30.12.2011

ASSOCIATES es ist freitag es ist ostern









ASSOCIATES fouth drawer down
1981



Heute im Test: Associates (ohne vorangestellten Artikel!): "The Affectionate Punch" habe ich vor Ewigkeiten verkauft, "Sulk" habe ich vor Ewigkeiten verkauft, "Fourth Drawer Down" habe ich behalten. Wegen "Tell Me Easter's On Friday". Und besonders wegen "White Car In Germany" - das ist einer derjenigen Dinger, die mich in Dekaden nie verlassen haben. Und "Easter's" hat zudem noch einen absolut tollen Mittelteil, wo der Bass so reinmumpft, alles irgendwie in die Schwebe geht - super. "The Associate" ist ein irgendwie auf damaliges Zeitniveau gebrachter "Miss-Marple"-Soundtrack, gepaart mit den Residents (deren Musik der 1970er sich übrigens auch wieder mit einiger Macht in mein Leben zu drängen beginnt) - höre ich gerade und find's immer noch sehr gelungen.

Fantastisch auch der "White-Car"-Nachklapp "An Even Whiter Car": Auf Superzeitlupe runtergepitchter Synthie-Oper-Dub. "A Girl Named Property" hat am Anfang ein tolles Synthie-Riddim (kein Wunder, ist nämlich der von "White Car In Germany"), "Q Quarters" ist ein auch heute noch musikalisch interessanter dunkler Schleicher. Also ich sag mal: Mindestens die Hälfte von "Fouth Drawer Down" lohnt sich auch 2011. Ja, ich wage sogar die Prognose, mindestens die Hälfte von "Fouth Drawer Down" lohnt sich auch 2012.

29.12.2011

THE FALL hat hirn









Von niemandem lasse ich mich so gerne beleidigen wie von Mark E. Smith. Da traf es sich gut, dass ich dieses Jahr zufällig eine alte, in schludrigem Scheißsound ratternde Fall-Platte von 1980 in die Hände bekam, wo er diese Disziplin live vor recht ahnungslosem Wochenend-Publikum ausspielen konnte („Totale’s Turn’s (‚It’s Now Or Never‘)“). Und so nutzte ich nicht nur die Gelegenheit, mich dafür verachten zu lassen, dass ich im Gegensatz zu The Fall kein Gehirn habe, sondern eben auch mal eine alte Fall-Platte gegen eine nagelneue abgleichen zu können.

Die nagelneue heißt Ersatz GB, und spontan dachte ich, der gute Mark meint mit Ersatzgroßbritannien vielleicht Berlin, wo er in den letzten Jahren zusammen mit seiner Lebensgefährtin einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Tour-losen Freizeit verbracht hat. Ein konzentriertes Lauschen auf die Lyrics von „Ersatz GB“ offenbarte mir dann allerdings keinen wirklichen Hinweis auf Berlin, sofern ich Mark. E. Smiths mittlerweile zahnlückengeprägtes Gesangspfeifen richtig interpretiert habe, aber wer in aller Welt versteht schon Fall-Lyrics ohne Textblatt? Das lange „Monocard“ deutet seine Tauglichkeit zum Fall-Klassiker an: Eine langsame, einprägsame Bassfigur wird von Billig-Synthie, hintergründig rumkratzender E-Gitarre und Drums kantig umspült, dazwischen zischt Mark E. seine Schlagzeilen-Verse wie alchimistische Formeln in der Tradition von „Bremen Nacht“, „Hotel Blöedel“ oder „Detectice Instinct“. Das Zeug hat Potenzial für über Jahre permutierte Live-Versionen.

Auf den anderen Stücken verlässt der Beat nur selten die Schnur, das Tempo ist hoch und ich würde mal behaupten, The Fall haben schon lange nicht mehr so formvollendet und bassbetont ihren Sound vermumpft und vergroovt wie auf „Ersatz GB“. Die Powerakkord-Hardrock-Schiene ist wieder in den Hintergrund getreten. Mehr Can als AC/DC. Ich frage mich gerade, ob ich überhaupt einen einzigen Refrain gehört habe, messe aber der Antwort darauf keine Bedeutung zu.

28.12.2011

TOM WAITS böse gut





Mehr Heulen von Tom Waits, der nach sieben Jahren und seiner (für mich) besten und schmutzigsten Platte – „Real Gone“ – nun wieder etwas weiter ausholt und auf Bad As Me für seine Verhältnisse ein wenig geschmeidiger seine Verlust- und Verlierer-Tableaus bereitet. Geschmeidiger, aber nicht gefälliger, denn auch hier wummert immer der Untergrund mit, legt sich eine dumpfe Schicht Lebenserfahrung auf die Songs wie ein Hörsturz. Neben ein bisschen Blech, seiner Frau und Co-Komponistin Kathleen Brennan, seinen langjährigen Bandgesellen wie Sohnemann und Drummer Casey Waits und dem wie immer stilsicher haarscharf neben der Spur spielenden Gitarristen Marc Ribot, ist ihm unter anderem auch Keith Richards unauffällig und mannschaftsdienlich beim Verdrecken der Akkorde behilflich.

Die bitter-melancholischeren Songs wie „Face To The Highway“ oder „Pay Me“ sind mit die besten, die Waits je zustande gebracht hat. Auch weil Waits hier seine Stimme einfach singen lässt, anstatt sie als Tom-Waits-Stimme auszustellen. Die rhythmischen, klopfenden Blues-A-Billy-Nummern wie „Raised Right Men“ oder das Titelstück wissen durch ihre belassene Primitivität zu begeistern. Ebenso das auf old-time gebürstete „Kiss Me“, wo Waits recht einsam im Treibsand alten Schellack-Rauschens versinkt.

Die zweite Albumhälfte scheint mir etwas abzufallen, aber das kann sich mit zunehmender Hördauer auch noch legen (ich gehöre ja immer noch zu den Irren, die Musik mehrmals hören). Das 16-seitige, LP-formatige Booklet der Vinyl-Version wartet übrigens mit sehr alters- und augenfreundlicher Großschrift auf. Dafür meinen herzlichen Dank. Eine CD-Version des Albums ist dem Vinyl beigefügt.









TOM WAITS bad as me
2011

27.12.2011

THE 13TH FLOOR ELEVATORS heul doch!











THE 13TH FLOOR ELEVATORS the psychedelic sounds of the ...1966 - mono-reissue 2011



Bisher war in der kleinen Zu-Zeiten-Reihe "Musik 2011" nur von Klopf-, jedoch noch nicht von Heul-Psychedelik die Rede. Das ändert sich nun, gab es doch dieses Jahr eine Wiederveröffentlichung zu begehen, die einem jahrzehntealten bahnbrechenden Geheule und Geklapper endlich wieder im adäquaten In-die-Fresse-Mono huldigt. Ich rede von der ersten Platte der texanischen 13th Floor Elevators - „The Psychedelic Sounds of …“ – die 1965/66 im Prinzip die ersten waren, die Acid-Rock nicht nur erfanden, sondern gleich zu voller, giftiger Blüte entwickelten. Sundazed, das Speziallabel für Qualitäts-Reissues, veröffentlichte heuer das Album als Mono-LP-Version, von der damals bei der Erstveröffentlichung nur wenige Exemplare in den Verkauf gelangten. Das wummert und keift einen dermaßen offensiv und gefährlich an, wie es die zahlreichen, recht dünnsoundigen Nachpressungen und CD-Veröffentlichungen der Stereo-Version der letzten Jahrzehnte nie vermochten.

26.12.2011

MASTER MUSICIANS OF BUKKAKE klopfpsychedelik











MASTER MUSICIANS OF BUKKAKE totem 3
2011




Sprach ich vorhin vor zwei Tagen von ernstzunehmenden Scherzkeksen, die sich regelmäßig unter dem Namen GRAILS versammeln, könnte man noch mehr Scherze, allerdings der derben Art, unter der Projektbezeichnung Master Musicians Of Bukkake vermuten. Gute Güte, dieser Name! Ich stehe nicht auf solche Wortschoten. Ein schlimmer Herrenwitz, zusammengesetzt aus den durchaus hier musikalisch Einfluss gebenden marokkanischen „Master Musicians of Joujouka“ auf der einen und einer besonders erniedrigenden, asiatischen Pornospielart auf der anderen Seite. So verbaute mir der Name lange Zeit den Zugang zu den Master Musicians Of Bukkake. Ich konnte jedoch nicht anders, als immer wieder eingeschüchtert um sie herum zu schleichen, denn die Eckdaten klangen vielversprechend: Ein Bandprojekt aus dem Umfeld von Earth, SunnO))) und anderen dem Metallgedoome nicht abgeneigten Bands, ergänzt um den ein oder anderen Gast aus dem Kreis der Sun City Girls oder aus der ans Traditionelle angedockten Musikszene Istanbuls.

Irgendwann riskierte ich dann doch mal ein Ohr in ihre Totem“-Albumtrilogie - und siehe da, es gefiel mir. Rurale Klopfpsychedelik durchaus in der Tradition stehend von „Six Things To A Circle“ von den Residents oder „Sense Of The Senseless“ von den Sunburned Hand Of The Man. Aber auch This Heat’s „Fall Of Saigon“ kommt mir in den Sinn, nur dass dessen fiebriger Groove der Kriegführung einer Weltmacht neueren Datums geschuldet ist, während die Master Musicians of Bukkake ihre Rituale einem altertümlichen Sonnengott südamerikanischer Wahl darzubieten scheinen. Die komplett sample-freie „Totem“-Trilogie folgt denn auch mehr dem Weg kultureller Weiterentwicklung anstatt bei In-Die-Steinzeit-Zerbombungen und Kriegstraumata stehen zu bleiben:

Wird auf „Totem 1“ noch vermehrt mittels archaisch-rituellen Klopfens eine wie auch immer erreichte Errungenschaft gefeiert, beschreibt „Totem 2“ manchmal zwischen den perkussiven Prozessen Phasen der Kontemplation: Tiefe e-gitarreske Drones und langezogene Gesänge zeugen von der gedanklichen Verarbeitung des Erreichten – durchaus auch mal in Form von Albträumen. Auf „Totem 3“ schließlich führt die Verarbeitung zu ersten symbiotischen Ergebnissen: Das Instrumentarium erweitert sich, die Musik differenziert sich aus anfänglichen tibetanisch angehauchten Brummchören, Klingeln, Flöten und Trompeten über eine geradezu fröhliche Tanzweise zu vermehrt eingebauten elektrischen Krachflächen. Am Ende steht dann nach zwischenzeitlich etwas ödem Gebetsgemurmel ein Synthesizer-Stück, dessen markantes Motiv nach einer narrativen Verfilmung der Gesamtereignisse durch John Carpenter ruft.

