21.03.2012

BRIAN ENO an land






BRIAN ENO  ambient 4: on land
1982



Neulich fragte im Musikforum jemand nach Songtiteln aus Jahreszahlen. Mir fiel Brian Enos "Dunwich Beach, Autumn, 1960" ein. Mir fiel auch Takeo Toyamas "Hello88" ein. Ein Einfall, den ich vorgestern schon auf diesem Blog verbraten habe.

"Dunwich Beach, Autumn, 1960" ist von Enos viertem Teil seiner Ambient-Serie, "Ambient 4: On Land", dem man in seinem bassigen Wälzen anmerkt, dass er schwere Landmassen beschreibt und keine Flughafenhallen in Leichtbauweise, wie noch auf "Ambient 1: Music For Airports", dem ersten Ambient-Teil der Serie. Die Teile 2 bis 3 scheinen irgendwie verschollen oder tarnen sich durch andere Namen ("Discreet Music"?).

An "On Land" und anderen Platten, die Eno von Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er realisierte, kann man jedenfalls immer noch sehr beeindruckend ablesen, wie eine bewusste Reduktion der Mittel die Chancen erhöht, als Sound zeitlos zu werden, also auf etwas hinzusteuern, was man eigentlich, weil man so sehr in der eigenen Zeit verhaftet ist, gar nicht wirklich zielsicher ansteuern kann. Eno hat's aber rausgehabt. Zusätzlich hat er sich eben auch mit Leuten umgeben, die es ebenfalls raushatten. Moebius und Roedelius zum Beispiel.

Das ganze "On Land"-Album ist bei YouTube als Stream anhörbar. Gute Gelegenheit, die Bürolautsprecher dezent aufzudrehen, die Landschaften zu kartieren, die im Geiste entstehen und sie mit dem I-Pod abzuscannen. Vielleicht landet man ja dann im Teufelsmoor nahe Bremen oder in den Hügeln vor Estremoz.


20.03.2012

TAKEO TOYAMA hallohallo2003



TAKEO TOYAMA  hello88
2003









Immer noch eine schöne, verspielte Platte mit extraniedlichem "Put a bird on it"-Cover. Eine dieser elektroakustischen, aber vorwiegend akustischen, oberfreundlichen Dinger zu Anfang bis Mitte der Nullerjahre, die auf Staubgold oder, wie in diesem Fall, auf Karaoke Kalk erschienen sind. Und oberfreundliche Platten sagen dann eben auch in (fast) allen Songtiteln "Hello ..." statt "Fuck you ...".

Takeo Toyama ist ein Pianist, dessen zwirbelige Piano-Figuren nach klassischer Ausbildung duften wie ein Kirschbaumgarten im Frühling. Zwischen Kinderlied, einreißenden elektroakustischen Etuden und leichtem, hakig komponiertem Kammerensemble-Sound klingt "Hello 88", das trotz vorgeblicher Naivität in Titel- und Umschlaggestaltung doch gleich mit dem ersten Song klarmacht, dass wir es hier mit Erwachsenenmusik zu tun haben: "Hello Porno".

Das mit den einreißenden Etuden nehme ich gleich wieder zurück, denn es war nur der Staub an der Nadel, der die Etude reißen ließ. Aber trotz Staubbefreiung bleibt "Hello Bricks" ein frei von Songstrukturen komponiertes Klöppel- und Kurzgeräusch-Stück. Das freundlich und verhalten besungene "Hello Friends" hätte es sich in seinem kleinteiligen Patchwork auch auf "Smiley Smile" gemütlich machen können (oder eben tatsächlich auf "Friends"), bis es dann mit polternden Drums, hartem Klavieranschlag und Progsynthie eine unerwartete Wendung nimmt, in die sich immer wieder tropikalistische Bläser einmischen. Auch sonst werden Sixtiesimpressionen durchgespielt, wie sie Lætitia Sadier auch nicht besser auf abgelegenen Flohmärkten hätte ausgraben können ("Hello Kettle").

