28.02.2012

DILLARD & CLARK ich war country-rock bevor du warst country-rock








 
DILLARD & CLARK
the fantastic expedition of dillard & clark
1968
WVÖ 2011 (sundazed)




Fiese und unerwartete Plattenspieler-Inbesitznahme im Hause Ahrensfeld: Seit Tagen liegen bräsige 180 Gramm "The Fantastic Expedition Of Dillard & Clark" auf dem Player und wollen nicht weichen. Neuerscheunungen stapeln sich, Alterscheinungen protestieren stumm mit Liegeblockaden auf dem Fußboden. Zu Hilfe gerufene Freunde und Verwandte weigern sich, die Blockierer wegzutragen. Ihr lächerliches Argument: " Pack die olle schwarze Scheibe vom Teller, denn niemand braucht 44 Jahre alten Bluegrass-Pop!"

Brauch ich aber doch, den 44 Jahre alten Bluegrass-Pop, den Gene Clark mit seinem alten Banjo-Kumpel Doug Dillard 1968 eher mal ohne gezielte Absicht zusammengezimmert hat. Und außerdem ist gar nicht sooo viel Bluegrass im Pop. Was auch gaaaanz wenig vorkommt, sind Drums, die meistens gerade mal den Takt halten dürfen, wenn sie denn vorkommen, irgendwo im Hintergrund. Merkt man aber gar nicht, denn die Beats sind trotzdem drin, irgendwie und irgendwo in den Gitarren, Banjos, Mandolinen, Bässen und einer gelegentlichen Orgel. Kam halt alles einfach so.

Nämlich so: Eigentlich sollte Doug Dillard nur mal ein bisschen bei den Sessions mitspielen, die Gene Clark nach dem Abgang von den Byrds für eine Solo-Platte anberaumte (Gene Clark schrieb "Eight Miles High", dazu noch die ein oder andere Komposition, die auf der B-Seite von erfolgreichen Singles früher Byrds-Inkarnationen landete und die ihn dazu befähigte, plötzlich mit rotem Ferrari vorzufahren, was den jenerzeit eher klammen, weil wenig komponierenden Byrds-Kollegen irgendwie nicht so gut gefiel). Dann mutierten die Sessions aber irgendwie zu "Dillard & Clark", und heraus kam Country-Byrds, bevor die Byrds überhaupt selbst zu Country-Byrds wurden. Ersetze dabei einfach Roger McGuinns Rickenbacker durch Doug Dillards Earl-Scruggs-Banjogeflicker, addiere die samtenen, tollen Melodien Gene Clarks, die immer schon dem Sehnen ihre Vergeblichkeit vorausschicken, bevor der Protagonist überhaupt angefangen hat, vergeblich zu sehnen, und der stattdessen ahnungslos noch voller Optimismus ... - so wie eben auf "The Fantastic Expedition Of ...", das gutgelaunt und mit tollen fast auschließlich selbstkomponierten Songs daherkommt, die allesamt klingen wie vom Dachboden der elterlichen Farm aus alten Songbooks amerikanischer Folk-Musik zusammengeklaut und in 1968er Alles-ist-möglich-Laune dahergezupft.

Um Tragik musste sich hier niemand kümmern, denn die ist bei Gene Clark sowieso schon immer automatisch mit eingebaut gewesen. So hatte denn Clark nicht nur im Spielen, sondern auch im Trinken in Dillard einen kongenialen Kumpel zur Seite, die zusammen das musikalische Niveau von "The Fantastic Expedition Of ..." denn auch nicht lange zu halten vermochten und in der Folge mit sturzbesoffenen Auftritten alle Hoffnungen auf Geld und anhaltenden Ruhm fahren ließen. Es folgte noch eine, wie man liest, recht maue zweite Platte mit vorwiegend Cover-Versionen, weil das Duo kaum noch eigene Songs gebacken bekam, und die sich die Zu-Zeiten-Redaktion konsequenterweise dann erstmal geschenkt hat - für irgendwas müssen die Rezensionen der Musikschreiber-Kollegen ja gut sein.

Dankenswerterweise hat Sundazed die ungefähr 28 Minuten lange erste Expedition von Dillard & Clark letztes Jahr als Vinyl wiederveröffentlicht. Doug Dillard ist auf acht von acht Fotos abgebildet und grinst genau acht Mal.

26.02.2012

CLANCY ECCLES - versteckter gigant








Clancy Eccles & Friends - Fatty Fatty 1967-1970  
1988




Mir ist der 2005 verstorbene Reggae-Produzent und Sozialist Clancy Eccles erst seit Kurzem bekannt, habe mich aber gleich nach Kauf von "Fatty Fatty" - einer Zusammenstellung auf Trojan Records (1988), die Instrumentals, soulige Ditties und andere Töter aus dem Grenzgebiet von Rocksteady und frühem Reggae vereint - in seinen sehr sorgfältigen Produktionsstil verliebt. Wieso musste ich geschlagene zwei Jahre um die LP herumschleichen, bevor ich dann doch die läppischen 10 Euro dafür hinlegte? Ewige Rätsel. Egal. Die Dynamites mit ihren kruden Instrumentals haben es mir gerade besonders angetan.

