20.06.2012

GARCIA & GRISMAN wieder wieder











Ich komme einfach nicht weg vom mühelosen Zusammenspiel von Garcia (Akustikgitarre) & Grisman (Mandoline). Diesmal nehmen sie sich in lakonischer Meisterschaft den alten Dylan-Schleicher "The Ballad of Frankie Lee and Judas Priest" vor.

Ich bade in den total entspannten Verschränkungen ungefähr seit zwei Wochen ungefähr sieben mal täglich. Ich glaube, Jerry Garcia hat Dylans gesangliche Intonation ungefähr 1:1 übernommen, werde das aber nochmal nachprüfen ohne den Webspace mit dem Ergebnis unnötig zu belasten.



15.06.2012

TELEVISION jazz









TELEVISION marquee moon  
1977



Televison, als Punk-Band gehandelt, obwohl schon seit 1974 around, spielten Gitarrensoli (deren Autorenschaft sie penibel auflisteten) und Dylan-Cover ("Knockin' On Heaven's Door"), hatten 10-Minüter im Gepäck ("Marquee Moon") und mit Tom Verlaine wirklich einen aus 1000 neurotisch klingenden Sängern sofort als besonders eigen neurotisch klingend zu identifizierenden Sänger, der zudem auch noch fantastisch eigen Gitarrensoli (siehe oben) ...

Auf dem Cover sieht man vier geschmackvoll gekleidete Televisionäre. Unter grobporiger Haut schlängeln sich Adern, deren Verläufe aussehen wie Flussläufe nach der Bodenschatzgewinnung. Es sieht ungesund aus, was durch sie hindurchfließt. 

Auf "Marquee Moon" spielt übrigens Richard Lloyd das Solo nach der zweiten Überleitung, Tom Verlaine nach der dritten.





11.06.2012

NATHAN BELL versammlungsfarben











NATHAN BELL colors
2011



Das Banjo hat Reisen hinter sich, die nicht selten in immer größere Einsamkeiten geführt haben. Ursprünglich zu Tänzen aufspielend, wurde es mitsamt seinen afrikanischen Spielern versklavt und der Kultur entrissen, in die es eingebunden war. Dann verlor das Banjo nach und nach seine afrikanische Identität, weil es als Vorzeigeinstrument missbraucht wurde, um den "Sweet Sunny South"-Mythos vom armen, aber glücklichen Schwarzen unwiderbringlich in das amerikanische Bewusstsein zu implementieren. Noch heute entspricht der einsam auf der Holzveranda gefällige Melodien pluckernde Banjo-Spieler einer romantischen Idealvorstellung, der sich viele Spieler nicht entziehen können. 

Aber das einsamste der einsamen Banjos ist nicht dasjenige, welches ganz einsam spielt, sondern dasjenige, dem andere Instrumente zurufen, wie einsam es doch ist.

Solche Zurufe bekommt Nathan Bell auf "Colors". Vorsichtig arrangierte Zurufe von Cello oder Violine, von Drums und Bass, auch mal von einer Trompete, ja sogar auch mal mit verstärktem Banjo. Freie Musik größtenteils, an Wände gespielt, auf ein Mikro zurückgeworfen. Eine gewisse Ernsthaftigkeit durchzieht die Musik, aus der sich aber auch immer wieder ein Detail löst und den weiteren Verlauf der Musik entscheidend mitgestaltet. Als hätte sich aus einer recht festgezurrten Situation doch noch ein öffnender Ausweg ergeben. Zweimal wird es banjo-elektrisch, einmal mit "Mind to mind" in schleppender Verzerrung, schleppenden Drums und Bass. Mit Vorkenntnissen kann man an dieser Stelle erahnen, dass Nathan Bell eine zeitlang Bassist bei Lungfish war, einer Riff-Core Band, die über Dischord Records veröffentlichte und in der Daniel Higgs sang.

Die Trompete auf "Singing Through The Air" müsste Robert Wyatt gefallen, weil sie an Mongezi Feza erinnert, nicht so sehr an dessen Spielenergie, sondern ein bisschen von seinem freien, unangestrengten Spiel hat, mit dem er auf Wyatt's "Rock Bottom" ein paar traumatische Erinnerungen unterfüttert. 

Die Titel auf Colors ergeben übrigens aneinandergereiht folgende drei von Geist und Tod und dem Leben für das eine und durch das andere handelnden Sätze: Pilgrim / from within we are / living for the dead. Mind to mind / we still practise / an absence of thought. / Dead yet living, we will go / singing through the air.






















09.06.2012

SANTANA sonne, sand und fusion









SANTANA - caravanserai 
1972



Seit ungefähr 20 Jahren keinen einzigen Gedanken mehr an Santana verschwendet. Und doch kommt mir immer mal wieder das Cover von "Caravanserai" vor die Augen. Unvermittelt, beim Durchforsten von Second-Hand-Vinyl zum Beispiel saugt mich die riesige, orangene, durch die Gasschichten am Horizont eliptisch deformierte Sonne ein, vor der in unwirklichem körnigen Türkis eine schemenhafte Karawane entlangzieht. Nach wie vor ein fantastisches Foto, besonders auch im Klappcover der LP (es gibt aber auch Versionen ohne Klappcover, die ich natürlich nicht empfehlen kann). Brian Wilson mag sich ja meinetwegen als Korken im Ozean gefühlt haben, als er "Til I Die" schrieb, aber sind wir nicht vielmehr eine Ansammlung von Sandkörnern in der Wüste, denen tagsüber die Sonne auf den Pelz brennt, während man sich nachts den Arsch abfriert?

Und obwohl ich früher von Santana recht viel hörte, hatten mich ihre Emo-Latin-Hits dann irgendwann doch nur noch furchtbar angenervt. Ich verkaufte den angesammelten Santana-Kram, um mir die erste Platte einer Band namens This Heat zu kaufen, oder so. Ein neuerlicher Zugang zum Gefühlsgegniedel von Carlos Santana schien mir auf immer versperrt. Lustigerweise musste ich aber  "Caravanserai" - Santanas vierte LP von 1972 - gar nicht verkaufen, denn ich hatte sie damals sowieso weder besessen noch gehört. Sie hatte den Ruf, unzugänglicher zu sein, zu einer Zeit, wo ich an Santana anderes als Unzugänglichkeiten schätzte. 

Schließlich passierte das Unmögliche: Ich sah ein tadellos erhaltenes Gebrauchtexemplar mit Klappcover im Plattenladen, schlich nochmal vier Wochen drum herum, spielte einen Download auf Heavy Rotation im Auto und gab dann tatsächlich im Jahre 2012 achtzehn Euro für eine Santana-LP aus!

Was ich bekam? Recht ungefälliges Latin-Fusion-Gebrodel, eingeleitet durch einen subbassigen Sinuskurven-Loop! Weiterhin fast keinen Gesang, und eine Band, die das Richtige macht, nämlich Carlos Santanas Gegniedel ins allgemeine Gekoche einzubetten, anstatt ihm die Bühne fürs Ego zu bereiten. Und inmitten der Einbettung macht der seine Sache wirklich größtenteils inspririert und teamorientiert. Zudem ist auf "Caravanserai" eine ganz tolle Version von Antonio Carlos Jobims "Stone Flower" drauf (dessen eigene Version ja eher unauffällig daher kommt - was natürlich der pure Luxus ist, so ein Ding einfach unauffällig rundlaufen zu lassen).

Lustig auch, dass derlei recht schwieriger Fusion-Scheiß-ohne-Hits (ist in diesem Fall nicht negativ gemeint, Wolfgang) damals Platin gehen konnte.



"Stone Flower" von Santana: