. So scheint mir die Form nicht so recht zu passen zur Kunst von Ane Brun. Sie ist fremd im eigenen Song. Bezeichnenderweise ist der beste Track - "Worship" - eine Zusammenarbeit (mit José Gonzáles).

24.10.2013

GRANDADDY schluffen









GRANDADDY the sophtware slump 2000




Vereinten die Schluffigkeit von Beck und die Fähigkeit Neil Youngs, am großen Bild zu malen, mit dem Hang der Flaming Lips zum sperrigen Irrsinn. "He’s Simple, He’s Dumb, He’s the Pilot" ist in meinen Ewig-Top-Ten (manchmal).

21.10.2013

KEIJI HAINO, JIM O'ROURKE, OREN AMBARCHI plötzliches zusammensein






 


KEIJI HAINO, JIM O'ROURKE, OREN AMBARCHI 
in a flash everything comes together as one 
there is no need for a subject  
2011




Wenn Keiji Haino im Titelstück plötzlich mit einem Schrei 1000 gequälter Verstärkerseelen einsteigt (auf der Gitarre? Mit der Lap Steel? Mit dem Air Synth?), dann zieht's mir die Organe doch noch etwas verschärfter zusammen als jeder noch so gut designte "böse" Soundeffekt im "Hobbit" oder so. Dann wieder fallen die drei Impro-Brüder in grummelnde Soundlöcher, aus denen sie frei und ohrbelastend herausfinden, um gut und gerne mal in Zehnminutenpluslänge zu bersten. Manchmal sogar hymnisch zu bersten. Das klingt komisch, aber über Musik zu schreiben, klingt oft komisch (muss aber sein).


16.10.2013

THE CLEAN kompilation









THE CLEAN compilation 1986




 Bedienen sich ähnlicher Techniken wie Velvet Underground und Neu! Nämlich Noiseschlieren über einen simplen, treibenden Rhythmus zu legen, was eine besondere Sogstimmung erzeugt. Die Clean haben aber zudem eine (neuseeländische) Punksozialisation im Gepäck, die ihren Sound nervös macht. Müssen sich auf "Compilation" hinter ihren Vorbildern nicht verstecken, weil sie zwar ähnlich arbeiten, aber ebenso vollkommen eigen klingen. Ich wiederhole diese kleine Ungeheuerlichkeit gerne noch einmal: Müssen sich hinter Velvet Underground und Neu! nicht verstecken.



13.10.2013

LINDA PERHACS in der zwischenwelt









LINDA PERHACS  parallelograms 1970




Kleines großes Folk-Wunderwerk von Linda Perhacs, der ausgebildeten Zahnhygienikerin, die ihre Songs in Zeichnungen zu notieren verstand. Wurde von einem Filmmusik-Komponisten entdeckt, als sie ihm die Zähne säuberte und man ins Gespräch kam (wahrscheinlich hat sie mehr sagen können als er). Leider stand die Herstellung des Albums unter keinem guten Stern, was die Vermarktung und die Pressqualität der LP anbelangt. Enttäuscht wandte sich Linda Perhacs vom Musik-Business ab, um fortan mehrere Jahrzehnte wieder Zahnzwischenräume zu schrubben. Hat in Devendra Banhart einen großen Fan. Die beiden sind mittlerweile befreundet. Zarter zwischenweltlicher Folk, mit seltsamen Stimmschichtungen, elektronischen Einschüben und kleiner Band ziemlich einmalig in Szene gesetzt. Lohnt sich immer noch. Platte ist diverse Male wiederveröffentlicht worden.


06.10.2013

KEITH HUDSON gebrodel









 
KEITH HUDSON flesh of my skin blood of my blood  
1974



Eine der eigenartigsten und auf merkwürdig spirituelle Weise psychedelischten Reggae-Alben wo gibt. Keith Hudson war ein Reggae-Produzent, der Anfang der 1970er Jahre seine ersten Produktionen offenbar von seinem Lohn als Zahntechniker finanzierte. Mit einer Nichtstimme gesegnet, die Keith Richards wie einen ausgebildeten Chorsänger klingen lässt, ließ er Anfangs auch eher mal den ein oder anderen Deejay über seine Tracks singen. 1974 zog er nach London, nahm ein paar seiner Bänder mit und vollendete "Flesh Of My Skin Blood Of My Blood", ein stark religiös gefärbtes Gebrodel, mit gospeligen Backgroundsängerinnen, Hudsons Krächzen, Flöten, kosmischen Tonspuren und manchmal wie riesige Blasen aufsteigenenden Bässen. Ähnlich mythisch wie das, was Lee Perry in seiner Black Ark veranstaltete, aber nicht so verfiltert, sondern eher sumpfig und lehmig. Dann auch wieder vernebelt von billigen Synthies ... Kurz: So noch nie gehört.



