19.07.2012

GIANT GIANT SAND nichts faul im staate arizona









GIANT GIANT SAND  tucson  
2012



Es gab eine Zeit, in der sich Millionen junger Menschen schworen, alle Alben von Giant Sand zu kaufen, so sehr sprach deren Musik zwischen Coyote, Büffel und Plymouth Barracuda ihnen aus dem Herzen, dem Gehirn und aus anderen, funktionell ebenfalls sehr wichtigen Organen, aus denen auch schon Neil Young zu ihnen sprach. Das fing so ungefähr Mitte bis Ende der 1980er Jahre an. Auch der Autor dieser Zeilen gehörte zu diesen hoffnungsvollen Menschen, die dem Oberchef der sandigen Musikanten, Howe Gelb, die Treue schwor.

Ich glaube, bis "Center Of The Universe" hielt ich den Schwur auch durch. Dann verfranste sich Howe Gelb zeitweise etwas in ermüdenden, ziellos dahingespielten tonalen Skizzen zwischen Witz, The-Band-Rock, Jazz, Spontanität, Unausgegorenheit  und dem berechtigten Interesse, keine Erwartungen erfüllen zu wollen. Leider hatte ich aber eher konservative Erwartungen an Giant Sand. Ich wollte die Klischee-Wüste elegisch und dezent bekracht besungen haben. Erst später merkte ich an Calexico, einer mitotischen Abspaltung von ein paar von Gelbs Mitmusikern, wie mich gerade die elegisch und gar nicht dezent auf Schlüsselreize getrimmte Klischee-Wüste zuverlässig langweilte. Howe Gelb und Giant Sand taten recht darin, diesen Weg nicht zu gehen.

Ich bekam jedenfalls nach meinem gebrochenen Schwur dann ungefähr nur noch ein lächerliches gutes Dutzend von Howe Gelbs Platten mit, die mal unter Giant Sand, mal unter Howe Gelb, mal unter Howe Home, nie aber unter Gelb firmierten. Es waren gute Alben darunter, auch unheimlich gute, aber das unheimlich beste seit dem unheimlich guten "'sno Angel Like You" ist das diesjährige "Tucson".

Gelb nennt es seine Country Rock Opera, und dem Anlass entsprechend addiert Howe Gelb noch ein weiteres Giant zum Bandnamen. Schon seit Jahren in der Planung, hätte man auch eine auf Bombast ausgelegte Verkrampfung erwarten können, aber trotz durchaus nicht weniger Mitmusikanten und vier Aufnahmestandorten (Tucson, USA; Aarhus, DK; Bristol, GB; Vevey, CH) gelingt Giant Giant Sand ein extrem lässig von der Hand gelassener Country-Song-Zyklus, der keine Sperenzien macht, stattdessen über Liebe, Traurigkeit, Glück und Überschwang schließlich zum großen Bild kommt, nämlich dem alten Fluss, den es schon ewig zu geben scheint, aber durch den doch immer wieder neues Wasser fließt. Man kommt eben immer wieder an einen anderen Ort zurück, als man ihn verlassen hat.

Bis es soweit ist, geben sich ein paar Protagonisten leadsingermäßig die Klinke in die Hand, es darf auch mal ein Mariachi-Gebläse vorkommen, und der gute Howe legt seine Gitarre ab und an weg, um ein bisschen das Piano zu spielen, schließlich muss sich jede Handlung zwischenzeitlich mal eine Pause in der Bar gönnen. Die Lap Steel sehnsüchtelt, die Mandoline melodeit, ein paar Violinen setzen Akzente, ja manchmal bei den flotteren Stücken unterlegt Howe seine Stimme sogar mit einem dezenten Rock'n'Roll-Hall. Es flutscht wie lange nicht mehr. Ich kann's nicht beschwören, aber ... beste Giant Sand seit vielleicht sogar "The Love Songs"?