31.05.2012

DANIEL HIGGS bibelnah am mittelmeer










DANIEL HIGGS beyond & between
2012

Daniel Higgs hat eine neue Platte draußen, auf der er sich von einem Perkussionisten/ Marimbaisten/ Vibraphonisten/ Trommelisten begleiten lässt. Dazu mantriert mein Lieblingspriester unter anderem über die Möglichkeiten der Bibelbefreiung in gewohnt pronounzierter Manie(r) und mit Banjo vorm Tättoo-Bauch.

Aufgenommen in Spanien, hat es Higgs also zumindest schon mal von US-Maryland über den Großen Teich gebracht. Ich wage mir nicht auszumalen, was erst passieren wird, sollte er wirklich mal noch weiter östlich in Jerusalem, dem Priesterparadies, aufschlagen. Kommt dann der Weltfrieden? Fürs erste würde reichen, es würde noch mehr in die Knochen gehende Perkussion kommen.


Bei Soundcloud hier zu hören.

11.05.2012

SCRITTI POLITTI im zarten bewusstsein










SCRITTI POLITTI songs to remember
1982


Mir war gar nicht klar, wie präsent Robert Wyatt auf "The Sweetest Girl" und "Gettin' Havin' & Holdin'" ist, und zwar mit seinem typischen italienischen Billig-Keyboard, mit dem Wyatt schon "Rock Bottom" so wunderbar befremdete. Man kann zudem sogar seine Stimme recht prominent heraushören. Das schockiert mich etwas. Nicht nur als Wyatt-Fan, dem das schon damals 1982 beim Erscheinen von "Songs To Remember" sofort hätte auffallen müssen, sondern auch, weil ich immer das Gefühl hatte, Scritti Polittis "Songs To Remember" so stark eingeprägt zu haben, dass ich nicht erwartete, beim neuerlichen Hören - nach 25 jähriger Abstinenz etwa - noch weitere Erkenntnisse daraus zu gewinnen.

Aber weit gefehlt. Die zweite Erkenntnis: Die doo-woppenden Backgroundsängerinnen begleiten, antworten, fordern und unterstützen Green Gartside auf der gesamten Platte so punktgenau und mit soviel Selbstbewusstsein, wie es die Memphis Horns mit freilich ganz anderen Mitteln auch für Al Green taten. Sie agieren nicht als Anhängsel, sondern als gleichberechtigte Unterstützung des Songs - und nicht nur des Sängers. Daher können sie es sich auch leisten, sich nicht in den Vordergrund zu schieben. Selbstbewusstsein zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es sich seiner selbst bewusst ist und sich die Bestätigung nicht laut und polterig von außen holen muss.

Die dritte Erkenntnis: Vieles ist auf "Songs To Remember" zart und vorsichtig angelegt, was später im weiteren Verlauf der 1980er ins Monströse verstärkt und verunstaltet werden sollte: Das Ausdruckssaxophon, der Linn-Drum, der slappende Bass, Disco-Synth-Beat, das Jazz-Sample, die funky-dünne Gitarre, die Rap-Einlage. Alles noch eingebunden in gegenseitige Rücksichtnahme, im für heutige Maßstäbe fast schon wieder revolutionär trocken-mittigen Sound, noch nicht von überpräsenten Klatsch- und Donner-Grooves abgeschossen.

Stattdessen vernäht der Sound luftig. Er findet im LP-Cover seine Entsprechung: Weißer, leicht abgedimmter Hintergrund. Ein schlichter, ausgestanzter Schreibschriftzug, wie mit goldenem Faden gelegt, dazwischen zieht sich eine zarte, eingestanzte hellblaue Linie. Auf der Rückseite umrahmt das Blau dann nicht nur ein kleines Foto von Green Gartside, sondern es bildet auch die dezente Grundlage für die Buchstabenfarbe, die Titel und Musiker (nur beim Vornamen) nennt. Das Album buhlt nicht um Aufmerksamkeit. Es wird stattdessen ein persönliches Erinnerungsangebot gemacht: "Songs To Remember". Auch nach dreißig Jahren im Mai 2012 noch der Erinnerung würdig.