05.10.2013

COMUS erst und letzte erschütterung









COMUS first utterance 1971




Comus, britische Folk-Band Anfang der 1970er Jahre, die auf ihrem ersten Streich „First Utterance“ mit expliziten, vermystifizierten Lyrics über Ängste und Gewalt einen Gegenpol zur ja ebenfalls mythisch überhöhten Hippie-Glückseligkeit fand. Verpackt in reine Akustik (nur der Bass ist elektrisch), die über weite Strecken dramatisch und aggressiv daherkommt. Und selbst wenn sie mal nicht aggressiv daherkommt, auch mal süßlich und beschwingt die Flöte spielt, weiß man doch zu jeder Sekunde, es wird nicht gut enden. Großen Anteil an dem Psycho-Spin von "First Utterance" hat neben den Texten auch die kratzige, leicht überschnappende Stimme von Roger Wooton.

Verkaufte sich 1971 null, kam aber im Zuge der Renaissance von Free-Folk/-Rock/New Weird America Anfang der Nullerjahre wieder ins Bewusstsein. Zu dem Zeitpunkt verstand man dann auch die ausfransenden, improvisierenden Songkonstrukte besser zu würdigen, die ihnen 1971 noch vorgehalten wurden. Blendendes Werk. Original-Doppel-LP kostet wahrscheinlich eine Doppelhaushälfte. Selbst das Vinyl-Reissue (Mitte der 90er?) erzielt hohe Preise. Ich empfehle die Do-CD "Song To Comus - The Complete Collection" auf Castle-Music fürn Appel und'n Ei. Mit allem, was Comus damals aufgenommen hatten, inklusive ein paar zusätzlichen Tracks zu Zeiten von und kurz nach "First Utterance", und ebenso dem schwachen Nachfolger von 1974.

04.10.2013

BILL CALLAHAN erinnerungs-überblendungen










BILL CALLAHAN dream river 2013





Der Zufall will es, dass Bill Callahan jüngst eines der schönsten Überblendungscover veröffentlicht hat. Und eines der außergewöhnlichsten sowieso, denn es ist keine Foto- oder Film-Überblendung - wie sie ja in der Plattencoverkunst gar nicht mal so selten sind - sondern eine Ölbild-Überblendung - und die ist wirklich, wenn nicht einmalig, so zumindest extrem selten. Ich spreche natürlich von Bill Callahans neuer Platte "Dream River", deren Musik sich ähnlich unmerklich in die Worte einschaltet, wie sich das Gesicht auf dem Bild langsam aus dem Gebirgsmassiv herausschält. Wie eine ständige, nicht wegzubekommene Erinnerung. Man ahnt die Erscheinung erst, ...

... und mit zunehmender Entfernung erkennt man dann ...










... die eigene Großmutter?

Was fällt mir zu "Dream River" ein? Goethe. Der hatte auch im Alter zu sehr reduzierten Naturgedichten gefunden, mitunter schien er allen verbalen Ballast über Bord geworfen zu haben, die Überbleibsel um die Hälfte reduziert und dann noch zwei Drittel der Verse gestrichen. So ist auch Callahan. Irgendwann wird er womöglich sogar noch die vagesten Songstrukturen als Ballast empfinden. Auf "Dream River" ist er auf einem guten Weg dahin, ein sich langsam veränderndes Gesamtgebilde an Tönen die Geschichte der Worte stärken oder kommentieren zu lassen. Und wenn dazu eben Flöte und Fiedel nötig sind, soll es halt so sein. Andererseits scheut er ja auch keine bedrohlich aufsteigende E-Gitarre. Frei sein in den Mitteln, und sie nur so sparsam einzusetzen, wie nötig. Neben Julia Holters "Loud City Song" das genaueste musikalische Erzählgedicht, das mir dieses Jahr untergekommen ist.

Auf der Rückseite von "Dream River" wird übrigens auch übergeblendet:














01.10.2013

CLINTON durch die disco









CLINTON disco & the half way to discontent 1999




Cornershop als Clinton inna Disco-style. Komplett mit Handclaps, Curtis-Mayfield-Zitat und anderen Wiedererkennungszutaten und Erweiterungen. Es verirrt sich auch mal sowas wie Kama-Sutra-Disco dazwischen. "Disco & The Half Way To Discontent" hatte großes Potenzial mit extrem kurzer Halbwertzeit in Nullkommanichts dem Vergessen anheimzufallen. Tat das auch, bis so Nerds wie ich nach Jahren daherkamen und beispielsweise "Album-Cover mit Händen drauf" suchten - und feststellten: Nach wie vor sehr unterhaltsam. Ich mag auch diese Sounds uralter Computerspiele, die hier bisweilen durch die Gegend fliegen. So wie sie das auch auf alten Dub-Platten von Scientist tun. Da fliegen sie aber zu Reggae durch die Gegend, nicht zu Disco.

30.09.2013

VALET geistert









VALET blood is clean 2007




Noch etwas sperriger, gruseliger, lähmender, bisweilen auch klirrender als der Nachfolger "Naked City" von 2008. Vielleicht auch etwas unschuldiger. Wahrscheinlich lernen eben auch Geister ihr verfluchtes Leben lang dazu und werden erfahrener. Schamanentrommeln begleiten schweres Atmen, Synthieflächen legen Vergangenheitsschleier, dezente Gitarren verhallen in unheimlichem Gelulle, irgenwo zischt etwas wie Stacheldraht über Beton gezogen. Dazu lesen wir Carlos Castaneda rückwärts und schließen ob dieser Platitude ganz langsam die Augen auf Halbmast. 2007 war das Gemisch noch mindesthaltbar. Ich kann das aber immer noch manchmal hören.

