30.12.2010

JACK ROSE andere saiten

 



HONEST STRINGS: A TRIBUT TO THE LIFE AND WORK OF JACK ROSE
2010

Wie schon im letzten Jahr, werde ich auch dieses Jahr in kurzen, unglaublich knappen Sätzen kredenzen, was mich die letzten 12 Monate musikalisch so umtrieb. Wobei es sich um Musik in 2010 und nicht unbedingt nur aus 2010 handeln wird. Anders als in 2009 werde ich nicht pro Album/CD/LP/Download jeweils einen Text schreiben, sondern ein paar gesonderte Texte in unregelmäßigen Abständen einstellen, die ich thematisch einigermaßen zusammenzuzurren versuche. Mal sehen, wohin es führen wird.

Los geht’s mit dem Jack-Rose-Tribut „Honest Strings“. Der Text dazu ist allerdings so lang geworden, dass er die gesamte erste Folge einnimmt. Gemessen am gewaltigem Ausmaß des Tributs – „Honest Strings“ hat eine Länge von über sechseinhalb Stunden - und gewaltiger Güte erscheint mir das aber durchaus angemessen.

Der aus Philadelphia stammende, trinkfreudige Gitarrist Jack Rose, der parallel an vielen Rändern alter primitiver amerikanischer Musik wirkte, starb am 5. Dezember 2009 völlig überraschend an Herzversagen. Er wurde nur 38 Jahre alt. Mit seiner Band Pelt hatte er seit Mitte der 1990er Jahre an archaischem Dröhnen („Drones“) gearbeitet, das das Trio vorrangig mit akustischem Instrumentarium erzeugte und damit auch die uralte Tradition aufzeigte, in der der Drone verhaftet ist. Denn was ist eine nur leicht variierte Melodiefigur auf einer Fiddle anderes als ein um die eigene Achse flirrendes Dröhnen? Einen dauernden Grundton erzeugt auch die fünfte, mit dem Daumen gespielte Saite eines Five-String-Banjos, dessen „halb-barbarischer Twäng“ sich für das menschliche Ohr rätselhafterweise selbst dann noch unter die Musik legt, wenn er gar nicht immer durchgespielt wird.

Neben der Ensemblearbeit bei Pelt ergänzte Jack Rose auf seinen Solo-Aufnahmen den Ansatz uralter Musik um sehr spielfreudige Varianten auf der Stahlsaitengitarre. Rose war ein Riese auf seinem Instrument. Bei aller Virtuosität war die Rohheit dabei stets präsent. Das hatte er gemein mit seinen Vorbildern John Fahey, Robbie Basho oder Sandy Bull. Ein Schönspieler im klassischen Sinne war er nicht.

Was für ein weitverzweigtes Netz sozialer und künstlerischer Beziehungen Jack Rose mit den Jahren aufgebaut hatte, zeigte sich in der Vielzahl an Projekten, die in diesem Jahr seiner gedachten. Neben dem „Honest Strings“-Tribut fand im Januar diesen Jahres in Philadelphia ein „Jack Rose Memorial Concert“ statt, bei dem unter anderem Sonic Youths Thurston Moore und der stark von Rose beeinflusste Gitarrist Glenn Jones auftraten. Steffen Basho-Junghans – unser grenzüberschreitende Stahlsaiten-Mann aus dem östlichen Harz - und Paul Labrecque – unser Psych-Myth-Folk-Mann aus den Belgischen Bergen – nahmen ebenfalls an Projekten teil, die Jack Rose gewidmet waren.

Umso trauriger, dass erst der Tod eines geschätzten Menschen die Kräfte zu einem in allen Belangen überzeugenden Tribut bündeln musste. Gut fünfeinhalb Stunden größtenteils unveröffentlichte Musik auf 40 Tracks, dazu noch eine einstündige Lesung: „Honest Strings“ ist ein labyrinthisches Kompendium zeitgenössischer „amerikanisch-primitiver“ Musik in seinen vielfältigen und vieldeutigen Schattierungen. Von der klirrenden Direktheit einer einsamen Stahlsaiten-Gitarre (Luther Dickinson, Cian Nugent, und viele andere), dem stolzen Krach einer wütenden E-Gitarre (Chris Forsyth), dem Einfluss indischer Skalen und tibetanischer Tonfolgen auf das „Alte Primitive“ (die den Hintergrund für eine bewegende, gesprochene Widmung an Jack Rose von Byron Coley bilden), über die Ensemblearbeiten mit Fiddle, Mandoline, Gitarren und Banjo (Charlie Parr & Mike Gangloff, Hans Chew), elektrischem Freeform-Rock-Noise (Bill Nace, Kohoutek, und andere), ultrazeitlupigem Mundharmonika-Gitarren-Folk, wie er als Genre von Neil Young mit einem einzigen Song – „Will To Love“ - begründet wurde (MV & EE) bis zum sägenden, dunklen Drone (Pelt). Höhepunkte herauszustellen, würde dem Rest nicht gerecht werden.

