31.03.2010

J.J. CALE: leben mit der box









J.J. CALE: NATURALLY (1971)




Die ersten zehn Sekunden von "Call Me The Breeze" von J.J. Cale gehören für mich zu den schönsten Songanfängen überhaupt. Ich liebe die dumpf-elegante und basslastige Rhythmusmaschine darin (und natürlich Cales Genuschel). Beides verwischt den Sound des Intros, gibt ihm etwas Flirrendes und Undeutliches, fast so wie ein Maler, der über seine frische Pinselarbeit nochmal mit einem Schwamm drübergeht. Überhaupt ist "Naturally" (1971), die erste LP von J.J. Cale, Countryfolk'n'soul von zeitloser Güte. Keine vintage Gimmicks, keine Solo-Parts, dabei aber durchaus mal zupackend. Die Unaufgeregtheit, die sich darüber legt, nimmt "Naturally" aufs Angemehmste jeden Anflug herausgestellter Wichtigkeit.

20.03.2010

ALEX CHILTON vom instabilen, leidenschaftlichen und kaputten

Pitchfork am 17. März 2010: „Alex Chilton, the legendary singer, songwriter, and performer who created music with the Box Tops, Big Star, and as a solo artist, died today“ .
Todesursache: Vermutlich Herzinfakt














59 ist ja nun wirklich kein Alter zum Abtreten. Mein Beileid an die Hinterbliebenen und an Chiltons Mitmusikanten von Big Star auch. Ich hatte immer das Gefühl, dass Chiltons Band "Big Star" ihren Namen viel zu sehr wie ein Klotz am Bein trug, anstatt damit wirklich den großen Sternenhimmel des Erfolgs erklimmen zu können. Zu sehr merkte man Big Star's größenwahnsinniger Marketingstrategie ihren verzweifelten Erfolgswunsch an: Sich selbst zum Star erheben und die erste Platte „Big Star's No. 1 Record“ nennen, als würde man sich damit an die Chartspitze quasi selbstprophezeien können. Vielleicht war ihr Glam-Kunst-Rock-Entwurf auch einfach noch zu sehr in den 1960er verhaftet, wollte die Beatles, Memphis-Soul und ambitionierter Bubblegum-Art-Pop zugleich sein (was ihnen sehr beeindruckend gelang), anstatt sich am Westcoast-Mainstream, Outlaw- oder Soft-Rock zu orientieren, wie es Anfang der 1970er vielleicht ratsam gewesen wäre.

Die dritte Big Star - „Sister Lovers“ - ist sowas wie ein Vorläufer von „Tusk“, eine Selbstdemontage auf hohem Niveau, nicht zum Aushalten an die Grenze gehend. Nur hatten Fleetwood Mac wirklich vorher den Erfolg, den sie dann mit „Tusk“ pulverisieren konnten. Dieser Erfolg ist Big Star (und Chilton solo) nie beschieden worden. Selbst in den letzten Jahren, als es immer mal wieder Reunions gab, haben sie nicht den monetären Lorbeer ernten können, den sie eigentlich verdient gehabt hätten. Auch Alex Chilton konnte mit seinen Solo-Arbeiten kaum kommerziellen Erfolg verbuchen.

Meine Lieblingsplatte von Chilton bleibt neben den Big-Star-Sachen "Bachs Bottom", mit der erschöpftesten Version, die sich von "I'm So Tired" denken lässt und anderen intensiv-kraftlosen Big-Star-Nachwehen und Coverversionen. Und man kann dabei aufs Ergreifendste hören, wie gut es Chilton vermochte, sowohl aus seiner Stimme als auch aus seinem E-Gitarrenspiel das Kaputte, das Leidenschaftliche und das Instabile gleichermaßen zu extrahieren und nebeneinander stehen zu lassen. Vielleicht war es gerade Chiltons Weigerung, die eigenen Widersprüche auflösen zu wollen, die ihn auch für Punk-sozialisierte Hörer interessant werden ließ. In ihren Reihen fand er in den 1980er Jahren ein zwar überschaubares, aber dafür umso dankbareres Publikum.

Zweimal auf „Bachs Bottom“ besingt Chilton ein Freisein - "Oh Baby, I'm Free" und "Free Again" - und man merkt schon in der Titelreihenfolge, dass es vielleicht mit dem ersten Freisein nicht geklappt hat, denn sonst würde er ja seine Freiheit nicht "again" feiern müssen.

Ich wünsche Alex Chilton, dass der Tod wirklich einer Freiheit gleichkommt.

MATERIAL: am punkt voraus






MATERIAL: TEMPORARY MUSIC

(1980)





Instrumentalrockmusik mit Gitarrensoli war 1980 undenkbar, oder besser: untolerierbar. Instrumentalrockmusik gab es nicht. Es gab Stimmen, die nicht schön oder voll sein wollten, es gab ein Entmenschlichen des Gesangs als Spiegel der „Realität“, es gab Abgründe, aus denen Stimmen verzweifelt heraufschallten. Es gab auch die fröhlich-subversive Mitteilsamkeit von Popsongs: Eine kindische Freude daran, die Charts zu usurpieren. Aber Instrumentalrockmusik gab es in dieser (meiner) Welt nicht.

