14.04.2012

HOLGER CZUKAY ätherfunde









HOLGER CZUKAY movies
1979




Das Internet vergisst nichts, der Äther dagegen zieht einfach weiter. Man empfängt seine Wellen und im nächsten Moment sind sie weg. Weitergezogen auf Nimmerwiederhören. Was den Äther auszeichnet ist seine Flüchtigkeit. Die Wellen gehen durch dich durch. Du bist für sie nicht existent, noch nicht mal als Geist.

Heutzutage kann man sich einfach zu jeder Zeit stumpf durch das globale Netzgeplapper klicken oder sich beim Reissue-Label Honest Jons bedienen, um ein schmachtend besungenes Liebesverlangen aus dem nahöstlichen Kulturkreis zu samplen, wie es PJ Harvey auf ihrer letzten LP gemacht hat. Zu Zeiten von „Movies“ musste Holger Czukay noch das zeitraubende Abenteuer eingehen, die Radio-Kurzwellen durchzuforsten, um zufällig eine wahrhaftig leidenschaftlich vorgetragene „Persian Love“ einzufangen. Man kann sich in etwa vorstellen, um wieviel größer Czukays Freude damals gewesen sein muss, dieses sehnende Kleinod aus dem materielosen Äther gefischt zu haben, anstatt sich vielleicht wie heute von einem x-beliebigen Exotica-Blog bräsig einen Download zu ziehen. Welchen Wert hat eine Weintraube, die dir automatisch in den Mund fällt, sobald du ihn öffnest?

„Movies“ ist eigentlich eine Can-Platte. Nicht nur, weil der restliche Kern der kurz vor den Arbeiten daran aufgelösten Band immer mal wieder mitmischt mit Gitarre, Drums und anderen beratenden Tätigkeiten, sondern auch, weil die Dramaturgie ganz ähnlich aufgebaut ist. Denn es stehen den eingängigen, Can-motorigen Stücken auch die improvisierten, extrem nachbearbeiteten und schwierigeren Passagen gegenüber. Letztere fordern einen längeren Atem, ziehen ihren Reiz nicht aus schneller Akzeptanz durch Wiederholung und Variation, sondern aus dem ständigen Fortschreiten in Handlungen, die im Track Sekunden vorher noch nicht zu ahnen waren. Sie sind daher mehr bearbeitete Dokumentationen, während die Can-motorigen Stücke dann auf Skripten basierenden Spielfilmen entsprechen, wenn ich denn mal die „Filme“-Metapher etwas ausreizen darf.

Holger Czukays Spieltrieb an neuen Maschinen ist auf „Movies“ größtenteils Segen, Fluch aber dann, wenn gut 32 Jahre nach Produktion doch das ein oder andere Drumpattern und der ein oder andere Synthie etwas kalt an die Wand des Zeitgeschmacks klatschen. Der Rest der Vorführung ist aber immer noch dermaßen gut genug, um drüber hinweg hören zu können.




10.04.2012

KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF im vertikalen sog









KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF
teufelskamin
2011

Leicht gelangt man beim Hören der nicht selten bradykarden Geschwindigkeiten der Musik des Kammerflimmer Kollektiefs in traumähnliche, uneindeutige Stimmungen, in die man sich fallen lassen kann, ohne die Gewähr zu haben, aufgefangen zu werden. Sie hat aber auch plötzliche Brüche, sehr energische Kurzgeräusche aus Feedback und Elektronik, aus altertümlichen Synthie-Verbrummungen oder sie bedient sich plötzlich und ausschnitthaft des Durchbruchsversprechens freier, kollektiver Jazz-Improvisationen.

Das Kammerflimmer Kollektief scheint mir immer gleichzeitig Teilnehmer und Beobachter nur vage zu erahnender Experimente zu sein. Beobachtungen langsam wechselnder Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten, geologischer Formationen an den Rändern des Schwarzwaldes – und der in Büchern, auf Bühnen, in Bildern zelebrierten vagen Mythen, die daraus entstehen. Langsam ansammelnd, tropfen sie heraus wie überfällige Feuchtigkeit an Farngewächsen an sehr warmen Tagen unter Tiefdruckeinfluss. So fallen mir zu den einzelnen KK-Platten immer wissenschaftliche Disziplinen ein, meist nur entzündet an wenigen Einzelheiten, die dann aber für mich die Wahrnehmung der gesamten Platte überlagern:

"Jinx" ist Ethnologie, weil sich mir die mantraähnlichen Formeln, die Heike Aumüller auf dem Titelstück singt, als nicht durchschaubares soziales Ritual eingeprägen; "Wildling" ist Scientific Dub, weil die Tracks sorgfältig aufgebaute, freiräumige Gerüste haben und Heike Aumüllers Silbengemurmel schon an sich so etwas wie eine Version von Gesang darstellt - außerdem deuten Titel wie "Cry Tuff" und eine Coverversion von Lee Perrys "Bird In Hand" schon von sich aus deutlich in Richtung Dub. "Cicadidae" ist Klimaforschung und Phänologie: Wie verändert sich das Verhalten von in Karlsruhe lebenden Menschen in Sommernächten, die 27 Grad Celsius nicht unterschreiten? "Teufelskamin" ist Geologie.



