30.12.2011

ASSOCIATES es ist freitag es ist ostern









ASSOCIATES fouth drawer down
1981



Heute im Test: Associates (ohne vorangestellten Artikel!): "The Affectionate Punch" habe ich vor Ewigkeiten verkauft, "Sulk" habe ich vor Ewigkeiten verkauft, "Fourth Drawer Down" habe ich behalten. Wegen "Tell Me Easter's On Friday". Und besonders wegen "White Car In Germany" - das ist einer derjenigen Dinger, die mich in Dekaden nie verlassen haben. Und "Easter's" hat zudem noch einen absolut tollen Mittelteil, wo der Bass so reinmumpft, alles irgendwie in die Schwebe geht - super. "The Associate" ist ein irgendwie auf damaliges Zeitniveau gebrachter "Miss-Marple"-Soundtrack, gepaart mit den Residents (deren Musik der 1970er sich übrigens auch wieder mit einiger Macht in mein Leben zu drängen beginnt) - höre ich gerade und find's immer noch sehr gelungen.

Fantastisch auch der "White-Car"-Nachklapp "An Even Whiter Car": Auf Superzeitlupe runtergepitchter Synthie-Oper-Dub. "A Girl Named Property" hat am Anfang ein tolles Synthie-Riddim (kein Wunder, ist nämlich der von "White Car In Germany"), "Q Quarters" ist ein auch heute noch musikalisch interessanter dunkler Schleicher. Also ich sag mal: Mindestens die Hälfte von "Fouth Drawer Down" lohnt sich auch 2011. Ja, ich wage sogar die Prognose, mindestens die Hälfte von "Fouth Drawer Down" lohnt sich auch 2012.

29.12.2011

THE FALL hat hirn









Von niemandem lasse ich mich so gerne beleidigen wie von Mark E. Smith. Da traf es sich gut, dass ich dieses Jahr zufällig eine alte, in schludrigem Scheißsound ratternde Fall-Platte von 1980 in die Hände bekam, wo er diese Disziplin live vor recht ahnungslosem Wochenend-Publikum ausspielen konnte („Totale’s Turn’s (‚It’s Now Or Never‘)“). Und so nutzte ich nicht nur die Gelegenheit, mich dafür verachten zu lassen, dass ich im Gegensatz zu The Fall kein Gehirn habe, sondern eben auch mal eine alte Fall-Platte gegen eine nagelneue abgleichen zu können.

Die nagelneue heißt Ersatz GB, und spontan dachte ich, der gute Mark meint mit Ersatzgroßbritannien vielleicht Berlin, wo er in den letzten Jahren zusammen mit seiner Lebensgefährtin einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Tour-losen Freizeit verbracht hat. Ein konzentriertes Lauschen auf die Lyrics von „Ersatz GB“ offenbarte mir dann allerdings keinen wirklichen Hinweis auf Berlin, sofern ich Mark. E. Smiths mittlerweile zahnlückengeprägtes Gesangspfeifen richtig interpretiert habe, aber wer in aller Welt versteht schon Fall-Lyrics ohne Textblatt? Das lange „Monocard“ deutet seine Tauglichkeit zum Fall-Klassiker an: Eine langsame, einprägsame Bassfigur wird von Billig-Synthie, hintergründig rumkratzender E-Gitarre und Drums kantig umspült, dazwischen zischt Mark E. seine Schlagzeilen-Verse wie alchimistische Formeln in der Tradition von „Bremen Nacht“, „Hotel Blöedel“ oder „Detectice Instinct“. Das Zeug hat Potenzial für über Jahre permutierte Live-Versionen.

Auf den anderen Stücken verlässt der Beat nur selten die Schnur, das Tempo ist hoch und ich würde mal behaupten, The Fall haben schon lange nicht mehr so formvollendet und bassbetont ihren Sound vermumpft und vergroovt wie auf „Ersatz GB“. Die Powerakkord-Hardrock-Schiene ist wieder in den Hintergrund getreten. Mehr Can als AC/DC. Ich frage mich gerade, ob ich überhaupt einen einzigen Refrain gehört habe, messe aber der Antwort darauf keine Bedeutung zu.

28.12.2011

TOM WAITS böse gut





Mehr Heulen von Tom Waits, der nach sieben Jahren und seiner (für mich) besten und schmutzigsten Platte – „Real Gone“ – nun wieder etwas weiter ausholt und auf Bad As Me für seine Verhältnisse ein wenig geschmeidiger seine Verlust- und Verlierer-Tableaus bereitet. Geschmeidiger, aber nicht gefälliger, denn auch hier wummert immer der Untergrund mit, legt sich eine dumpfe Schicht Lebenserfahrung auf die Songs wie ein Hörsturz. Neben ein bisschen Blech, seiner Frau und Co-Komponistin Kathleen Brennan, seinen langjährigen Bandgesellen wie Sohnemann und Drummer Casey Waits und dem wie immer stilsicher haarscharf neben der Spur spielenden Gitarristen Marc Ribot, ist ihm unter anderem auch Keith Richards unauffällig und mannschaftsdienlich beim Verdrecken der Akkorde behilflich.