In dieser Zeit also kam „Temporary Music“ in mein Leben, ohne dass ich wusste, dass sie im Prinzip acht Jahre früher vorwegnahm, was ich dann bei SST (wieder super) fand: Jazz und Gitarrensoli, gespielt als Punk oder Metal, oder NYC-Mutanten-Disco. Ich denke immer noch, dass SST höchstens zu dieser total entwickelten Musik von Material aufschließen konnte. Überwunden hat sie sie nie.

Ich war jedenfalls 1980 nach der vollständigen Pulverisierung von Gitarrensoli als künsterisches Ausdrucksmittel trotzdem davon eingenommen, konnte den Zukunftswert dieser Musik erschließen, auch wenn ich innerlich mit meinen Wave/Punk-Dogmen kämpfte.

Die Soli waren noch nicht mal versteckt, sondern wirkten ganz offensiv vordergründig platziert. Die recht brachial knetenden funky Pattern sahen sich nicht bemüßigt, die Gitarrenarbeit ironisch zu brechen, es war ihnen also ernst mit allem, was man hörte.

„Temporary Music“ war visionär. Nicht nur in punkto Gitarrenarbeit, die sowieso nur die Hälfte des Albums einnimmt, welches eigentlich eine Compilation von Arbeiten der Jahre 1979-80 darstellt. Auch in der fast schon gewaltsamen Rhythmusarbeit lässt sie Disco und Funk gefährlich und präzise um sich schlagen. Höre ich die Musik heute in 2010, dann erscheint sie mir immer noch an einem Punkt, der noch nicht eingeholt worden ist, nur aus dem Zentrum hat er sich weiter entfernt. Aber das ist die Schuld des Zentrums, nicht die Schuld der Musik.

13.03.2010

KUCHEN MEETS MAPSTATION: brummkörperbalance











Kuchen meets Mapstation (2003)



Ihr wisst schon, diese Menschen, die sich auf Bühnen, in Galerien, Museen, Theatern und Clubs an Holztischen sitzend über Laptops beugen wie über Glaskugeln, konzentriert alles das machen, wofür man eigentlich garantiert keinen Eintritt zahlen würde, weil es so sterbensöde und publikumsabgewandt aussieht wie anhört. Diese fazinierend stinknormalen Langeweiler interessierten uns Musikinteressierte so von 1997 bis 2004.

Das ist erstaunlich genug, denn sie brachten eigentlich nur Brummen und Klicksen aus ihren kleinen leuchtenden Apparaten hervor. Es war ein einfacher Deal: Die Laptopper verzogen keine Miene, während sie an ihren Spielzeugen Tasten drückten, im Gegenzug kauften wir Musikbegeisterten uns ihre Musik. Wir sprachen über Abstraktionen und serielle Klänge. Wir lasen Interviews mit den Knisterbrüdern und –schwestern und labten uns an der schöntheoretisierten Ödnis ihrer ernsthaften Worte. Ich glaube, was wir am wenigsten taten, war ihre Musik auch nur zweimal zu hören.

Irgendwann kamen ein paar Laptopper auf die Idee, ihre Pieps-, Brumm- und Klickgeräusche mit analogen Instrumenten zusammenzuschalten. In den meisten Fällen war das zwar auch nicht besser als vorher, aber es gab ein paar Tastendrücker, die dadurch ihre Musik in eine gar nicht langweilige Brumm-Balance zu bringen imstande waren.

Und davon haben sich ein paar Klänge gehalten in meiner Erinnerung, sind eingeflossen in meinen persönlichen Kanon nachhaltig beeindruckender Musik. Und auch wenn ich der einzige Mensch auf diesem oder auf einem anderen Planeten sein sollte, dem das so geht: Was sich gehalten hat ist „Kuchen meets Mapstation“.

Auf einschlägigen „Kuchen meets Mapstation“-Websites kann man nachlesen, dass Mapstation eigentlich Stefan Schneider heißt, andere sehr gute Mapstation-Platten gemacht hat (stimmt!), und auch mit To Rococo Rot prima in ähnlich angedubbten Gewässern fährt (stimmt auch!). Ebenfalls erfährt man, dass Kuchen bei den Pale Saints spielte und eigentlich Meriel Barham heißt. Aber um ehrlich zu sein, kann man selbst auf dem „Karaoke Kalk“-Label, wo „Kuchen meets Mapstaion“ herauskam, nichts mehr über Kuchen oder Mapstation erfahren.