Wem das aber alles zu sämig und zäh erscheint, der greife sofort zu jener EP der Meistermusikanten, die sie letztes Jahr für Latitudes (Southern) aufgenommen haben: Zwei Live-Stücke, von denen „Elogia De La Sombra“ von einem unwiderstehlich motorischen NEU!-Beat angetrieben wird, der sich über 16 Minuten in das gleichnamige Gedicht von Jorge Luis Borges hineindreht.



24.12.2011

GRAILS im motivationsverlies




GRAILS deep politics

2011


Auch dieses Jahr wird wieder rundum geschlagen. Denjenigen, die über die häufig gepflegte Tradition der Jahresrückblicke meckern müssen, sei gesagt, dass das kalendarische Jahresende auch meist eine Zeit ist, in der man ein wenig aus dem Arbeiten herauskommt, der Kopf aber noch so im Arbeitsmodus steckt, dass er endlich mal aus freien Stücken formulieren will, bevor dann die große, lähmende Erschlaffung der Festtage folgt. Jahresrückblicke zur Weihnachtszeit bieten sich daher gut an, diesem Formulierierungsdrang ein flauschiges Heim zu bereiten. Schallend lachend mit dem Finger zeigen sollte man dagegen auf Jahresrückblicklisten, die nur kommentarlos Name und Titel hinklatschen und denken, mit einem stumpfen YouTube-Link wäre auch nur irgendwas erklärt. Listen und Rückblicke gehören mit begleitenden Worten geschmückt, sonst sind sie (außer für den Auflister) völlig uninteressant.

Also an die Arbeit.

Gearbeitet habe ich übrigens mal für ein global aktives, amerikanisches Unternehmen, wo sich ein Tropf berufen fühlte, eine CD voll „motivierender“ Unternehmensmusik zu komponieren. Die Tracks wurden mit kurzen Beschreibungen hinterlegt, die die stimulierenden Effekte für Mitarbeiter und Konsumenten herauszustellen versuchten. Ich habe die CD leider nicht mehr finden können. Auf Tagungen kam die völlig bedeutungslose, auf Simpelstdramatik und handzahmen Midi-Sounds aufgebaute Musik auch nie zum Einsatz. Dort lief immer nur „I Got The Power” (Snap), „Simply The Best“ (Tina Turner) oder „All Together Now“ (The Farm). Umso mehr weiß ich die feine Ironie der trippigen Spießgesellen namens GRAILS zu schätzen, die eben genau mit dem Unterbau „Unternehmensmusik“ ihren sieben Giganto-Post-Rock-Tracks auf „Deep Politics“ ein subversives Fundament bereiten, um deine niedersten Kaufimpulse zu wecken, lieber Verbraucher.

Welcher Verkaufsartikel nach dem Anhören allerdings den Weg in den Warenkorb findet, vermag ich nicht zu sagen. Wird er Glück versprechen oder allgemeine Lähmung? Ich wähle letzteres. Denn GRAILS sind Meister in der Vermengung von kellerfolterig dunklen und dröhnenden Stimmungen mit ihren irgendwie hauptstromigeren Verwandten, die da wären zum Beispiel Ennio-Morricone- und ähnlich gekonnt mystifizierende Score-Kompositionen, Indien, Castaneda-Schamanentum, Strange Listening Musik von Martin Denny oder Esquivel bis zu den Töchtern von „Bilitis“. Diesmal lassen GRAILS das Pendel mehr in Richtung Morricone ausschlagen, es hat aber auch schon Alben gegeben, wo das Folterverlies durch Pappmaché-Wände aus Eso-Versatzstücken einen etwas anderen Tarnanstrich bekam. Es lohnt sich jedenfalls immer wieder, diesen ernstzunehmenden Scherzkeksen in ihre Monumentaltracks zu folgen.

Musik 2011 wird fortgesetzt




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06.11.2011

DR. JOHN cracks unter kontrolle









DR. JOHN city lights
1978


Ich kenne die erste von Dr. John, "Gris-Gris", ebenso „Gumbo“ und ebenso „In the Right Place“. Dazu noch eine Platte von 1974 in faszinierend grottiger Pressung mit faszinierend obergrottigem Cover unter dem Namen „The Nite-Tripper His Very Best“, oder so. Zu den vier genannten Platten passt noch „Desitively Bonnaroo“, die sumpfigen Glam-Stomp mit mittelgroßem Funk-Bahnhof zelebriert und bei der Alan Touissant nicht unwesentlich an den Strippen der Voodoo-Puppe zieht. Allesamt tolle Platten - und trotzdem werfe ich „City Lights“ in die Runde, sollte es einmal so weit kommen, das beste Tonkonservat des umtriebigen Doktors zu benennen. Entstanden 1978, als der Doktor den riesigen Zeremonienmeister-Federschmuck zugunsten eines gut geschnittenen, dunklen Anzugs nebst elegantem Gehstock getauscht hatte, mit dem er sich sodann echt schnieke in die Ecke einer Kunstgalerie statuierte, so zu sehen auf der Coverrückseite. Und ich glaube, er war auch kurz vorher beim Frisör, schon schön waren die Haare gelegt.

Bedenkt man nun noch, dass sich auch David Sanborn – der nicht unwesentlich dazu beitrug, dass das Gefühlssaxophon so einen abgestandenen Geschmack bekam und in der Folge die 1980er Jahre vergiftete – in die Riege der recht prominenten Studiohengste einreihte, ist es schon erstaunlich, wie überzeugend „City Lights“ doch gelungen ist. Ja, von allen Dr.-John-Platten ist es diejenige, die ich mit Abstand am häufigsten in den letzten Dekaden gehört habe. Produziert und bespielt auch unter anderem von Gitarren-Oberprofi Hugh McCracken, von dem ich mir gut vorstellen kann, dass sein Nachname nicht unentscheidenden Anteil an der Wortschöpfung „Studiocrack“ hat.

Aber jeden Gedanken an fade Studiomuckermusik kann man sich auf „City Lights“ abschminken. Nicht weil hier nicht absolut professionell rumgemuckt wird, sondern weil das Ganze auf der Basis wirklich toller Songs passiert, das Muckertum also in disziplinierte Bahnen gelenkt wird, die ich Dr. John so gar nicht unbedingt zugetraut hätte. Der Doktor ist auch gesanglich absolut auf dem Höhepunkt. Und an den Songs hat zudem noch New-Orleans-Legende Doc Pomus mitgeschrieben. Das erklärt vielleicht ein wenig ihre zusätzliche Klasse.

Und so hangelt sich jede der zwei Plattenseiten von slickem Funk mit kleinen Jazz-Umwegen über New-Orleans-betatschte und mit Backgroundsänger/innen beseelte Stücke bis zum jeweiligen Schlusspunkt, der beide Male aufs Wunderbarste in Elegie verpackt wird, und zwar durch gewohnt scharf und lang gezogene Streicherarrangements meines Lieblingsstreicherarrangeurs Claus Ogerman.

Auf der Rückseite des beiliegenden Textblatts ist der smarte Doktor in seinem gut geschnittenen, dunklen Anzugs plötzlich aus der Galerie-Ecke verschwunden. Nur sein eleganter Gehstock steht noch da wie ein überdimensionierter Zauberstab. Er hatte also auch Ende der 70er Jahre das Hexen nicht verlernt!

10.10.2011

JOHNNY CASH minimalismus und jugend








JOHNNY CASH the man in black vol. 1, 1954-1958
5-cd-box



Mir war gar nicht klar, dass Cash und seine Tennessee Two auch mal den Rhythmus nicht halten und zudem auch Einsätze schön verkacken konnten. Vol. 1 versammelt alle Sun-Aufnahmen und ein paar der ersten Columbia-Aufnahmen des jugendlichen Cash, der zu jener Zeit wohl ungefähr das Lebensalter eines Durchschnitts-Intro-Lesers gehabt haben dürfte.

Große Ewigkeitsmomente sind immer dann zu hören, wenn sich Cash und seine Mannen auf ihren Minimalismus (Cashs Donnerstimme, Akustik-Bass, E-Gitarre, Akustik-Girtarre, manchmal rurale Drums) besinnen. Leider haben sie ein ums andere Mal dieses einmalig gut funktionierende Konzept mit zusätzlichem Nerv-Klimper-Piano zu erweitern versucht, was - man ahnt es sicher - keine so gute Idee war. Trotzdem machen mir gerade diese supoptimalen Stellen nochmal klar, wie gigantisch Cash und die Tennessee Two doch waren, wenn sie sich einfach auf sich besinnt haben.

Ich spare schon auf Vol. 2.