29.09.2013

SIBYLLE BAIER wenn alles schläft










SIBYLLE BAIER  colour green (VÖ 2006)




Die Geschichte hinter der Musik dürfte einigen bekannt sein: Nach getaner Arbeit, nachdem das Kind zu Bett gebracht, der Mann ins Bett gegangen ist, setzt sich Sibylle Baier an Tonband und Mikro und flüstert ihre selbstgeschriebenen Songs zur Akustikgitarre. Anfang der 1970er Jahre entstehen so 14 Songs. Veröffentlicht werden sie nie, nur als Cassette verteilt an ein paar Freunde und Verwandte. Jahrzehnte später entdeckt der Sohn die Bänder, stellt sie J. Mascis vor, der gibt sie weiter an ein befreundetes Label, welches sie 2006 veröffentlicht.


Wir hören sehr zarten Folk, Reflektionen übers Alltagsleben, über Liebe, Freunde, Wim Wenders (Sibylle Baier tritt kurz in dessen „Alice in den Städten“ auf). Sibylle Baier singt englisch mit deutschem Akzent, was ihr in englischsprachigen Reviews Vergleiche mit Nico eingebracht hat. Vielleicht, weil zarte, aber nicht auf Mädchen machende Singstimmen überschaubaren Umfangs immer irgendwie für das ungeübte, fremdsprachige Ohr wie Nico klingen. Sibylle Baier singt aber leichter, selbst wenn es schwer wird in den Songs. Sie klingt dann manchmal wie eine selbstreflexive Astrud Gilberto. Musik und Stimme und Texte bilden eine sehr spezielle Einheit, obwohl hier absolut nichts neu erfunden wird. Diese spezielle Einheit empfinde ich selten. Das Setting der Songs ist so intim, dass ich mich manchmal unwohl und deplatziert fühle, ihnen zuhören zu dürfen. Wie ein klobiges, fast schon übergriffiges Eindringen in die Privatsphäre wirkt es dann sogar, als auf dem letzten der 14 Stücke plötzlich ein kleines Streicherensemble untergemischt wird. Es erstaunt mich immer wieder, wie es möglich ist, mit so wenig Aufwand an Mitteln so viel zu bewegen.


27.09.2013

JÜRGEN MÜLLER institut für akustische meereskunde









JÜRGEN MÜLLER science of the sea 
(1982, wvö 2011)



Student am Institut für Meereskunde in Kiel leiht sich Synthesizer, macht ein paar wassertaugliche Soundtracks zu seinem Studium und verschenkt eine Winzauflage davon Anfang der 1980er Jahre als LP an Kollegen und Verwandte. Oder auch nicht und alles ist nur ein Fake (wofür einiges spricht). Auf meinen Reisen in die unergründliche Welt von Kiels Gebrauchtplatten-Korallenriffs ist mir jedenfalls noch nie ein Exemplar von "Science Of The Sea" in die Flossen geschwommen.

Ob Fake oder nicht, es erwartet den Forschenden eine schöne aquatische Reise ins Reich der analog-elektronisch generierten Meeresanalogien. Es wird recht viel geblubbert, was ich an Unterwasser-Soundtracks immer merkwürdig finde, weil der einzige, der unter Wasser blubbert, der Taucher ist. Angestammte Bewohner des Meeres blubbern nämlich nicht, auch wenn Fische öfters mal so dargestellt werden, als würden Luftblasen aus ihrem Maul aufsteigen. Selbst Wale blubbern selten, denn sie entledigen sich der Ausatemluft ja außerhalb des Wassers. Also ist die Unterwasserwelt praktisch blubberfrei. Trotzdem ist die faszinierend andersartige Fremdheit des Lebensraums schön eingefangen. Und ein bisschen von dieser Fremdheit schwingt auch im Menschen mit, denn wir sind ja nach wie vor aquatische Lebewesen, nur schleppen wir unser Wasser eben einfach ständig mit uns mit.


25.09.2013

PETER HAMMILL gepresste zustände









PETER HAMMILL the future now 
1978



Ich tat der Platte kürzlich Unrecht. Ich behauptete, sie wäre ein Zeitprodukt - soweit stimmt es noch - dem die heutige Zeit nicht gut getan hat. Da stimmte es nicht mehr. Warum nicht? Kurz: Sie gewinnt duch ihre Mittel. Sie ist fast Drum-los, es kommt dafür nur kurz eine Beat-Box zum Einsatz, aber Beat-Boxen kommen auch heutzutage gelegentlich zum Einsatz, denn Retro ein nicht unwichtiger Buchstabe im Alphabet der Pop-Musik. Ein wichtiger Buchstabe sogar, ich würde sogar sagen ein Vokal. Und wenn man auf "echte" Drums verzichtet wie auf "The Future Now", dann verzichtet man auch auf sehr zeitbezogenen Drum-Sounds. Und Drum-Sounds sind immer das erste, was altert. Merke also: Verzichtet man auf Drums, dann steigt die Wahrscheinlichkeit auf relative Zeitlosigkeit der Musik.