13.02.2012

WIRE solche und solche dinger









WIRE pink flag
1977




Wires Pink Flag: 21 Songs in 35 Minuten etwa. Nach Jahrzehnten muss ich sagen, dass mir die langsameren und längeren Stücke doch besser gefallen in ihrer funkig-schleppenden Grimmigkeit, als die kurzen Kunstpunk-Dinger, zumindest als die kurzen Kunstpunk-Dinger, die dann wiederum nicht kurz genug sind, um wirklich als Leck-mich-am-Arsch-Kurzpunk durchgehen zu können.

Wenn mir je mal jemand eine Antwort auf die Frage nach den fünf besten drei Platten, die nacheinander von einer Band/einem Typen (m/w)/ einem Orchester (etc) eingespielt worden sind, abverlangen würde, dann wären die ersten drei Wire-LPs "Pink Flag", "Chairs Missing" und "154" zwingend dabei. In einem Rutsch innerhalb von zwei Jahren entstanden, im Nachhinein folgerichtig aufeinander aufbauend und gleichzeitig jeweils Lichtjahre an Abstraktion hinzu gewinnend.

Danach war die Eisscholle soweit zur Sonne gedriftet und geschmolzen, dass kein Platz mehr für alle war. Lewis und Gilbert machten dann alleine eine großartige Ambient-Platte mit ziemlich Ambient-untypischer Schärfe ("Dome"), Newman machte noch eine tolle, aber eben doch nicht ganz so tolle Wire-Platte ("A-Z"), wie sie Wire vielleicht noch etwas besser hinbekommen hätte - und Wire selbst verlor sich etwas in den 1980ern in beliebige, etwas gestrig klingende Ambient-Experimente ("The Ideal Copy"), die wiederum Lewis und Gilbert auf "Dome" dann doch besser hinbekommen hatten. Heute gebürt die Platte des Tages aber "Pink Flag".

01.02.2012

PEAKING LIGHTS sonne scheint (draußen)








PEAKING LIGHTS "936"

2011





Als wäre die Zeit stehengeblieben. Im Dub. Das tut sie eigentlich seit 30 Jahren schon. Immer wieder hat es den Anschein, als geht sie dann doch weiter, die Zeit: Echos verschwinden wieder, oder gehen in neuen Klanggeneratoren auf, die erst mal sehr aufregend sind, weil man so viel aus ihnen herauszuholen glaubt. Maschinen bieten prima Möglichkeiten, Musik am Laufen zu halten, aber das was da läuft, muss vorher trotzdem erst mal auf die Beine gestellt werden. Und wenn erst mal alles soweit steht, kann man's meistens auch einfach so lassen, ohne die Möglichkeiten der Maschinen gänzlich auszureizen. Und wenn statt einem Mehr das Wenige eigentlich reicht, kommt doch das Echo wieder zurück. Und damit der Dub. Ein ewiger Kreislauf.

Während aber besagte Tontechniker in den 1970ern im Dub eher die dunkle Seite des Originals herausarbeiteten, wo sie dann entsprechend mit Schlagzeugbomben, zischelnden Snares, vereinsamt stehen gelassenen Silbenfetzen oder Tonband-Endfiepen unheimlich Unheimliches hervorkriechen ließen, haben es Peaking Lights aus Wisconsin da eher mit der Sonnenseite des Lebens. An den Songtiteln von "936" kann man das Gemüt des zart dubbigen Duos gut erkennen: „All The Sun That Shines“, „Birds Of Paradise“, „Amazing And Wonderful“ oder auch einfach „Summertime“. Was aber natürlich nicht im Entferntesten schlechter ist, als immer nur dem guten Bösen das Wort zu reden, denn man kann ja nicht immer nur dem Dunklen und Hässlichen frönen (das sagte so ähnlich auch schon Greg Norton, der Bassist der Hardcore-Schredderer Hüsker Dü, als er mal sinngemäß feststellte, dass er sicher nicht Hüsker Dü’schen Hochgeschwindigkeits-Metal-Punk zu hören pflegt, wenn er mal tagsüber gedankenverloren mit dem Walkman durch die Stadt spazieren gehen würde).  

Und da man meist ausgerechnet in schattigen Studios oder Appartements an solch sonnigen Dingen arbeitet, also die Sonne genau dort nicht scheint, wo man ihr zu ehren ein paar Audiospuren vollgroovt, schwebt meist eine leichte Melancholie mit in den Tracks von Peaking Lights. Man will halt raus, dahin, wo der Grund für die Tracks liegt – das Leben in der Sonne - anstatt die Musik für diesen Grund zu machen. Die leichte Melancholie zeigt sich dann im etwas elegisch langgezogenen Gesang von Indra Dunis  (die zusammen mit Aaron Coyes das Duo Peaking Lights bildet). Deren gefährlich elfenhafte Stimme wird zum Glück aber immer wieder hübsch konterkariert von brummeligen Bassfiguren, grummelnder Elektronik, rumpelnden Drums und kleindröseligen Keyboard-Figürchen. Das ist spannend zusammengeführt und will der Sonne gar keine Konkurrenz machen. Die macht draußen eh was sie will, nämlich scheinen.

Dass Peaking Lights aber trotzdem das Opfer auf sich genommen haben, sich fürs Kämmerlein und die Musik zu entscheiden, hat der Welt ermöglicht, dieses Album zu hören. Ihr Opfer hat sich gelohnt. Und jetzt raus aus dem Haus, Sonne genießen! Aber bitte warm anziehen.