Die bitter-melancholischeren Songs wie „Face To The Highway“ oder „Pay Me“ sind mit die besten, die Waits je zustande gebracht hat. Auch weil Waits hier seine Stimme einfach singen lässt, anstatt sie als Tom-Waits-Stimme auszustellen. Die rhythmischen, klopfenden Blues-A-Billy-Nummern wie „Raised Right Men“ oder das Titelstück wissen durch ihre belassene Primitivität zu begeistern. Ebenso das auf old-time gebürstete „Kiss Me“, wo Waits recht einsam im Treibsand alten Schellack-Rauschens versinkt.

Die zweite Albumhälfte scheint mir etwas abzufallen, aber das kann sich mit zunehmender Hördauer auch noch legen (ich gehöre ja immer noch zu den Irren, die Musik mehrmals hören). Das 16-seitige, LP-formatige Booklet der Vinyl-Version wartet übrigens mit sehr alters- und augenfreundlicher Großschrift auf. Dafür meinen herzlichen Dank. Eine CD-Version des Albums ist dem Vinyl beigefügt.









TOM WAITS bad as me
2011

27.12.2011

THE 13TH FLOOR ELEVATORS heul doch!











THE 13TH FLOOR ELEVATORS the psychedelic sounds of the ...1966 - mono-reissue 2011



Bisher war in der kleinen Zu-Zeiten-Reihe "Musik 2011" nur von Klopf-, jedoch noch nicht von Heul-Psychedelik die Rede. Das ändert sich nun, gab es doch dieses Jahr eine Wiederveröffentlichung zu begehen, die einem jahrzehntealten bahnbrechenden Geheule und Geklapper endlich wieder im adäquaten In-die-Fresse-Mono huldigt. Ich rede von der ersten Platte der texanischen 13th Floor Elevators - „The Psychedelic Sounds of …“ – die 1965/66 im Prinzip die ersten waren, die Acid-Rock nicht nur erfanden, sondern gleich zu voller, giftiger Blüte entwickelten. Sundazed, das Speziallabel für Qualitäts-Reissues, veröffentlichte heuer das Album als Mono-LP-Version, von der damals bei der Erstveröffentlichung nur wenige Exemplare in den Verkauf gelangten. Das wummert und keift einen dermaßen offensiv und gefährlich an, wie es die zahlreichen, recht dünnsoundigen Nachpressungen und CD-Veröffentlichungen der Stereo-Version der letzten Jahrzehnte nie vermochten.

26.12.2011

MASTER MUSICIANS OF BUKKAKE klopfpsychedelik











MASTER MUSICIANS OF BUKKAKE totem 3
2011




Sprach ich vorhin vor zwei Tagen von ernstzunehmenden Scherzkeksen, die sich regelmäßig unter dem Namen GRAILS versammeln, könnte man noch mehr Scherze, allerdings der derben Art, unter der Projektbezeichnung Master Musicians Of Bukkake vermuten. Gute Güte, dieser Name! Ich stehe nicht auf solche Wortschoten. Ein schlimmer Herrenwitz, zusammengesetzt aus den durchaus hier musikalisch Einfluss gebenden marokkanischen „Master Musicians of Joujouka“ auf der einen und einer besonders erniedrigenden, asiatischen Pornospielart auf der anderen Seite. So verbaute mir der Name lange Zeit den Zugang zu den Master Musicians Of Bukkake. Ich konnte jedoch nicht anders, als immer wieder eingeschüchtert um sie herum zu schleichen, denn die Eckdaten klangen vielversprechend: Ein Bandprojekt aus dem Umfeld von Earth, SunnO))) und anderen dem Metallgedoome nicht abgeneigten Bands, ergänzt um den ein oder anderen Gast aus dem Kreis der Sun City Girls oder aus der ans Traditionelle angedockten Musikszene Istanbuls.

Irgendwann riskierte ich dann doch mal ein Ohr in ihre Totem“-Albumtrilogie - und siehe da, es gefiel mir. Rurale Klopfpsychedelik durchaus in der Tradition stehend von „Six Things To A Circle“ von den Residents oder „Sense Of The Senseless“ von den Sunburned Hand Of The Man. Aber auch This Heat’s „Fall Of Saigon“ kommt mir in den Sinn, nur dass dessen fiebriger Groove der Kriegführung einer Weltmacht neueren Datums geschuldet ist, während die Master Musicians of Bukkake ihre Rituale einem altertümlichen Sonnengott südamerikanischer Wahl darzubieten scheinen. Die komplett sample-freie „Totem“-Trilogie folgt denn auch mehr dem Weg kultureller Weiterentwicklung anstatt bei In-Die-Steinzeit-Zerbombungen und Kriegstraumata stehen zu bleiben:

