17.01.2011

XTC hosen runter für atheisten-pop









XTC skylarking
(1986 - remastered und erweitert 2010)


Andy Partridge wiederveröffentlichte unlängst auf seinem Ape-Label XTCs "Skylarking" als Doppel-LP mit originalem, natürlich in letzter Minute abgelehnten Genital-Cover und der ursprünglich für "Skylarking" konzipierten, dann aber natürlich in letzter Minute abgelehnten Atheisten-Hymne "Dear God" plus des ebenfalls für "Skylarking" geplanten "Mermaid Smiled".

Darüber hinaus konnte noch die Produktion bereinigt werden, die irrtümlich in "reverse polarity" veröffentlicht wurde, was immer das bedeuten mag, denn "Skylarking" klang auch mit der umgekehrten Dingsda ganz fantastisch. Nun aber ist alles noch besser, schöner, farbvoller. Die Platten gibt es in einer normalen Doppel-LP-Version (die ich mir zugelegt habe) und in einer Superduper-Schnickschnack-Version mit exklusivem Booklet und Gekritzel der Herren Partridge und Moulding. Näheres erfährt der Interessierte auf der Basisstation von Swindon's größtem Wunderkind: http://ape.uk.net/acatalog/XTC.html

16.01.2011

MUSIK IN 2010 FÜR 2011 punk, newsom, harper



Meine kleine Serie „Musik in 2010“ nenne ich um in „Musik in 2010 für 2011“. Warum? Weil erstens im Januar 2011 auch Musik vor Januar 2011 gehört werden muss, denn man kann ja zu diesem frühen Zeitpunkt des Jahres nicht schon nur Musik aus 2011 hören - die Auswahl wäre viel zu klein. Zweitens will am 16. Januar 2011 kein Mensch mehr einen Text lesen, der sich ausschließlich vergangenheitsorientiert mit „Musik in 2010“ beschäftigt. Ist doch total unaktuell! Drittens klingt „Musik in 2010 auch für 2011“ etwas holpriger und damit auch etwas charmanter.

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So wie Rufus Wainwright in „Gay Messiah“ Pornofilme der 1970er Jahre verklärt, so verkläre ich kalifornische Punkmusik der 1970er Jahre. Eine Zeit der Unschuld, vor dem großen Sterben durch AIDS oder Drogen. Auch wenn es sich bestimmt nicht so unschuldig zugetragen hat, denn das wirkliche Leben ist immer härter, sonst müsste man es ja nicht verklären. Noch eine Gemeinsamkeit von Kalifornien-Porno und –Punk: Ich kenne von beiden nicht besonders viel – außer Black Flag, Dead Kennedys und John Holmes natürlich.

Trotz oder wegen meiner relativen Unkenntnis habe ich mir seit jeher California-Punk als ein Schlaraffenland aus Stakkato-Gesang, Alles-ist-möglich-Gefühl und angenehm unbritischem Anti-Posertum zusammenfantasiert. Immer mal wieder echote dabei in den letzten Jahrzehnten eine Zusammenstellung kalifornischer Punk-Bands von 1979 durch meinen Kopf, von der ich nur las und sie nie zu hören bekam – „Tooth And Nail“, von Punk-Urgestein Chris D. auf seinem eigenen Upsetter-Label veröffentlicht. Mein Verlangen, „Tooth And Nail“ zu besitzen, war recht schwach, mir reichte die irreale, mythische Erhöhung völlig aus, ich brauchte den Scheiß nicht auch noch zu hören, zumal die längst gestrichene LP sowieso nur zu Fantasiepreisen in einschlägigen Portalen zu haben war.

Ungefähr 100 Jahre nach der Erfindung des Internets kam ich alter Freizeitpunk schließlich im letzten Jahr endlich auf die Idee, mir „Tooth And Nail“ einfach mal völlig außerhalb bestehender Gesetze herunterzuladen. Ich fand sehr schnell einen Blog mit dem angemessenen Namen Punk Not Profit, der einen kratzigen LP-Rip zum Download bereitstellte, und nun konfrontierte ich einfach mal testweise die Musik von „Tooth And Nail“ mit meiner Wirklichkeit. Und die Überraschung: „Tooth And Nail“ hielt ihr stand.Sechs Bands, unter denen die Germs und Chris D.'s Flesheaters noch die bekanntesten sind, schreien insgesamt 16 Songs für heutige Ohren eigentlich recht melodiös heraus. Das US-Punk sich mehr an amerikanischen Sixties-Garagen-Bands orientierte (ich schreib mal stellvertretend: The Sonics), als es die britischen Punk-Kollegen taten, kommt auf "Tooth And Nails" energisch und außerst kurzweilig zum Tragen.