Der sogenannte Teufelskamin ist die Folge einer meist vertikalen Verwerfung im Gestein, ein Riss also, der Gesteinsschichten in Form unregelmäßig gezackter Linien unterbricht, anhebt oder absenkt. Der Teufelskamin ist nun nicht nur eine einfache Verwerfung, sondern eine, bei der sich der Riss zu einem vertikalen, tiefen Stollen verbreitert hat.


"Teufelskamin" ist auch so Werk, das sich aufs Verwerfen versteht. Und wenn du, lieber Hörer, nicht aufpasst, dann kann auch mal inmitten des zwischenweltlichen Schwebens ein gähnender Stollen aufreißen, in den du hilflos hineinrutschen wirst, wenn du dich nicht vorsiehst.

Mein Tipp: Sieh dich nicht vor, rutsche hinein und schaue, wo du landest. Auf „Teufelskamin Jam #1“ zum Beispiel ratscht du nach einschmeichelndem Anfang langsam einen kantigen Felsen aus Gefuzze entlang. Noch bevor du dein Ohr nach Verletzungen absuchst, bist du schon wieder von Vertrautem umgeben. Du denkst über Rhythmusbox, Gitarre, Bass und Sirene nach. Vorhin hast du sie noch deutlich gehört. Dir kommt die Zahl 506 in den Sinn, kannst aber nicht genau sagen warum. Eine Frauenstimme murmelt etwas, dessen Sinn dir unmittelbar vollkommen einleuchtet, dessen Inhalt du aber nach einer Millisekunde wieder vergessen hast. Das Umdrehen der LP-Seite hilft dir, dich deiner Wachheit zu vergewissern oder dir einen Tee zu brauen. Ein Download bietet dir diesen Service nicht, dafür setzt du vor lauter Nichtstun aber ein bisschen mehr Fett an. Entscheide selbst.

Egal, wie du dich entscheidest, weiter hinten im Teufelskamin begegnen dir einige Flammen aus freiem Jazz. Aus freiem, wenig bis gar nicht editiertem Jazz. Überhaupt scheint das Kollektief den Anteil durchgängig gespielter, also nicht zusammengeschnittener Musik, auf "Teufelskamin" nochmals erhöht zu haben. Man kann es aus dem Titelstück ableiten, dessen zwei Teile ausdrücklich als "Jam" bezeichnet werden. Parallel steuert eine  dünn und kantig verzerrte E-Gitarre nicht nur als gekürztes Geräusch Risse im Sound bei, sondern darf sich sogar mal zu zeitnehmender Länge in den Vordergrund schieben.

Die Infos auf der Coverrückseite weisen auch nicht mehr extra auf "Audio Collage" oder "Edits" hin. Das vermehrte Durchspielen ist vielleicht eine Folge davon, dass das Kollektief die Aufnahmen nicht wie gewöhnlich nur im heimischen Keith-Hudson-Gedächtnis-Studio "Kinda Cloudy" erarbeitete, sondern anscheinend auch günstige Improvisationsbedingungen im geräumigen Wohn- und Aufnahmeambiente des Faust-Studios von Hans Jochen Irmler vorfand.







Gemütliches Teufelssofa: Das Kollektief gutgelaunt im Faust-Studio



Wie schon "Wildling", besitzt auch der "Teufelskamin" Heike Aumüllers Gesang in stärkerer Präsenz, als ich es von früheren Platten in Erinnerung habe. Oder nein, Präsenz ist das falsche Wort. Er ist einfach öfter da, schaut getarnt aus dem farnigen Gebüsch wie die Slits auf der Rückseite von "Cut". Nie ganz wahrnehmbar, nie ganz abwesend, sendet er schwer entzifferbare Zeichen im Hintergrund. Die von mir geschätzten Reibe- und Kratzgeräusche haben sich ebenfalls wieder mehr Gehör verschafft, nachdem sie auf "Wildling" etwas stark im Mix verschwunden waren.

Man merkt, es sind Verschiebungen, die auf den Platten des Kollektiefs wirken. Die Musik entwickelt sich nicht von Strecke A nach B, ihr Sog ist vertikal, nicht horizontal. Sie schaut nicht nach vorne oder hinten, sie schaut nach oben oder unten.