02.06.2011

HELENA ESPVALL & MASAKI BATOH erntedank in babylon








HELENA ESPVALL & MASAKI BATOH overloaded ark

2009


Keine Musik hat mich die letzten Monate fröstelnder gemacht als Helena Espvalls „Travessa do Cabral“, zu finden auf einem Tribut-Album zu Ehren des amerikanischen Stahlsaitengitarristen Robbie Basho - „We Are All One, In The Sun“. Getrieben von diesen eiskalten Cello-Spuren, angeschupst von Espvalls Cello-Arbeit bei den zeitlupig drone-igen Philly-Folkern Espers - jener wundersamen, leider auf Eis gelegten Band der lebenden Giacomettifigur Greg Weeks - las ich ein paar kurze Zeilen über Helena Espvall in „Seasons They Change“, dem gekonnt narrativen Rundumschlag von Jeanette Leech über alles, was unter den eierigen Begriffen „Acid And Psychedelic Folk“ kreucht und fleucht, selbst wenn die Kreuchenden und Fleuchenden gar nicht wissen sollten, dass sie unter „Acid And Psychedelic Folk“ kreuchen und fleuchen. Muss man aber auch nicht immer auf die Goldwaage legen, die strenge Zuordnung. Unterhaltsames Buch jedenfalls.


Nun, jedenfalls wurde meine Aufmerksamkeit auf Helena Espvall gelenkt. Ich wollte ihren Spuren ein wenig folgen und gelangte dabei zu den beiden Alben, die sie mit dem japanischen Grateful-Kraut-Barden und Bandleader der Free-Impro-Gong-Inkarnationsgruppe GhostMasaki Batoh - aufnahm. Ist der erste Versuch der beiden für mich nur dadurch interessant, dass ich Kulturfremder offensichtlich noch nicht mal finnische von japanischer Folklore zu unterscheiden in der Lage bin (denn genau das meinen meine laienhaften, am Finnischen und Japanischen gänzlich untrainierten Ohren hier zu hören), habe ich dagegen einen kleinen Narren an ihrem zweiten Werk – „Overloaded Ark“ – gefressen.


Ich höre dort angedubbte, länger dümpelnde Tracks, die klingen wie an den Marktgeräuschen Babylons orientiert. Dann wieder sind's kleine heimelige, ganz leicht angepschyschedelischte Weltfolk-Intermezzi, in lustigen Sprachen intoniert (Finnisch? Schwedisch? Latein? Französisch?) und mit Seele durchhaucht, ohne ein dramatisch überschnappendes Gesangsorgan bemühen zu müssen. Die Espvall staubt halt nicht groß rum, um auch gesanglich zu überzeugen.


Die beiden Hauptprotagonisten an Gitarre, Cello, Harfe, Electronics, Orgel, Sho und Banjo holen sich übrigens kompetente Verstärkung durch die Bandkollegen von Ghost in Form von Junzo Tateiwa und Kazuo Ogino ins Archenhaus. Die bedienen zwar neben Drums, Perkussion und Piano auch so rätselhafte Instrumente wie Darbuka und Riq, können aber trotzdem nicht gegen die noch viel rätselhafterer geheißenden Instrumente anstinken, die der Meister antiker Musiken, Haruo Kondo, beisteuert: „Rauschpfeife, Crumhorn, Cornamuse, Hurdy Gurdy“. Allein die Poesie dieser Wortreihenfolge ist das Geld der Platte wert. Und natürlich erst recht, was die Beteiligten an musikalischen Exzerpten so damit raushauen.


In meiner verkorksten Fantasie feiern und tanzen auf derlei STOFF wie das fröhlich eröffnende „Little Blue Dragon“ nachts schottische, isoliert lebende Inselbewohner, wenn sie kurz zuvor in der Dämmerung ein brennendes Menschenopfer dargebracht haben, um den schlechten Ernteertrag der letzten Jahre für die Zukunft zu beenden. Da fällt mir ein: Hilft ein Menschenopfer eigentlich auch dabei, meine armseligen Fertigkeiten auf dem Banjo zu verbessern?


Ziehen wir diese Frage zurück und widmen uns lieber weiter der üppigen Landschaft von „Overloaded Ark“, die auch durch das an prächtigen Gelb- und Orange-Farben reiche Coverfoto in gleißendem Licht erscheint. Das Foto zeigt übrigens keine Prozession unbekannten Inhalts im Nahen Osten zu Zeiten der Arche Noah, sondern vermutlich eine Szene in Japan des 21. Jahrhunderts (Möbeltransport?), als zu gleißendem Licht in der japanischen Natur noch nicht der fade Beigeschmack von Caesium hinzu assoziiert wurde.

Auch auf der Coverrückseite sieht man die beiden Protagonisten noch friedlich an der japanischen Küste wasserumspült am Strand sitzen. Sie schauen zu uns auf wie junge Erwachsene, die das Leben noch vor sich haben. Aber als hätten sie den aktuellen japanischen Super-GAU schon 2009 geahnt, zieren Fotos vom atomar zerstörten Nagasaki den Label-Aufdruck der Vinylausgabe.


So freundlich und harmlos wirkt die Musik auf „Overloaded Ark“ nämlich gar nicht. Sie ist vielmehr durchsetzt mit dezent unheimlichen Stimmungen, wie sie unbeleckte Hörer befallen können, wenn sie Musik gewahr werden, deren Zusammenhang ihnen ein Rätsel ist. Denn fehlt die Kenntnis des Zusammenhangs, entspringt noch dem unschuldigsten Laut die vage Möglichkeit, dass er es nicht gut mit einem meint. Und einmal sogar versucht ein Track, mit unvermittelt einsetzendem fiesen Fiepen das Hörerohr zu sprengen! Ein Rat zur Güte: Lass dich drauf ein, aber erwarte nicht, dass es für dich automatisch ein gutes Ende nimmt.