16.10.2012

KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF & SWANS am morgen

 
Kammerflimmer Kollektiefs "Palimpsest" ist immer das erste Stück, das morgens im Auto vom USB-Stick läuft. Man schwebt geschmeidig in den Tag, wissend es lauert milde Gefahr auf den Straßen und in den Menschen. Danach schalte ich dann auf Swans' "The Seer" um, dann bin ich die Gefahr! Grr.


14.10.2012

MICHAEL ROTHER fernwärme

  







MICHAEL ROTHER fernwärme 1982




Im doofen "Popsommer von '82™" lief tatsächlich soviel Popzeug, den ich toll fand, gemischt mit sperrigem Wave-Zeugs, das ich auch toll fand, hatte zusätzlich noch privat alles Mögliche an Kram am Laufen, sodass ich mich nicht auch noch um Michael Rother kümmern konnte, zumal ich Neu! und Rother sowieso erst 70 jahre später kennenlernen sollte und zu schätzen verstand.

71 jahre später kramte ich im "Deutsch"-Fach des kettenrauchenden Plattenhändlers meines Nichtvertrauens diese LP von Michael Rother von 1982 hervor, die ich noch nie mitbekommen hatte, die mich aber aufgrund des "Rother hinter Gittern"-Covers, ihrer implizierten dunklen Färbung und des genialen LP-Titels - "Fernwärme" - ansprang. Für 5 Euro hielt ich sie fest an meinen akzeptabel flach geformten Bauch, fuhr sie im protzig-weißen AudiA4-Firmenwagen nach Hause und schmiss sie auf den ollen Thorens-Plattenspieler, dessen Pickering-Tonabnehmersystem die Musik via 28 Jahre altem Rotel-Verstärker auf die 28 Jahre alten B&W-Boxen übertrug.

Und dort auch erstmal blieb. Nicht ganz das upliftende Gefühl der Vorgänger "Flammende Herzen", "Sterntaler" und "Katzenmusik", dafür dunkler, getragener, ohne Enttäuschung oder Frustration. Hier musste niemand abrechnen. Die Mannschaft ist dieselbe geblieben, nämlich Rother an den Drähten, Tasten und Saiten, ab und an Liebezeit an den Fellen - und Rike auf der Kommandobrücke der Coverrealisierung.

Viel läuft über Synthies, die Rothergitarre darf nur sehr selten rothern. Manchmal schaltet Liebezeit einen Beat zu, manchmal nicht. Oft nicht. Wer damals, 1982, Postcard-Singles hörte, dem muss "Fernwärme" vorgekommen sein wie eine Vollbremsung. 2012 sind solche geschichtschronologischen Zuschreibungen sowieso völlig egal. Wen interessiert schon, ob etwas 1982 oder 1976 oder 1984 oder 1992 erschienen ist? Es ist ewig her, nur das interessiert.

Als Meditation hinter kellergeschossigen Gittern ist "Fernwärme" immer noch zu gebrauchen. Sehnsüchtige Schatten verdichten sich. Aber während ich das hier schreibe, höre ich bezeichnenderweise die zweite Seite von "Flammende Herzen". 



08.10.2012

JOHN CALE angst und schrecken im studio daheim





John Cale, 
mittlerweile unter der Sonne L.A.'s lebend




Das letzte Mal, dass mich John Cale mit seinem elektronischen Heimbaukasten gekriegt hat, war bei 5 Tracks von 2003. Dort waren es aber eher die melancholischen Augenblicke (und die Violine), die an mich rankamen. Shifty Adventures in Nookie Wood dagegen lässt mich kalt. Dem Violinen-Drone auf "Vampire Cafe" werden die Zähne gezogen, so weit im Hintergrund darf er knapp an der Wahrnehmungsgrenze vegetieren. Das hat mich schon ziemlich enttäuscht.

Der nach meinem Kenntnisstand einzige Track mit Produzent Danger Mouse an den Knöpfen - „I Wanna Talk to U“ - ist der einzige Track, der mich auf Anhieb überzeugen kann. Beim Rest höre ich immer wieder interessante Stellen, die Cale aber regelmäßig mit seinen Studiospielereien zustellt, so als würde er sich und seinem Können nicht mehr vertrauen.

Aber wahrscheinlich liegt's zum großen Teil an mir, denn vor Jahren musste ich, der sich immer für einen großen Cale-Fan hielt, erschrocken feststellen, dass mir Cales unlockerer, mit viel Druck aus der Kehle gepresster, autoritärer Gesang in den letzten Jahren schwer auf die Nerven ging. Irgendwas muss passiert sein in der Zwischenzeit, denn den 1970er Cale höre ich immer noch gerne singen. Wahrscheinlich ist es einfach das Drumherum, das mir seinen Gesang vergiftet.