Anstatt uns in biografischen Details zu ergehen, konzentrieren wir uns also lieber auf die Musik. Und die ist - das ist ihr großes Plus - sehr körperlich. Sie schwingt um eine dreidimensionale Achse und bleibt dabei ständig veränderlich. Man merkt ihr an, dass sie von Leuten gemacht wurde, die sich am Reggae geschult haben. Die wissen, dass einer elektronischen Fläche eine Physis gut tut, und dass man jene als Hörer besonders dann gut spürt, wenn sie ab und an von Bässen zart aber bestimmt durchblubbert wird. Kuchen zieht dazu ihre Gitarre in die Tracks hinein, lässt sie fast unmerklich herumschlängeln oder singt gar mantraartig immer wieder einen Satz, dem sicher auch der ein oder andere Aasfresser zustimmen würde: „I like your bones. I like your bones. I like your bones.“

Und mögen wir nicht alle unsere Knochen und die Knochen unserer Liebsten ebenfalls, weil wir doch ohne ihre Unterstützung unweigerlich zu Fleischklumpen zusammenfallen würden? Ja, das tun wir. Und so können wir alle ohne das geringste schlechte Gewissen unseren Bewegungsapparat die sehr speziell schwingende Elektroakustik von Kuchen und Mapstation in sich aufnehmen lassen. Denn das kommt ja auch uns als Gesamtorganismus zugute.

Mein Bewegungsapparat jedenfalls dürstet es auch sieben Jahre nach Erscheinen von „Kuchen meets Mapstation“ immer noch und immer mal wieder nach dieser Musik, besonders dann, wenn der Rest meiner Wenigkeit partout nicht weiß, was er jetzt hören möchte. Es ist schön, wenn man sich auf die Entscheidungen von Körperteilen verlassen kann.


Kuchen
meets
Mapstation
.

07.03.2010

IKARA COLT: lärm im anzug












Ikara Colt: Chat and Business (2002)




Diese lärmigen Briten brachten mich 2002 wieder in die Spur. Auch vom Auftreten her (strengst konzipierte Cover, Anzug-Klamotten) scharf geschnitten. Nach zwei Jahren ist Schluss, kündigte die Band lange vorher an. Und nach zwei Jahren und der zweiten (guten) Platte war dann auch Schluss. Die Musiker wurden nie mehr gehört, sie erledigen jetzt ihr Business auf anderen Geschäftsfeldern. Aber ihren akzentuierten und kantigen, dabei die ein oder andere Übellaunigkeit nicht verschmähenden Mod-Krach werde ich nicht vergessen.

Die kleinen, vorgestanzten Fotos aus dem Inlay herauszubrechen und auf die Vorderfläche in die weißen Quadrate zu kleben, habe ich mich dann aber doch nicht getraut, ich Schisser.

06.03.2010

DON VAN VLIET sing high sing low










Sorry, ich kann mir nicht helfen, aber die beiden Male, in denen Don Van Vliet bei Letterman aufgetreten ist, amüsieren mich immer wieder. Van Vliet (den sie Captain Beefheart nannten, obwohl er kein Boot hatte) ist ganz bei sich, lässt einige Legenden, die Letterman gewissenhaft abfragt, durch geschickt oder zufällig gesetzte Pausen und kryptisch-lustige Antworten auflaufen und ist auch sonst ein sehr aufmerksamer, wenn auch nicht immer ganz einfach zu händelnder Gesprächspartner. Schön ist ebenfalls die Stelle, wo er seine Bilder erkären soll. Van Vliet: „Das Bild heißt 'Button Down Fashion Bow'“. Letterman: „Was bedeutet das exakt?“ Van Vliet: „Exakt? ... ... Keine Ahnung“. Oder diejenige, wo Letterman der Legende um den Stimmumfang des Kapitäns nachgeht.

03.03.2010

TINY TIM: die eis-kap-pen schmel-zen/ ho hoo ho hoo ho hooo





Der besonders besondere Tiny Tim als meisterhafter Kindertraumatisierer:



The ice caps are melting
Ho-ho ho ho-ho
All the world is drowning
Ho-ho ho ho-ho
The ice caps are melting
the tide is rushing in
All the world is drowning
to wash away the sin





Danke an den The Daily Frail-Blog, der mich freundlicherweise mit diesem Video bekannt machte.

02.03.2010

WOVENHAND: von spatzen und ringen












Wovenhand: Consider The Birds (2004)




Es gibt Tage, da macht mich diese Platte fertig. Erschöpft wie ausgepeitscht von zopfartig geknüpften Ruten, dessen Hanf vor den Toren Babylons auf trockenen Feldern gezogen wurde. Vor David Eugene Edwards’ Gott kann man sich nur fürchten. Das mag für das reale Leben unvorteilhaft sein, aber der Musik tut das Böse gut. Ich kenne eigentlich niemanden, der vergleichbar präsent ist, inmitten von Pathos vor unserer Zeitrechnung, als es aber immerhin schon Saiteninstrumente, windbetriebene Synthesizer und Studios wie das „Absinthe“ in Colorado gab.