Warum noch besteht "Future Now" den Test der Zeit? Nun, Peter Hammill hatte zum Zeitpunkt ihrer Entstehung Solo-Platten nur dann aufgenommen, wenn sie inhaltlich zu persönlich waren, als dass sie unter dem Namen "Van der Graaf Generator" erscheinen konnten. Und auch wenn trotzdem fast immer Van der Graaf Generator"-Leute auf seinen Solo-Platten mitmachten, waren Hammill-Solo-Platten zu dem Zeitpunkt eben extrem individualisierte Äußerungen von Peter Hammill als Einzelperson mit all den Einzelgedanken, Einzelzweifeln und Einzelaggressionen und Einzeleffekten, die nicht in irgendwelche gruppendynamischen Prog-Jams führten.

Sie führten stattdessen eher in Kleinwerke mit kostengünstigen Lösungen: Ein einsames Klavier statt ein Ensemble, eine Stimme statt ein Chor - oder ein Chor aus einer Stimme wie in "Mediaevil"- ein Moment der Stille statt ein Drumbreak, eine billige Synthieuntermalung statt eines Orchesters. Statt eines voll ausgeformten Songs ein Fragment eines Songs, zusammengesetzt aus Fragmenten von Songideen. Und je fragmentarischer die Mittel, desto weniger nagt die Zeit am Ergebnis. Es ist kein Zufall, dass Solo-Platten oft die Stimme in den Vordergund stellen, von Loops oder Effekten beschossen, und was kann im Übrigen an der gepressten Aggression, die Hammills Stimme selbst in zarten Momenten umgibt, veralten? Nichts. Denn sie ist Ausdruck innerer Zustände und das einzige, was sich im Zeitablauf ändert, sind die Bedingungen, die solche Zustände provozieren. Ein aggressiver Schrei bleibt ein aggressiver Schrei, egal ob jetzt, vor 35 Jahren oder vor 5000 Jahren geschrien.



09.09.2013

KEITH HUDSON king mutantes










KEITH HUDSON entering the dragon
1974




Keith Hudson - Zahntechniker, Reggae-Produzent und Krächzer - befindet sich mit "Entering The Dragon" am Vorabend seines Riesenwerks "Flesh Of My Skin". Im Nachhinein ist dessen einmalig vermanschte Reggae-Psychedelik zwar schon von Ferne zu ahnen – im Titelstück etwa – aber noch wirkt alles geerdet und weltlich. Ein bisschen wie bei Love, bei denen die Vorgängeralben auch nicht auf „Forever Changes“ vorbereiten konnten. Trotzdem enthält auch schon "Entering The Dragon" tolle Stücke, schöne Versionen, überzeugende Deejay-Gäste und den virtuos nervenden Nicht-Gesang Hudsons. Höhepunkt: „Man From Shooter's Hill“ mit prominent draufgepackter Fuzz-Gitarre, wie eine Mischung aus King Tubby und Os Mutantes.



27.08.2013

COUNTRY GOT SOUL









COUNTRY GOT SOUL  volume one
2003



Die beiden "Country Got Soul"-Sampler, die Jeb Loy Nichols (Fellow Travellers) Anfang der Nullerjahre zusammengestellt hat, sind sowas wie die Urmütter der "Country'n'Soul im Amerikanischen Süden der 1970er Jahre"-Zusammenstellungen. In punkto Songauswahl, begleitende Texte, Cover- und Booklet-Design nach wie vor bench mark, obwohl auch die "Sounds Of The South"-Zusammenstellungen von Soul Jazz Records nicht von schlechten Eltern sind.

Trotzdem ziehe ich die kleine "Country Got Soul"-Reihe vor, weil sie mir geerdeter erscheint, näher am Sujet als die edle Hochgklanzverpackung von "Sounds Of The South". Bei "Country Got Soul" bekommt man raues, fleckiges Papier, Schreibmaschinen-Type, mehr Soul und weniger Rock - und das Gefühl, auf eine als Kladde getarnte Schatzkarte gestoßen zu sein, dessen Ausgangspunkt zu reichen Entdeckungen führt, egal in welche Richtung man sich auch bewegt.