16.09.2011

GRIMM ein kessel schwärze







GRIMM vol. 1 buch 1


Ganz in Schwarz, ein unheiliger Block erlesensten, langlebigen Papiers, auf dem luxuriös eine erhoben aufgedruckte Schabe thront. Der Einband so pappfest, dass sich an ihm jedes Ungeziefer auch in zig Jahren noch die Mandibeln stumpfreiben wird. Gedruckt für die Ewigkeit, also „bis zum Atomkrieg“ (Redakteur Lars Brinkmann) – das ist GRIMM Vol. 1 Buch 1, die erste Ausgabe eines schummrigen Kultur-Almanachs aus dem Jahre 2010 nach unserer Zeitrechnung, der so locker blasphemisch in der Hand liegt wie das Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Al-Hazred.


Grafisch und auch thematisch kann man GRIMM durchaus als Nachfahre des legendären, 1969 von Rolf-Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla herausgegebenen „ACID“-Readers, lesen. „Es ist der Versuch, neue Perspektiven aus einem veränderten Kulturbewusstsein heraus zu schaffen. Ein Non-Stop-LSD-Trip alltäglichen Lebens“ beschrieb Rolf-Dieter Brinkmann die erhoffte Wirkung von „ACID“. Für das GRIMM-Projekt könnte irgendwann das Gleiche gelten – falls der Atem für noch mehr als diese eine Ausgabe reichen sollte, die immerhin auch schon wieder anderthalb Jahre auf dem grimmigen Buckel hat, was aber in Zeiten, wo sowieso alle kulturellen Zeiten bis zum Stillstand ineinander purzeln, auch schon wieder egal ist.

GRIMM hangelt sich ohne Rücksicht auf Kontinuität oder Zielgruppendefinition durch die unterschiedlichsten Bereiche von Kunst und Wissenschaft, wildert in der Musik genauso wie in den bildenden Künsten, der Wirtschaft, Biologie, Literatur, Politik und dem ghanaischen Sargschreinerwesen. Ein Bericht über das unabhängigste Bakterium der Welt findet dort ebenso seinen Platz wie eine feuchte Delirierung zu Abba-Ikone Agneta Fältskog. Der neugierige Umblätterer begegnet einer Abhandlung über die Bedeutung von Büchern für die Waffen-SS (Fazit: Ziemlich wenig Bedeutung, außer es geht um die Vermeidung von Stromschlägen beim Pinkeln von Brücken auf Starkstrommasten), ebenso wie einer Fotostrecke über eine preisgekrönten Plakatserie gegen den Irak-Krieg, wo quasi die Waffen den Kriegführenden bildlich in die eigenen Schwänze beißen - wenn man mit den Plakatmotiven Säulen im vollen Umfang umklebt.

Und GRIMM lässt dabei selten eine Gelegenheit aus, auch den P!O!P!-Schreibern mit einem warmen Strahl kundiger Sätze ans Bein zu pinkeln. Das Leben ist halt echt nicht so einfach zu erklären, böse Menschen haben doch manchmal gute Lieder, und man muss differenzieren, ohne mittels popkultureller Kontextualisierung gleich wieder zu verharmlosen („Ist doch alles nicht so ernst gemeint!“). So etwas lernt der der Kunst Verfallene, wenn die Kunst zuerst da war und man erst bei näherer Beschäftigung merkt, dass eventuell doch ein Arschloch dahinterstecken könnte. Dann muss man sich entscheiden: Die jeweilige Kunst trotzdem lieben oder sich enttäuscht abwenden. Spätestens, wenn man sich für die Kunst entscheidet, beginnt die Differenzierung wichtig zu werden.

Eine Prise Satan verstreut der Bericht über die auch von mir geschätzten belgischen, dunkeldürren Dröhndruiden „Sylvester Anfang“, die sich vor einiger Zeit in „Sylvester Anfang II“ umbenannten. Und wer jetzt ob der „II“ die Biege zu kosmischen Krautkommunen kriegt, der gewinnt einen Ziegenhoden – den man mit etwas Glück vielleicht auch in der Fotoserie finden kann, die Alfred Jansen in einem Schlachthof unserer Republik schoss. Da kann sich Deutschland endlich mal auf die Schulter klopfen: Ohne das mutige Konsumverhalten der deutschen Karnivoren wären solch ästhetisch in Szene gesetzten Motive roher Fleisch-, Fell- und Knochenberge dem Fotograf wohl nie vor die Linse bekommen. Bei einer entsprechenden Ausstellung wurden die Bilder – wie GRIMM berichtet - aus der Ferne gar für liebliche, farblich ansprechende Blätterhaufen gehalten. Da kommt das Grauen dann bei näherer Betrachtung umso schleichender angekrochen. Das verstört. Das soll es auch.

Und so gestalten Brinkmann („Die Redaktion bin ich“) und seine Designergesellen mit Detailreichtum bis zum Overkill immer wieder gegen die mancherorts streng konzipierte und nicht selten preisgekrönte Layout-Langeweile der Print-Welt an. Es gibt entsprechend viel zu gucken bei GRIMM. Kleine, dunkle Stollen optischer Reize, die in Labyrinthe unterschiedlicher Schrifttypen führen, bis man sich unversehens auf der nächsten Seite plötzlich einer fast leeren, weißen Seite gegenüber sieht, auf der nur wenige Buchstaben tanzen. Solche Layout-Wagnisse kann man nicht twittern. Die kann man noch nicht mal E-Book-en, denn gegen die haptischen Eindrücke unterschiedlichsten Papiers, das hier zum Einsatz kommt, verkommt der Bildschirm zum seelenlosen Plasmablubberer.


Was die Freude etwas trübt: GRIMM Vol. 1 Buch 1 ist ein Männermagazin. 27 von 27 Beiträgen sind von den Herren der Schöpfung erstellt, wenn mich nicht alles täuscht. Die einzige Frau, die im Umfeld von GRIMM Erwähnung findet, ist eine ältere Dame, die die Auflage von 1500 Stück handnummerieren durfte. Da sollte der Männer-Club vielleicht mal über seine Satzung nachdenken und auch Frauen nicht nur zu Handlangerdiensten die Aufnahme gewähren. Aber vielleicht interessieren sich einfach auch nicht so viele Frauen für einen kulturellen Schlagabtausch zwischen Trash-Abseiten, Schlachthof-Thrill, H.R.-Giger-Rip-Offs, barbusigen Action-Comic-Figuren in-a-hell, dezenten Satanisten-Provokationen und anderem dunklen Zeugs aus Musik, Film, Fernsehen und weiteren angeschlossenen Kunsthäusern. GRIMM ist aber wiederum auch gerade wegen seiner Unausgeglichenheit ein Gewinn. Es ist faktisch unmöglich, wirklich alle Beiträge gut zu finden, denn dann wäre man automatisch Lars Brinkmann, die One-Man-Redaktion. Und so gibt es in GRIMM Vol. 1 Buch 1 jede Menge prima Gelegenheiten, sich aufzuregen, interessante Abseiten zu entdecken, sich gammelfleischig zu ekeln, und überhaupt sich in einen faszinierend heterogenen Kosmos einsaugen zu lassen.

GRIMM Vol. 1 Buch 2 (oder GRIMM Vol. 2 Buch 1? - man weiß es nicht) sollte eigentlich schon im September letzten Jahres folgen, aber vielleicht wurde die in China gedruckte Auflage auch mitsamt Frachtschiff in irgendeinem Ozeansturm von dunklen Mächten in die Tiefe gezogen. Denn auch da unten am Meeresgrund möchte man womöglich etwas Erbauliches zum Lesen haben. Und mit ein bisschen Wohlwollen der Mächtigen könnte das Meer die Auflage etwas später ausgelesen wieder ausspucken. Vielleicht erscheint GRIMM 2 dann ja frisch gewaschen in Weiß, wie John und Yoko. Die Brinkmann übrigens nicht mag, soviel ich weiß.

Restexemplare von GRIMM Vol. 1 Buch 1 sind vielleicht noch in gut sortierten, aber extrem unaufgeräumten Bahnhofsbuchandlungen zu finden. Ansonsten einfach mal bei grimmoire.de nachfragen.

Nach neuesten Informationen erscheint die zweite Ausgabe voraussichtlich Anfang 2012. Bleibense dran.


Alle Fotos: grimmoire.de

02.06.2011

HELENA ESPVALL & MASAKI BATOH erntedank in babylon








HELENA ESPVALL & MASAKI BATOH overloaded ark

2009


Keine Musik hat mich die letzten Monate fröstelnder gemacht als Helena Espvalls „Travessa do Cabral“, zu finden auf einem Tribut-Album zu Ehren des amerikanischen Stahlsaitengitarristen Robbie Basho - „We Are All One, In The Sun“. Getrieben von diesen eiskalten Cello-Spuren, angeschupst von Espvalls Cello-Arbeit bei den zeitlupig drone-igen Philly-Folkern Espers - jener wundersamen, leider auf Eis gelegten Band der lebenden Giacomettifigur Greg Weeks - las ich ein paar kurze Zeilen über Helena Espvall in „Seasons They Change“, dem gekonnt narrativen Rundumschlag von Jeanette Leech über alles, was unter den eierigen Begriffen „Acid And Psychedelic Folk“ kreucht und fleucht, selbst wenn die Kreuchenden und Fleuchenden gar nicht wissen sollten, dass sie unter „Acid And Psychedelic Folk“ kreuchen und fleuchen. Muss man aber auch nicht immer auf die Goldwaage legen, die strenge Zuordnung. Unterhaltsames Buch jedenfalls.


Nun, jedenfalls wurde meine Aufmerksamkeit auf Helena Espvall gelenkt. Ich wollte ihren Spuren ein wenig folgen und gelangte dabei zu den beiden Alben, die sie mit dem japanischen Grateful-Kraut-Barden und Bandleader der Free-Impro-Gong-Inkarnationsgruppe GhostMasaki Batoh - aufnahm. Ist der erste Versuch der beiden für mich nur dadurch interessant, dass ich Kulturfremder offensichtlich noch nicht mal finnische von japanischer Folklore zu unterscheiden in der Lage bin (denn genau das meinen meine laienhaften, am Finnischen und Japanischen gänzlich untrainierten Ohren hier zu hören), habe ich dagegen einen kleinen Narren an ihrem zweiten Werk – „Overloaded Ark“ – gefressen.