Ebenfalls ein essenzieller Pluspunkt: Die dünne, zusammengedrängte Produktion – eine wohltuende Beleidigung für jeden HiFi-Fan. Kalifornische Punkmusik sollte nämlich nicht remastert werden. Sie ist ja quasi die Antithese dazu, sie muss zum Wegwerfen klingen. Remastern hieße dem Feind in die Hände spielen, würde die Ewigkeit konservieren, anstatt den Augenblick für ein paar zusammengeschnorrte Dollars billig und roh zu feiern. Mit leichtem Unbehagen denke ich daher an die diesjährige, von Jon Savage kuratierte Zusammenstellung „Black Hole“, die sich eine CD lang kalifornischer Punk-Musik der Jahre 1977-80 widmet. Sie remastert, was im Gegenteil entmastert gehört. Der Widerspruch, hier und jetzt dem Sound des Augenblicks das Wort zu reden und im Gegenzug eine über dreißig Jahre alte Platte abzufeiern, ist mir durchaus bewusst. Ich halte ihn locker aus.

Von der schneidend-dünnen Fuzz-Punk-Gitarre zur volltönenden Harfe ist es nur ein kleiner Schritt, abgesehen davon, dass es irrsinnig lange dauert, eine Harfe zu stimmen. Der Harfenist Rhodri Davies hat nicht nur das Stimmen einer Harfe thematisiert, sondern sogar gleichzeitig den Wunschtod einer jeden richtigen E-Gitarre – auf der Bühne zerlegt zu werden – seiner Exklusivität entrissen und in einer quälend langen, fünfstündigen Performance eine Harfe gefoltert, indem er ihre 47 Saiten nacheinander kappte und anzündete, um sie sodann wieder neu zu bespannen (Performance Cut and Burn, Installation Room Harp, Hatton Gallery, Newcastle upon Tyne). Der Harfenistin Joanna Newsom liegt derlei Zerstörungswerk fern, komponiert sie doch in der Regel Musik, die gut zu ihrem Background als Tochter einer kalifornischen Intellektuellenfamilie passt.

Hat sie auf dem Vorgängeralbum „Ys“ (2006) noch den legendären Über-Arrangeur Van Dyke Parks Harfenklang und Kieksstimme in dicht gewebte, bilderreiche Streicherarrangements verpacken lassen, so schickt Joanna Newsom mit „Have One On Me“ (2010) ein faszinierend unübersichtliches Triple-Album nach. Viel Platz lassen diesmal die spärlichen Arrangements, die um ein kleines Kammerensemble aus Klavier, Perkussion und dem ein oder anderen Blech- und Zupfinstrument kreisen, wenn sich die Newsom nicht gleich ganz auf ihr Solospiel konzentriert.

Die Lücke im Ton fordert Konzentration – diese alte Faustregel (die ich mir gerade ausgedacht habe) findet auf „Have One On Me“ ihre Bestätigung. Wer aber hat noch die Zeit, sich ein langgezogenes, über große Strecken refrainloses Werk anzuhören, das zudem nicht selten harft, harft und nochmals harft? Jeder – vorausgesetzt man kappt alle binären Zeitfresser-Accounts und zwingt sich mental entkleidet und offline in Joanna Newsoms Musik hinein. Zum simplen Drüberhören, während man gleichzeitig 140 Twitter-Zeichen vollplappert, ist „Have One On Me“ nicht gemacht. Warum auch in einem Satz sagen, was man in einem Roman ausdrücken kann? Und so ist „Have One On Me“ ein Zeitschenker-Album, von dem ich mich immer wieder gerne in den Mono-Tasking-Modus zurückversetzen lasse.

