25.02.2011

ALIEN SOUNDTRACKS chrome basho-junghans ornette coleman radiohead









STEFFEN BASHO-JUNGHANS
(foto: dothephantomlimbo)

Diesmal in „Musik für 2011“: Gitarren, Gitarren, Gitarren. Akustisch, elektrisch, schallend, knisternd, modifiziert, gestimmt, ungestimmt. Und fremd bisweilen auch. Sehr fremd, unheimlich fremd, willkommen fremd. Mit merkwürdigen Versuchsanordnungen und fiesem, manchmal sogar esoteriknahem Unterbau. Das neue Ding seit 700 Jahren.

Helios Creed ist ein ähnlich signifikanter Gitarrist wie beispielsweise Jimi Hendrix oder Michael Rother. Allesamt ziehen sie ihre Kunst nicht so sehr aus ihren zum Teil gigantischen technischen Fähigkeiten, sondern aus der sehr besonderen sonischen Sprache, die sie sprechen und die sie mit dem Rest ihrer Musik ziemlich einmalig verschränken.

Creeds Gitarrenspiel liegt dabei so ziemlich genau zwischen den oben genannten: Von Hendrix hat er den Feedback-Krach übernommen und um einiges brachialer weitergetrieben. Von Rother hat er die langgezogenen Schleifen und Schlieren übernommen und bis zum Ohrenschmerz scharf zugespitzt. Ein Meer undurchdringlicher Hässlichkeit umspült sein Spiel. Vielschichtige, fremde Etwasse aus Feedback und gleißenden Schreien, die in Wellentälern aus Bandmaschinen- und Sequenzer-Lärm untergehen und die sich ihnen dann wieder lärmüberströmt entgegenstemmen.

„Alien Soundtracks“ ist nicht nur Namensgeber dieses vierten Teils der 2010->2011-Serie, sondern auch der Titel eines Albums von 1978 von Chrome, der aus San Francisco stammenden Band von Helios Creed und Damon Edge, die ihre besten und verstörendsten Arbeiten in der Zeit von 1978-1983 veröffentlichten. In den letzten Monaten hat mich ihre Musik beständig begleitet, wie durch den schlürfender Rüssel eines Raumschiffs aus „Krieg der Welten“ wurde ich in ihre lärmigen Kammern gesogen.

Das musikalische und visuelle Gesamtkunstwerk von Chrome bildet eine unheilige Allianz aus vertrashten Science-Fiction- und Horror-Versatzstücken („Zombie Warfare“), DNA-Unkontrolle („Chromosome Damage“) und erstem Winken aus der binären Datenwelt („All Data Lost“). Songs faden einfach mittendrin aus, um dann wieder mutiert neu zu starten. Kosmische Neu!-Beats treiben den Lärm an und werden von Sequenzer und Metal-Gitarre zerraspelt wie Tauben in Flugzeugturbinen.
Chrom’sche Plattencover wirken wie in einem DoItYourself-Klebe- und Collage-Kurs an der Volkshochschule für mutierte Gestaltung entworfen: Ein Heile-Welt-Wohnzimmer der 1960er Jahre, in ungesundes Rosa getaucht, bekommt riesige Augen und einen Mund verpasst. Darüber ist mit Edding-Stift der kantige „Chrome“-Schriftzug gezogen („Alien Soundtracks“). Auf „Half Machine Lip Moves“ mimt eine bandagierte, bekittelte Schaufensterpuppe eine Mumie, eingefasste TV-Ausschnitte einer Treppe gaukeln die labyrinthischen Gänge einer Pyramide vor, die auch gleich noch als Y-Tong-artiges Dreieck abgebildet ist. „Third From The Sun“ ziert das grobkörnige Foto einer Türklopfer-Fratze, der einfach schrägstehende Augen aufgeklebt sind. Bau dir einen furchterregenden Alien in nur vier Minuten – oder, wie zeitgleich die artverwandten Devo, einen verrückten Wissenschaftler aus Malerkittel, Putzhandschuhen und Chlorbrille!


Von „Alien Soundtracks“ über „Half Machine Lip Moves“, „Blood On The Moon“, „Red Exposure“ und „Third From The Sun“ liefern Chrome in den Jahren 1978-82 ein konstant irrsinniges Stück Musik ab. Am Ende, auf „Third From The Sun“, ist die sowieso schon immer im Sound vergrabene Stimme von Damon Edge so sehr zur Zombiestimme mutiert, als läge sie nun endgültig unter der Erde. Creed und Edge entfremdeten sich in den folgenden Jahren zusehends und nach meiner Kenntnis hat die Band nie wieder ganz an ihre große Zeit anknüpfen können. Damon Edge starb im Sommer 1995 vereinsamt in seinem Apartment in Los Angeles. Herzversagen. Erst knapp vier Wochen später wurde sein Leichnam entdeckt.

Mehr Alien-Musik aus Nordthüringen/Südharz. Woher sonst? Ein ganz großer Meister der akustischen Stahlsaitengitarre kommt aus dieser für uns in Mitteleuropa Geborene völlig normalen, recht bewaldeten Hügellandschaft. Eine Gegend, mit der der oberflächlich bewanderte Wandersmann vielleicht Fachwerkhäuschen und Rentnerkohorten verbindet - oder einsame Wetteransager, die auf dem winddurchtosten Brocken direkte Eindrücke von meist ungemütlichen Wetterlagen zum Besten geben. Für Fremde kann diese Gegend einen faszinierenden Schrecken haben: Die in New York gegründete Konzept-Krach-Band Liars hat sich vor ein paar Jahren von Harzer Hexensabbat-Mythen zu einem schrecklich-sperrigen Gitarrenlärm-plus-Elektronik-Album inspirieren lassen. Der Verfasser dieser Zeilen verbindet mit dem Harz noch schemenhaft die pubertäre und gruselige Erinnerung an einen Horror-Groschenromans, wo aus den Tiefen des Harzer Waldes das Böse in Form von zotteligen Blondinen hervorkroch.

Vielleicht ist es dieser krude Schrecken, der Steffen Basho-Junghans dazu bewegt hat, einen Teil seines Lebens in Berlin zu verbringen. Berlin, diese „schöne kleine Stadt“ (Helge Schneider) - ein Ort der Erholung von den Seltsamkeiten der Provinz? Ich könnte es gut nachvollziehen, erhole ich mich in Berlin doch auch immer bestens vom Zweihunderttausend-Seelen-Kaff, in dem ich mein Dasein sonst so gestalte.

Um Basho-Junghans originäre Meisterschaft an der Stahlsaitengitarre zu erkennen, muss man gar nicht unbedingt die inhaltlichen Vorgaben nachvollziehen, unter denen seine jeweiligen Arbeiten entstanden sind. Weder muss man eine „musikalische Vision von Geburt und Evolution“ teilen („7 Books“-DoCD) noch eine „Beziehung zu Struktur, Raum und Zustand in Natur wie in der Kunst“ („Waters In Azure“-CD) imaginieren. Es reicht schon sich nach und nach auf die ungewohnten Sounds einzulassen, die er den Stahlsaiten entlockt – immer in der zwielichtigen Zone zwischen Tradition und radikaler Neuformatierung.

Und so hangele ich mich seit einiger Zeit mit Begeisterung an seinen Projekten entlang, oder auch an denjenigen, an denen er neben anderen Musikern beteiligt ist. „156 Strings“ (2002) etwa, einer Zusammenstellung von Arbeiten von 19 Akustikgitarrenspielern (von denen Fred Frith, Peter Lang und Richard Thompson die bekanntesten sein müssten), oder die diesjährig erschienene Hommage-CD an den Stahlsaiten-Guru, Verschränker fernöstlicher, indianischer und amerikanischer Musiktraditionen, Geiger und kruden Drama-Sänger Robbie Basho - „We Are All One, In The Sun“. Die Namensähnlichkeit ist nicht zufällig: Steffen Junghans inkorporierte das „Basho“ in seinen Namen als Ehrerbietung für Robbie Basho, dem er einen eigenen Zweig auf seiner Website widmet.

Neben absolut virtuosen traditionelleren Musikarbeiten beeindrucken mich besonders Basho-Junghans’ experimentellere Arbeiten, denen teils abenteuerliche Vorgaben zugrunde liegen und die tatsächlich zu bisher ungehörten, in fremden Pulsen pochenden Ergebnissen führen.

Auf „Inside“ (2001) und „Waters In Azure“ (2002) spielt Basho-Junghans dabei komplett sein eigenes Sternensystem. Es gibt dort die feinen, in seltsamen Stimmungen schwingenden Entwicklungstracks - wie von fremden Sonnen beschienen -, und es gibt die fast schon minimaltechnoiden, stehend pulsierenden Stücke, die um keinen Mittelpunkt kreisen, weil sie selbst der Mittelpunkt sind. Vielleicht ist der Vergleich etwas hergeholt, aber mir scheint das tranceartige, schnelle Pochen gar nicht weit entfernt vom seltsam statisch brodelnden Funk-Gewusel von Ornette Coleman & Prime Time auf „Dancing In Your Head“ (1976), nur eben nicht aus der Vielheit heraus entwickelt, sondern aus der Beschränkung, denn bei Basho-Junghans muss eine einsame Stahlsaitengitarre all das alleine wuppen (no overdubs!), wofür Ornette Coleman noch zwei gleichzeitig spielende Bands zur Verfügung hat.

Zudem bedient sich Basho-Junghans auf drei Tracks („ONE No 1, Part I-III“, auf „Waters in Azure“) einer eigens entwickelten Technik, mittels derer er nur mit einem Finger der Griffhand spielt (ohne Spielhand!), und kommt dabei zu absolut staunenswerten Ergebnissen nie gehörter, sirrender und rhythmischer Sounds, gleichzeitig komplex und minimal.

Es gibt noch mehr wagemutige Projekte von ihm. Seine Arbeit mit dem „Virgin Orchestra“ etwa, bestehend aus Steffen Basho-Junghans, einer gerade reparierten Gitarre und frisch aufgezogenen, aber noch nicht gestimmten Saiten. ‚Virgin’ deshalb, weil sich Gitarre, Saiten und Spieler vorher noch nie begegnet sind. Als Basho-Junghans die Saiten nach dem Aufziehen und vor dem Stimmen das erste Mal anspielte, eröffnete sich ihm plötzlich ein spezieller konzertanter Gesamtklang. Mehrere Nächte lang nahm er die Ergebnisse seiner Klangforschung auf. Junghans beendete das „Virgin“-Projekt erst, als er sich so weit in die Nicht-Stimmung als Stimmung eingefühlt hatte, dass er eine Veränderung der Saitenspannung schon wieder als Verstimmung wahrnahm. Die dreieinhalb Stunden Musik des Virgin Orchesters harren weiter der Veröffentlichung, aber immerhin hat Basho-Junghans auf „156 Strings“ einen fast neunminütigen Ausschnitt davon veröffentlicht. Erstaunlich, wie schnell man sich in die fremden „Nicht“-Harmonien hineinhört. Wenn sie zu Harmonien werden, was wird dann aus den „wirklichen“ Harmonien?

Einen guten Einstieg in Basho-Junghans’ Musik bietet sein letztjähriges Album „IS“. Im Schnelldurchlauf wird die ganze Bandbreite seiner Gitarrenkunst durchgespielt: Das Robbie-Basho-eske Slide-Opus „When The Plains Are Singing“ eröffnet den Reigen, „Changes“ konstruiert eine Art Stahlsaiten-Wall-of-Sound, während „Azure No 8“ ein weiteres Beispiel für die charakteristischen pulsierenden Tracks gibt. „Waiting For The Clouds“ ist von der traditionellen Folk-Seite aus betrachtet der vielleicht schönste Track, aus dessen verhaltenem Anfang Basho-Junghans plötzlich ein einnehmendes Motiv herausimprovisiert. „Leaving Eden“ ist so etwas wie die Summe all dessen, was vorher auf „IS“ zu hören war: Eine überzeugende Verschränkung von Tradition, Moderne und Individualität. In solchen Momenten kommt mir Basho-Junghans wirklich wie ein moderner Wiedergänger seines erklärten Vorbilds Robbie Basho vor. Im letzten Stück, „And Like The Wind We Go“, wird noch einmal deutlich, wie viel Einfluss Basho-Junghans fernöstlicher Musik zu verdanken hat.

„IS“ ist über Diogenes als Download zu beziehen und kostet umgerechnet etwa sechs Euro. Das liegt noch einen Euro unter dem Download-Preis des neuen Radiohead-Albums „The King Of The Limbs“. Ich erwähne es zum einen, weil sich in beiden Fällen die Anschaffung lohnt, und zum zweiten, weil Radiohead auf „The King Of The Limbs“ lustigerweise manchmal ganz ähnliche Strukturen statischen Funks verwendet wie die eingangs erwähnten Ornette Coleman & Prime Time auf „Dancing In Your Head“. Tja, und nun könnte man damit schon wieder ein interessantes Fass aufmachen, ad infinitum. Es gibt immer was zu schreiben über Musik. Aber es reicht erstmal.

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Steffen Basho-Junghans. Einer der pulsierenden Tracks. Laut Basho-Junghans geht es hier nicht darum, im Regen zu stehen, sondern sich selbst innerhalb des Regens selbst zu fühlen.


Chrome zeigens dem Zombie bzw. uns:

Du bist dupliziert!

DNA DoItYourself