16.09.2011

GRIMM ein kessel schwärze







GRIMM vol. 1 buch 1


Ganz in Schwarz, ein unheiliger Block erlesensten, langlebigen Papiers, auf dem luxuriös eine erhoben aufgedruckte Schabe thront. Der Einband so pappfest, dass sich an ihm jedes Ungeziefer auch in zig Jahren noch die Mandibeln stumpfreiben wird. Gedruckt für die Ewigkeit, also „bis zum Atomkrieg“ (Redakteur Lars Brinkmann) – das ist GRIMM Vol. 1 Buch 1, die erste Ausgabe eines schummrigen Kultur-Almanachs aus dem Jahre 2010 nach unserer Zeitrechnung, der so locker blasphemisch in der Hand liegt wie das Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Al-Hazred.


Grafisch und auch thematisch kann man GRIMM durchaus als Nachfahre des legendären, 1969 von Rolf-Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla herausgegebenen „ACID“-Readers, lesen. „Es ist der Versuch, neue Perspektiven aus einem veränderten Kulturbewusstsein heraus zu schaffen. Ein Non-Stop-LSD-Trip alltäglichen Lebens“ beschrieb Rolf-Dieter Brinkmann die erhoffte Wirkung von „ACID“. Für das GRIMM-Projekt könnte irgendwann das Gleiche gelten – falls der Atem für noch mehr als diese eine Ausgabe reichen sollte, die immerhin auch schon wieder anderthalb Jahre auf dem grimmigen Buckel hat, was aber in Zeiten, wo sowieso alle kulturellen Zeiten bis zum Stillstand ineinander purzeln, auch schon wieder egal ist.

GRIMM hangelt sich ohne Rücksicht auf Kontinuität oder Zielgruppendefinition durch die unterschiedlichsten Bereiche von Kunst und Wissenschaft, wildert in der Musik genauso wie in den bildenden Künsten, der Wirtschaft, Biologie, Literatur, Politik und dem ghanaischen Sargschreinerwesen. Ein Bericht über das unabhängigste Bakterium der Welt findet dort ebenso seinen Platz wie eine feuchte Delirierung zu Abba-Ikone Agneta Fältskog. Der neugierige Umblätterer begegnet einer Abhandlung über die Bedeutung von Büchern für die Waffen-SS (Fazit: Ziemlich wenig Bedeutung, außer es geht um die Vermeidung von Stromschlägen beim Pinkeln von Brücken auf Starkstrommasten), ebenso wie einer Fotostrecke über eine preisgekrönten Plakatserie gegen den Irak-Krieg, wo quasi die Waffen den Kriegführenden bildlich in die eigenen Schwänze beißen - wenn man mit den Plakatmotiven Säulen im vollen Umfang umklebt.

Und GRIMM lässt dabei selten eine Gelegenheit aus, auch den P!O!P!-Schreibern mit einem warmen Strahl kundiger Sätze ans Bein zu pinkeln. Das Leben ist halt echt nicht so einfach zu erklären, böse Menschen haben doch manchmal gute Lieder, und man muss differenzieren, ohne mittels popkultureller Kontextualisierung gleich wieder zu verharmlosen („Ist doch alles nicht so ernst gemeint!“). So etwas lernt der der Kunst Verfallene, wenn die Kunst zuerst da war und man erst bei näherer Beschäftigung merkt, dass eventuell doch ein Arschloch dahinterstecken könnte. Dann muss man sich entscheiden: Die jeweilige Kunst trotzdem lieben oder sich enttäuscht abwenden. Spätestens, wenn man sich für die Kunst entscheidet, beginnt die Differenzierung wichtig zu werden.

Eine Prise Satan verstreut der Bericht über die auch von mir geschätzten belgischen, dunkeldürren Dröhndruiden „Sylvester Anfang“, die sich vor einiger Zeit in „Sylvester Anfang II“ umbenannten. Und wer jetzt ob der „II“ die Biege zu kosmischen Krautkommunen kriegt, der gewinnt einen Ziegenhoden – den man mit etwas Glück vielleicht auch in der Fotoserie finden kann, die Alfred Jansen in einem Schlachthof unserer Republik schoss. Da kann sich Deutschland endlich mal auf die Schulter klopfen: Ohne das mutige Konsumverhalten der deutschen Karnivoren wären solch ästhetisch in Szene gesetzten Motive roher Fleisch-, Fell- und Knochenberge dem Fotograf wohl nie vor die Linse bekommen. Bei einer entsprechenden Ausstellung wurden die Bilder – wie GRIMM berichtet - aus der Ferne gar für liebliche, farblich ansprechende Blätterhaufen gehalten. Da kommt das Grauen dann bei näherer Betrachtung umso schleichender angekrochen. Das verstört. Das soll es auch.