Wird auf „Totem 1“ noch vermehrt mittels archaisch-rituellen Klopfens eine wie auch immer erreichte Errungenschaft gefeiert, beschreibt „Totem 2“ manchmal zwischen den perkussiven Prozessen Phasen der Kontemplation: Tiefe e-gitarreske Drones und langezogene Gesänge zeugen von der gedanklichen Verarbeitung des Erreichten – durchaus auch mal in Form von Albträumen. Auf „Totem 3“ schließlich führt die Verarbeitung zu ersten symbiotischen Ergebnissen: Das Instrumentarium erweitert sich, die Musik differenziert sich aus anfänglichen tibetanisch angehauchten Brummchören, Klingeln, Flöten und Trompeten über eine geradezu fröhliche Tanzweise zu vermehrt eingebauten elektrischen Krachflächen. Am Ende steht dann nach zwischenzeitlich etwas ödem Gebetsgemurmel ein Synthesizer-Stück, dessen markantes Motiv nach einer narrativen Verfilmung der Gesamtereignisse durch John Carpenter ruft.

Wem das aber alles zu sämig und zäh erscheint, der greife sofort zu jener EP der Meistermusikanten, die sie letztes Jahr für Latitudes (Southern) aufgenommen haben: Zwei Live-Stücke, von denen „Elogia De La Sombra“ von einem unwiderstehlich motorischen NEU!-Beat angetrieben wird, der sich über 16 Minuten in das gleichnamige Gedicht von Jorge Luis Borges hineindreht.



24.12.2011

GRAILS im motivationsverlies




GRAILS deep politics

2011


Auch dieses Jahr wird wieder rundum geschlagen. Denjenigen, die über die häufig gepflegte Tradition der Jahresrückblicke meckern müssen, sei gesagt, dass das kalendarische Jahresende auch meist eine Zeit ist, in der man ein wenig aus dem Arbeiten herauskommt, der Kopf aber noch so im Arbeitsmodus steckt, dass er endlich mal aus freien Stücken formulieren will, bevor dann die große, lähmende Erschlaffung der Festtage folgt. Jahresrückblicke zur Weihnachtszeit bieten sich daher gut an, diesem Formulierierungsdrang ein flauschiges Heim zu bereiten. Schallend lachend mit dem Finger zeigen sollte man dagegen auf Jahresrückblicklisten, die nur kommentarlos Name und Titel hinklatschen und denken, mit einem stumpfen YouTube-Link wäre auch nur irgendwas erklärt. Listen und Rückblicke gehören mit begleitenden Worten geschmückt, sonst sind sie (außer für den Auflister) völlig uninteressant.

Also an die Arbeit.

Gearbeitet habe ich übrigens mal für ein global aktives, amerikanisches Unternehmen, wo sich ein Tropf berufen fühlte, eine CD voll „motivierender“ Unternehmensmusik zu komponieren. Die Tracks wurden mit kurzen Beschreibungen hinterlegt, die die stimulierenden Effekte für Mitarbeiter und Konsumenten herauszustellen versuchten. Ich habe die CD leider nicht mehr finden können. Auf Tagungen kam die völlig bedeutungslose, auf Simpelstdramatik und handzahmen Midi-Sounds aufgebaute Musik auch nie zum Einsatz. Dort lief immer nur „I Got The Power” (Snap), „Simply The Best“ (Tina Turner) oder „All Together Now“ (The Farm). Umso mehr weiß ich die feine Ironie der trippigen Spießgesellen namens GRAILS zu schätzen, die eben genau mit dem Unterbau „Unternehmensmusik“ ihren sieben Giganto-Post-Rock-Tracks auf „Deep Politics“ ein subversives Fundament bereiten, um deine niedersten Kaufimpulse zu wecken, lieber Verbraucher.

Welcher Verkaufsartikel nach dem Anhören allerdings den Weg in den Warenkorb findet, vermag ich nicht zu sagen. Wird er Glück versprechen oder allgemeine Lähmung? Ich wähle letzteres. Denn GRAILS sind Meister in der Vermengung von kellerfolterig dunklen und dröhnenden Stimmungen mit ihren irgendwie hauptstromigeren Verwandten, die da wären zum Beispiel Ennio-Morricone- und ähnlich gekonnt mystifizierende Score-Kompositionen, Indien, Castaneda-Schamanentum, Strange Listening Musik von Martin Denny oder Esquivel bis zu den Töchtern von „Bilitis“. Diesmal lassen GRAILS das Pendel mehr in Richtung Morricone ausschlagen, es hat aber auch schon Alben gegeben, wo das Folterverlies durch Pappmaché-Wände aus Eso-Versatzstücken einen etwas anderen Tarnanstrich bekam. Es lohnt sich jedenfalls immer wieder, diesen ernstzunehmenden Scherzkeksen in ihre Monumentaltracks zu folgen.

Musik 2011 wird fortgesetzt




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