25.08.2013

22 PISTEPIRKKO winken








22 PISTEPIRKKO  downhill city orginal soundtrack
1999




Soundtrack zu einem kleinen aber feinen Indie-Episodenfilm mit Franka Potente in einer Winzrolle als sächselnde äh, Sächsin. Worum geht's? Unter anderem um einen finnischen Musiker, der nach Berlin kommt und versucht, sich im Gefühlsgestrüpp aus Heim- und Fernweh ein bisschen zu finden und als Musiker durchzustarten. Finnen reisen nicht selten mit Fähren. Ich lebe selbst an einem Ort, wo sich tagtäglich riesige Fähren tief in die Stadt schneiden. Und sich dann wieder weit davon entfernen. Sehr weit manchmal. „Where’s the home, Joe?“ fragen 22 Pistepirkko einmal. Dort wo man der Fähre hinterherwinkt, oder dort, wohin man sich von den Winkenden entfernt? „I don’t know“ antworten sie nach einer Pause gleich selbst, weil's eben jeder für sich allein herausfinden muss. Und weil 22 Pistepirkko auf dem Soundtrack viele Pausen lassen, also sowohl ihrem kratzigen, atmosphärischen Indie-Blues als auch den Protagonisten des Films Platz zur Entfaltung geben, durchzieht viele Tracks eine Unaufgeregtheit, die mich mehr anzieht als die "offiziellen" Studioalben der Gruppe, die mehr auf Druck setzen.

23.08.2013

CAPTAIN BEEFHEART fischhand








CAPTAIN BEEFHEART  & HIS MAGIC BAND
trout mask replica 
1969



Gutes Beispiel für ein Cover, auf dem eine Hand sehr, sehr prominent platziert ist, aber kein Schwein darauf achtet, weil alle nur Augen für den Karpfen haben, der in diesem Fall eine Forelle imitiert. Dabei ist die Hand der heimliche Star des Fotos, denn sie schafft es, das Gesicht des Captains zu verstecken  - unabdingbar für die Wirkung - und gleichzeitig als Teil des Fisches zu wirken. Über die Bedeutung des Federballs auf dem Zylinder dürfen sich kommende Generationen den Kopf zerbrechen. Ich schrieb mal irgendwo sinngemäß "Trout Mask Replica" wäre das "Moby Dick" der amerikanischen Musik und ihrer Ursprünge, und da ich auch nach Jahrzehnten immer wieder ungeahnte Verbindungen entdecke, die das zu bestätigen scheinen, bleibt's dabei.


22.08.2013

JACKIE MITTOO kratzen und knacken und orgeln und tanzen









JACKIE MITTOO keep on dancing
1969




Instrumentaler Partytanz aus Eigenkompositionen und Cover-Rip-Offs, auch mal mit lasziven Einsprengseln. Von Jackie Mittoo angeführt, dem Reggae- und Rocksteady-Orgelkönig. Zum Teil meisterhaft mumpfig, dann wieder hell und liebevoll das gewohnt katastrophale Jamaika-Vinyl bespielend. Wahrscheinlich kam um die Jahrzehntwende 1969/70 alle vier Wochen so ein Teil raus. Werde ich in diesem Leben nicht mehr schlecht finden.



05.08.2013

COLLEEN varianten









COLLEEN les ondes silencieuses
2007



Für "Les Ondes Silencieuses" (2007) lernte die französische Lehrerin Cécile Schott a.k.a. Colleen Viola und altertümliche Cello-Varianten spielen und ließ sich von einem gewissen Emiliano Flores begleiten. Heraus kam eine spröde Romantik, die zum Glück keine Vergangenheit museal nachspielt, sondern in der Gegenwart verwurzelt ist.

Ihr Meisterwerk machte Colleen ein paar Jahre früher mit "Everyone Wants Answers" (2003), wo sie Loops aus verfremdeten Spieluhren, Babygebrabbel, Streichersamples und Gitarren zu einem faszinierenden, unheimlichen Trip-Hop-Nachklapp verband. Nach sechsjähriger Pause ist sie heuer wieder mit einem neuen Album am Start.




31.07.2013

LEE PERRY 100 000 kung fu kammern








LEE PERRY kung fu meets the dragon
1975




Unlängst wieder mal völlig zurecht wiederveröffentlicht. Lee Perrys Hommage an das damals grassierende Kung-Fu-Movie-Fieber. Dubs, Instrumentals, herausgebellte U!'s und A!'s. Reggae with asian flavour, verquirlt in den 12 Kammern der gerade im Aufbau befindlichen Black Ark. Eine der besten Platten von Lee Perry. Und das heißt was. Er hatte damals auch schon einen Synthesizer, der hier ab und an unorthodox zum Einsatz kommt.

Ich schwärmte im Freundeskreis so von diesem Werk, dass mir ein Freund tatsächlich eine ungefähr 20 Zentimeter große Tonfigur in jener Kung-Fu-Aktion schenkte, wie sie Perry auf dem Cover demonstriert. Er malte die Figur schwarz an, klebte ihr einen Stopfgarn-Afro auf und verpasste ihr ein winziges, selbstgeschneidertes (allerdings nicht blaues, sondern rotes) Hemd. Ein großartiges Geschenk. Jedesmal, wenn ich die Figur berührte, hatte ich schwarze Finger.

30.07.2013

SLY STONE im tarnanzug









SLY & THE FAMILY STONE there's a riot goin' on
1971




Ersatz-Cover (unten das Original-Cover), weil die Verbindung von Plattentitel, US-Flagge und Black Power wohl für Unwohlsein gesorgt hat. Schade zwar, dass sich jetzt der Riot nur im Konzertsaal abspielt und danach eben alle brav nach Hause gehen, andererseits aber ist das Foto doch sehr schön. Wie der Superstar im Superstartarnanzug förmlich in der Masse verschwindet, so verschwand der hypertalentierte Sly später dann ja wirklich jahrelang schwer bedrogt von der Bildfläche. Sly Stone hat Anfang der 1960er die Beau Brummels produziert. Im glasklaren Sound. "Riot" dagegen klingt verschmutzt und gefährlich.