Und so gestalten Brinkmann („Die Redaktion bin ich“) und seine Designergesellen mit Detailreichtum bis zum Overkill immer wieder gegen die mancherorts streng konzipierte und nicht selten preisgekrönte Layout-Langeweile der Print-Welt an. Es gibt entsprechend viel zu gucken bei GRIMM. Kleine, dunkle Stollen optischer Reize, die in Labyrinthe unterschiedlicher Schrifttypen führen, bis man sich unversehens auf der nächsten Seite plötzlich einer fast leeren, weißen Seite gegenüber sieht, auf der nur wenige Buchstaben tanzen. Solche Layout-Wagnisse kann man nicht twittern. Die kann man noch nicht mal E-Book-en, denn gegen die haptischen Eindrücke unterschiedlichsten Papiers, das hier zum Einsatz kommt, verkommt der Bildschirm zum seelenlosen Plasmablubberer.


Was die Freude etwas trübt: GRIMM Vol. 1 Buch 1 ist ein Männermagazin. 27 von 27 Beiträgen sind von den Herren der Schöpfung erstellt, wenn mich nicht alles täuscht. Die einzige Frau, die im Umfeld von GRIMM Erwähnung findet, ist eine ältere Dame, die die Auflage von 1500 Stück handnummerieren durfte. Da sollte der Männer-Club vielleicht mal über seine Satzung nachdenken und auch Frauen nicht nur zu Handlangerdiensten die Aufnahme gewähren. Aber vielleicht interessieren sich einfach auch nicht so viele Frauen für einen kulturellen Schlagabtausch zwischen Trash-Abseiten, Schlachthof-Thrill, H.R.-Giger-Rip-Offs, barbusigen Action-Comic-Figuren in-a-hell, dezenten Satanisten-Provokationen und anderem dunklen Zeugs aus Musik, Film, Fernsehen und weiteren angeschlossenen Kunsthäusern. GRIMM ist aber wiederum auch gerade wegen seiner Unausgeglichenheit ein Gewinn. Es ist faktisch unmöglich, wirklich alle Beiträge gut zu finden, denn dann wäre man automatisch Lars Brinkmann, die One-Man-Redaktion. Und so gibt es in GRIMM Vol. 1 Buch 1 jede Menge prima Gelegenheiten, sich aufzuregen, interessante Abseiten zu entdecken, sich gammelfleischig zu ekeln, und überhaupt sich in einen faszinierend heterogenen Kosmos einsaugen zu lassen.

GRIMM Vol. 1 Buch 2 (oder GRIMM Vol. 2 Buch 1? - man weiß es nicht) sollte eigentlich schon im September letzten Jahres folgen, aber vielleicht wurde die in China gedruckte Auflage auch mitsamt Frachtschiff in irgendeinem Ozeansturm von dunklen Mächten in die Tiefe gezogen. Denn auch da unten am Meeresgrund möchte man womöglich etwas Erbauliches zum Lesen haben. Und mit ein bisschen Wohlwollen der Mächtigen könnte das Meer die Auflage etwas später ausgelesen wieder ausspucken. Vielleicht erscheint GRIMM 2 dann ja frisch gewaschen in Weiß, wie John und Yoko. Die Brinkmann übrigens nicht mag, soviel ich weiß.

Restexemplare von GRIMM Vol. 1 Buch 1 sind vielleicht noch in gut sortierten, aber extrem unaufgeräumten Bahnhofsbuchandlungen zu finden. Ansonsten einfach mal bei grimmoire.de nachfragen.

Nach neuesten Informationen erscheint die zweite Ausgabe voraussichtlich Anfang 2012. Bleibense dran.


Alle Fotos: grimmoire.de