In dieser zugleich komprimierten und ausufernden Form einer stundenlangen, zeitgenössischen Musikzusammenstellung ist „Honest Strings“ meines Wissens ohne Beispiel. Für mich persönlich stellt „Honest Strings“ schon deshalb eine Zäsur dar, weil es das erste für mich wichtige „Album“ ist, das nicht nur ausschließlich als Download-Only erschienen ist, sondern gleichzeitig auch folgerichtig den limitierenden Zeitrahmen verlässt, an den ein physikalisches Medium wie Vinyl oder CD zwangsläufig gebunden ist.

Und so reichte dieser riesige 1-Gigabyte-Datenklopps für jahrelange Auseinandersetzung, würde man den einzelnen Musikern in ihr spezielles, trotzdem um Kontakt bemühtes Universum folgen. Mit zunehmender Beschäftigung können Zusammenhänge archaischer Ur-Musik plötzlich klarer werden oder ergeben sich womöglich für den Hörer das erste Mal. Man spürt, ein geheimer roter Faden zieht sich durch dieses Projekt, dessen verzackte Wege sich erst nach und nach zu zeigen beginnen, und sich dabei vielleicht auch nie vollständig beschreiten lassen.

Dieser Entdeckergeist ist es, der das Tribut-Projekt so wertvoll macht. Man kann sich darin verlieren, es kann nerven und beruhigen, anregen und ermüden, immer aber hat man das Gefühl, es speist sich aus mindestens einer gemeinsamen, sehr, sehr alten Quelle. Bitter ist nur, dass derjenige, um den sich auf „Honest Strings“ so viele versammelt haben, nicht mehr miterleben kann, wie sich ein verschlungenes, wurzeliges Netzwerk „auf der Suche nach Nahrung“ (Naturfilmer Heinz Sielmann, Zitat zweckentfremdet) ausbreitet. Wie alt war noch mal dieser eine Wald, der aus einem einzigen Baum besteht? 30000 Jahre? So wie dieser Wald, so ist auch „Honest Strings“.


„Honest Strings: A Tribute To The Life And Work Of Jack Rose“ ist nur als Download inklusive Booklet-Datei über fina-music.com zu beziehen und kostet 15 Dollar. Der Erlös kommt zur Gänze der „Jack Rose Estate“ zugute. Über den Link gelangt man auch zur vollständigen Track-Liste.


Teil 2 von „Musik in 2010“ demnächst in diesem Kino.

23.12.2010

DON VAN VLIET alias CPT. BEEFHEART: 1941-2010






DON VAN VLIET 1993


Don van Vliet alias Captain Beefheart starb vergangenen Freitag im Alter von fast 70 Jahren. Er hat sein Leben gelebt, vermute ich. Mir fällt es daher leicht, Beefhearts Musik jetzt eben in diesem Augenblick mit Freude zu hören. Bei John Lennon war das anders. Als er erschossen wurde, konnte ich mehrere Jahre keine Lennon-Musik mehr hören. Denn Lennon wurde nur kurze 40 Jahre alt, war also quasi gerade erst geboren.


Geburtstag

Als Captain Beefheart dagegen 40 Jahre alt wurde – am 15. Januar 1981 – standen er und seine magische Band auf der Bühne der „Showbox“ in Seattle. Die in diversen Besetzungen diverse Male reinkarnierte Magic Band spielte sich konzentriert und zielstrebig durch einen Querschnitt des Beefheartschen Art'n'Abstract'n'Roll-Outlaw-Blues-Punk: Vom anfänglich ruralen Elektro-Blues von „Safe As Milk“, über das hart erarbeitete Chaos von „Trout Mask Replica“ und „Lick My Decals Off, Baby“ bis hin zu seinen späteren Alben ab 1976, in denen Beefheart seine musikalischen Visionen mit einer Generation von jungen, mit „Trout Mask Replica“ bereits sozialisierten Musikern entwickeln konnte.