Ich höre dort angedubbte, länger dümpelnde Tracks, die klingen wie an den Marktgeräuschen Babylons orientiert. Dann wieder sind's kleine heimelige, ganz leicht angepschyschedelischte Weltfolk-Intermezzi, in lustigen Sprachen intoniert (Finnisch? Schwedisch? Latein? Französisch?) und mit Seele durchhaucht, ohne ein dramatisch überschnappendes Gesangsorgan bemühen zu müssen. Die Espvall staubt halt nicht groß rum, um auch gesanglich zu überzeugen.


Die beiden Hauptprotagonisten an Gitarre, Cello, Harfe, Electronics, Orgel, Sho und Banjo holen sich übrigens kompetente Verstärkung durch die Bandkollegen von Ghost in Form von Junzo Tateiwa und Kazuo Ogino ins Archenhaus. Die bedienen zwar neben Drums, Perkussion und Piano auch so rätselhafte Instrumente wie Darbuka und Riq, können aber trotzdem nicht gegen die noch viel rätselhafterer geheißenden Instrumente anstinken, die der Meister antiker Musiken, Haruo Kondo, beisteuert: „Rauschpfeife, Crumhorn, Cornamuse, Hurdy Gurdy“. Allein die Poesie dieser Wortreihenfolge ist das Geld der Platte wert. Und natürlich erst recht, was die Beteiligten an musikalischen Exzerpten so damit raushauen.


In meiner verkorksten Fantasie feiern und tanzen auf derlei STOFF wie das fröhlich eröffnende „Little Blue Dragon“ nachts schottische, isoliert lebende Inselbewohner, wenn sie kurz zuvor in der Dämmerung ein brennendes Menschenopfer dargebracht haben, um den schlechten Ernteertrag der letzten Jahre für die Zukunft zu beenden. Da fällt mir ein: Hilft ein Menschenopfer eigentlich auch dabei, meine armseligen Fertigkeiten auf dem Banjo zu verbessern?


Ziehen wir diese Frage zurück und widmen uns lieber weiter der üppigen Landschaft von „Overloaded Ark“, die auch durch das an prächtigen Gelb- und Orange-Farben reiche Coverfoto in gleißendem Licht erscheint. Das Foto zeigt übrigens keine Prozession unbekannten Inhalts im Nahen Osten zu Zeiten der Arche Noah, sondern vermutlich eine Szene in Japan des 21. Jahrhunderts (Möbeltransport?), als zu gleißendem Licht in der japanischen Natur noch nicht der fade Beigeschmack von Caesium hinzu assoziiert wurde.

Auch auf der Coverrückseite sieht man die beiden Protagonisten noch friedlich an der japanischen Küste wasserumspült am Strand sitzen. Sie schauen zu uns auf wie junge Erwachsene, die das Leben noch vor sich haben. Aber als hätten sie den aktuellen japanischen Super-GAU schon 2009 geahnt, zieren Fotos vom atomar zerstörten Nagasaki den Label-Aufdruck der Vinylausgabe.


So freundlich und harmlos wirkt die Musik auf „Overloaded Ark“ nämlich gar nicht. Sie ist vielmehr durchsetzt mit dezent unheimlichen Stimmungen, wie sie unbeleckte Hörer befallen können, wenn sie Musik gewahr werden, deren Zusammenhang ihnen ein Rätsel ist. Denn fehlt die Kenntnis des Zusammenhangs, entspringt noch dem unschuldigsten Laut die vage Möglichkeit, dass er es nicht gut mit einem meint. Und einmal sogar versucht ein Track, mit unvermittelt einsetzendem fiesen Fiepen das Hörerohr zu sprengen! Ein Rat zur Güte: Lass dich drauf ein, aber erwarte nicht, dass es für dich automatisch ein gutes Ende nimmt.



26.05.2011

BOB DYLAN zum 70sten: überlagerungs-dub revisited








der dylanologen-kongress has left the building



Was ich lange, lange Zeit an Dylan so verabscheute - seine Uneindeutigkeit, seine gleichzeitig in allen Zeiten verpflanzte Musik, seine Nachlässigkeit und Sprunghaftigkeit dem eigenen Material gegenüber - kumulierte in meiner völligen Intoleranz gegenüber seiner Stimme. Ich spürte schon immer irgendwie, dass sie der Schlüssel zu seiner Gesamtkunst darstellt, der Kern dessen, warum sie nicht greifbar ist. Ich spürte auch, dass ich Dylan eigentlich gut finden müsste. Dass ich es nicht tat, machte mich seinem Werk gegenüber zynisch und herablassend. Dylan war für mich ein erledigter Fall, mein Fall sowieso nie, und allenfalls erträglich, wenn jemand einen Dylan-Song coverte, was immer der Dylan-Version vorzuziehen war. Das machte mich noch wütender gegenüber seinem Werk. Wieso schaffte der Typ es nicht wenigstens, seine eigenen Songs am überzeugendsten zu spielen? Wieso konnten selbst das andere besser als er?


Dann hörte ich zufällig eine aktuelle Platte von ihm - „Modern Times“ - und fand plötzlich seine Stimme sehr angenehm sanft und Dylan-fremd. Aber auch „Modern Times“ war nicht einfach für mich. Mich störte, dass Dylan alles zusammengeklaut hatte. Ich las, er hätte ganze Passagen aus fremden Songs und Texten zusammengetragen und zum Teil wortwörtlich übernommen. Für die Musik galt das gleiche: Keine Sekunde war neu, die Songs waren aus bekannten Versatzstücken zusammengebaut, trotzdem autorisierte er sie als Dylan-Kompositionen. Aber das geht doch nicht, empörte ich mich, wo bleibt denn da die Eigenständigkeit? Klaut einfach und gibt es als das seine aus! Ich hatte daran zu knacken (und sah erst später, dass die Kunst darin liegt, das vorliegende Material sich überlagern zu lassen, woraus sich eine andere, ganz eigene Textur ergibt; im Prinzip baut sowieso alle Kunst auf vorher von anderen geschaffener Kunst auf - Gegenbeweise nehme ich gerne entgegen).


Die Songs auf „Modern Times“ jedenfalls waren mit einer großen Lockerheit gespielt. Seine Band schien musikalische Geschichten und Querverweise der amerikanischer Pop-Kultur schlafwandlerisch aus dem Ärmel zu ziehen. Ich war fasziniert - und froh, endlich einen Zugang zu Dylans Stimme gefunden zu haben. „Modern Times“ wurde die erste Dylan-Platte, die ich mir kaufte.


Von hier aus können wir schneller skippen: Von diesem winzigen ersten Zugang zu Dylans Stimme aus rollte ich das Feld von hinten auf: Ich las Heinrich Deterings Dylan-Büchlein von 2007 (Reclam), besorgte mir „Dylan Live 66 (The Bootleg Series Vol. 4)“ und war total begeistert von der rauen Musik und der arrogant-irrisierenden Aura des Gipfelstürmers und Enigmaten, den Dylan 1965/66 darstellte. Ich lernte seine Art des Gesangs und der Intonation zu schätzen. Ich kenne eigentlich niemanden, der Verse in dieser Weise in den Sog ziehen, peitschen, betonen und formen kann, wie Dylan es zu seiner Punk-Zeit 1965/66 vermochte. Außer Johnny Rotten vielleicht, der eine ähnlich pointierte Leistung hinbekam, als er beispielsweise „I don’t want a holiday in the sunnnya!/ I just wanna go to the new Belsennnya“ sang.


Dylans „Holidays In The Sun“ heißt „Subterranean Homesick Blues”, ein atemlos virtuoser, schneller Versfluss, erschienen 1965 auf „Bringing It All Back Home“. Eine unerreichte Fluchtfahrt durch Amerika, die das äußere nach innen kehrt. Die Musik ein schnelles, dichtes elektrisch-akustisches Gelärme, noch so gerade als Blues erkennbar. In Form gehalten durch Dylans virtuosen Schnurgesang. Es gibt auch reine Folksongs auf „Bringing It All Back Home“, jedoch mit einer Schärfe und Attitude gespielt und gesungen, dass sie den elektrischen Songs in nichts nachstehen.


Beispielsweise auf „Gates Of Eden“ oder auch „She Belongs To Me“ bekommen die Lyrics eine nachdrücklich rhythmische Betonung (statt eine melodiöse), wie sie so ganz ähnlich auch im Hip Hop Jahre später eingesetzt wurde. Sowieso hat der Dylan (nur zu jener Zeit? Zu allen Zeiten? Zu bestimmten Zeiten?) ein ähnliches Sprechgefühl wie viele Rapper sie haben. Ich sehe da starke Ähnlichkeit zum Beispiel zu Rakim. Dylan selbst war/ist ja HipHop ziemlich zugetan, er arbeitete mit Kurtis Blow zusammen, der ihn mit Public Enemy, Ice T. und N.W.A bekannt machte. In seinen „Theme Time Radio Shows“ verirrt sich auch immer mal wieder ein HipHop-Track.


Auch toll: Dylan 1965/66 klingt arrogant wie Sau! Du kannst ihm nichts, ich kann ihm nichts, the Government kann ihm nichts. Er arbeitet nicht mehr für jemand anderen. Auf Interviewfragen gibt er Nonsense-Antworten, er versteckt sich hinter seiner Sonnenbrille, den Wuschelhaaren, verrätselten Versen und dem schrammeligen Strom seiner Songs. Dylans Ich war hinter der Linse seiner Kunst nicht scharf zu stellen und ist es bis heute nicht.