01.05.2012

SEAN SMITH crashkurs











 Sean Smith in einem Moment unpathetischer Kontemplation



Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wie ich auf Sean Smith gekommen bin. Irgend so 'n Blog hatte ihn im Gepäck. Wie dieser hier, nur ein anderer. Und siehe da, auf Soundcloud waren Auszüge zu hören, die gefielen, weil es mir halt manchmal gefällt, wenn ein Gitarrist selbstbewusst die Muskeln spielen lässt und dabei die Kontrolle über den Krach behält. War Sean Smith laut Labelsticker auf den vorherigen drei Alben, die ich allesamt nicht kenne, Solo mit seinen akustischen und elektrischen Gitarren unterwegs, so hat er sich auf "Huge Fluid Freedom" Verstärkung geholt an Drums, Bass, Becken, Hammond-Orgel - und einer choral geladenen Gesangseinlage von Meryl Press auf dem recht  gespreizt benamten Eröffnungsopus "I Know Your're Tired, But Come This Is The Way".

Und so kippt der erste der vier Tracks dann auch vor lauter Selbstbewusstsein zeitweise in Pathosregionen ab, die mich glücklicherweise in bestimmten meiner unzähligen über den Tag verteilten Befindlichkeitsmomenten ziemlich zu packen verstehen. Denn mit leicht angegothischtem Aaaa-Chor im Hintergrund, einer kurzen, kompositorisch federleicht aus dem Handgelenk eingestreuten Beefhaerteske und dezenten Math-Rock-Anwandlungen kriegen mich die Gefühle des Tracks auf ganz ähnlich manipulative Weise, wie mich auch der gefakte Eso-Doom-Indianer-Post-Rock von den artverwandten Grails kriegt. Verdammte Altersmilde, die mich billige Emotionsmusik mögen lässt?

Wir stellen die Frage zurück und konzentrieren uns, nachdem der erste Track dann doch sorgfältig komponiert über Minuten angespannt ausgelaufen ist, auf "The Real", das zweite Musikangebot von "Huge Fluid Freedom". Der Track könnte so auch von Isis stammen, übernimmt sogar deren ozeanische Sinnbildlichkeit, denn was ist eine "riesige flüssige Freiheit" anderes als der Ozean, den Isis auch auf "Oceanic" post-rock-bedoomt zelebrieren? Kurz habe ich das irritierende Gefühl, plötzlich ein Brain-May-Gedächtnisgegniedel zu hören, aber da spielt mir sicher mein durch Alter und Erfahrung vollkommen verrohter Assoziations-Alzheimer einen Streich.

Die letzten beiden Nummern von "Huge Fluid Freedom" tarieren das Album mit anderen Traditionen aus: Auf "Ourselves When We Are Real" orientiert sich Smith unter anderem und höchst spannend an einer der Urgottheiten der modernen amerikanischen Stahlgitarrentradition, John Fahey, während er auf dem letzten, titelgebenden Track tief mit der elektrischen zu irisieren hat. Die "riesige flüssige Freiheit" beginnt quecksilbrig zu schimmern und zu fließen, nicht greifbar, nicht festnagelbar, nicht in Komponenten trennbar. Schön auch, wie Smiths Gitarrenspiel ein Ziehen der Klänge einarbeitet, wie es auch für Michael Rother charakteristisch war und ist. Dass das kein Zufall sein kann, merkt man spätestens, wenn dann über dem Quecksilber-Ozean plötzlich ein motorischer Neu!-Groove angerauscht kommt. Und Zu-Zeiten rauscht mit, das kann ich euch sagen.












SEAN SMITH huge fluid freedom
2011




Die Auszüge von "Huge Fluid Freedom"auf Soundcloud sind übrigens gar keine Auszüge. Es ist das gesamte Album: