23.02.2010

WOODEN VEIL: urhorde schaut dich an







WOODEN VEIL

Sagt mal, ihr Berliner, was habt ihr denn da eigentlich für eine tolle Freeform-Stammesrock-Urhorde-mit-eigener-Modestrecke am laufen? Da lacht mein Sunburned-Herz, da fürchtet sich mein Kleinbürgerhirn, da begeistert sich mein Traum eines Lebens in der "verbotenen Zone" des Planeten der Affen, wo Tierkadaver - an Holz-Ixen genagelt - den Wanderer abschrecken sollen. Gelten diese Propheten etwas in der eigenen Stadt oder kräht dort kein Hahn danach?





22.02.2010

JOANNA NEWSOM: im pfauenfederwald


JOANNA NEWSOM
have one on me
2010





Ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, mir so ein Konsenswerk herbei zu wünschen: Das neue, Triple-Duper-Dings von Joanna Newsom ist vielleicht mal wieder so ein Werk, auf das sich alle im erwachsenen Popland einigen können, kam es mir heute morgen in den Sinn. Die alten feuilletonistischen Connaisseure (Spiegel, ich), die Indie-Loge (Intro-Magazin), die unfreiwillig das Intellektuellen-Klischee Karikierenden (Spex), die Rockgeschichtsrezipienten (Mojo, Rolling Stone), die freien, etwas drögen Jazzer/ Elektroniker/ Freeformrocker (Wire).


Ein paar Hörer und Journalisten/Blogger wird es geben, denen der 3-LP/3-CD-Overkill und die Medienhyperventilationen so sehr auf den Keks gehen werden, dass sie gegen "Have One On Me" anschreiben werden müssen, auch um so Popscheiß-Schreiberlinge wie mir und den Anderen ein paar Kröten reinzuwürgen.


Sollen se machen, auch so sind se Teil des verhassten Popkrams. Der Rest wird über Joanna Newsoms Iiiiih!-Stimme nicht hinwegkommen.


Ich dagegen mag es mittlerweile, wenn die Stimme die größte Hürde darstellt, die man zwingend nehmen muss. Und weil ich das erst mag, seit ich nämlich die lange als unüberwindbare Hürde wahrgenommene Stimme Bob Dylans überwunden habe, lasse ich diese hingerotzten Zeilen auch mit einem Dylan-Zitat enden: The ghost of electricity howls in the bones of her face/ Where these visions of Johanna have now taken my place.


Soweit meine Prophezeiungen.

Und so sieht die 3-LP-Box aus, die ich mir gleich mal spontan bestellen musste.


18.02.2010

MANITOBA: in flammen











Manitoba: Up In Flames (2003)



Mit Manitoba schien was möglich. Ein Gefühlssampling, nicht pulverisierend und nicht bewusst nicht deutend (wie es Jan Jelinek so wunderbar hinbekommt, das Nicht-Deuten nämlich), sondern eine mit der Nase heftig in andere zügellose Zeiten stoßende Musik, die sich irgendwo zwischen 1966-alles-ist-möglich-Gefühl und Asien-alles-was-möglich-ist-scheint-schon-erfüllt-ich-hab-Gott-gesehen-in-dem-Zeug-das ich geschluckt-hab durchpflügt. Ein Sample-Brett aus Drums und westlichen Indie-Indien-Vorstellungen, mit Brian Wilsons Käsemauken im Kunstsand verklärter Fake-Erinnerungen paddelnd. Ein Spielzeug, so verlockend wie eine ferne Erinnerung. Ein Bekannter hat sich tatsächlich mal zu Manitoba total ausgeklinkt und ist ihm Monate auf seiner Reise durch die Welt (und der Sounds) gefolgt. Jeden Abend bis zur Erschöpfung verausgabend.

16.02.2010

YABBY YOU (1946-2010): im reggae-superschrein





Es ist erschreckend, mit welch schiefen Bildern doch der durchschnittliche Mittel- bis Nordeuropäer (also Typen wie ich) an Reggae herangeführt wird, und wie groß der Erkenntnisschock dann ausfällt, wenn man irgendwann Roots-Reggae von der unhaltbaren Wucht des jamaikanischen Produzenten, Sängers und Texters Yabby You zu hören bekommt. Dagegen wirkt Bob Marley wie Engelbert Humperdinck.



Tatsächlich baute Yabby You a.k.a.Vivian Jackson seine erste Single – das religiös konnotierte „Conquering Lion“ - zu jener Zeit, als Bob Marley langsam aber sicher zum Superstar aufstieg. Das Rezept, mit dem Vivian Jackson auch in den folgenden Jahren seinen Reggae anrührte, war schon damals – 1972 - zu erkennen: Einem stampfenden Sound aus Bass, Drums, Keyboard und spiritueller Inbrunst stellten sich kaum Gitarren in den Weg, so konnte die Wucht direkt an die Membranen (der Lautsprecher und der Ohren) weitergegeben werden. Die Single - in 100er-Auflage gepresst und unter dem Namen Vivian Jackson And The Ralph Brothers veröffentlicht – ging auf Jamaika schneller weg als man „King of Kings, Lord of Lords, Conquering Lion of the Tribe of Judah“ aussprechen konnte. Man fragte sich, wer denn da verdammtnochmal singen würde, und so wurde aus den Textzeilen „Yabby U Yabby U“ schließlich der Künstlername Yabby You.

Über die Jahre entstand bis in die 1980er hinein ein unüberschaubarer Output von Vivian-Jackson-Produktionen. Unzählige Versionen seiner Riddims wurden von Djs und Toastern übersungen und/oder von Dub-Meister King Tubby virtuos in den Remix-Himmel gedopt. Trotzdem wurde Vivian Jackson erst einer breiteren Öffentlichlkeit bekannt, als das britische Reggae-Reissue-Label Blood & Fire 1997 eine umfangreiche Werkschau zusammenstellte: Eine mit fast fünfzig Tracks vollgepackte, feinst-wummerig gemasterte CD-Box namens „Jesus Dread – 1972-1977“.


Der Superschrein des Roots-verankerten Reggae - irgendwo in jener Do-CD-Box mit 47 Songs liegt er verborgen, bzw. genau aus dieser gewaltigen Ansammlung an Roots/Dub/Instumentals hat er sich materialisiert. Willst du, lieber Hörer, ihn finden und denkst, du hast ihn verpasst, weil du gerade ein wichtiges Detail akustisch nicht ganz mitbekommen hast, dann vergiss das Zurückskippen. Denn in den folgenden diversen Versionen wirst du genug Gelegenheit bekommen, dich in alle Einzelheiten dieser unbezwingbar rollenden Riddims hineinzufummeln. So wie die Maler des Fuji jeden Tag immer wieder aufs Neue in den Berg schauen und jedes Mal immer wieder ein anderes Bild aus ihm herausmalen. Und ihnen wird nie langweilig dabei.

Apropos Berg. Darf ich assoziieren? Berg. Bergpredigt. Jesus. Moses. Altes Testament. Ok, schon wären wir am Ziel. Denn anders als der gewöhnliche Rasta von nebenan, ist Yabby You nicht der Ansicht, Haile Selassie wäre der kommende Messiahs gewesen. Da hält er es mehr mit dem Klassiker Jesus Christus als Mittler zum HÖchsten. Und so sind seine Lyrics auch drängende Chants zu Ehren des Neuen und Alten Testaments und zum Bezwingen der alten Hure Babylon. Was, etwas vereinfacht ausgedrückt, auf dasselbe hinaus läuft wie bei den I-Jah-Männern: Babylon Kingdom wird down-ge-chanted, Plagen kommen über diejenigen, die vom rechten Weg abkommen, und überhaupt: „Run Away/ Go Away/ From Sodom and Gomorrha!“ Dabei hat Yabby You oftmals ganz weltliche Probleme jamaikanischen Lebens im Sinn, wenn er bespielsweise über „All that you can see now, the big fishes feeding on the small ones“ chatted. Begleitend dazu zerfallen blasphemische Steinmauern durch King Tubbys Mixkünste augenblicklich zu Staub, Tommy McCooks Saxophon bläst Seele in tote Materie, und DJs wie Dillinger, Trinity oder Tapper Zukie beamen den ein oder anderen Track, vereint mit Dub und Original, in die Zukunft (immer noch!). Man höre das unbegreifliche „Freshly“ von Dillinger an. Die pure Magie von Bass und Drums und Stimme und Phasertechnik, die alles zusammenwummert. Vor 34 Jahren!

