30.12.2010

JACK ROSE andere saiten

 



HONEST STRINGS: A TRIBUT TO THE LIFE AND WORK OF JACK ROSE
2010

Wie schon im letzten Jahr, werde ich auch dieses Jahr in kurzen, unglaublich knappen Sätzen kredenzen, was mich die letzten 12 Monate musikalisch so umtrieb. Wobei es sich um Musik in 2010 und nicht unbedingt nur aus 2010 handeln wird. Anders als in 2009 werde ich nicht pro Album/CD/LP/Download jeweils einen Text schreiben, sondern ein paar gesonderte Texte in unregelmäßigen Abständen einstellen, die ich thematisch einigermaßen zusammenzuzurren versuche. Mal sehen, wohin es führen wird.

Los geht’s mit dem Jack-Rose-Tribut „Honest Strings“. Der Text dazu ist allerdings so lang geworden, dass er die gesamte erste Folge einnimmt. Gemessen am gewaltigem Ausmaß des Tributs – „Honest Strings“ hat eine Länge von über sechseinhalb Stunden - und gewaltiger Güte erscheint mir das aber durchaus angemessen.

Der aus Philadelphia stammende, trinkfreudige Gitarrist Jack Rose, der parallel an vielen Rändern alter primitiver amerikanischer Musik wirkte, starb am 5. Dezember 2009 völlig überraschend an Herzversagen. Er wurde nur 38 Jahre alt. Mit seiner Band Pelt hatte er seit Mitte der 1990er Jahre an archaischem Dröhnen („Drones“) gearbeitet, das das Trio vorrangig mit akustischem Instrumentarium erzeugte und damit auch die uralte Tradition aufzeigte, in der der Drone verhaftet ist. Denn was ist eine nur leicht variierte Melodiefigur auf einer Fiddle anderes als ein um die eigene Achse flirrendes Dröhnen? Einen dauernden Grundton erzeugt auch die fünfte, mit dem Daumen gespielte Saite eines Five-String-Banjos, dessen „halb-barbarischer Twäng“ sich für das menschliche Ohr rätselhafterweise selbst dann noch unter die Musik legt, wenn er gar nicht immer durchgespielt wird.

Neben der Ensemblearbeit bei Pelt ergänzte Jack Rose auf seinen Solo-Aufnahmen den Ansatz uralter Musik um sehr spielfreudige Varianten auf der Stahlsaitengitarre. Rose war ein Riese auf seinem Instrument. Bei aller Virtuosität war die Rohheit dabei stets präsent. Das hatte er gemein mit seinen Vorbildern John Fahey, Robbie Basho oder Sandy Bull. Ein Schönspieler im klassischen Sinne war er nicht.

Was für ein weitverzweigtes Netz sozialer und künstlerischer Beziehungen Jack Rose mit den Jahren aufgebaut hatte, zeigte sich in der Vielzahl an Projekten, die in diesem Jahr seiner gedachten. Neben dem „Honest Strings“-Tribut fand im Januar diesen Jahres in Philadelphia ein „Jack Rose Memorial Concert“ statt, bei dem unter anderem Sonic Youths Thurston Moore und der stark von Rose beeinflusste Gitarrist Glenn Jones auftraten. Steffen Basho-Junghans – unser grenzüberschreitende Stahlsaiten-Mann aus dem östlichen Harz - und Paul Labrecque – unser Psych-Myth-Folk-Mann aus den Belgischen Bergen – nahmen ebenfalls an Projekten teil, die Jack Rose gewidmet waren.

Umso trauriger, dass erst der Tod eines geschätzten Menschen die Kräfte zu einem in allen Belangen überzeugenden Tribut bündeln musste. Gut fünfeinhalb Stunden größtenteils unveröffentlichte Musik auf 40 Tracks, dazu noch eine einstündige Lesung: „Honest Strings“ ist ein labyrinthisches Kompendium zeitgenössischer „amerikanisch-primitiver“ Musik in seinen vielfältigen und vieldeutigen Schattierungen. Von der klirrenden Direktheit einer einsamen Stahlsaiten-Gitarre (Luther Dickinson, Cian Nugent, und viele andere), dem stolzen Krach einer wütenden E-Gitarre (Chris Forsyth), dem Einfluss indischer Skalen und tibetanischer Tonfolgen auf das „Alte Primitive“ (die den Hintergrund für eine bewegende, gesprochene Widmung an Jack Rose von Byron Coley bilden), über die Ensemblearbeiten mit Fiddle, Mandoline, Gitarren und Banjo (Charlie Parr & Mike Gangloff, Hans Chew), elektrischem Freeform-Rock-Noise (Bill Nace, Kohoutek, und andere), ultrazeitlupigem Mundharmonika-Gitarren-Folk, wie er als Genre von Neil Young mit einem einzigen Song – „Will To Love“ - begründet wurde (MV & EE) bis zum sägenden, dunklen Drone (Pelt). Höhepunkte herauszustellen, würde dem Rest nicht gerecht werden.

In dieser zugleich komprimierten und ausufernden Form einer stundenlangen, zeitgenössischen Musikzusammenstellung ist „Honest Strings“ meines Wissens ohne Beispiel. Für mich persönlich stellt „Honest Strings“ schon deshalb eine Zäsur dar, weil es das erste für mich wichtige „Album“ ist, das nicht nur ausschließlich als Download-Only erschienen ist, sondern gleichzeitig auch folgerichtig den limitierenden Zeitrahmen verlässt, an den ein physikalisches Medium wie Vinyl oder CD zwangsläufig gebunden ist.

Und so reichte dieser riesige 1-Gigabyte-Datenklopps für jahrelange Auseinandersetzung, würde man den einzelnen Musikern in ihr spezielles, trotzdem um Kontakt bemühtes Universum folgen. Mit zunehmender Beschäftigung können Zusammenhänge archaischer Ur-Musik plötzlich klarer werden oder ergeben sich womöglich für den Hörer das erste Mal. Man spürt, ein geheimer roter Faden zieht sich durch dieses Projekt, dessen verzackte Wege sich erst nach und nach zu zeigen beginnen, und sich dabei vielleicht auch nie vollständig beschreiten lassen.

Dieser Entdeckergeist ist es, der das Tribut-Projekt so wertvoll macht. Man kann sich darin verlieren, es kann nerven und beruhigen, anregen und ermüden, immer aber hat man das Gefühl, es speist sich aus mindestens einer gemeinsamen, sehr, sehr alten Quelle. Bitter ist nur, dass derjenige, um den sich auf „Honest Strings“ so viele versammelt haben, nicht mehr miterleben kann, wie sich ein verschlungenes, wurzeliges Netzwerk „auf der Suche nach Nahrung“ (Naturfilmer Heinz Sielmann, Zitat zweckentfremdet) ausbreitet. Wie alt war noch mal dieser eine Wald, der aus einem einzigen Baum besteht? 30000 Jahre? So wie dieser Wald, so ist auch „Honest Strings“.


„Honest Strings: A Tribute To The Life And Work Of Jack Rose“ ist nur als Download inklusive Booklet-Datei über fina-music.com zu beziehen und kostet 15 Dollar. Der Erlös kommt zur Gänze der „Jack Rose Estate“ zugute. Über den Link gelangt man auch zur vollständigen Track-Liste.


Teil 2 von „Musik in 2010“ demnächst in diesem Kino.

23.12.2010

DON VAN VLIET alias CPT. BEEFHEART: 1941-2010






DON VAN VLIET 1993


Don van Vliet alias Captain Beefheart starb vergangenen Freitag im Alter von fast 70 Jahren. Er hat sein Leben gelebt, vermute ich. Mir fällt es daher leicht, Beefhearts Musik jetzt eben in diesem Augenblick mit Freude zu hören. Bei John Lennon war das anders. Als er erschossen wurde, konnte ich mehrere Jahre keine Lennon-Musik mehr hören. Denn Lennon wurde nur kurze 40 Jahre alt, war also quasi gerade erst geboren.


Geburtstag

Als Captain Beefheart dagegen 40 Jahre alt wurde – am 15. Januar 1981 – standen er und seine magische Band auf der Bühne der „Showbox“ in Seattle. Die in diversen Besetzungen diverse Male reinkarnierte Magic Band spielte sich konzentriert und zielstrebig durch einen Querschnitt des Beefheartschen Art'n'Abstract'n'Roll-Outlaw-Blues-Punk: Vom anfänglich ruralen Elektro-Blues von „Safe As Milk“, über das hart erarbeitete Chaos von „Trout Mask Replica“ und „Lick My Decals Off, Baby“ bis hin zu seinen späteren Alben ab 1976, in denen Beefheart seine musikalischen Visionen mit einer Generation von jungen, mit „Trout Mask Replica“ bereits sozialisierten Musikern entwickeln konnte.


Die Band zelebrierte in der „Showbox“ Beefhearts Geburtstag (zu hören auf dem Bootleg „Don's Birthday Party“). Der Captain selbst zeigte sich gerührt und verhagelte bei „Bat Chain Puller“ seinen Einsatz, weil ihm seine eigenen, verknuppelten Lyrics nicht mehr einfallen wollten. Er ließ die Band stoppen und entschuldigte sich. Es sei nicht die Schuld der Musiker, er hätte nur die Lyrics vergessen, es sei eben sein Geburtstag. Bedenkt man, mit welchen bisweilen tyrannischen Spielchen er gut ein Jahrzehnt davor zu Zeiten von „Trout Mask Replica“ seinen Mitmusikanten auf die Nerven ging (Magic-Band-Drummer John French und Gitarrist Bill Harkleroad schrieben Bücher darüber), scheint der spätere Beefheart, wie er sich um die 1980er Jahre herum präsentierte, ein gutmütiger, milde verschrobener Zeitgenosse gewesen zu sein. Trotzdem ließ es sich der Captain auch in dieser Lebensphase nicht nehmen, z.B. Gitarrist Gary Lucas die Finger vom Griffbrett zu reißen, wenn der nicht genauestens nach seinen Vorgaben spielen sollte.


Mythos

Es ist gar nicht so einfach, Don Van Vliet hinter seiner ungeheuerliche Kunst zu entdecken, wenn man sich durch die diversen Mythen und vermuteten Wahrheiten kämpft. Auch wenn durch die vermuteten Wahrheiten die Mythen naturgemäß doch ein wenig dahinbröckeln. Hat er wirklich zweieinhalb Jahre lang nicht geschlafen? Existieren die 600 Gemälde und die Seekiste mit den unveröffentlichten 15000 Gedichten, 30-40 Dramen und 10 Romanen (Stand: 1972) etwa doch nicht? Verkaufte er ernsthaft Aldous Huxley einen Staubsauger? Hielt sich Don Van Vliet wirklich für „die Reinkarnation eines Rembrandt-Freundes und Malers gleichen Namens, dem dieser zu seinen stets unvollkommenen Werken schrieb: 'Ich bin ganz gut, aber wenn du mal eines zu Ende brächtest … wow!' (aus „Rock Session 3“, Rowohlt, 1979)? Was der Captain jedenfalls jede Menge besessen haben muss, ist Humor. Das bestätigen nicht nur viele seine Mitstreiter in unzähligen Anekdoten, sondern das scheint auch in einigen Lyrics durch, ebenso in den kryptischen Titeln, die er seinen Gemälden zu geben pflegte. Ganz zu schweigen von den Fantasienamen, mit denen er liebevoll die diversen Magic-Band-Musiker bedachte. Und schaut man sich die beiden Gastspiele Beefhearts bei der David-Letterman-Show 1980 und 1982 an, dann kann man sich gut vorstellen, wie inspirierend und faszinierend er auf sein Umfeld gewirkt haben muss.


Natur

Beefhearts Naturbeobachtungen sind Wahrnehmungsritte durch Flora und Fauna. Sieh in „I Like The Way The Doo Dads Fly“ durch das Auge einer Libelle im Angesicht von Gottes glücksgrüner Zunge wie ein gigantischer Seestern in Meer und Schaum versinkt. Auf „Trout Mask Replica“ lässt Beefheart die Musik durch ein Fliegenohr hindurch aufnehmen, welches nur durch ein Fliegenauge zu erkennen ist („Master master/ This is recorded thru a flies ear/ And you have to have a flies eye to see it!“, aus „The Blimp“). Auf dem Cover von „Trout Mask Replica“ schaut/riecht/spricht der Captain durch das Gesicht einer Forelle (die in Wirklichkeit ein Karpfen ist). Ein Oktopus träumt in Alliterationen ("Neon Meate Dream Of A Octafish"). Die Natur-Lyrik Beefhearts ist fern jeglicher Romantik oder Kitschigkeit, denn sie nimmt auch mit nicht-menschlichen Sinnen wahr. Die Menschheit macht dabei zudem eher eine unglückliche Figur: Sie schießt sich als Affenpaar in den Weltraum, bildet seltsame Hybridwesen aus, wird shanghait, beutet die Vorkommen an Erdöl aus (was laut Beefheart nichts anderes als Saurierblut ist) oder muss beinlos am Strassenrand Bleistifte verkaufen.

Aus des Captains dichterische Stolpersteine ragen krude Vergleiche wie Kaktusblüten aus der mit abseitigem Vokabular gespickten Poesie: “Lilies leaped like flat green hearts with white hearts/ Squirting yellow pollen...cocks.../ Ferns ran like cool spades...fossils...away from rocks” (aus „Making Love To A Vampire With A Monkey On My Knee“). Es prasseln Reime auf Reimimprovisationen (“Artifact on rose petals/ 'n flesh petals 'n pots/ Fack 'n feast 'n tubes tubs bulbs/ In jest incest injest injust in feast incest/ 'n specks 'n speckled speckled/ Speckled speculation”, aus „Neon Meate Dream Of A Octafish“) auf wütende, selbstreflexive Verse („God, please fuck my mind for good/ Making love to a vampire with a monkey on my knee/ Oh fuck that thing...fuck that poem...”). Das klingt wunderbar kantig und geschliffen zugleich. Selbst wenn man kein Wort verstehen sollte!

Auch einige musikalische Ideen ließ sich der Captain von der Natur und den Geräuschen derjenigen Technologien diktieren, mit der der Mensch versucht, sie zu beherrschen: Dem Groove von „Bat Chain Puller“ liegt das Geräusch des Scheibenwischers von Beefhearts altem Volvo zugrunde, das er auf Tape aufnahm, als er an einer Bahnschranke wartete, während der Zug an ihm vorbeirauschte. Und das ist eigentlich auch eine gute Metapher für den Eindruck, den Beefhearts Musik in seinen stürmischen Momenten auf den Ersthörer macht. Ein anderes Mal soll Beefheart der Legende nach einem seiner Musiker den Rhythmus eines neuen Songs erklärt haben, indem er einen Stock gegen die Wand warf. Das zufällige Klacken beim Aufprall auf Wand und Boden bildete dann die Grundlage des Beats. Und das wiederum ist eigentlich eine gute Metapher für „Trout Mask Replica“:


Trout Mask Replica

„Trout Mask Replica“ ist das schönste und das schlimmste Album zeitgenössischer Musik, das ich kenne. Ein totales, konzeptionelles, von einer handvoll Idealisten hart erarbeitetes, in seiner Konsequenz filterloses und freies Kunstprodukt. Geerdet in allen nur denkbaren Formen amerikanischer Musik. Dem elektrischen Blues und Ornette Coleman ebenso geschuldet, wie den Klangarchivaren alten Folkguts wie Alan Lomax oder Harry Smith, angereichert mit gesprochenen Gedichten, Field-Recordings und Lyrics mit Fokus auf die Verstümmelten und Fettleibigen, die Armen, die Hässlichen, die Heimatlosen und die Shanghaiten; auf die armen Fürze, Hobos und Massengemordeten; auf die Macht uralter Religionen im Schein des Mondes von Vermont; auf die Gleichzeitigkeit von Mensch und Tier und auf das Denken gelebter und noch lebender Kreaturen ausserhalb unseres Wahrnehmungsvermögens. Kurz: „Trout Mask Replica“ ist sowas wie ein modernes, radikal vertontes „Moby Dick“. Die Art und Weise, wie jagende, gegenläufige, sich überlagernde Rhythmus- und Melodie-Muster die Tracks durchziehen, erinnert stark an die afrikanische Art des Banjo-Spiels, wie sie mit den Sklaven nach Amerika kam. Nur, dass Beefhearts Magic Band mit einem Grundgerüst aus zwei E-Gitarren, einem Bass und den unvergleichlich klöppelnden Drums von John French a.k.a. Drumbo die Polyrhythmie noch um einige Windungen weiterdreht.

Die Metapher zigfacher, diffuser kultureller Spiegelungen ist sehr schön im Plattencover von „Mirror Man“ eingefangen, wo sich ein Bild Beefhearts in dutzenden kantigen Splittern reflektiert. Und was ist der Anfangsvers eines Songs auf „Mirror Man“ - „Mayflower child met a 25th Century quaker“ - anderes als die Beschreibung eines kulturellen Aufeinandertreffens, wie es sich auch an Bord der Pequod hätte abspielen können?


Wüste

Beefheart verbrachte eine Großteil seines Lebens in der Mohave-Wüste, was an sich schon kurios ist, denn er litt unter einer Sonnenallergie und kam erst im Dunkeln aus seinem Wohnwagen heraus, um buchstäblich den Kojoten gute Nacht zu sagen. „I was born in the desert“ ist der erste Vers, der auf Beefhearts Debutalbum „Safe As Milk“ zu hören ist. Nicht zufällig begann auch PJ Harvey ein Album mit diesen Worten, stand sie doch laut eigener Aussage seit vielen Jahren im regelmäßigen Telefonkontakt mit Van Vliet. Sie übernahm sogar das Anfangsriff und pitchte es auf Zeitlupe herunter.

In Van Vliets Malerei ist die Wüste omnipräsent und ubiquitär belebt. Jeder energisch gezogene Strich, jede in diffusen Grenzen ausfließende Farbfläche auf der Leinwand scheint ein Eigenleben zu leben. Menschliche Gestalten haben Tierköpfe, auf Tierkörpern thronen menschliche Fratzen, Gliedmaßen ragen undefinierbar aus den Körpern heraus. Seine Bilder überlagern sich in verwirrender Gleichzeitigkeit, wie es seine musikalischen Ideen ebenfalls zu tun pflegen. Legendär ist das große Skizzenbuch, das Beefheart in den 1970er Jahren häufig in einer Plastiktüte bei sich trug, und das randvoll bemalt war mit den zwittrigen Wesen seiner wüsten Fantasie. Nach seinem Rückzug aus der Musik 1982 entwickelte sich Beefhearts Malerei zu immer abstrakteren Motiven. Der Maler und Filmregisseur Julian Schnabel machte ihn in Kunstkreisen bekannt, die Galerie Ludwig stellte aus, Beefhearts Bilder erzielten hohe Preise, und erstmals konnte Don Van Vliet von seiner Kunst gut leben. Damit war der Rückzug aus der Musik besiegelt.


Einfluss

Reicht der Einfluss Captain Beefhearts wirklich weiter als zu den bis zum Erbrechen immer wieder genannten PiL, Devo, The Fall, Tom Waits, P.J. Harvey oder Pere Ubu? Im Prinzip führt jede an organisiertem Chaos und Noise interessierte Band den Beefheartschen Weg mehr oder weniger unbewusst fort. Die New Yorker Liars fallen mir ein, die sowohl in der Bearbeitung ihrer E-Gitarren wie auch in ihren Perkussion-Experimenten die polyphone Wirrnis der Magic Band zu reflektieren scheinen. Oder Bands wie Hair Police, die gleich ganz ihren vielfach gebrochenen Krach von jeglichen Gefälligkeitsspuren befreien.

Interessanterweise bekennen sich oft Musiker zu Beefheart, deren eigenes Musikschaffen seit gefühlten Ewigkeiten nicht mal in die Nähe seiner Musik kommt. Zu denen zählt auch Sean O'Hagan, der einen sehr guten Text zu Beefhearts Tod auf Freitag.de veröffentlicht hat, und dessen letzte, gemächlich daherdümpelnden Werke der High Llamas ein Beefheartscher Notensturm gut getan hätte. Wie übrigens auch dem erklärten Beefheart-Fan Andy Partridge, der sich mit seiner Band XTC irgendwann im kunsthandwerklich gediegen getöpfertem Sixties-Pop verlor.


Empfehlung

Ich erliege zu bestimmten Zeiten der Versuchung, einem Beefheart-Unkundigen einen musikalischen Fahrplan zusammenzustellen, mit dem ich hoffe, „Trout Mask Replica“ möge sich dadurch in angenehmerer Weise erschließen als in der unvorbereiteten direkten Konfrontation. Meist empfehle ich dann als Einstieg die letzten drei Alben des Captains – „Shiny Beast (Bat Chain Puller)“, „Doc At The Radar Station“ und „Ice Cream For Crow“ - weil sie vieles, was auf „Trout Mask Replica“ noch erkämpft werden musste, mitreißend und weniger knollig fortführen.

Aber so ein Fahrplan ist Quatsch. Es gibt nichts, was einen auf „Trout Mask Replica“ vorbereiten kann. Herman Melvilles „Benito Cereno“ bereitet einen ja auch nicht auf „Moby Dick“ vor. Es gibt keine Abkürzung. Man muss den vollen, langen Weg gehen, egal, von wo man kommt. Und das ist vielleicht auch die Lehre, die man aus Beefhearts Kunst insgesamt ziehen kann: Mache Kunst, auf die man sich nicht vorbereiten kann.


Lyrics, Gedichte, Malereien, Fotos, Clips, Essays, Musik, etc. auf beefheart.com

14.11.2010

FEELIES x minuten intro zwei minuten song





THE FEELIES - crazy rhythms (1980)


Die Urmutter pubertären Indieschrammels, nur viel besser und akzentuierter. So nie wieder erreicht. Vielleicht auch von niemandem so wieder versucht. Es ist aber auch verdammt schwer, einen technisch ähnlich guten Drummer zu finden wie Anton Fier. Vielleicht kann man das afrikanische Geklöppel neuerer NYC-Bands noch als Nachhall nennen (Vampire Weekend). Gilt im Prinzip auch für das Cover: Klassisch, stilbildend. Nie hat sich eine jugendliche Vorstadt-Band so brav und subversiv in Szene gesetzt: zugeknöpftes hellblaues Polo-Shirt, Wollpullover mit V-Ausschnitt, ordentliches Hemd und ordentlich gekämmte Frisuren vor hellblauem Himmel – ein Anti-Punk-Statement – und dabei hat die Energie ihrer Musik so ziemlich alles vom Teller geklopft, was sich 1980 als Punk definierte.

20.10.2010

SUFJAN STEVENS um acht ins bett









SUFJAN STEVENS: the age of adz (2010)



Fazit nach dem ersten Durchlauf: Mit Knarz- und Bollerelektronik wahllos aufgebrezelter Bullshit. Fazit nach dem zweiten Durchlauf: Mit Knarz- und Bollerelektronik wahllos aufgebrezelter Bullshit mit ein paar netten Einfällen, von denen kein einziger selbst einen zweiten Outtake-Aufguss von "Illinois" überstanden hätte.

Ich hoffte beim letztjährigen mau-chaotischen "BQE" noch auf ein nur kurzzeitiges Prog-Austoben, mit dem sich Sufjan Stevens mittels viel heißer Luft vielleicht aus dem Erwartungsdruck befreien wollte. Sehe meine Hoffnung aber enttäuscht angesichts von "The Age of Adz", das so klingt, als hätten die Flaming Lips ihre psychedelischen Erwachsenen-Monster an eine familienfreundliche Vorabendserie verhökert.

Schade, dabei klang die "All Delighted People"-EP sehr vielversprechend. Sie lässt mich dann doch weiter auf zukünftige Stevensche Knaller hoffen.

18.10.2010

BERT JANSCH zupfen im canyon









BERT JANSCH l.a. turnaround (1974)



Mir kommt des öfteren im Moment Bert Jansch mit "L.A. Turnaround" (1974) in das Abspielgerät. Ich fremdelte anfangs noch ein wenig mit seinem Gesang, weil ich dieses artifiziell Englische nicht immer so mag, aber ich komme mittlerweile gut damit klar. "LA Turnaround" ist durchweg hervorragender Brit-Folk, der durch den Pedal-Steel-bewimmerten Laurel Canyon geschleift wurde.

Jansch ist ein ganz außerordentlicher Akustikgitarrenspieler, der kanten und runden kann, wie es ihm gerade passt. Das kommt natürlich auf den drei Solo-Aufnahmen des Albums noch mal deutlicher zur Geltung. Die Aufnahmen mit Musikermannschaft sind ebenfalls alle außerordentlich gut, die Band ist mit dezentem Gefühl voll dabei.

Einige Bekannte sind auch darunter: Klaus Voormann am Bass, Monkee Mike Nesmith hat produziert und unterstützt Jansch auch an der Gitarre. Klingt so als hätte nicht viel gefehlt, und das wäre ein sicherer Millionenseller geworden. Irgendwas ging aber schief und Bert Jansch musste sich vor ein paar Jahren selber eins der wenigen Original-Exemplare von "L.A. Turnaround" bei Ebay ersteigern.

Kleines feines Booklet mit schönen Fotos und einem informativen Text in glitterhousekatalogkleiner Schrift (immerhin noch größerer als diejenige der Lyrics). Es gibt Bonus-Tracks auf der WVÖ-CD und einen kleinen Film - "LA turnaround ... the movie". Bert Jansch hat am Remastering der CD mitgewirkt. Bitte hören.

24.09.2010

MARTIN BÜSSER IST TOT













Das ist wirklich ein Schock.

http://nationofswine.ch/2010/09/24/martin-busser-rip/

Nach kurzer schwerer Krankheit. Jahrgang 1968. Ich hatte mit Martin Büsser kurz zu tun, als ich einen Text zu einem Buch beitrug, das in seinem Ventil-Verlag erschien. Mir fiel er natürlich auch schon vorher auf, weil er den durchaus streitbaren Begriff "Anti-Folk" zumindest im deutschen Sprachraum entscheidend mitprägte. Büsser war für mich immer ein sehr leidenschaftlicher Vielschreiber in Sachen Musikkultur, enorm kenntnisreich, auch wenn ich nicht immer mit ihm übereinstimmte. Und sowas wie den Ventil-Verlag, der ja sehr viele interessante Bücher im Programm hat, muss man erstmal wuppen. Letztes Jahr lernte ich bei einem Banjo-Jam zufällig einen langjährigen guten Freund von ihm kennen. Er berichtete mir, Büsser wolle demnächst eine Weile in Brooklyn leben und über die dortigen Szenen schreiben. Es ist entsetzlich traurig, dass Martin Büsser nun nicht mehr lebt.

23.09.2010

THE DB'S zweimal gut










Die dB's starteten 1981 mit „Stands For Decibels“ sensationell: Van-Dyke-Parks-artige Hosentaschen-Suiten („She's Not Worried“, „Moving In Your Sleep“) wechselten sich mit knackigen Anderthalbminütern ab („Big Brown Eyes“), die zwingende Melodien mit jenem Kunststrand berieselten, in dem Brian Wilsons Käsemauken steckten, als sogar „Pet Sounds“ noch in der Zukunft lag.

Der Zweitling - „Repercussion“ (1982) – spielte etwas auf Sicherheit, war aber ähnlich gut. Alle folgenden Alben der dB's wollten wir, das Häuflein versprengter dB's-Fans in Kiel, gut finden. Diese unausgesprochene Absicht empfanden wir als so unabdingbar notwendig, dass wir tatsächlich viel Gutes an den Platten (er)fanden. Wir täuschten uns über ihre Mittelmäßigkeit hinweg, so tief hatten die ersten beiden Werke der dB's auf uns eingewirkt.

01.09.2010

DOCTOR MIX & THE REMIX trotzdem gut







DOCTOR MIX & THE REMIX
wall of noise
1979



Doctor Mix & The Remix
ist der wohl blödeste Name einer tollen Band, der mir jemals untergekommen ist. Haben nur eine Platte gemacht. 1979. Auf Rough Trade (Rough 6). Schmirgel-Fuzz mit Rhythmusbox, Gruftstimme und erlesenen Coverversionen. Steht bei mir in der physischen Sammlung neben Dälek. Und da gehört's auch hin. Lohnt sich also immer noch.


26.08.2010

ELP und HAUNTED MUSIC


Dies ist der zweite Teil der sporadischen Kolumne 'Musik zu aktuellen Zeiten trifft Musik zu Urzeiten'.






POCAHAUNTED



"Tarkus" von Emerson, Lake & Palmer? …Hm… Was sagt der AllMusicGuide? Denn - unter uns - ich habe diesen aufgeblasenen Quatsch seit 19 Jahren nicht mehr gehört. Es können auch 29 sein. So genau weiß ich das nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie "Tarkus" klingt. Auf alle Fälle schwierig und lang. Sehr lang. Ich habe versucht, die Platte bei ebay zu ersteigern. Aber ich merkte schnell, dass meine Preisvorstellung unterhalb des Mindestportos lag. Egal. Emerson, Lake & Palmer sind keine Gruppe, die heutzutage in Musikcheckerkreisen Punkte einbringt. Das muss als Charakterisierung genügen.

Ich gehe trotzdem an die Öffentlichkeit Mitteleuropas, um zu sagen: Es ist OK, Tarkus im Schrank zu haben, sie ausgewählt zu haben und die lange Titel-Suite durchgehört zu haben. Denn jeder sollte mal in früher Pubertät durch ein langes Hochkultur-Prog-Epos durch. Und wenn auch nur zu dem Zweck, sich entweder von derlei Kraftmeierei nachhaltig einseifen zu lassen oder für den Rest des Lebens mit Grausen abzuwenden. Man muss gar nicht tief in die miefige Grabbelkiste von 1970er Progrock greifen, um eine der beiden Initialerfahrung zu machen. Denn was damals ELP im Angesicht von großkotzigen 16-Tonnen-Synthesizern, Drum-Batterien und Klimper-Bombast in zig Monaten Studioarbeit umringt von einer Kohorte Tontechniker fabrizierten, das spielt heute eine Math-Rock-Band wie Mars Volta zum Aufwärmen im Tourbus.


Mittlerweile sind lange Tracks sowieso wieder eine völlige Selbstverständlichkeit, zumindest wenn man sich beispielsweise für Freeformrock-Kollektive aus Oregon interessiert oder die geisterhaften Gebiete erforscht, in denen Leute wie Pocahaunted, Sylvester Anfang II oder LA Vampires & Zola Jesus unheimlich herumhuschen. Dooms und und Drones gehen ja auch locker mal über eine Stunde. In jener haunted music wird nicht gekraftmeiert, sondern eine sehr spezielle Körperlosigkeit und Stase hergestellt, die - das ist meine Theorie und außerdem ein völlig anders Thema - viel gemein hat mit der Körperlosigkeit des Internets.


"Tarkus" dagegen ist uraltes, anachronistisches Technokratenhandwerk. Ist wie Zuckerwatte mit Löffel essen: schwierig und verzichtbar. Ist: Schaut, was ich alles an der Orgel kann! Rock ist gar nicht simpel, sondern schwierig wie Klassik. Wir können das technisch spielen, ihr nicht. Ätsch! Mehr steckt nicht dahinter, außer vielleicht eine gehörige Portion Eigentestosterondoping.


Zum Plot (denn ohne Plot kein Prog): "Tarkus" ist eine Art lebender Panzer mit Hybridmotor, der allerlei abenteuerliche Kämpfe auf dem aufklappbaren Albumcover besteht. Gegen andere lebende Hybrid-Panzer-Wesen, die mit Kanonen, Raketen, hakenbewehrten Eisenkettenschwänzen und ähnlichem bewaffnet sind. Stellvertretend habe ich versucht, dieses Panoptikum an Fabelwesen durch eine Briefwaage zu versinnbildlichen (siehe Foto).


Tarkus besiegt die Maschinenwesen jedenfalls fast alle und zieht buchstäblich kopflos auf dem letzten Bild von dannen. Wahrscheinlich sehr einsam. Kann sich ja jeder ausmalen. Wir lebende Panzer hauen uns gerne zu Klump, sind aber danach ganz schön traurig, weil wir einsam zurückbleiben. So in der Art etwa. Das ist das sehr bedeutsam, klar. Konzept. Komme mir keiner mit: Ihr müsst euch ja nicht prügeln. Sooo einfach ist das nicht. Was soll man denn machen, wenn man statt Arme nur Kanonen hat? Dann muss man ballern. Keine Widerrede. Haudraufundschluss.


Mittlerweile habe ich die ganze Platte doch mal wieder gehört, um der journalistischen Sorgfaltspflicht zu genügen. Auf der zweiten LP-Seite gibt es ein paar hübsche und weniger klotzig-lange Songs zu hören, von denen ich das leicht ironisch fließende "Jeremy Bender" sogar sehr gelungen finde. Greg Lake singt dort gar ein bisschen wie John Lennon, wie ich gerade in diesem Moment zu meinem Erstaunen feststellen muss. Bitte trotzdem nicht mehr Geld für "Tarkus" ausgeben, als eine Briefwaage wert ist.



Tarkus-Suite:



Jeremy Bender


Pocahaunted:


Die tollen LA Vampires & Zola Jesus: zwar nicht lang, aber haunted



Sylvester Anfang II:



Mars Volta



EDGAR BROUGHTON BAND abhängen mit den broughtons



Dies ist der erste Teil der sporadischen Kolumne 'Musik zu aktuellen Zeiten trifft Musik zu Urzeiten'.



Diese Kolumne wird sich im Verlauf mit Tier-Maschine-Hybriden, 16-Tonnen-Synthesizer, gut abgehangenen Schlachthaushälften, Drogies, Lazy-Playing in Kingston/Jamaica, geilen Auflösungserscheinungen, offenen Hosenställen und I-Was-Holzfällerhemd-Before-You-Were-Holzfällerhemd-Rock beschäftigen - falls nichts dazwischen kommt.


Ich komme im Moment einfach nicht raus aus den vergilbten Zeugnissen ferner Epochen, auch wenn das normalerweise gar nicht meine Art ist und ich jene Zeit, um die es hier geht, nicht unbedingt am Puls derselben verbracht habe, sondern eher am Rockzipfel meiner Mutter oder auf dem Bolzplatz einer beliebigen Kleinstadt mit Doppelnamen. Um dem Verdikt der Aktualität zu entsprechen, will ich versuchen, neuere Kulturerzeugnisse geschickt in die Fortsetzungstexte einzubauen, damit spätere Generationen sie auch genau auf 2010 datieren können.


Schuld an dieser momentanen Abkehr vom aktuellen Musikgeschehen ist übrigens mein Schwager, den ich durch reine Gedankensuggestion dazu brachte, mich zu fragen, ob ich nicht ein paar seiner alten Platten haben möchte. Ich schwöre, so ist es gewesen! Ich sagte also nicht nein und zog mit einem dutzend LPs von dannen, die mich zu jenen Urzeiten (bzw. etwas später) doch ziemlich prägten, als ich als 13 bis 16 Jähriger fast uneingeschrängten Zugriff zu seiner Sammlung hatte. Und da Popmusik im Moment sowieso nur noch die Bedeutung des Soundtracks zur Software hat, kann ich mich ja auch gleich in verruchte Epochen begeben, in denen Männer noch kein Deo kannten und Kupferkessel nur einmal die Woche Samstags heißes Badewannenwasser bereit hielten.



Den Anfang macht die Edgar Broughton Band.


1971, back in the heydays of sozialistische Rockerideologien made in Britain, kommt ihr selbstbetiteltes drittes Album heraus. Gemessen an dem rohen Coverfoto, das eine Halle voller Rinderschlachthälften zeigt, zwischen denen ein nackter Mann kopfüber, äh, abhängt, ist die Musik selbst schockierend einschmeichelnd und durchdacht, dabei durchaus mit Eingeweiden (die auf dem Cover schon fachgerecht entfernt sind) und Pathos (dunkel flirrende Streicher, Bläser, Chor), mit schwerem Bluesrock bisweilen, immer jedoch mit der dunklen Stimme Edgar Broughtons, die selbst in käsigen Momenten noch eine Gefährlichkeit markiert, wie sie sich damals zwangsläufig auch in Bart und fettigem Langhaar manifestierte. Das sind Rocker, Mann!


Die Innenansicht des Klappcovers mit den blutverkrusteten Gesichtern könnte als Blaupause späterer kuttenbehängter Sunn O)))-Pressefotos herhalten. Auch aktuelle Softrocker wie Midlake könnten sich ihre Bärte einmal im Spiegel der Edgar Broughton Band betrachten.

Die kämpferische Attitude Broughtons nimmt auch private Rückzüge in sich auf („All I want is a piece of my own/ A lot of land/ And some sticks to build a home“) oder sieht das Ende nahen, als sich ein Vogelschwarm kurz zu einer riesigen Säule formiert („Evening Over Rooftops“). Tatsächlich kann die Platte sehr überzeugend verbergen, wie gut sie auch heute noch ist.

Bewertung: 20 von 22 Fleischerhaken bei vorschriftsmäßiger Kühlhaustemperatur


Als Bonus nahm ich noch die zweite Broughton „Sing Brother Sing“ mit, auf der mir bis heute allerdings nur ein Song gefällt („There’s No Vibrations But Wait!“), der Rest ist uninspirierter Hippie-Rock-Psych-Jam-Kram. Die Platte ist signiert: „Peace Edgar Broughton“ + unleserlich. Das macht's nicht besser. Trotzdem: Peace.

Bewertung: 3 von 31 Prog-Drops.


(wird fortgesetzt, ausser es hagelt Proteste)





18.08.2010

DANIELSON FAMILE kirchentagshorde in gut

Danielson Famile





DANIELSEN FAMILE



Daniel Smith formte mit seiner Danielson Famile den Prototyp einer durchgeknallten Christenband. Preise den Herrn mit einem Sammelsurium aus lose chaotischem Folkgewusel! Ich preise gedankenlos mit.


SUFJAN STEVENS suchen und finden in pickeral lake

Sufjan Stevens






Überzeugter Christ, der sich nicht zu schade ist, auch Kirchenmusik in seinen musikalischen Kanon einzubauen. Stevens versucht so etwas wie eine allumfassende Melange aus Folk, Gospel, Cheerleader-Chor, Peanuts-Soundtrack und Elektronik zu entwickeln und ist damit sehr sehr weit gekommen – auch wenn er auf seinem letzten Werk "The BQE" (2009) die thematisch angebetete Zubringerbrücke Brooklyn-Queens Bridge mit viel heißer Luft beschallt.

Seine beiden Hauptwerke - „Michigan“ und „Illinois“ - halten sich mit offensichtlich christlichen Themen relativ zurück. In die volle christliche Metaphernlandschaft, wo sich Gott und Teufel gute Nacht sagen, geht er bei „Seven Swans“, das er auch gleich bei New Jerusalem/Sounds Familyre veröffentlichte, dem Label von Daniel Smith.


Trotzdem wählt die ZU-ZEITEN-Redaktion ein Stück aus dem "Michigan"-Album aus: „Oh God, Where Are You Know? (In Pickeral Lake? Pigeon? Marquette? Mackinaw?)“:

SPIRITUALIZED® pharmakodynamisch

Spiritualized®





Spiritualized®: Jason Pierce's Nachfolgeband von Spacemen 3. Gingen weiter auf dem selben Pfad und verbreiterten ihn zu einer üppigen Prachtstraße, die geradewegs in die Kathedrale führt. Mit viel mehr Gospel, Chöre, Orchester, Country und Elektronik, o Lord. Die Drogen blieben und spiegeln sich auch in der an Pharma-Design angelegten Bandpräsentation (http://www.spiritualized.com/admissions/). Empfehlenswerte Alben: „Ladies and Gentlemen We Are Floating in Space“, „Let It Come Down“, „Amazing Grace®“.



Ladies and Gentlemen We Are Floating in Space (live, 2009)


SPACEMEN 3 gehenlassen mit jesus


Spacemen 3






SPACEMEN 3



Spacemen 3 haben den Katholizismus mit Zitronensaft aus einem mit einer geweihten Kerze erhitzten Löffel in die Spritze gezogen. Brüder im Geiste der Velvet Underground und der Stooges. Wenn sie den Lord besingen, einfach Heroin mitdenken (und andersrum).




„Feel So Good“




„Walkin' with Jesus“


„Come Down Easy“


16.08.2010

BLIND WILLIE JOHNSON transzendent war die nacht




Blind Willie Johnson: "Dark Was The Night"






BLIND WILLIE JOHNSON


Als John Fahey in den 1950ern über die (US-)Lande zog, hörte er Blind Willie Johnsons "Praise God I'm Satisfied" auf einer Schallplatte und pries es als das beste Stück, welches er je gehört habe. Blind Willie Johnson war ein singender Straßenecken-Evangelist (oder wie würdest du „A singing street-corner evangelist“ übersetzen?), der die sehnendste Slide-Gitarre spielte, die mir überhaupt machbar erscheint. Da Johnson zudem noch ein tiefes, kratziges Brummen in seiner Kehle erzeugen konnte, hatte er alle Voraussetzungen, um mit „Dark Was The Night“ das "most transcendent piece in all American music“ (Ry Cooder) zu sliden und zu summen. Da transzendentale Stücke sich durch ihre universelle Bedeutung auszeichnen, verzichtet „Dark Was The Night“ auf Worte und lässt jedes verdammte Leid und jedes verdammte Hoffen in diesem flehenden Summen und den flirrend in der Luft stehenden Slidefiguren ihren Ausdruck finden. Nur ein "ooo, Lord" und "aaa, well" (oder "world" statt "well"?) entfleucht Blind Willie Johnson ab und zu mal.

Gepresst auf einer Schallplatte aus purem Gold fliegt der Song im Reisegepäck der Voyager den Sternen entgegen. Und hier mein Merksatz für alle angehenden Priesteranwärter: Wenn ein Mitschnitt Deiner Predigt mit einem Raumschiff zu den Sternen geschossen wird, dann hast Du es geschafft – und wenn Du es stattdessen immerhin schaffen sollten, eine einzige Seele davon zu überzeugen, keinen haltlosen Unfug über andere Personen zu erzählen, dann bist du in meiner Achtung sogar noch ein bisschen höher gestiegen.

Ein Video zu "Dark Was The Night" wartet mit einer kurzen, animierten Biographie auf, alle anderen Videos zu Blind Willie Johnson verbietet mir die tumbe Sony:



Music Matters - Blind Willie Johnson (23-3-10) from Music Matters on Vimeo.

15.08.2010

JOHN FAHEY over and over again


[RAW RELIGION]
John Fahey: "In Christ There Is No East Or West"


John Fahey


Überzeugter Christ und enorm einflussreicher Stahlsaiten-Gitarrist, Verstärker und Archivar primitiver amerikanischer Musikkulturen, Freund von Wiederholungen statt von Variationen, und darin so etwas wie der James Brown der Steel Guitar (Fahey: „No, there's no variation. I just play the same thing over and over“). Achtung, bitte nicht weiterlesen! War schwul!

Zudem war er noch bis zu seinem Tod Betreiber des Revenant-Labels, das sich auf die Dokumentation eben jener „Primitive Music“ spezialisiert hat, der Fahey seine musikalische Leidenschaft verdankt. Motto einer Sammlung alter Vorkriegsgospelmusik auf Revenant („American Primitive Vol.1“): Salve Christmas Guilt! Get Raw Religion! Und nun bitte mal raten, von wem ich den Serientitel RAW RELIGION geklaut habe.

Weswegen ich den Clip zu "In Christ There Is No East Or West" auswähle? Einmal wegen der rauen Religion, dann weil in eben jener Show mit Laura Weber - 'Guitar, Guitar' von 1969 - das "No variation"-Zitat gefallen ist (according to Sufjan Stevens), und außerdem weil es ein wunderbarer Effekt ist, wenn Fahey zu Anfang ein bisschen zart herumspielt, es nicht klar ist, ob das zum Track gehört, um dann erst richtig in das Thema einzusteigen. Keine Variation, nur Wiederholung, oder nicht?