JOHN CALE shifty adventures in nookie wood
2012

07.10.2012

ANN PEEBLES begreifend formulierend hoffend









ANN PEEBLES I Can't Stand The Rain
1974 


Ich weiß nicht, wie hoch die Strafe wegen Kulturfrevels ausfallen muss, wenn ein Second-Hand-Händler eine 1974er-LP, auf der vorne "Ann Peebles" und hinten "Willie Mitchell" draufsteht, für zwei Euro verscherbelt. Ich kann aber mit Bestimmtheit sagen, dass sie ein neues Heim gefunden hat, wo sie oft gespielt und auch ansonsten mit dem nötigen Respekt behandelt werden wird.

Im durchgängigen Mitteltempo singt sich die Peebles durch die Gefühle. Das allgegenwärtige bassige Brummen, das Mitchells Produktionen umschließt wie Eierschachteln, ist auch hier wieder der geheimnisvolle Kitt, der alle Zutaten magisch zusammenführt. Die Memphis Strings rutschen mehrmals besonders schmelzig und unkitschig (darin liegt die Kunst) drüber. Und neben den Hits - das auch von der 1980er-Tina Turner nicht kaputtgekriegte "I Can't Stand The Rain", Peebles Aufforderung an die Jüngelchen endlich erwachsen zu werden ("I'm Gonna Tear Your Playhouse Down") und "A Love Vibration", das im Refrain die Vibration ohne liebesbetäubte Unterwürfigkeit zelebriert - hat es mir besonders das letzte Stück, "One Way Street", angetan: Alleine auf der Einbahnstraße, die Situation begreifend, die Lösung formulierend, zu einem präsenten Piano auf die Wahrwerdung hoffend. Wissend es wird ein langer Weg. Und damit die ganze Platte ausfaden lassen. Wen kann denn sowas kalt lassen?




02.10.2012

SAINT VITUS schultern

 








lillie: f-65 (2012)



Dass Saint Vitus selbst kleine, durchaus feine, aber irgendwie auch nicht unbedingt unverzichtbare Interludes wie „Vertigo“ auf "Lillie: F-65“ unterbringen muss, zeigt, wie hart die Band an sich gearbeitet hat, um sich nach zig Jahren und der zeitweiligen Abwesenheit von Sänger und Identifikationskraftmeier Scott 'Wino' Weinrich immerhin gut 30 Minuten verwertbaren Materials abzupressen. Das mag jetzt im Zusammenhang mit Saint Vitus etwas merkwürdig klingen, aber ihnen ist dabei ein bisschen die Leichtigkeit flöten gegangen. 

Hat sich aber trotzdem gelohnt, weil die Band tatsächlich den geilen Ballast, der ihre Musik zu besten SST-Zeiten zu beschweren wusste, nicht abgeworfen hat, sondern im Gegenteil sogar noch mühsamer schultert. Wenn die Schwere ihres Doomes schon immer ihr größtes Pfund war, dann lastet jetzt, 24 Jahre nach "Mournful Cries", jedes Kilo nochmal doppelt so schwer. Das verstehen alte Männer, die viel rumgekommen sind und die ihre Kräfte langsam schwinden sehen…

Und so klingt Saint Vitus 2012 wie grollende Musik aus der Ferne, gedumpfte Riffs von Männern für Männer gemacht, die das Leben ordentlich zerrupft hat. Abgebrochene Pfeile stecken in den abgewetzten Rüstungen wie bei Hägar, dem Schrecklichen. Musste der aber damals noch auf Birkenrinde kauen, um seinen Schmerz zu lindern, liegt im Plattentitel „Lillie F-65“ eine Hommage an ein Barbiturat-Produkt verborgen, das wahrscheinlich den gleichen Zweck erfüllen sollte, und dessen bequemere Anwendung mit einem zigfach erhöhten Suchtfaktor erkauft wird, wenn man nicht aufpasst. 

Aber irgendwas ist halt immer und mit den Jahren und Jahrzehnten immer mehr. Saint Vitus sind jetzt endlich in dem Alter angekommen, das ihre Musik schon immer ausgestrahlt hat – Lebensjahre voll dröhnig gegenangekämpfter Erschöpftheit, mit wohl dosierten Energieausbrüchen beschickt, die – wie eigentlich immer schon – von Gitarrist, Songschreiber und insgeheim wichtigsten Mann David Chandler eingebracht werden. Wino, der Sänger, darf dazu seinen Missmut begrummeln, ein paar „Ich habs ja gesagt aber sie wollten nicht hören“-Verse einstreuen und damit glaubhaft versichern, dass es immer noch besser wäre, nicht in seinem Schwitzkasten zu landen.