Den epischen Ansatz ihrer akustischen Kunst hat Joanna Newsom übrigens maßgeblich unter dem Einfluss von Roy Harpers „Stormcock“ (1971) entwickelt, ihr „favourite record of all time“, wie man in der WIRE lesen konnte. Flugs besorgte ich mir besagtes Album und konnte sofort verstehen, warum die Newsom so wählte: Harper entwickelt auf „Stormcock“ lange, mit Akustikgitarre grundierte Songs, an entscheidenden Stellen mit Streichern, Gesangsschichten oder einem Jimmy-Page-Solo beschickt. Harpers Stimme ist kräftig und modulationsfähig. Sie erinnert zum einen in den etwas höheren Tonlagen an David Bowie, wie der zu „Hunky Dory“–Zeiten manchmal stimmlich zum Drama ansetzt, dann wieder verliert sie sich ähnlich instinktsicher und konzentriert, wie es Tim Buckley in seinen strafferen Stücken vermochte. Kann sich noch jemand an den Gesang auf „Have A Cigar“ von Pink Floyd erinnern? Das ist Roy Harper. Das Songwriting ist vom Feinsten, keine Sekunde ist hier trotz der Länge der vier Songs – keins unter sieben Minuten - überflüssig. Ganz tolles Album. Es kann doch immer wieder sehr lohnend sein, Einflüsse geschätzter Kunstschaffender wie Joanna Newsom zurückzuverfolgen.

Musikbeispiele auf einschlägigen Portalen.
Teil vier folgt demnächst in diesem Kino. Dann mit vielen Kurzfilmen, statt mit wenigen Spielfilmen wie bisher. Unter anderem dabei: Neil Young und Überraschungsgäste.



06.01.2011

MUSIK IN 2010 das zittern der ganzen welt



Teil zwei meines kleinen, zusammengezurrten Rundumschlags zu Musik in (und nicht nur aus) 2010.
Diesmal mit Lauten und Dröhnen.





CATHERINE CHRISTER HENNIX the electric harpsichord

Der belgische Lautenspieler Jozef Van Wissem vermochte es, mich in einem Augenblick akuten Berufsstresses augenblicklich mit den ersten Tönen von „A Priori“ (2008) mental derart notzubremsen, dass mir plötzlich mein gesamtes augenblickliches Tun und Werden völlig absurd vorkam. Dafür und für seine dunkle, reduzierte und fernzeitige Kunst des Lautenspiels zwischen Mittelalter und Minimalismus der Moderne habe ich ihm sehr zu danken. „A Priori“ ist auf ubuweb.org anzuhören, dem Portal für avantgardistische Kunst jedweder Couleur, was immer sich dahinter auch verbergen mag. Ich glaube, es ist sogar legal.

Bis vor Kurzem dort auch zu hören, bis es schließlich offiziell veröffentlicht wurde: „The Electric Harpsichord“ von Catherine Christer Hennix, ihres Zeichens Philosophin, Elektronik-Minimalistin, Jazz-Drummerin und zeitweilige Mathe-Professorin aus Schweden. Dass die Quantenphysik und ihre eigenartigen Unwahrscheinlichkeitsgesetze so manchen strammen Naturwissenschaftler aus der Bahn des materiellen Denkens geworfen hat (oder gerade besonders tief in es hinein), ist spätestens seit Niels Bohr („Wer von der Quantenphysik nicht schockiert ist, hat sie nicht verstanden“) und Erwin Schrödinger bekannt. Letzterer wandte sich irgendwann dem Hinduismus zu, auch weil er in ihm die Quantenvorstellung am ehesten repräsentiert sah. Dass man darüber hinaus aber auch versuchen kann, aus den Skalen eines Tambura spielenden indischen Gurus, zusammen mit den trockenen Programmierformeln eines Sinuswellen-Drones, auf dem elektrischen Cembalo das Vibrieren aller Atome, Nicht-Atome und des restlichen Universums erfahrbar zu machen, hat mein Entdeckerherz nochmal ganz besonders berührt.

Ob es Catherine Christer Hennix während ihrer einzigen Performance von „The Electric Harpsichord“ - am 23. März 1976 im Stockholmer Moderna Museet – wirklich gelang, das ubiquitäre Zittern - aus dem einer neueren Quantentheorie zufolge das Universum und alle Materie hervorgegangen ist - ansatzweise abzubilden, sei mal dahingestellt. In der richtigen Lautstärke gehört, können einen diese knapp 26 Minuten Sound aber schon ahnen lassen, wie es sich für einen Physiker angefühlt haben mag, als ihm, den Gesetzen der Quantenphysik gewahr werdend, „der Boden unter den Füßen weggerissen“ (Albert Einstein) wurde.