Ich kenne leider das Interview nicht, das während der Show stattfand. Sufjan Stevens beschreibt es im Booklet zu einer John-Fahey-Tribut-CD als "awkward". Ferner soll John Fahey in Ermangelung eines Aschenbechers in das Korpusloch seiner Gitarre geascht haben!





14.08.2010

PERE UBU könig im königreich

Pere Ubu: „Jehova's Kingdom Comes!“



PERE UBU new picnic time

LP 1979


Ein Schock unter der kleinen Gemeinde der Liebhaber der Krach-Rock'nRoll-Synth-Avantgarde war es um 1979 herum, als bekannt wurde, dass David Thomas, Sänger der Krach-Rock'nRoll-Synth-Avantgarde-Gruppe Pere Ubu zu den Zeugen Jehova's konvertiert war. Das schien die Gruppe aber überhaupt nicht davon abzuhalten, ihr sperrigstes, fragmentarischtes Album zu erkämpfen: „New Picnic Time“ (1979), dessen letzter Track besagtes „Jehova's Kingdom Comes!“ war. Nach Abschluss des Albums war die Band ein Haufen vergifteter Beziehungen, der sich erstmal eine zeitlang aus dem Weg gehen musste.

„Jehova's Kingdom Comes!“ ist ein sumpfiger Surf-Rocker, in den sich ab und an ein Jerichobläserartiger Synthie durchschlägt. David Thomas jammert, brabbelt und croont sich mehrstimmig durch den Song, wiederholt die Zeilen „Jehova's kingdom comes!“ und „These are the best times of all!“ wie ein Mantra. Seltsame Vibrationen für den Königreichssaal!

Auf „Datapanic in the Year Zero“, einer CD-Box, die die ersten sieben Schaffensjahre der Band dokumentiert, wurde aus „Jehova's Kingdom Comes!“ einfach nur noch „Kingdom Come“. David Thomas ließ Stimmspuren aus dem Track entfernen. „Jehova“ war nicht mehr zu hören. Was blieb: „These are the best times of all!“ Offenbar war Jehovas Königreich so schnell gegangen, wie es gekommen war.

Was soll der angehende Priester daraus lernen? Wenn man einmal etwas aus tiefer Überzeugung glaubt, ist das aber echt noch lange kein Grund, seine Meinung später nicht noch einmal zu ändern.


(Link zu „Jehova's Kingdom Comes!“ nicht auffindbar, daher hier ein Ersatzvideo)


13.08.2010

VIOLENT FEMMES im vaterclinch

Violent Femmes: "See My Ships"






VIOLENT FEMMES - "3"
(1988)




Mindestens ab Platte Zwei (Hallowed Ground) vertonten die Femmes den zweifelnden und leidenschaftlichen Katholizismus von Gordon Gano, der möglicherweise ein vaterfixiertes Problem hatte, welches er durchaus auch mal in der Violent-Femmes-typischen Art des zynischen Spottliedes beackerte („I'm just like my father/ But I am much worse/ He hurt his mother/ I hurt mine worse“, aus „Just Like My Father“).


Auf dem letzten Song („See My Ships“) begleitet Gordon Gano seine Suche nach Schuld und Erlösung ganz alleine mit Akustikgitarre und erschütternder Ernsthaftigkeit. Dabei vermengt er das offensichtlich tief in ihm verwurzelte Gnadens- und Schuldrepertoire der Bibel mit dem Tod Mavin Gays durch die Hand dessen Vaters. Ich weiß nicht, wie das ganze bei Gano ausging, aber von den Violent Femmes kam danach nicht mehr viel. Schon für „3“ hatte sich damals (1988) niemand mehr interessiert. Aber das Album gehört zu den intensivsten Aufnahmen der Femmes. Die Platte ist übrigens ihre Vierte, die „3“ bezieht sich auf die Anzahl der Bandmitglieder.

11.08.2010

KEITH RICHARDS + WINGLESS ANGELS lifes

Richards Autobiografie wird am 26. Oktober veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe erscheint beim Heyne-Verlag und hat 900 Seiten.




Kleiner, spiritueller, wirklich runterstrippender Zeitvertreib bis dahin: Richards alter Freund - der kürzlich verstorbene Justin Hinds - und seine letzten Aufnahmen mit den Wingless Angels. Hier im Stream:

http://www.winglessangels.com/

28.05.2010

JERRY GARCIA BAND: dear prudence







Gut beseelte und angereggaete Version von "Dear Prudence" von Jerry Garcia und Band und Sängerinnen im Hintergrund und Entrücktsolo und Dylan-Orgel und Altmännerbauch und runder Nickelbrille und Mittelscheitel und Nichtfrisur und habe ich sonst noch was vergessen, um euren Abscheu zu befeuern?

26.05.2010

RONNIE: gitarrenmeister, aber sowas von

Würde man mir die Augen verbinden, mir Ronnies Gitarrenmusik aus Botswana vorspielen und mich bitten, zu beschreiben, wie die Musik wohl gespielt worden sein müsste, würde ich auf das hier kommen?


25.05.2010

THE GHOST THE HOST THE MOST HOLY-O - Geräusche zu Pfingsten




Geräusche zu Pfingsten?







Geräusche passen gut zu Pfingsten. Das Pfingstfest feiert den Heiligen Geist, also einen Blitz, der in Körper und Geist fährt, ihn entflammt und beGEISTert. Daher feiert Ahrensfeld ebenfalls etwas, das in den Körper fährt, ihn entflammt und beGEISTert. Geräusche nämlich. Nennt man manchmal auch „Musik“. Und da der Heilige Geist und Musik anscheinend Kumpel im äh Geiste sind, weil sie ähnliches anrichten können, hier meine Topliste an Pfingstmusik. Über alle Religionen und Blasphemien hinweg, vereinend und trennend, atheistisch und fanatisch, surrealistisch und mysthisch, geplant und zufällig. In Wallung und total verkopft, stocksteif in Ekstase. Bumm! Bumm! Bumm! Stillstand! So sieht's aus.


Judee Sill: Same (1971)


Singer-Songwriterin mit sanfter Stimme, Folk-Gospel, im Dunkeln verankert, mit Streichern und unwiderstehlichen Songs. Christliche Motive durchtränken die Lyrics. Es geht ums Sehnen und ums Suchen. Auf der Suche nach Sinn fand sie auch zum Heroin. Dem Musikjournalismus wird ja oft vorgeworfen, er würde hemmungelos übertreiben und alles zum Ultimativen hochschreiben. Daher halte ich mich mit meinem Urteil zurück und bleibe sachlich: Judee Sill schrieb die schönsten Melodien des Universums. Am 23. November 1979 starb Judee Sill 35jährig an einer Drogenüberdosis. Einen Tag nach Thanksgiving. Nahm sie sich das Leben nach jahrelangem Rückenleiden und nach nicht mehr wirkenden Schmerzmitteln? Neben der Leiche fand man frische Aufzeichnungen über eine Missbrauchsgeschichte. Möglicherweise waren es Skizzen für eine Songgeschichte. Möglicherweise war es von ihr erlebte Wirklichkeit. Möglicherweise tat ihr das Leben insgesamt zu weh.
Holy-Ghost-Faktor: 8 von 9 Kosmen.


Daniel Higgs: Metempsychotic Melodies (2007)


In den geheimnisvollen, breitflächig tätowierten Maler, Musiker und Lyriker Daniel Higgs ist der Heilige Geist mit solcher Wucht eingefahren, dass sich Higgs vor lauter bibelpathetischen und surrealen Visionen nicht mehr zu retten vermag. Dazu spielt er Musik und Krach auf dem Banjo, der Maultrommel und anderen Instrumenten, die er durch Verzerrer anraut oder die er draußen unter dem Himmel von Vogelgezwitscher begleiten lässt. Higgs singt „wie ein Prediger nach Kabelbrand seine auf Bibel-Ikonografie und -mystizismus basierende Apokalypsen-Lyrik über Liebe, Körper, Transzendenz und Kosmos“ las ich irgendwo. Ich glaube sogar, ich habe es selbst geschrieben.
Holy-Ghost-Faktor: ∞




Kammerflimmer Kollektief: Cicadidae (2003)


Ein taumelnder Ritt durch Musik eines Kollektivs, das Jazz-Improvisationen spielt, aufnimmt, auseinanderreißt und in Zeitlupe nach kosmischen Gesichtspunkten in Heimarbeit wieder zusammenlötet. Idealer Begleiter in 30 Grad heißen Nächten, wenn der Körper und das Denken ganz weich sind und kaum noch Widerstand bieten für geisterhafte Erscheinungen. Spielt es toter Materie nur oft genug vor, dann wird sie schon lebendig werden.
Holy-Ghost-Faktor: 1000 verschwitzte nackte Körper, an denen 1000 verschwitzte Laken kleben.