Und dann merkte ich irgendwann, dass ich auch über meine Liebe zu Dub-Reggae zu Dylan hätte finden können. Denn Dylan und Dub geht gut zusammen. Auch im Dub wird der Autor vom Track entfernt, durch Elektromechaniker und Tontechniker wie Scientist und King Tubby auseinandergenommen und seiner Ich-Bezogenheit beraubt. An dessen Stelle tritt der abstrakte Effekt, oder ein anderer Sänger oder DJ (oder ein DJ, der über einen anderen DJ drübersingt, der über den Sänger drübersingt).


Aus Zitaten und ganzen Originalpassagen eines Reggae-Tunes entstehen so im Dub wieder neue Texturen, wie bei Dylan, der sich den gesamten Schatz amerikanischer Folk-, Blues-, Country- und Rockmusik einverleibt und mit geklauten Passagen eines japanischen Yakuza-Romans verschränkt, was im Dub der Phase entsprach, als Geräusche und Kontexte von Bruce-Lee-Kung-Fu-Filmen die Dubversionen in neue Zusammenhäge stellten. Auch Dub-Adepten wie Moritz von Oswald entziehen ihren elektronischen Dubs das eigene Ich, geben keine Interviews und lassen sich nicht per Foto oder Film personalisieren. Und Sie dachten jetzt, das kommt bei Oswald/Rhythm&Sound/Basic Channel wegen Elektronik-Background, Weißmusterplattendingens, Pseudonymenspiel und Anonymisierung im Techno-Kontext, was? Hahaha! Aber es kommt von Dylan, Dylan, Dylan!!! Nur Dylan! Lasst mich! Weg! Lasst miph…!!!

("wahr" wird überwältigt, szenerie verdunkelt sich, man hört beruhigend einredende stimmen, bis auch sie verhallen)


„I’m Not There“, der episodische, Dylan kaleidoskopisch spiegelnde Film, ist übrigens nicht so toll. Vielleicht, weil sich Dylan dann eben doch nicht in die einzelnen Phasen seiner Kunst/ seines Lebens aufspalten lässt, ohne dass selbst in der Summe Essenzielles verloren geht.

18.05.2011

URGE OVERKILL tauchgang









URGE OVERKILL
- rock & roll submarine

2011



Gestern gekauft. So richtig klassisch im Plattenladen statt im Mailorder. Als LP. Und ich muss nach dem ersten Hören sagen:

Urge-Overkilliger Hard-Rock auf gewohnt hohem Niveau. "Rock & Roll Submarine" hat vielleicht nicht immer ganz die Songoberklasse von "Saturation" (1993!!), aber das kann auch erstmal täuschen. Härter, elektrischer, dichter jedenfalls als die letzte Studioplatte "Exit The Dragon" (1995!). Aber auch ein paar zarte Stellen sind darunter, wo der Harmoniegesang ganz ohne konterkarierendes Riffwesen glänzen darf.

Gute Platte. Nach dem zweiten Durchhören sage ich: Sehr gute Platte. Schön auch das Cover mit dem Rock'n'Roll-U-Boot. Weitere Details der Verpackung offenbaren für den Hobbybastler in uns den Bauplan des U-Boots und die Band im Steuerraum (wo sonst?) inna Comic-Style. Das Submarinen-Setting ist natürlich eine Steilvorlage für platitüdischen Symbolismus, dem ich mich gerne hingebe: Tauchen sie jetzt so richtig wieder auf oder bald schon wieder so richtig ab? Ich hoffe ersteres. Wir hätten es verdient. „Überraschendste Rückkehr der letzten Jahre“ sagte mein Plattenladenfachverkäufer beim Eintüten. Wir mussten beide lachen. Urge Overkill machen immer noch Spaß.

LP kommt mit DL-Code. Vinyl-Pressung ist tadellos.


07.05.2011

GARCIA & GRISMAN selbstverständlich klingt es








Jerry Garcia & David Grisman
1991





Ich poste das weiter unten verlinkte YouTube-Video nur deshalb, weil ich lange Zeit das Gefühl hatte, das Musikstücke, die im Umfeld er Grateful Dead entstanden sind, mich, wenn überhaupt, dann immer nur zufällig kriegen würden. Nie als Bestandteil bestimmter Platten, nie als Bundle. Tatsächlich hatte mich noch keine einzige Platte von den Grateful Dead überzeugen können. Aber wenn ich in ganz anderen Zusammenhängen ohne Absicht auf etwas aus ihrem Dunstkreis stieß, dann hatte es mir meist doch gefallen. So z.B. der Soundtrack Jerry Garcias zur „Twilight Zone“-Serie, oder eine Liveversion von „Dear Prudence“ als YouTube-Video.


Und so eben auch der Track von Jerry Garcia & Mandolinist David Grisman, den Banjo-Bauer Neil Turner einem Video unterlegt, das im Zeitraffer zeigt, wie Neil einen Banjohals aus einem einzigen Stück Holz herausarbeitet. Zufällig hat Neil Turner auch den Hals meines Banjos gefertigt. Aber ich lasse diesen Umstand nicht als Besonderheit und unzulässige Voreingenommenheit gelten. Der Song heißt "Dreadful Wind and Rain". Ausnahmslos jeder Mensch wird ihn als gut empfinden. Das steht für mich außer Frage.


Und jetzt kommt das Wunder: Ich besorgte mir daraufhin tatsächlich eine CD von den beiden - „Jerry Garcia & David Grisman“ von 1991 - und war sofort tranquiliert von der meisterhaften Entspanntheit, mit der die beiden in totaler Selbstverständlichkeit die lockerste Folkmusik der Welt aus Gitarre und Mandoline (sparsam begleitet von Standbass und Perkussion) heraushauten. Der Bann war gebrochen: Ein Album aus dem Dead-Umfeld überzeugte mich von der ersten bis zur letzten Sekunde. Es gibt Tage, da kriege ich von diesen in tiefsten Tiefen amerikanischer (und auch mal arabischer) Kultur versinkenden Folk-Tauchgängen nicht genug.



05.05.2011

HEAD OF WANTASTIQUET schlurfende zusammenkunft









HEAD OF WANTASTIQUET

dead seas

2010


Wenn Platten auf Label veröffentlicht werden, die Mad Monk, Eclipse und Conspiracy Records heißen, wenn eine Violine altersschwach und dröhnsägend durch zeitlupig rumpelnde Banjos fährt, wenn wisperiges Genuschel mehr sagt als tausend vernünftige Worte, wenn erschöpfte E-Gitarrenverzerrungen ihre letzten Atemzüge an schwer zugänglichen Hügeln hauchen, dann ist Paul LaBrecque – in Belgien ansässiger Schwippschwager im Geiste der Sunburned Hand Of The Man – meist nicht weit.

Im letzten Jahr schien der gute Paul einige unheimliche Zusammenkünfte mit Gleichgesinnten im Land der Toten Seen abgehalten zu haben. Head Of Wantastiquet's „Dead Seas“ ist auf wackeligem Boden stehende Ritualmusik. Erschlafft, primitiv, irgendwie abgenutzt klingt sie, als würde sie im Schlurfschritt immer wieder am Opferstein gerieben. Nur zufällig kann sie den Weg in ein Aufnahmegerät gefunden haben. Es scheint nicht erwünscht, ihr außerhalb der Zeremonie zu lauschen. Die Musik gefällt nicht mit Könnerschaft und Kompositionskunst. Die Fähigkeiten der Musiker scheinen mit dem zeitlupigen Gezupfe ihr unseliges Maximum erreicht zu haben. Die Musik auf „Dead Seas“ scheint keinen Wert an sich zu haben. Sie macht nur Sinn innerhalb einer bestimmten Zeremonie. Dort befeuert und unterstützt sie die vor langer Zeit festgelegte Abfolge der Riten. Mal freundlich, mal grimmig. Mal pluckernd, mal dröhnig. Irgendjemand in der kleinen, sozialen Gemeinschaft muss sie halt spielen, also werden diejenigen ausgesucht, die es einigermaßen hinbekommen, damit das Ritual stattfinden kann, denn nur das Ritual ist wichtig, nicht die Musik.

Und so wird ein nicht eingeweihter Zeuge dieser Geschehnisse zu einem heimlichen Zuhörer. Ängstlich legt er eine Hand über die Pegelanzeige seines Aufnahmegerätes, damit ihr Leuchten ihn nicht verrät. Aufs Geradewohl schießt er ein Foto aus seinem Versteck in den hohen Gräsern der Lichtung. Leidlich geschützt durch Dämmerlicht und dünnen Rauchschwaden. Später wird er sich das Foto anschauen. Er wird undeutliche Gestalten über ihm aufragen sehen. Einer wird einen Stoffumhang tragen, dessen Kapuze eine undefinierbare Schädelform umschließt. Geweihartige Zweige scheinen aus dem Schädel zu wachsen. Eine zweite Gestalt im Hintergrund wird durch eine schmalere Kopfbedeckung auffallen, aus der rückwärtig eine sehr lange Feder fast horizontal herausragt. Die Tonaufnahmen wird der heimliche Zuhörer später in Ermangelung eines besseren Titels nach dem Landstrich benennen, in dem dies alles geschah: „Dead Seas“. Immer wieder wird er die Aufnahmen hören, um sich immer wieder durch ihre Existenz seiner Erlebnisse zu vergewissern. Der ahnungslose Zeuge weiß bis heute nicht, ob er zusammengekauert im lichten Gras wirklich unentdeckt geblieben ist, oder ob die seltsame Gesellschaft ihn nur einfach aus völligem Desinteresse nicht weiter beachtet hat.