Also es tut sich was auf "Hello88". Maxi- und Miniaturen, Popsong und liebliches Sperrgut. Mein Lieblingsstück war bis vor kurzem das beatleske "Hello Birds", aber mittlerweile kann ich die gesamte Veranstaltung als kleines, immer noch beständig hörenswertes Meisterwerk dem geneigten Hörer an die Ohren legen.




19.03.2012

GENERAL STRIKE frischegeheimnis


 
GENERAL STRIKE: Danger in Paradise

Steve Beresford, David Toop, David Cunningham (Tape-Behandlungen)







Verlorenes Juwel aus dem Cunninghamschen Wurmloch, eingespielt 1979, 1981 und 1982, dann im selben Jahr gemixt, zusätzlich nochmal gemixt 1984 und 1995, dem Jahr, in dem sich das Teil das erste Mal auf CD materialisiert hat. 2011 gab's dann nochmal einen Mix druff, und nun in voller Pracht über Staubgold als LP zu haben. Was wie eine zähe Geschichte klingt, ist in Wirklichkeit ein locker zu hörender Reigen duchaus nicht immer unschwieriger Bestandteile.Wie bei David Toop durchaus üblich, wird knackig mäandert, man steigt mittendrin in etwas ein, und findet dann einen Ausgang an unüblicher Stelle. So wie Toop im Grunde auch seine Texte über Musik verfasst, nämlich als freies Spiel individueller Verknüpfungen. Und das zusammen mit dem Pop-Appeal von 2-4-Minuten-Stücken macht wahrscheinlich auch das Geheimnis aus, warum General Strike total frisch wirkt.

Dem Entstehungszeitpunkt und den teilnehmenden Musikanten und Tape-Bearbeitern geschuldet, klingt General Strike ziemlich exakt wie Flying Lizards ohne Schepperzeug und plus dem Gedubbe von "The Secret Dub Life of The Flying Lizards". Addiere Exotica-Listening-Charme, 'n büschen Jazz und erfreue dich an diesem verspielten, aber ernst zu nehmenden Konglomerat, über dem auch Sun-Ra-Coverversionen ganz selbstverständlich schweben wie UFOS über südländische Urlaubstrände. Planschiges Meisterwerk, mich völlig begeisternd.



02.03.2012

MURDER BALLADS tollste mordballaden










Meister-Mord-Balladiers THE BLUE SKY BOYS




Die Mordballade ist ein essenzieller Bestandteil des Urgebräus, aus dem die Pop-Musik, wie fast alle von euch da draußen und Nick Cave noch dazu sie so lieben, entstanden ist. Denn sie verhandelt das blutige Geschehen mit eingängigen Harmonien, sanften Schlägen und einer Beiläufigkeit, die im ersten Moment glauben lässt, man habe sich verhört: Ist wirklich gerade inmitten der Schunkelei ein Mord geschehen? Oft beginnt es ganz harmlos, geht harmlos weiter und hastenichtgesehen wird am Ende eine Leiche unten am Fluss begraben. Manchmal schließt sich noch eine Strophe an, in der der Mörder wahlweise bereut, davonkommt oder aufgehängt wird. Je nach Song - aber auch je nach Version desselben Songs.

Jedes Mal, wenn einem eine Mordballade im Kopf herumgeistert und man das nicht sofort kundtut, stirbt ein Seemann, so ein altes Sprichwort von diesem Jahr. Tut also bitte mindestens in diesem Mordballaden-Blog sofort kund, wenn einem eine Ballade in den Sinn kommt, die jenes tragische Geschehen besingt, in dessen Verlauf jemand koppheister geht.

Ich mach mal den Anfang mit "Down On The Banks of Ohio" in der schnuffig-schönen Version der Blue Sky Boys, und "Pretty Polly" in der skelettierten Version von Dogg Bocks. Von Zeit zu Zeit werde ich vielleicht noch ein paar weitere Beispiele hier posten. Viel lieber hoffe ich aber auf die Mithilfe von, ja, Dir!