29.07.2013

THE ICEBREAKERS WITH THE DIAMONDS pausenstärkung










THE ICEBREAKERS WITH THE DIAMONDS planet mars dub 
1978



Bisschen glatt, die Mauern von Babylon wurden mit "Planet Mars Dub" nicht eingerissen. Im Gegenteil: Das ganze wurde auch noch ausgerechnet dort gemixt, wo sich Babylon um die Jahrzehntwende 1979/1980 einen Teil seines hedonistischen Disco-Treibens vertonen ließ, nämlich in den Compass Point Studios, Nassau. Weil aber Produzent Karl Pitterson immer wieder die betörenden Harmoniegesänge der Mighty Diamonds im Vordergrund beließ und es auch sonst verstand, die ein oder andere schöne Mix-Idee einfließen zu lassen, geriet "Planet Mars Dub" zu einem kurzweiligem Pausenbrot, nach dem man frisch gestärkt dann wieder die Abrissarbeiten an Babylons Mauern fortsetzen konnte.

Das Cover hatte für mich lange Zeit recht mythische Bedeutung, deren Hintergrund nicht von Belang ist. Umso mehr freute ich mich, letztens ein LP-Exemplar für 10 Euro im lokalen Second-Hand-Shop erstehen zu dürfen. Irgendeine schöne Nachpressung von 2000. Ich mag Nachpressungen gerne. Man kann sie ohne Bedenken auflegen und kommt gar nicht erst in die spießige Versuchung, sie zu Tode zu hüten anstatt sie - wie es sein soll - zu Tode zu spielen.

28.07.2013

IT'S IMMATERIAL platz








IT'S IMMATERIAL space 
single, 1986




Elektronisch-akustisches Bastel-Duo. Machten zwei gigantische Alben ("Life Is Hard And Then You Die", "Song"), einige tolle Remixe, waren kurz mit "Drivin' Away (From Home)" in den Charts, verschwanden wieder. Haben in meinem Herzen lebenslanges Wohnrecht.














12'' Version:

27.07.2013

WAYNE JARRETT maître








WAYNE JARRETT showcase vol. 1 (a.k.a. bubble up
Anfang 1980er




Aus Wackie's New Yorker Reggae-Küche. Und einer der Höhepunkte der Reggae-Haute Cuisine überhaupt. Wayne Jarrett, der auf dem Cover so fotogen die Kanzlerschnalle macht, singt hier haargenau wie sein Vorbild Horace Andy im hohen Register und lässt sich von Lloyd Barnes und Clive Hunt formvollendet mit Killer-Riddims beschweren, an die sich immer wieder beseelte Dubs hängen. Unter anderem gibt er eine inspirierte, mesmerisierende Version von Azuls "Rockford Rock" zum besten ("Holy Mount Zion"), mit der man ebensogut wie mit dem Original Flötenverachtern prima das Maul stopfen kann.




26.07.2013

INTERNATIONAL PONY konzeptfunk








INTERNATIONAL PONY we love music 
2002




DJ Koze und seine Freunde versuchten sich 2002 an einer konzeptionellen Neuerfindung aus Clinton-Funk und Elektronik. Gelang ihnen gut. Nicht nur der Funk und die Elektronik, sondern auch das Konzept, das nämlich auf Freundlichkeit und Bejahung setzte, als Gegenpart zu Aggression, Lustschweiß und Unnahbarkeit. Dadurch waren sie natürlich doch wieder die Coolsten. Ewiger Kreislauf im Pop: Zur richtigen Zeit das Richtige machen. Heutzutage, wo jeder Scheiß mit "Wir lieben ..." beworben wird, wäre das Konzept vielleicht schon wieder ganz anders ausgefallen. Koze ist nach wie vor gut im Geschäft, gerade mit „Amygdala“.

25.07.2013

GRUMBLING FUR lebendige etwasse in nicht unoptimistischen ritualen

 








GRUMBLING FUR - furrier 
2011


Alexander Tucker - ein gern gehörter Geist auf Lärmpolitik - im Zusammenspiel mit Daniel O'Sullivan und Gästen. Der grummelnde Pelz riecht nach lehmiger Erde und dröhnt noch mehr als Tuckers Solo-Arbeiten. Mehr Fläche als Folk, mehr Stillstand als Bewegung, mehr Instrumental als Gesang, mehr Drone als Song, aber auch Stammesgrooves kommen nicht zu kurz. Immer interessant. "Recorded using a pair of Beyer m180 ribbon microphones in deep dark South London".

Eine leichte Trauer zieht sich manchmal durch die Tracks, wie sie vielleicht lebendige Etwasse bisweilen befällt, wenn sie etwas nachdrücklicher über ihr Schicksal nachdenken. Dann wieder haben wir Anteil an durchaus nicht unoptimistischen Ritualen, chorähnlich geschichteten, quasireligiösen Gesängen und Gurgellauten. "Bears Wandering Into Milky Chapel" ist ein gewaltiger, psychedelischer Schleicher, der sich weigert, sein Ende zu benennen.


