02.10.2012

SAINT VITUS schultern

 








lillie: f-65 (2012)



Dass Saint Vitus selbst kleine, durchaus feine, aber irgendwie auch nicht unbedingt unverzichtbare Interludes wie „Vertigo“ auf "Lillie: F-65“ unterbringen muss, zeigt, wie hart die Band an sich gearbeitet hat, um sich nach zig Jahren und der zeitweiligen Abwesenheit von Sänger und Identifikationskraftmeier Scott 'Wino' Weinrich immerhin gut 30 Minuten verwertbaren Materials abzupressen. Das mag jetzt im Zusammenhang mit Saint Vitus etwas merkwürdig klingen, aber ihnen ist dabei ein bisschen die Leichtigkeit flöten gegangen. 

Hat sich aber trotzdem gelohnt, weil die Band tatsächlich den geilen Ballast, der ihre Musik zu besten SST-Zeiten zu beschweren wusste, nicht abgeworfen hat, sondern im Gegenteil sogar noch mühsamer schultert. Wenn die Schwere ihres Doomes schon immer ihr größtes Pfund war, dann lastet jetzt, 24 Jahre nach "Mournful Cries", jedes Kilo nochmal doppelt so schwer. Das verstehen alte Männer, die viel rumgekommen sind und die ihre Kräfte langsam schwinden sehen…

Und so klingt Saint Vitus 2012 wie grollende Musik aus der Ferne, gedumpfte Riffs von Männern für Männer gemacht, die das Leben ordentlich zerrupft hat. Abgebrochene Pfeile stecken in den abgewetzten Rüstungen wie bei Hägar, dem Schrecklichen. Musste der aber damals noch auf Birkenrinde kauen, um seinen Schmerz zu lindern, liegt im Plattentitel „Lillie F-65“ eine Hommage an ein Barbiturat-Produkt verborgen, das wahrscheinlich den gleichen Zweck erfüllen sollte, und dessen bequemere Anwendung mit einem zigfach erhöhten Suchtfaktor erkauft wird, wenn man nicht aufpasst. 

Aber irgendwas ist halt immer und mit den Jahren und Jahrzehnten immer mehr. Saint Vitus sind jetzt endlich in dem Alter angekommen, das ihre Musik schon immer ausgestrahlt hat – Lebensjahre voll dröhnig gegenangekämpfter Erschöpftheit, mit wohl dosierten Energieausbrüchen beschickt, die – wie eigentlich immer schon – von Gitarrist, Songschreiber und insgeheim wichtigsten Mann David Chandler eingebracht werden. Wino, der Sänger, darf dazu seinen Missmut begrummeln, ein paar „Ich habs ja gesagt aber sie wollten nicht hören“-Verse einstreuen und damit glaubhaft versichern, dass es immer noch besser wäre, nicht in seinem Schwitzkasten zu landen. 

Kommentare:

  1. "Lärmpolitik für Zartbesaitete" - sehr schönes Motto.... viel Spaß im Neuen Zuhause!

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  2. schau an, die (ex-)-sst-black-sabbather gibt's auch noch....

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