Brethren Of The Free Spirit: The Wolf Also Shall Dwell with the Lamp (2008)


Nach gewöhnlich gut informierten Kreisen sind die wenigen Infos auf der CD vom Heiligen Geist höchstselbst in die Typographie diktiert worden. Und wenn sich jemand fragen sollte, was „in die Typographie diktiert“ bedeutet, dann kann ich das auch nicht beantworten. Das kann nur der VErantwortliche selbst, und der schweigt seit ein paar Äonen beharrlich. Aber mach dir selbst einen Reim daraus: James Blackshaw spielt eine „12 string Guild Guitar“, er spielt im Todes-Tuning „DADEAD“, Jozef Van Wissem zupft eine „13 course Barock“ Laute. Aufgenommen haben sie „in the Year of Our Lord 2008“, ihren Namen Brethren Of The Free Spirit haben sie einem obskuren Kult religiöser Herätiker aus dem 13. Jahrhundert entnommen. Die Musik: Sich nach nicht durchschaubaren Mustern wiederholende und verschiebende Motive, mesmerisierend und erhebend zugleich. So modern wie uralt. James Blackshaw ist einer der besten zeitgenössischen Gitarristen, die ich kenne. Ich finde ihn nicht eine Millisekunde langweilig und kann guten Gewissens ALLES von ihm empfehlen, obwohl ich gar nicht alles kenne. So einen Vertrauensvorschuss genießt bei mir noch nicht mal der Heilige Geist.
Holy-Ghost-Faktor: 300 Midasberührungen.



James Brown: Give It Up Or Turnit A Loose (von „Sex Machine“, 1970)


Falls der Holy Ghost irgendein Instrument spielen sollte, dann wäre es ein elektrischer Bass. Kein Instrument fährt so gewaltig und doch so geschmeidig in den Körper und die Seele ein. Und elektrischen Strom erzeugt der Heilige Geist doch mit Links! Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass uns der Bass des Heiligen Geistes so physisch durchwalkt wie es Bootsy Collins auf „ Give It Up Or Turnit A Loose“ vormacht (oder nachmacht, denn vielleicht hat er ja vorher Bekanntschaft gemacht mit dem Holy-O und spielt deswegen so beseelt?).
Holy-Ghost-Faktor: 643 Phantasien über Körperbewegungen beim Sex.





The Fall: Bury Pts. 1 & 3 (von „Our Future Your Clutter“, 2010)


Mark E. Smith addiert eine weitere Inkarnation seiner Band zu den unendlichen Band-Line-Ups, die in der Summe immer alle so klingen, wie The Fall eben klingen, seit ein entfernter Vorfahre es für eine gute Idee hielt, eine Beutetiersehne zwischen zwei Felsbrocken zu klemmen und erstmals den URAKKORD anzustimmen. So klingen The Fall seit Jahrzehnten, aber so gut haben sie lange nicht geklungen. Bury beginnt im sorgfältigst gewählten, mumpfigsten Mieser-als-eine-Demoaufnahme-Demosound, der Beat klopft stoisch, zwei Akkorde knallen rein, wieder raus, wieder rein, Mark E. lässt seine Lyrikskizzen in den Krach hineinplatzen. Der Sound wird in zwei Schritten klarer, die Band spielt weiter, Mark. E. sprechsingt in unregelmäßigen Abständen in seiner Piratensendernachrichtensprecherstimme – Wir-sind-The-Fall-ihr-bekommt-The-Fall - und du nimmst es oder stirbst. Und so ist der Heilige Geist eben auch: Er fährt auf dich zu und durch dich durch. Ob dabei in dir was hängen bleibt, ist nicht sein Problem. Mach was draus.
Holy-Ghost-Faktor: 60 Millionen Fall-Platten in 6 min 38 sec.


Songbeispiele über youtube, vimeo, myspace, last.fm etc.

12.05.2010

SCHRAMMEL-MUSIK: wer schrammelt hier?






Als meine Frau mich heute beiläufig nach meiner Definition von Schrammelmusik fragte, brabbelte ich spontan etwas von „mit dem Plektrum alle Gitarrensaiten rhythmisch in schnellen Ab- und Aufwärtsbewegungen anschlagen, während mit der Griffhand Akkorde gegriffen werden“. Statt Bewunderung für mein enzyklopädisches musikalisches Wissen erntete ich ein Lachen.

Meine Frau hielt mir das „Musiklexikon“ von Mechthild von Schoenebeck, Gunter Reiß und Justus Noll unter die Augen. Dort stand es Schwarz auf Weiß: Schrammel-Musik ist in Wirklichkeit nach den Brüdern Johann und Josef Schrammel benannt! Deren Ensemble „d'Schrammeln“ erlangte im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts einige Popularität. „d'Schrammeln“ spielten in Weinlokalen volkstümliches Liedgut, Walzer und Märsche. Teilweise wurden die Stücke von Johann Schrammel selbst komponiert. Die typische Besetzung – zwei Violinen, Gitarre, Klarinette oder Akkordeon – wird als Schrammel-Quartett bezeichnet.

Denkt also bitte das nächste Mal daran, wenn sich eine Indie-Band mal wieder einen zahnlosen Wolf spielt. Sie mag vielleicht schrabbeln, sie schrubbt womöglich Akkorde, sie jingled und jangled ideenlos dahin. Aber schrammeln tut sie nicht. Was ich jetzt, ausgestattet mit frischem Wissen um das Wesen von Schrammel-Musik, eigentlich bedaure.

22.04.2010

PSYCHEDELIC FURS: dylan dylan dylan










THE PSYCHEDELIC FURS - talk talk talk (1981)



Die Psychedelic Furs aus England nannten sich 1979/80 so, weil sie einen Namen suchten, der sie maximal von Punk und Wave abgrenzen sollte. Da passte „bewusstseinserweiternd“ (Iiiiieehh! Hippie!) und „sanft“ (Iiiiieehh! Weichei!) ganz gut: Die Psychedelischen Nerze waren geboren!

Weicheier waren sie trotzdem nicht, jedoch meinten sie auf ihrer ersten, selbstbetitelten Platte (von 1980) das Wort „Psychedelic“ durchaus ernst: Etwas auseinanderdriftende E-Gitarren-Exkursionen, mit okayem Saxophon garniert, insgesamt mit lockeren Knoten zusammengehaltene Songs, die aber durchaus referentiell an Punk und Wave angedockt waren. Nicht zuletzt auch Dank des kehligen Gesangs von Sänger und Texter Richard Butler, der zudem auch noch eine leicht schmierig-nasale Arroganz in seine Stimme zu legen pflegte, ein markantes Erlebnis. Auf dem Live-Shot vor rot angestrahlter Leinwand auf der Cover-Rückseite sehen sie aus wie die New Yorker Band Interpol gut 20 Jahre später, die sich ja sowieso auch das ein oder andere an Musik von dieser ersten LP der Furs abgeschaut hat.

Auf dem zweiten Album, „Talk Talk Talk“ von 1981, machten die Furs einen Riesenschritt vorwärts. Die Songs waren straff organisiert, dazu lauter und filigraner zugleich mit einem Soundwall belegt (der mir erst gar nicht, dann aber umso mehr gefiel). Butler legte viel Wert auf die Texte (die um Beziehungsprobleme und oberflächliches Leben in der Warenwelt kreisten, wenn ich es mal etwas plakativ ausdrücken darf) und die Furs spielten dazu kompakt, gewaltig und dicht, selbst in versöhnlichen Momenten. Kein Song sackte ab in indifferentes Spielen. Butlers Gesangstil hatte sich seine langezogenen Silben vielleicht von Roger McGiunn abgeschaut, auch ansonsten sehe ich in der Gitarrenarbeit gewisse gefühlte Parallelen zu den Byrds (auch wenn sie stark durch den Sound der Band zum Guten hin verbaut werden).

„Pretty In Pink“ steht für mich als Missing Link in einer Linie, die ihren Ausgangspunkt bei „Turn Turn Turn“ von den Byrds nimmt und bis zu „Makes No Sense At All“ von Hüsker Dü verläuft (mir fällt erst jetzt die Analogie von „Turn Turn Turn“ und „Talk Talk Talk“ auf!). Als würde ein und derselbe Song im Laufe der Jahre und der wechselnden Bedingungen mit immer mehr Wut und Zynismus aufgeladen werden. Butler machte offensichtlich eine Trennung durch, als er die Texte für „Talk Talk Talk“ schrieb.

Es gibt noch einige herausragende Momente auf „Talk Talk Talk“. Etwa das aggressive „Mr. Jones“; die Formverletzung durch den Einschub einer Sitar-ähnlichen Gitarre in „Into You Like A Train“; das längere „All Of This And Nothing“, wo Butler die Gegenstände aufzählt, die seine Verflossene ihm in der gemeinsamen Wohnung hinterlassen hat („You didn’t leave me anything/ That I can understand/ Now I’m left with all of this/ A room full of your trash“); das halbversöhnliche „She Is Mine“, und und und.