04.05.2011

DEERHOOF bekannt verzogen








DEERHOOF deerhoof vs. evil

2011

[cover-rückseite]


Die Rezeption von Deerhoof ebbte mit dem Erscheinen von „Deerhoof vs. Evil“ Anfang des Jahres in den einschlägigen Blogs/Mags ziemlich schnell ab, schien es mir. Ich las leise Enttäuschung daraus - trotz der Titelgeschichte im WIRE (dessen positiver Grundton von der darauf folgenden Rezension wieder relativiert wurde). Wahrscheinlich erwartete man einen ähnlichen Klopfer wie den Vorgänger „Offend Maggie“, der mit dem Neuzugang von Ed Rodriguez als zweitem Gitarristen großenteils mitreißenden Beefheart-Rock zum Besten gab, bei dem das polyphone Spiel von Drummer Greg Saunier sowieso den Verdacht nahe legte, er wäre in den Besitz geheimer Schlagzeug-Pattern von Magic-Band-Drummer John French gelangt.


„Deerhoof vs. Evil“ wirkt im Vergleich dazu auch erstmal etwas ernster, mehr wie eine einzige, während einer Außendiensttagung in Arbeitsgruppen zusammengesetzte Pachwork-Komposition. Auch die helle, dünne Stimme von Satomi Matsuzaki, der schon mal vorgeworfen wird, sie klänge eindimensional und affektiert naiv („one dimensional cutesy-poo vocals“ WIRE, März 2011) trägt nicht unbedingt dazu bei, eine gewisse Angestrengtheit zu verbergen.


Trotzdem ist es nicht ganz fair ist, Satomi Matsuzaki ihre Bubidu-Stimme vorzuwerfen. Denn sie steht im interessanten Kontrast zum gegenläufigen Krach und den kleinen Zickigkeiten, die auch auf „Deerhoof vs. Evil“ wieder um sich greifen, aber eben kleinteiliger und präsenter als auf dem rifforientierten Vorgänger. Ganz harmonisch passt die Stimme natürlich zu den gar nicht mal so selten Bossanovismen, die sich in die Arrangements schleichen wie ein verdeckt arbeitendes Ermittlerteam, das plötzlich öffentlich zuschlägt. Vielleicht ist diese Kleinteiligkeit wirklich ein Ergebnis der vergrößerten räumlichen Trennung der Band, sind sie doch mittlerweile vom heimischen San Franzisko aus in alle Winde verstreut worden (New York, Tokyo, Wisconsin, Oregon).


Und so schultern Deerhoof ihren Sound anders als vorher. Etwas pathetisch formuliert: Die Fackel der Perkussion - auf „Offend Maggie“ noch mehrheitlich von den Drums gewuppt - wird hier auf alle Instrumente übertragen. Es werden sozusagen kleine Perkussionsfackeln gezündet. Jawohl, sie leuchten mit entzückenden - zum Glück auch manchmal ungesunden elektronischen – Farben!


Großes Lob von meiner Seite für die vinylfreundliche Kürze des Albums. Bei einer Spielzeit von gerade mal 30 Minuten schmeckt jeder Soundhappen hier noch mal so gut, so tief, so hoch, so bass. Also an all die Trillionen Musiker da draußen, die diesen Blog lesen: Macht Alben, die 30 Minuten gehen. Gerade in der heutigen Zeit, in der ja bekanntlich immer alles schnell, schneller, schnellerer geht, müssen auch Alben schnell, schneller, schnellerer zu Ende gehen. Kein Schwein hört mehr als 30 Minuten dieselbe Musik! Eigentlich reichen 15 Minuten auch. Also eine LP-Plattenseite. Man kann sich erstmal ausruhen und dann die Plattenseite umdrehen, wenn man noch Lust dazu hat. Wer keine LPs kauft, kann auch die CD umdrehen, oder den i-Pod. Dreht den Computer um! Seid kreativ! Nutzt die elendigen Produkte der Warenwelt entgegen ihrem bestimmungsgemäßen Gebrauch! Seit wie Deerhoof und kämpft gegen das Böse!

03.05.2011

MIKE WATT in opernstimmung




MIKE WATT

hyphenated-man
2011




Mike Watt, Mann! Sieben Jahre ohne Platte, Mann. Hat sich an seine Taten mit den Minutemen erinnert. Als Songs anderthalb Minuten gingen (wenn’s hoch kommt) und sie’s dem Punk-Publikum gezeigt haben. Ihr wolltet „No rules for Punk“? Ihr bekamt „No rules for Punk“! Nämlich Punk und Hardcore nicht als klischiertes Sparsamstakkord-Geschwindigkleitsgeschrabbel, sondern als vertracktes, schnelles, muskuläres BassBassBassDrums-Gefrickel mit dünner E-Gitarre und Agit-Lyrics aus dem Leben einer Freundesbande. Oder als Folk, als Mainstream-Übung, als Free Jazz. Gesungen wie man spricht, gespielt wie eine Provokation an Punk-Fetischisten. In Flanellhemden und Normalo-Jeans. Klamotten, die nicht nur aussahen wie Trag-ich-immer-Klamotten, sondern die so sehr Trag-ich-immer-Klamotten waren, dass Bühnenbewacher die Minutemen als Fußvolk betrachteten und nicht auf die Bühne zu ihren Instrumenten ließen. Deshalb hing die Band immer schon vorher auf der Bühne ab. Die Schicht muss pünktlich beginnen. Ehrensache.


Das ist 25 Jahre her. Und nun hat sich Watt wieder daran erinnert. An D. Boon und George Hurley, Mann. Und wie gut es tut, zu dritt kurzen, ver-spiel-ten Lärm zu machen. Flanellhemden trägt er immer noch, daran musste er sich nicht mehr groß erinnern. Hat sich dann zwei Typen gesucht, Mann. Tom Watson an der E-Gitarre, Raul Morales an den Drums, Mann. Tony Maimone produzierte den Scheiß, Mann. Jener Maimone Tony, der schon bei den Proto-Post-Prä-suchdirselbstwasaus-Hardcore-FOLK-Gesellen Pere Ubu spielte, der den ein oder anderen Track von Ex-Hardcore-Kollege Bob Mould mit trockenem Sound vergewitterte.


Wieder anderthalb Minuten pro Song, 30 (!) insgesamt. Das Album heißt „Hyphenated-Man“. Der Sänger und Bassist heißt Mike Watt, Mann. Er schneidet die 30 Songs auf Pass aneinander, dass dir Hören und Sehen vergeht. Welcher Songs ist das gerade nochm…, ach ne, ist schon der nächste. Und irgendwie ergibt dann alles zusammen eins, weil in den verwirrenden Hardcore-Puzzle-Teilen die absichernde Orientierung flöten geht. So wie bei den Minutemen halt, Mann. Mike Watt, unser Mann aus Pedro, nennt es eine Oper (remember „No rules for punk“?), die 30 Teile sind seine kleinen „Econo“-Tracks. Econo kommt von ökonomischem Spielen, Mann. Streiche alles Überflüssige, wiederhole nichts, beende schon bevor sich Langeweile zeigt.


Alle Songs enden auf „-man“, Mann. Wer ist noch dabei? Raymond Pettibon, früher SST-Cartoonist, später hochangesehener Künstler, Mann. Hier macht er auch wieder das Cover - wie schon bei den Minutemen, genau. Pettibon lässt keinen fliegenden Hippie im LSD-Rausch mehr in einem sehr, sehr kurzen und wahrscheinlich nur sehr, sehr kurz glücklichen Flug über den Hochhausrand gleiten. Stattdessen schlüpft ein entschlossener Dämon aus einem Ei, den ein Speer durchbohrt, Mann. „ALL WORDS BY MIKE WATT ∙ THANK YOU TO HIERONYMOUS BOSCH”. Es ist gut, jetzt endlich den Jahrzehnte alten Kram der Minutemen nicht mehr hören zu müssen. Es gibt jetzt den „Hyphenated-Man“!


01.05.2011

TIM COHEN schichten ins ungefähre





THE TWO SIDES OF TIM COHEN

2009



Solo-Alben. Sie werfen sich manchmal auf seltsame Weise auf sich selbst zurück. Im Sound und in den Arrangements wird es einsam und zugig. Im Multitrackverfahren vermengt der Soloist seine instrumentalen Fähigkeiten mit den Nichtfähigkeiten. Das Unfertige findet Einkehr, weil man nicht auf allen Instrumenten gut sein kann. Skip Spence (SF!), Ana Da Silva, PJ Harvey am Piano oder der Zither, und auch Tim Cohen.


Tim Cohen ist sonst Spieler und Sänger einer eher unscheinbaren, recht hibbeligen, neuerdings hochgelobten Neu-Sixties-Band aus San Francisco namens The Flash & Onlys. Im Solo-Werk gewinnt er eben jene Dimension hinzu, die schon andere auf sich zurück Geworfenen ausgezeichnet hat: Instrumentale und gesangliche Limitierungen werden nicht bereinigt, sondern als notwendige Bestandteile eingearbeitet. Das Tempo ist verhalten, keine Band im Rücken treibt voran. Das Tempo bestimmt man selbst, und dieser Umstand kann den einsamen Soloisten recht erschrocken zurücklassen, sodass der einsame Soloist das Tempo zurückfährt, unsicher vielleicht, ob man der Vielzahl an einsamen Entscheidungen gewachsen sein mag. Wen soll man auch fragen? Die Fragen eines Soloisten kommen als Hall zurück.


Ein bestimmter Hall scheint mir San-Francisco-typisch. Ich höre ihn auf Skip Spence's „Oar“ von 1969, und ich höre ihn bei Tim Cohen. Ein signifizierender Hall, wenn man so will. Ein Sound, der Vakuen enthält, die sich nicht berühren. Sie grenzen nur aneinander. Wie sollen sie sich auch berühren, wenn sie zu verschiedenen Zeiten vom gleichen Menschen gespielt worden sind? Ihre Ebenen können nur nebeneinander existieren und sich nicht durchdringen. Und das ist ein großes Plus einsamer Entscheidungen einsamer Soloisten. Wenn's gar nicht anders geht, holt man sich Mitspieler hinzu. Aber auch nur dann.