Tolles, leicht schwindelig machendes Cover, betrachtet man es etwas zu lange. Mal wieder von Tucker selbst illustriert. Die Mähne zieht sich auch durch die übrigen Illustrationen des Albums.

24.07.2013

BILL LASWELL MEETS STYLE SCOTT tagwerk









BILL LASWELL MEETS STYLE SCOTT inna dub meltdown 
1997


 
Gemessen daran, dass hier die beiden superschweren Elemente Bill Laswell (Bass) und Style Scott (Drums) in Reaktion treten, klingt das Dub-Ergebnis doch eher nach störungsarmem Normalbetrieb denn nach Kernschmelze.




23.07.2013

HENRY KAISER cover star









HENRY KAISER - Those Who Know History Are Doomed To Repeat It 
1988



Kaisers Platte, auf der er minutiös nachgebaute Coverversionen mit kleiner Band und dramaturgisch geschickten Abweichungen einspielte. Diedrich Diederichsen delektierte sich besonders an der Rekonstruktion von "Dark Star" (von "Live/Dead" der Grateful Dead) inclusive Ausfaden und Anspielen des nächsten Songs wie im Original. Warum genau, habe ich vergessen bzw. nie behalten. Ich bin auch kein großer "Dark Star"-Fan. Kurioserweise kann ich nämlich - überspitzt formuliert - mit allem, was Jerry Garcia so eingespielt hat, mehr anfangen als mit allem, was er mit den Grateful Dead eingespielt hat. Der Taucher ist übrigens Henry Kaiser selbst.

22.07.2013

SNAKEFINGER referenzbereich









SNAKEFINGER chewing hides the sound 
1979



Top 3 im Ralph-Records-Universum (soweit mir bekannt). Diszipliniert und mit Spaß dabei wird das, was die Residents bis dato vom Untersten ins Oberste umgekrempelt haben, wiederum als Blaupause genommen, um das Oberste ein Stück weit ins Untere zurückzukrempeln. Will sagen: Snakefinger nutzt den kruden Sound- und Experimentalmodus der Residents aufs Selbstverständlichste für sorgfältig querverbaute Songs mit Anleihen aus dem Referenzbereich Pop, als wäre er (der krude Sound- und Experimentalmodus nämlich) der alleretablierteste, swingende Mainstream. Lustigerweise folgen die Residents dem dann ein Jahr später nach und veröffentlichen das „Commercial Album“.

21.07.2013

FRED & THE NEW J.B.'s vornehmlich routine








FRED & THE NEW J.B.'s breakin' bread 
1974




Bisschen auf Autopilot laufender J.B.'s-Sidekick von 1974. James Brown hat ja einige Funk'n'Soul-Perlen auf seinem People-Label veröffentlicht, bei denen er eher andere in den Vordergrund stellte. Hier sind trotz aller Routine immer noch schöne Sachen drauf, z.B. "Little Boy Black", das wie ein 1a-Jungle-Brothers-Track beginnt und dann eben die Wesley-Posaunen-Kurve kriegt.


20.07.2013

GENE CLARK richtig rumgeprasst









GENE CLARK no other
1974



 
Ohne richtig viel Geld für richtig viele Drogen für richtig viele Menschen, die richtig rumgeprasst haben und irgendwie nebenbei auch noch ein paar Minuten Musik gebacken bekommen haben, wäre dieses aus dem Ruder gelaufene Meisterstück verkokster Laurel-Canyon-Elegie nie entstanden. Wirklich wie kein anderes. Hat sich übrigens kaum verkauft.


19.07.2013

CAETANO VELOSO funk fender folk








CAETANO VELOSO A OUTRA BANDA DA TERRA 
cinema transcendental 
1979




Großartiges Song-Album, ein paar Jahre nach Tropicalismo und anderen songschreddernden Waghalsigkeiten. Etwas weniger abwechslungsreich als Caetano Velosos darauf folgendes "Outras Palavras", aber gerade die relativ durchgehende Stimmung einer gut aufeinander eingespielten Band mit Funk, Fender und Folk hat mich in den letzten Jahren doch immer mehr zu "Cinema Transcendental" greifen lassen.



18.07.2013

SOULFUL well all right









 SOULFUL (luv'n'haight compilation, 1993)




Wahwah-Wahnsinn, funky Funkster, souly Stomper, orgiastische Orgeln, rare Raritäten, meisterhaftes Mastering und gecoverte Cover - "Luv'n'Haight" aus San Franzisko veröffentlichten Anfang der 1990er (und darüber hinaus) vorwiegend Funk, Soul und Dancefloor-Jazz, der mir viele Abende am DJ-Pult rettete. Die "Soulful" spielt im Player, "Movin' In The Right Direction" von Steve Parks läuft gerade, und knetet mich elegant durch. So gut wie das Beste von Maze, mit einer Stimme wie Smokey Robinson.