Das fast Markus-Evangelium-dicke Booklet von „Jesus Dread“, auf extraverstärktem Glanzpapier gedruckt, vergilbt sicher nicht vor Ankunft des neuen Messiah (hält also ewig) - und war dem verdienstvollen „Blood And Fire“-Label wohl ein weiterer Sargnagel zum Bankrott, denn anscheinend hatte man sich bei der Verpackung und Aufmachung der Do-CD finanziell ein wenig übernommen. Aber für die Tonkunst hat es sich gelohnt! Ein Kompendium aller Facetten jamaikanischen Reggaes aus der Blütezeit 1972-1977: Unwiderstehliche Riddims, drängender Roots-Reggae, gigantische Dubs und futuristische Versions. Ein wahrhaftig beseelter Klumpen Lehm (das lächerliche Wörtchen „Monolith“ habe ich aus meinem Wortschatz verbannt).


Und wer davon nicht genug bekommen kann, der besorge sich bitte Yabby You's „King Tubby's Prophecy Of Dub“ (ebenfalls auf Blood & Fire), wo alle wichtigen Yabby-You-Riddims noch einmal mehr durch den Mixmeister Tubby feinfühlig und grobschlächtig zugleich durchgeraspelt werden. Erfüllende Schwerstarbeit für jede Bassmembran.


Leider hat meine Hommage einen traurigen Hintergrund: Vivian Jackson a.k.a. Yabby You starb am 12. Januar 2010 in Clarendon, Jamaika, an einem aufgeplatzten Gehirnaneurysma, wie ich heute erst aus der WIRE erfuhr. Vivian Jackson wurde 63 Jahre alt.


Eine Auswahl klassischer Produktionen von Vivian Jackson habe ich in einem gesonderten Beitrag zusammengestellt.

YABBY YOU: babylon zu staub gechanted

Womit alles anfing: Conquering Lion von 1972


Trinity und Dillinger lassen sich durch den Bass kneten. 1977.


Dillinger preist auf „Freshly“ den Segen gesunder Ernährung. King Tubby unterlegt die Mahlzeit mit einem seiner gewaltigsten Dubs. 1976.


Another Version: „King Pharoah's Plague“. Nein damit ist nicht der Zahnstein des Pharaos gemeint, sondern die Plagen, die übers Land kommen, wenn ihr vom rechten Weg abkommt, Ungläubige! Aber wenn Plagen in Form unwiderstehlicher Basslines anrollen, solls mir echt sein.


Downchanten von Babylon war sein Hobby. Ich stimme mit ein. Soll doch danach die Sintflut kommen.


Run Come Rally. Ein weiterer Riddim, der später durch viele Versionen variiert wurde. Hier mal im Roots-Original.

14.02.2010

BOURSIER-MOUGENOT: installation mit zebrafinken + gitarren




Ein bezauberndes Beispiel, welch wundervolle Musik aus der Aleatorik entstehen kann, wenn die Versuchsanordnung der Installation ("from here to ear") klug gewählt ist. Laut Céleste Boursier-Mougenot ist es den Zebrafinken anscheinend völlig egal, welche Töne ihre Tun hervorbringt. Ein absolut nicht geleiteter Kompositionsprozess, den Boursier-Mougenot ganz ähnlich auch bei seinem elf Monate alten Sohn Charles feststellte, als der völlig zufällig Töne auf der E-Gitarre generierte. Ohne musikalische Intention klang es trotzdem „really good“. Ich bin erstmal nur fasziniert, glaube aber, man müsste noch mehr dazu schreiben. Wer macht den Anfang?


Ausstellung: London Barbican Curve. 27. Februar - 23. Mai 2010