Tatsächlich erinnern mich die simplen Pianoteile in „Haunted Hymns“ und „Unjeweled Splender“ an PJ Harveys schutzlose Klavierfiguren auf „White Chalk“, nur dass statt des eisigen Windes, der auf den eisigen Hügeln von Harveys Heimatgegend zu wehen pflegt, bei Tim Cohen die kalifornische flirrende Hitze den Wahrnehmungsapparat Dinge hinzuaddieren lässt, die schwer von Fantasiegebilden zu unterscheiden sind. Wer das Schutzlose und Immaterielle freilegen will, der ballert seine Musik eben nicht mit Irrsinnsakkordfolgen und Lautstärken voll. Der schichtet, wenn überhaupt, die Klänge ins Ungefähre, in die Zwischenzustände, die nie ganz erfassbar sind. Gitarren werden zu dunstigen, diesigen Scheinfiguren, Songs zu Skizzen, zum „Take 1“, dem aber kein perfekter „Take 36“ mehr folgt. Dass es bei Take 1 geblieben ist – ich bevorzuge ihn oft, denn den Rest addiere ich einfach selbst dazu, wenn die Substanz die eigene Gedankenleistung zu tragen imstande ist. Hier auf „The Two Sides of Tim Cohen“ trägt sie.


Mit religiösem Glauben scheinen Cohens Innenwelten auch was am Laufen zu haben. Ob die Waage eher in Richtung Zweifel ausschlägt oder in die Hingabe, lässt sich nicht immer so genau ausloten. Aber dass Tim Cohen auf „Two Sides ...“ innere Kämpfe mindestens höflich ausgeficht, scheint in allen Übergangszonen, in denen Text und Musik nur als vages Gefühl wahrgenommen wird, ziemlich surreal durch. „We're living up in the shadow of the hall of justice/ We're living up in the shadow of the house of spirits/ They rise above the hill like a big tidal wave is falling/ They are made of photographic flashes in a magic frame/ We're living up in the shadow of the house of games/ We never go in/ We never go in“. Leben im undurchdringlichen Schatten. Vielleicht können Soloalben diese Schatten besser beschreiben als Gemeinschaftswerke, wo sich jeder durch die anderen, gleichberechtigt Mitwirkenden davon ablenken kann.




30.04.2011

KEITH RICHARDS open g award






Keith Richards, die großartige Pfeife, ist vor ein paar Tagen mit dem "Tribeca Disruptive Innovation Award" ausgezeichnet worden, und zwar dafür, dass er das Open-G-Tuning des Five-String-Banjos auf die Gitarre übertragen hat. Offene Stimmung bedeutet, dass das Anspielen aller Saiten schon einen Akkord ergibt, ohne dass man einen Akkord mit der Griffhand noch extra greifen muss.

Richards widmet sich auch in seiner Biographie der Stimmung im offenen G. Im Prinzip hat er seit "Jumping Jack Flash" so gespielt. Bis heute. Ich find's einfach deswegen toll, weil ich a) Five-String-Banjo spiele und b) das ebenfalls fast nur in Open G. Es ist ein sehr direktes Tuning, mit dem man eine Menge Lärm machen kann, wenn man die Saiten nur ordentlich rannimmt. Ich kann es nicht besser erklären.

Ich verstehe sowieso nicht, warum Gitarren nicht generell so gestimmt sind, dass ein Schramm ohne Griffhand schon einen Akkord ergibt. Beim fünfsaitigen Banjo ist das gang und gebe. Richards kam laut Biographie jedoch eher über schwarze Blues-Gitarristen auf den Open-G-Trichter und nicht so sehr übers Banjo. Blues-Gitarristen nutzen nämlich gerne die offene Stimmung, wenn sie mit Bottleneck spielen.

"Keith Richards was recognized for his “Open G Tuning” method of guitar playing, and his manager of 25 years, Jane Rose, accepted on his behalf. Festival co-founder and disruptive innovation spearheader Craig Hatkoff demonstrated Richard’s unique method by snapping the string off a banjo and exaplaining that he had always wondered why his Honky Tonk Woman rendition never sounded quite right. When he finally discovered Open G, “it sounded like a goddamn orchestra,” he said."

07.03.2011

GRAILS enter g





GRAILS burning off impurities

2007


Ich weiß nicht warum, aber jedes Mal, wenn ich den 8-GB-USB-Stick an die Media-Anlage des Autos anschließe, kommt als erstes Stück das erste vom Grails-Album Burning Off Impurities“ (2007), obwohl noch einige andere Alben auf dem Stick enthalten sind, die im Alphabet früher als „G“ kommen. Bevor Grails auf dem Stick landete, kam immer das erste Stück vom ersten Gillian-Welch-Album. Mein Stick steht auf G!


Jedenfalls dadurch, dass ich jetzt ständig immer mindestens den ersten Grails-Track ins Ohr bekomme, bin ich ein kleiner Fan ihres Indianer-Post-Rocks geworden. Gute Platte, mit wohlgesetzten Gewaltigkeiten und therapeutisch zweifelhaften, mir aber gut tuenden Schamanismen.


In diesem Monat erscheint übrigens ein weiteres ihrer Werke des rituellen Schleichens ums Stammesfeuer: Deep Politics.



25.02.2011

ALIEN SOUNDTRACKS chrome basho-junghans ornette coleman radiohead









STEFFEN BASHO-JUNGHANS
(foto: dothephantomlimbo)

Diesmal in „Musik für 2011“: Gitarren, Gitarren, Gitarren. Akustisch, elektrisch, schallend, knisternd, modifiziert, gestimmt, ungestimmt. Und fremd bisweilen auch. Sehr fremd, unheimlich fremd, willkommen fremd. Mit merkwürdigen Versuchsanordnungen und fiesem, manchmal sogar esoteriknahem Unterbau. Das neue Ding seit 700 Jahren.

Helios Creed ist ein ähnlich signifikanter Gitarrist wie beispielsweise Jimi Hendrix oder Michael Rother. Allesamt ziehen sie ihre Kunst nicht so sehr aus ihren zum Teil gigantischen technischen Fähigkeiten, sondern aus der sehr besonderen sonischen Sprache, die sie sprechen und die sie mit dem Rest ihrer Musik ziemlich einmalig verschränken.

Creeds Gitarrenspiel liegt dabei so ziemlich genau zwischen den oben genannten: Von Hendrix hat er den Feedback-Krach übernommen und um einiges brachialer weitergetrieben. Von Rother hat er die langgezogenen Schleifen und Schlieren übernommen und bis zum Ohrenschmerz scharf zugespitzt. Ein Meer undurchdringlicher Hässlichkeit umspült sein Spiel. Vielschichtige, fremde Etwasse aus Feedback und gleißenden Schreien, die in Wellentälern aus Bandmaschinen- und Sequenzer-Lärm untergehen und die sich ihnen dann wieder lärmüberströmt entgegenstemmen.

„Alien Soundtracks“ ist nicht nur Namensgeber dieses vierten Teils der 2010->2011-Serie, sondern auch der Titel eines Albums von 1978 von Chrome, der aus San Francisco stammenden Band von Helios Creed und Damon Edge, die ihre besten und verstörendsten Arbeiten in der Zeit von 1978-1983 veröffentlichten. In den letzten Monaten hat mich ihre Musik beständig begleitet, wie durch den schlürfender Rüssel eines Raumschiffs aus „Krieg der Welten“ wurde ich in ihre lärmigen Kammern gesogen.

Das musikalische und visuelle Gesamtkunstwerk von Chrome bildet eine unheilige Allianz aus vertrashten Science-Fiction- und Horror-Versatzstücken („Zombie Warfare“), DNA-Unkontrolle („Chromosome Damage“) und erstem Winken aus der binären Datenwelt („All Data Lost“). Songs faden einfach mittendrin aus, um dann wieder mutiert neu zu starten. Kosmische Neu!-Beats treiben den Lärm an und werden von Sequenzer und Metal-Gitarre zerraspelt wie Tauben in Flugzeugturbinen.
Chrom’sche Plattencover wirken wie in einem DoItYourself-Klebe- und Collage-Kurs an der Volkshochschule für mutierte Gestaltung entworfen: Ein Heile-Welt-Wohnzimmer der 1960er Jahre, in ungesundes Rosa getaucht, bekommt riesige Augen und einen Mund verpasst. Darüber ist mit Edding-Stift der kantige „Chrome“-Schriftzug gezogen („Alien Soundtracks“). Auf „Half Machine Lip Moves“ mimt eine bandagierte, bekittelte Schaufensterpuppe eine Mumie, eingefasste TV-Ausschnitte einer Treppe gaukeln die labyrinthischen Gänge einer Pyramide vor, die auch gleich noch als Y-Tong-artiges Dreieck abgebildet ist. „Third From The Sun“ ziert das grobkörnige Foto einer Türklopfer-Fratze, der einfach schrägstehende Augen aufgeklebt sind. Bau dir einen furchterregenden Alien in nur vier Minuten – oder, wie zeitgleich die artverwandten Devo, einen verrückten Wissenschaftler aus Malerkittel, Putzhandschuhen und Chlorbrille!


Von „Alien Soundtracks“ über „Half Machine Lip Moves“, „Blood On The Moon“, „Red Exposure“ und „Third From The Sun“ liefern Chrome in den Jahren 1978-82 ein konstant irrsinniges Stück Musik ab. Am Ende, auf „Third From The Sun“, ist die sowieso schon immer im Sound vergrabene Stimme von Damon Edge so sehr zur Zombiestimme mutiert, als läge sie nun endgültig unter der Erde. Creed und Edge entfremdeten sich in den folgenden Jahren zusehends und nach meiner Kenntnis hat die Band nie wieder ganz an ihre große Zeit anknüpfen können. Damon Edge starb im Sommer 1995 vereinsamt in seinem Apartment in Los Angeles. Herzversagen. Erst knapp vier Wochen später wurde sein Leichnam entdeckt.