Die Band zelebrierte in der „Showbox“ Beefhearts Geburtstag (zu hören auf dem Bootleg „Don's Birthday Party“). Der Captain selbst zeigte sich gerührt und verhagelte bei „Bat Chain Puller“ seinen Einsatz, weil ihm seine eigenen, verknuppelten Lyrics nicht mehr einfallen wollten. Er ließ die Band stoppen und entschuldigte sich. Es sei nicht die Schuld der Musiker, er hätte nur die Lyrics vergessen, es sei eben sein Geburtstag. Bedenkt man, mit welchen bisweilen tyrannischen Spielchen er gut ein Jahrzehnt davor zu Zeiten von „Trout Mask Replica“ seinen Mitmusikanten auf die Nerven ging (Magic-Band-Drummer John French und Gitarrist Bill Harkleroad schrieben Bücher darüber), scheint der spätere Beefheart, wie er sich um die 1980er Jahre herum präsentierte, ein gutmütiger, milde verschrobener Zeitgenosse gewesen zu sein. Trotzdem ließ es sich der Captain auch in dieser Lebensphase nicht nehmen, z.B. Gitarrist Gary Lucas die Finger vom Griffbrett zu reißen, wenn der nicht genauestens nach seinen Vorgaben spielen sollte.


Mythos

Es ist gar nicht so einfach, Don Van Vliet hinter seiner ungeheuerliche Kunst zu entdecken, wenn man sich durch die diversen Mythen und vermuteten Wahrheiten kämpft. Auch wenn durch die vermuteten Wahrheiten die Mythen naturgemäß doch ein wenig dahinbröckeln. Hat er wirklich zweieinhalb Jahre lang nicht geschlafen? Existieren die 600 Gemälde und die Seekiste mit den unveröffentlichten 15000 Gedichten, 30-40 Dramen und 10 Romanen (Stand: 1972) etwa doch nicht? Verkaufte er ernsthaft Aldous Huxley einen Staubsauger? Hielt sich Don Van Vliet wirklich für „die Reinkarnation eines Rembrandt-Freundes und Malers gleichen Namens, dem dieser zu seinen stets unvollkommenen Werken schrieb: 'Ich bin ganz gut, aber wenn du mal eines zu Ende brächtest … wow!' (aus „Rock Session 3“, Rowohlt, 1979)? Was der Captain jedenfalls jede Menge besessen haben muss, ist Humor. Das bestätigen nicht nur viele seine Mitstreiter in unzähligen Anekdoten, sondern das scheint auch in einigen Lyrics durch, ebenso in den kryptischen Titeln, die er seinen Gemälden zu geben pflegte. Ganz zu schweigen von den Fantasienamen, mit denen er liebevoll die diversen Magic-Band-Musiker bedachte. Und schaut man sich die beiden Gastspiele Beefhearts bei der David-Letterman-Show 1980 und 1982 an, dann kann man sich gut vorstellen, wie inspirierend und faszinierend er auf sein Umfeld gewirkt haben muss.


Natur

Beefhearts Naturbeobachtungen sind Wahrnehmungsritte durch Flora und Fauna. Sieh in „I Like The Way The Doo Dads Fly“ durch das Auge einer Libelle im Angesicht von Gottes glücksgrüner Zunge wie ein gigantischer Seestern in Meer und Schaum versinkt. Auf „Trout Mask Replica“ lässt Beefheart die Musik durch ein Fliegenohr hindurch aufnehmen, welches nur durch ein Fliegenauge zu erkennen ist („Master master/ This is recorded thru a flies ear/ And you have to have a flies eye to see it!“, aus „The Blimp“). Auf dem Cover von „Trout Mask Replica“ schaut/riecht/spricht der Captain durch das Gesicht einer Forelle (die in Wirklichkeit ein Karpfen ist). Ein Oktopus träumt in Alliterationen ("Neon Meate Dream Of A Octafish"). Die Natur-Lyrik Beefhearts ist fern jeglicher Romantik oder Kitschigkeit, denn sie nimmt auch mit nicht-menschlichen Sinnen wahr. Die Menschheit macht dabei zudem eher eine unglückliche Figur: Sie schießt sich als Affenpaar in den Weltraum, bildet seltsame Hybridwesen aus, wird shanghait, beutet die Vorkommen an Erdöl aus (was laut Beefheart nichts anderes als Saurierblut ist) oder muss beinlos am Strassenrand Bleistifte verkaufen.

Aus des Captains dichterische Stolpersteine ragen krude Vergleiche wie Kaktusblüten aus der mit abseitigem Vokabular gespickten Poesie: “Lilies leaped like flat green hearts with white hearts/ Squirting yellow pollen...cocks.../ Ferns ran like cool spades...fossils...away from rocks” (aus „Making Love To A Vampire With A Monkey On My Knee“). Es prasseln Reime auf Reimimprovisationen (“Artifact on rose petals/ 'n flesh petals 'n pots/ Fack 'n feast 'n tubes tubs bulbs/ In jest incest injest injust in feast incest/ 'n specks 'n speckled speckled/ Speckled speculation”, aus „Neon Meate Dream Of A Octafish“) auf wütende, selbstreflexive Verse („God, please fuck my mind for good/ Making love to a vampire with a monkey on my knee/ Oh fuck that thing...fuck that poem...”). Das klingt wunderbar kantig und geschliffen zugleich. Selbst wenn man kein Wort verstehen sollte!

Auch einige musikalische Ideen ließ sich der Captain von der Natur und den Geräuschen derjenigen Technologien diktieren, mit der der Mensch versucht, sie zu beherrschen: Dem Groove von „Bat Chain Puller“ liegt das Geräusch des Scheibenwischers von Beefhearts altem Volvo zugrunde, das er auf Tape aufnahm, als er an einer Bahnschranke wartete, während der Zug an ihm vorbeirauschte. Und das ist eigentlich auch eine gute Metapher für den Eindruck, den Beefhearts Musik in seinen stürmischen Momenten auf den Ersthörer macht. Ein anderes Mal soll Beefheart der Legende nach einem seiner Musiker den Rhythmus eines neuen Songs erklärt haben, indem er einen Stock gegen die Wand warf. Das zufällige Klacken beim Aufprall auf Wand und Boden bildete dann die Grundlage des Beats. Und das wiederum ist eigentlich eine gute Metapher für „Trout Mask Replica“:


Trout Mask Replica

„Trout Mask Replica“ ist das schönste und das schlimmste Album zeitgenössischer Musik, das ich kenne. Ein totales, konzeptionelles, von einer handvoll Idealisten hart erarbeitetes, in seiner Konsequenz filterloses und freies Kunstprodukt. Geerdet in allen nur denkbaren Formen amerikanischer Musik. Dem elektrischen Blues und Ornette Coleman ebenso geschuldet, wie den Klangarchivaren alten Folkguts wie Alan Lomax oder Harry Smith, angereichert mit gesprochenen Gedichten, Field-Recordings und Lyrics mit Fokus auf die Verstümmelten und Fettleibigen, die Armen, die Hässlichen, die Heimatlosen und die Shanghaiten; auf die armen Fürze, Hobos und Massengemordeten; auf die Macht uralter Religionen im Schein des Mondes von Vermont; auf die Gleichzeitigkeit von Mensch und Tier und auf das Denken gelebter und noch lebender Kreaturen ausserhalb unseres Wahrnehmungsvermögens. Kurz: „Trout Mask Replica“ ist sowas wie ein modernes, radikal vertontes „Moby Dick“. Die Art und Weise, wie jagende, gegenläufige, sich überlagernde Rhythmus- und Melodie-Muster die Tracks durchziehen, erinnert stark an die afrikanische Art des Banjo-Spiels, wie sie mit den Sklaven nach Amerika kam. Nur, dass Beefhearts Magic Band mit einem Grundgerüst aus zwei E-Gitarren, einem Bass und den unvergleichlich klöppelnden Drums von John French a.k.a. Drumbo die Polyrhythmie noch um einige Windungen weiterdreht.

Die Metapher zigfacher, diffuser kultureller Spiegelungen ist sehr schön im Plattencover von „Mirror Man“ eingefangen, wo sich ein Bild Beefhearts in dutzenden kantigen Splittern reflektiert. Und was ist der Anfangsvers eines Songs auf „Mirror Man“ - „Mayflower child met a 25th Century quaker“ - anderes als die Beschreibung eines kulturellen Aufeinandertreffens, wie es sich auch an Bord der Pequod hätte abspielen können?


Wüste

Beefheart verbrachte eine Großteil seines Lebens in der Mohave-Wüste, was an sich schon kurios ist, denn er litt unter einer Sonnenallergie und kam erst im Dunkeln aus seinem Wohnwagen heraus, um buchstäblich den Kojoten gute Nacht zu sagen. „I was born in the desert“ ist der erste Vers, der auf Beefhearts Debutalbum „Safe As Milk“ zu hören ist. Nicht zufällig begann auch PJ Harvey ein Album mit diesen Worten, stand sie doch laut eigener Aussage seit vielen Jahren im regelmäßigen Telefonkontakt mit Van Vliet. Sie übernahm sogar das Anfangsriff und pitchte es auf Zeitlupe herunter.

In Van Vliets Malerei ist die Wüste omnipräsent und ubiquitär belebt. Jeder energisch gezogene Strich, jede in diffusen Grenzen ausfließende Farbfläche auf der Leinwand scheint ein Eigenleben zu leben. Menschliche Gestalten haben Tierköpfe, auf Tierkörpern thronen menschliche Fratzen, Gliedmaßen ragen undefinierbar aus den Körpern heraus. Seine Bilder überlagern sich in verwirrender Gleichzeitigkeit, wie es seine musikalischen Ideen ebenfalls zu tun pflegen. Legendär ist das große Skizzenbuch, das Beefheart in den 1970er Jahren häufig in einer Plastiktüte bei sich trug, und das randvoll bemalt war mit den zwittrigen Wesen seiner wüsten Fantasie. Nach seinem Rückzug aus der Musik 1982 entwickelte sich Beefhearts Malerei zu immer abstrakteren Motiven. Der Maler und Filmregisseur Julian Schnabel machte ihn in Kunstkreisen bekannt, die Galerie Ludwig stellte aus, Beefhearts Bilder erzielten hohe Preise, und erstmals konnte Don Van Vliet von seiner Kunst gut leben. Damit war der Rückzug aus der Musik besiegelt.


Einfluss

Reicht der Einfluss Captain Beefhearts wirklich weiter als zu den bis zum Erbrechen immer wieder genannten PiL, Devo, The Fall, Tom Waits, P.J. Harvey oder Pere Ubu? Im Prinzip führt jede an organisiertem Chaos und Noise interessierte Band den Beefheartschen Weg mehr oder weniger unbewusst fort. Die New Yorker Liars fallen mir ein, die sowohl in der Bearbeitung ihrer E-Gitarren wie auch in ihren Perkussion-Experimenten die polyphone Wirrnis der Magic Band zu reflektieren scheinen. Oder Bands wie Hair Police, die gleich ganz ihren vielfach gebrochenen Krach von jeglichen Gefälligkeitsspuren befreien.

Interessanterweise bekennen sich oft Musiker zu Beefheart, deren eigenes Musikschaffen seit gefühlten Ewigkeiten nicht mal in die Nähe seiner Musik kommt. Zu denen zählt auch Sean O'Hagan, der einen sehr guten Text zu Beefhearts Tod auf Freitag.de veröffentlicht hat, und dessen letzte, gemächlich daherdümpelnden Werke der High Llamas ein Beefheartscher Notensturm gut getan hätte. Wie übrigens auch dem erklärten Beefheart-Fan Andy Partridge, der sich mit seiner Band XTC irgendwann im kunsthandwerklich gediegen getöpfertem Sixties-Pop verlor.


Empfehlung

Ich erliege zu bestimmten Zeiten der Versuchung, einem Beefheart-Unkundigen einen musikalischen Fahrplan zusammenzustellen, mit dem ich hoffe, „Trout Mask Replica“ möge sich dadurch in angenehmerer Weise erschließen als in der unvorbereiteten direkten Konfrontation. Meist empfehle ich dann als Einstieg die letzten drei Alben des Captains – „Shiny Beast (Bat Chain Puller)“, „Doc At The Radar Station“ und „Ice Cream For Crow“ - weil sie vieles, was auf „Trout Mask Replica“ noch erkämpft werden musste, mitreißend und weniger knollig fortführen.

Aber so ein Fahrplan ist Quatsch. Es gibt nichts, was einen auf „Trout Mask Replica“ vorbereiten kann. Herman Melvilles „Benito Cereno“ bereitet einen ja auch nicht auf „Moby Dick“ vor. Es gibt keine Abkürzung. Man muss den vollen, langen Weg gehen, egal, von wo man kommt. Und das ist vielleicht auch die Lehre, die man aus Beefhearts Kunst insgesamt ziehen kann: Mache Kunst, auf die man sich nicht vorbereiten kann.


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