16.07.2013

GASTR DEL SOL der geist der bearbeitung









GASTR DEL SOL upgrade & afterlife 
1996


 
Upgrade & Afterlife ist durchdrungen von einem ständigen Improvations- und Bearbeitungsgeist, den man von den Hauptprotagonisten von Gastr Del Sol - David Grubbs und Jim O'Rourke - vielfach gebrochen von anderen zahlreichen Veröffentlichungen kennt. Es tauchen auch eine Reihe von dem Wagnis zugeneigten Gastmusikern mit Rang und Namen auf: Unter anderem Tony Conrad, Kevin Drumm, Mats Gustafsson, John McEntire. Addiert man noch ein paar elektronische Störgeräusche hinzu, kann man sich ungefähr vorstellen, wie es klingt.

Die Mitte der 1990er Jahre waren eine Zeit, als nicht wenige versuchten, Folk und Rock umzuformatieren. Man begann sich Fragen zu stellen, die vorher selten gefragt wurden: Wie kann man aus Rockmusik die vorhersehbarsten Dynamiken subtrahieren? Warum kann ein Track nicht mittendrin eine völlig andere Richtung nehmen, und warum nicht mit völlig anderen Instrumenten? Wieso bauen wir nicht ein Stück von John Fahey ein, um zu zeigen, in welcher Tradition wir stehen? Und warum samplen wir nicht das schönste Trompetenmotiv aller Zeiten aus einem Jack-Arnold-Film und lassen es fast unberührt mitten in einem Track stehen, den wir "Our Exquisite Replica Of 'Eternity'" nennen? Und warum nehmen wir als Cover nicht einfach das explosivste Schuhmotiv? Ja, warum eigentlich nicht?



15.07.2013

AMBARCHI/ O'ROURKE/ HAINO traditionsbeginn








AMBARCHI/ O'ROURKE/ HAINO
2010



Der Erstling des Trios Ambarchi/ O'Rourke/ Haino. Meine derzeitige Lieblingstruppe, was rituelle Schamanenmusik mit modernen Mitteln angeht. Das Treffen der drei legendären Gestalten hat seit 2009 Tradition: Immer um die Jahreswende herum versammelt man sich in Tokyo, jammt, brummt und feedbackt herum und veröffentlicht Exzerpte davon aufs Feinste in Covergestaltungen von Stephen O'Malley [bekannt unter anderem von SunnO)))] verpackt.

Auf obigem Erstling noch recht verhalten, sind die beiden Nachfolger mit schönen Noise-Bretter bestückt, die oftmals da ansetzen, wo Neil Young schon längst sein Feedback ausgefadet hat. Einziges Manko des Debuts: Im letzten der drei Tracks setzt irgendwann ein fieser hochfrequenter Ton ein, bei dem ich leider passen muss.

13.07.2013

ROBERT WYATT schwerelos





 


ROBERT WYATT - rock bottom 
1974




Wyatts zweite Solo-LP entstand einige Monate nachdem er es für das Beste hielt, eine Party über den Balkon zu verlassen. Auf Rock Bottom verarbeitet er unter anderem diesen Sturz in die Querschnittslähmung. Ein besonderer, unwirklicher Fluss durchzieht die Musik, großenteils hervorgerufen durch ein italienisches Billigkeyboard. Freunde helfen aus am Bass und an der Gitarre, auch mal an der Bass-Klarinette oder an der Violine. Auf den letzten Stücken der jeweiligen Plattenseite türmen sich freiere Strukturen auf, unter anderem vom großartigen Trompetenspiel von Mongezi Feza. Eine meiner liebsten Platten ever.

Wyatts Lebensgefährtin Alfreda Benge entwarf das Cover. Ein ultrazart gezeichnetes Setting einer fremden, aber doch nicht unfreundlichen Unterwasserwelt. Ein bisschen wirkt der Meeresgrund als Ganzes wie ein lebendiger Organismus. Ein Beispiel der britischen Green Language. Im Wasser sieht man einen Menschen mit Rettungsring. Er hält sich an ein paar Luftballons fest, als könnten sie ihn gleich aus dem Wasser ziehen.

Das CD-Release in den 1990ern auf Ryko hat ein anderes Cover. Wahrscheinlich, weil man im CD-Format kaum etwas vom Original erkennen kann. Der aktuelle CD-Release auf Domino enthält hingegen wieder das originale Covermotiv.


12.07.2013

THIN WHITE ROPE leicht gesunken









THIN WHITE ROPE bottom feeders 
1987



Was den Sound von Thin White Rope auszeichnete, war eine gewisse Behäbigkeit in der Vorwärtsbewegung (das haben die Unterwassermotive mit Skelett und Bodenfresser sehr schön illustriert). Selbst wenn sie zu Potte kamen, hatte man das Gefühl, sie kommen nicht zu Potte. Dieses Paradox machte sie spannend. Was zwar auch paradox, dafür aber weniger spannend war: Irgendwann wurden sie klarer und leichter im Sound, und erst dann begannen sie, wie Senkblei in die Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.










THIN WHITE ROPE in the spanish cave 
1988