Mehr Alien-Musik aus Nordthüringen/Südharz. Woher sonst? Ein ganz großer Meister der akustischen Stahlsaitengitarre kommt aus dieser für uns in Mitteleuropa Geborene völlig normalen, recht bewaldeten Hügellandschaft. Eine Gegend, mit der der oberflächlich bewanderte Wandersmann vielleicht Fachwerkhäuschen und Rentnerkohorten verbindet - oder einsame Wetteransager, die auf dem winddurchtosten Brocken direkte Eindrücke von meist ungemütlichen Wetterlagen zum Besten geben. Für Fremde kann diese Gegend einen faszinierenden Schrecken haben: Die in New York gegründete Konzept-Krach-Band Liars hat sich vor ein paar Jahren von Harzer Hexensabbat-Mythen zu einem schrecklich-sperrigen Gitarrenlärm-plus-Elektronik-Album inspirieren lassen. Der Verfasser dieser Zeilen verbindet mit dem Harz noch schemenhaft die pubertäre und gruselige Erinnerung an einen Horror-Groschenromans, wo aus den Tiefen des Harzer Waldes das Böse in Form von zotteligen Blondinen hervorkroch.

Vielleicht ist es dieser krude Schrecken, der Steffen Basho-Junghans dazu bewegt hat, einen Teil seines Lebens in Berlin zu verbringen. Berlin, diese „schöne kleine Stadt“ (Helge Schneider) - ein Ort der Erholung von den Seltsamkeiten der Provinz? Ich könnte es gut nachvollziehen, erhole ich mich in Berlin doch auch immer bestens vom Zweihunderttausend-Seelen-Kaff, in dem ich mein Dasein sonst so gestalte.

Um Basho-Junghans originäre Meisterschaft an der Stahlsaitengitarre zu erkennen, muss man gar nicht unbedingt die inhaltlichen Vorgaben nachvollziehen, unter denen seine jeweiligen Arbeiten entstanden sind. Weder muss man eine „musikalische Vision von Geburt und Evolution“ teilen („7 Books“-DoCD) noch eine „Beziehung zu Struktur, Raum und Zustand in Natur wie in der Kunst“ („Waters In Azure“-CD) imaginieren. Es reicht schon sich nach und nach auf die ungewohnten Sounds einzulassen, die er den Stahlsaiten entlockt – immer in der zwielichtigen Zone zwischen Tradition und radikaler Neuformatierung.

Und so hangele ich mich seit einiger Zeit mit Begeisterung an seinen Projekten entlang, oder auch an denjenigen, an denen er neben anderen Musikern beteiligt ist. „156 Strings“ (2002) etwa, einer Zusammenstellung von Arbeiten von 19 Akustikgitarrenspielern (von denen Fred Frith, Peter Lang und Richard Thompson die bekanntesten sein müssten), oder die diesjährig erschienene Hommage-CD an den Stahlsaiten-Guru, Verschränker fernöstlicher, indianischer und amerikanischer Musiktraditionen, Geiger und kruden Drama-Sänger Robbie Basho - „We Are All One, In The Sun“. Die Namensähnlichkeit ist nicht zufällig: Steffen Junghans inkorporierte das „Basho“ in seinen Namen als Ehrerbietung für Robbie Basho, dem er einen eigenen Zweig auf seiner Website widmet.

Neben absolut virtuosen traditionelleren Musikarbeiten beeindrucken mich besonders Basho-Junghans’ experimentellere Arbeiten, denen teils abenteuerliche Vorgaben zugrunde liegen und die tatsächlich zu bisher ungehörten, in fremden Pulsen pochenden Ergebnissen führen.

Auf „Inside“ (2001) und „Waters In Azure“ (2002) spielt Basho-Junghans dabei komplett sein eigenes Sternensystem. Es gibt dort die feinen, in seltsamen Stimmungen schwingenden Entwicklungstracks - wie von fremden Sonnen beschienen -, und es gibt die fast schon minimaltechnoiden, stehend pulsierenden Stücke, die um keinen Mittelpunkt kreisen, weil sie selbst der Mittelpunkt sind. Vielleicht ist der Vergleich etwas hergeholt, aber mir scheint das tranceartige, schnelle Pochen gar nicht weit entfernt vom seltsam statisch brodelnden Funk-Gewusel von Ornette Coleman & Prime Time auf „Dancing In Your Head“ (1976), nur eben nicht aus der Vielheit heraus entwickelt, sondern aus der Beschränkung, denn bei Basho-Junghans muss eine einsame Stahlsaitengitarre all das alleine wuppen (no overdubs!), wofür Ornette Coleman noch zwei gleichzeitig spielende Bands zur Verfügung hat.

Zudem bedient sich Basho-Junghans auf drei Tracks („ONE No 1, Part I-III“, auf „Waters in Azure“) einer eigens entwickelten Technik, mittels derer er nur mit einem Finger der Griffhand spielt (ohne Spielhand!), und kommt dabei zu absolut staunenswerten Ergebnissen nie gehörter, sirrender und rhythmischer Sounds, gleichzeitig komplex und minimal.

Es gibt noch mehr wagemutige Projekte von ihm. Seine Arbeit mit dem „Virgin Orchestra“ etwa, bestehend aus Steffen Basho-Junghans, einer gerade reparierten Gitarre und frisch aufgezogenen, aber noch nicht gestimmten Saiten. ‚Virgin’ deshalb, weil sich Gitarre, Saiten und Spieler vorher noch nie begegnet sind. Als Basho-Junghans die Saiten nach dem Aufziehen und vor dem Stimmen das erste Mal anspielte, eröffnete sich ihm plötzlich ein spezieller konzertanter Gesamtklang. Mehrere Nächte lang nahm er die Ergebnisse seiner Klangforschung auf. Junghans beendete das „Virgin“-Projekt erst, als er sich so weit in die Nicht-Stimmung als Stimmung eingefühlt hatte, dass er eine Veränderung der Saitenspannung schon wieder als Verstimmung wahrnahm. Die dreieinhalb Stunden Musik des Virgin Orchesters harren weiter der Veröffentlichung, aber immerhin hat Basho-Junghans auf „156 Strings“ einen fast neunminütigen Ausschnitt davon veröffentlicht. Erstaunlich, wie schnell man sich in die fremden „Nicht“-Harmonien hineinhört. Wenn sie zu Harmonien werden, was wird dann aus den „wirklichen“ Harmonien?

Einen guten Einstieg in Basho-Junghans’ Musik bietet sein letztjähriges Album „IS“. Im Schnelldurchlauf wird die ganze Bandbreite seiner Gitarrenkunst durchgespielt: Das Robbie-Basho-eske Slide-Opus „When The Plains Are Singing“ eröffnet den Reigen, „Changes“ konstruiert eine Art Stahlsaiten-Wall-of-Sound, während „Azure No 8“ ein weiteres Beispiel für die charakteristischen pulsierenden Tracks gibt. „Waiting For The Clouds“ ist von der traditionellen Folk-Seite aus betrachtet der vielleicht schönste Track, aus dessen verhaltenem Anfang Basho-Junghans plötzlich ein einnehmendes Motiv herausimprovisiert. „Leaving Eden“ ist so etwas wie die Summe all dessen, was vorher auf „IS“ zu hören war: Eine überzeugende Verschränkung von Tradition, Moderne und Individualität. In solchen Momenten kommt mir Basho-Junghans wirklich wie ein moderner Wiedergänger seines erklärten Vorbilds Robbie Basho vor. Im letzten Stück, „And Like The Wind We Go“, wird noch einmal deutlich, wie viel Einfluss Basho-Junghans fernöstlicher Musik zu verdanken hat.

„IS“ ist über Diogenes als Download zu beziehen und kostet umgerechnet etwa sechs Euro. Das liegt noch einen Euro unter dem Download-Preis des neuen Radiohead-Albums „The King Of The Limbs“. Ich erwähne es zum einen, weil sich in beiden Fällen die Anschaffung lohnt, und zum zweiten, weil Radiohead auf „The King Of The Limbs“ lustigerweise manchmal ganz ähnliche Strukturen statischen Funks verwendet wie die eingangs erwähnten Ornette Coleman & Prime Time auf „Dancing In Your Head“. Tja, und nun könnte man damit schon wieder ein interessantes Fass aufmachen, ad infinitum. Es gibt immer was zu schreiben über Musik. Aber es reicht erstmal.

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Steffen Basho-Junghans. Einer der pulsierenden Tracks. Laut Basho-Junghans geht es hier nicht darum, im Regen zu stehen, sondern sich selbst innerhalb des Regens selbst zu fühlen.


Chrome zeigens dem Zombie bzw. uns:

Du bist dupliziert!

DNA DoItYourself


17.01.2011

XTC hosen runter für atheisten-pop









XTC skylarking
(1986 - remastered und erweitert 2010)


Andy Partridge wiederveröffentlichte unlängst auf seinem Ape-Label XTCs "Skylarking" als Doppel-LP mit originalem, natürlich in letzter Minute abgelehnten Genital-Cover und der ursprünglich für "Skylarking" konzipierten, dann aber natürlich in letzter Minute abgelehnten Atheisten-Hymne "Dear God" plus des ebenfalls für "Skylarking" geplanten "Mermaid Smiled".

Darüber hinaus konnte noch die Produktion bereinigt werden, die irrtümlich in "reverse polarity" veröffentlicht wurde, was immer das bedeuten mag, denn "Skylarking" klang auch mit der umgekehrten Dingsda ganz fantastisch. Nun aber ist alles noch besser, schöner, farbvoller. Die Platten gibt es in einer normalen Doppel-LP-Version (die ich mir zugelegt habe) und in einer Superduper-Schnickschnack-Version mit exklusivem Booklet und Gekritzel der Herren Partridge und Moulding. Näheres erfährt der Interessierte auf der Basisstation von Swindon's größtem Wunderkind: http://ape.uk.net/acatalog/XTC.html