Das italienische Label „die Schachtel“ hat „The Electric Harpsichord“ im vergangenen Jahr in einer taschenbuchgroßen, silbrig matt glänzenden Box erstmals offiziell veröffentlicht. Flankiert von einem erläuternden Text von Philosoph und Geiger Henry Flynt, zwei Gedichten von Drone-Urgestein LaMonte Young (in dessen New Yorker Wohnung Hennix 1969 eine musikalische Initialzündung erlebte, als sie sich mehrere Tage einem Youngschen Drone aussetzte, der unaufhörlich durch die Räume surrte) und einer dem Sinuswellen-Drone zugrunde liegenden Formelsammlung. Mein Lebensplan sieht vor, mich erst in etwa fünfzehn Jahren mit der Formelsammlung zu beschäftigen, da ich sie im Moment für völlig uninteressant halte. Der Text von Flynt dagegen ist aufschlussreich, beleuchtet er doch neben der Entstehungsgeschichte von „The Electric Harpsichord“ auch einige biographische Details aus Hennix’ Leben. In Anbetracht der zitternden, seltsam zarten Wucht der universellen Sinuskurven-Dröhnung aber kann das Wort dem Sound nichts Wesentliches hinzufügen. Frau Hennix empfiehlt übrigens ein Hören bei 100 Dezibel, was knapp einer Autohupe entspricht.

Im Auto habe ich denn auch so manches Mal das geballte vibrierende Monster von „Electric Harpsichord“ von der Leine gelassen und meine Moleküle verwirrt und mit Staunen durchsirren lassen. Für die Ohren ungefähr das, was für die Augen ein langer, ungemilderter Blick in die pralle Sonne bewirkt: Kurzwellige, helle Explosionen der Sinne, die auch vor Erscheinungen nicht halt machen. Am Anfang erschuf Gott die Vibration. Wer hätte das gedacht?

Und Afrika erschuf den Vuvuzela-Drone. Das Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2010 am 11. Juni in Südafrika bot die Bühne für ein Setting, das sich Drone-Minimalist LaMonte Young oder Vokal- und Klangflächenkomponist György Ligeti nicht mal im Traum ausgedacht hätte: Ungefähr 60000 Menschen blasen gleichzeitig zweimal 45 Minuten in ungefähr 60000 Plastiktröten und erzeugen einen sehr lauten, gleichbleibenden, um die eigene Achse irisierenden, im Stadionrund vielfach gespiegelten Brummton.

Zum Glück hatten die westlichen Übertragungsstationen beim Eröffnungsspiel noch nicht raus, wie sie diesen gewaltigen Monoakkord mittels Mikrophonfilter wieder in einzelne, abgeschwächte Trötentöne verharmlosen konnten. Und so bekamen hunderte Millionen Menschen eine mächtige, sich unbedingt Gehör verschaffen wollende Musik in ihre Medienträger eingespeist, der sie sich sonst nie und nimmer ausgesetzt hätten. Die usurpatorische Kraft des Vuvuzela-Drones ließen die Sendeanstalten schließlich im Laufe der WM zu einem Winseln herunterfiltern - unter dankbarem Klatschen der meisten westlichen Stubenhocker vor den Flachbildschirmen.

Merke: Rhythmus und Drone als dauerinsistierende Elemente in der Musik rütteln an den Verhältnissen, sie werden daher von den Bewahrern des Status Quo gefiltert und zensiert. Melodie dagegen ist mit den Verhältnissen zufrieden und richtet sich buchstäblich harmonisch in ihnen ein. Nie würde eine Melodie zensiert werden!

Nach der Zensur kommt dann meist das Verbot. Folgerichtig verbot der europäische Fußballverband UEFA ab der Saison 2010/2011 den Gebrauch von Vuvuzelas in den Stadien während der Spiele in allen UEFA-Wettbewerben.

Keine Musik hat mich im letzten Jahr unmittelbar stärker beeindruckt als der Vuvuzela-Drone während des ersten Spiels der Fußball-WM 2010.

Demnächst Teil drei in diesem Kino.

Teil eins: hier