Danach gingen die Furs nach Amerika - ins Land von Butlers lyrischem Über-Einfluss Bob Dylan - und ließen sich von Todd Rundgren produzieren und von Flo & Eddie im Hintergrund gesanglich unterstützen. Der dabei entstandene Nachfolger von „Talk Talk Talk“ - „Forever Now“ (1982) - gelang ihnen hervorragend, auch wenn manches etwas gewollt auf Erfolgsdurchbruch drückte. Sie hatten die Psychedelik der perlenschnurigen Gitarrenläufe der Byrds gegen das Pathos der großen Geste von David Bowie getauscht (was im Nachhinein lustig ist, denn sie tauschten die Länder im umgekehrten Wechsel zur musikalischen Ausrichtung). Dieses eine Mal tat ihnen das noch gut.

Danach bekam ich noch zwei oder drei Platten von ihnen mit, von denen ich ein oder zwei besaß - und an der Vergangenheitsform kann man abschätzen, inwiefern sie dann noch eine Rolle in meinem Leben spielten. Mit zunehmender Schmiere im Haar von Richard Butler schien der Band die Substanz auszugehen. Aber „Talk Talk Talk“ bleibt ein Großwerk, das so zukunftsfähig geraten ist, dass selbst das Saxophon auch heute noch richtig am Platz klingt.

Und wer sich jetzt fragen sollte, aus welchem Anlass ich eine fast dreißig Jahre alte Musik mit diesem Text aus der Versenkung hole, dem antworte ich ganz locker aus der Hüfte: Nur so. Kein Todesfall ist hier zum Anlass genommen, keine in aktuellen Popkultur-Magazinen oder -Blogs hochgereichte Musik bezieht sich momentan auf die Psychedelic Furs. Es gibt auch keine Jubiläen zu feiern. Es stehen ebensowenig Solo-Aufnahmen ehemaliger Mitglieder kurz vor der Veröffentlichung, noch gibt es eine Reunion-Tour. Dieser Text entstand völlig unabhängig von hochgeschriebenen „Relevanzen“, mit denen sich das Geschäftsfeld "Pop-Kultur" gerne seiner eigenen Wichtigkeit versichert. Wenn ichs mir recht überlege, nehme ich Musik mehr und mehr genau so wahr, als wäre sie aus ihrer Zeit gefallen und in anderen Zeiten gelandet.

19.04.2010

JAMAIKA UND SCHWULENFEINDLICHKEIT: wettbewerb ums publikum





Bildquelle: http://www.homorazzi.com



Neulich tummelte ich mich wieder in der Feuilleton-Nische eines Leserforums einer altbekannten Wochenzeitschrift. Wir hatten das Thema Reggae und Schwulenfeindlichkeit am Wickel (ausgelöst durch ein Interview von Gentleman in der TAZ, in dem er sich ziemlich eierig aus der Affäre ziehen wollte und die in Jamaika weit verbreitete und staatlich sanktionierte Homophobie als kulturelle Eigenart in Schutz zu nehmen versuchte - nicht ohne sich gleichzeitig selbst von jeder Schwulenfeindlichkeit freizusprechen). Ein paar User baten mich um eine detailliertere Stellungnahme. Daraufhin schrieb ich eine stark verkürzte Abhandlung zum kulturellen Kontext jamaikanischer Musikentwicklung, mit Schwerpunkt insbesondere auf die Bedeutung des Wettbewerbs unter den Sound Systems und unter den Sängern um die Gunst des Publikums


Here we go:


Danke für das Vertrauen in mein „enzyklopädisches Wissen“, aber ich kann beim besten Willen nicht in der jamaikanische Musikgeschichte „die dort mehr oder weniger stark anzutreffenden schwulenfeindlichen Elemente“ aufdröseln. Ich finde sie nämlich nur im aktuellen Dancehall thematisiert. Wichtig erscheint mir, dass sich Musik in Jamaika immer einer speziellen Wettbewerbssituation stellen muss.

Ska, Rocksteady, Bluebeat, Reggae, Dancehall, Digital Reggae (Ragga) entwickelten sich immer aus einem ständigen Ringen der jamaikanischen Soundsystems (mobile Discos, wenn ich’s mal verkürzt sagen darf) um das stets nach Neuem jiepernde jamaikanische Publikum. Die Frage war: Wer hatte diejenigen Rhythmen („Riddims“) auf Lager, die in der Lage waren, das schnell gelangweilte Publikum für sich zu gewinnen? So waren die Betreiber der Sound-Systems ständig darum bemüht, Alleinstellungsmerkmale zu generieren. Zu diesem Zweck wurden frisch besorgte Singles (Jamaika war fast ausschließlich ein Singles-Markt) vom Sound System sogar mit falschen Etiketten überklebt, damit „Spione“ anderer Sound Systems nicht dahinter kamen, mit welchen Singles der Konkurrent seine Party schmiss. Zudem heuerten die Soundsystems Sänger (Toaster) an, die über die Musik drübersangen, um das Publikum anzufeuern und bei der Stange zu halten.

Diese Art der Animation hat eine starke Tradition auf der Insel. Erlaubt war, was die Sound-System-Kontrahenten alt aussehen ließ. Erfolgsaussichten hatte eine gute Performance und ein außergewöhnlicher Text. Das konnten simple Animationsrufe sein, oder auch Statements zu aktuellen politischen Themen, Verächtlichmachung anderer Sound Systems, etc. - je nachdem, was gerade beim Publikum angesagt war. Eigene exklusive Singles wurden produziert, um den anderen Soundsystems voraus zu sein. Daraus entwickelten sich dann besondere Studios, die spezielle Mixe oder Singles („Dubplates“) für die Sound Systems produzierten. Oft besaßen die Sound Systems selbst Studios.

An die „Toaster“/Sänger wurden die gleichen alles entscheidenden Maßstäbe angelegt: gelang es ihnen, das Publikum zu halten und von der Konkurrenz wegzulocken, dann durften sie bleiben. Viele erfolgreiche Sänger aus Jamaika sind im Prinzip durch den harten Wettbewerb der Sound Systems geprägt. Auch Bob Marley spielte anfangs (mitte der 1960er) das, was das Sound System von Coxsone Dodd von ihm verlangte (vorwiegend Soulnummern aus den USA-Charts).

Da sich jamaikanische Musik immer am Publikumsgeschmack orientiert hat, und da das jamaikanische Publikum immer nach Neuem verlangte, konnte sich Musik auf Jamaika rasend schnell weiterentwickeln. So entstand aus Ska über Rocksteady und Bluebeat der Roots Reggae der 1970er Jahre, der schließlich neben seinen sozialbezogenen Themen ( „getto sufferer“) ab Mitte der 70er (mit dem riesigen globalen Erfolg von Bob Marley & The Wailers) immer mehr Rasta-Themen (Rückführung nach Afrika, Sklaverei in „Babylon“, Haile Selassie als lebender Messiah, etc.) mit einbezog. Marley und die Wailers waren nämlich allesamt Rastas. Mir ist im Roots-Reggae kein Beispiel von schwulenfeindlichen Texten bekannt. Ich vermute, es waren schlicht andere Themen, die dort verhandelt wurden. Interessanterweise gibt es einen Roots-Song aus der Zeit über „Africa“ (Songtitel) von einer Gruppe namens The Gaylads. :-)

Trotzdem wurde auch im Roots-Reggae-Kontext die Wahl drastischer Ausdrucksformen nicht ausgegrenzt. Ein Beispiel sei das fast eigene Subgenre der „Kill The Barber“-Songs, die den Friseur als natürlichen Feind der mühsam gewachsenen Dreadlocks verstand. Dies hatte aber nur Symbolcharakter. Soviel ich weiß, ist kein Barbier wirklich zu Schaden gekommen – von Umsatzeinbußen durch zum Rastafarianismus konvertierten, ehemaligen Kunden einmal abgesehen.

Ende der siebziger Jahre konzentrierte sich Roots-Reggae immer mehr auf seinen international großen Erfolg, entfernte sich aber gleichzeitig dadurch vom jamaikanischen Publikum. Tatsächlich spielte Marleys Musik in Jamaika zu der Zeit keine große Rolle mehr, dem Publikum stand der Sinn viel mehr nach purem Rhythmus, den der am westlichen Markt orientierte Roots-Reggae nicht bieten konnte. In der Dancehall wurden die Tracks daher noch purer und rhythmischer, die Sänger/Toaster schulten sich im direkteren Animieren des tanzwütigen Publikums.

Dieser allmähliche Switch zu rauerer und direkterer Musik wurde auch von sozialen Veränderungen begleitet und befeuert: Anfang der 1980er verlor die sozialistische Partei Michael Manleys (PNP) die Wahlen an die rechtsgerichtete JLP, angeführt von Edward Seaga (auch „CIAga“ genannt, laut einem Graffiti in West Kingston). Im Wahljahr 1980 kam es zu extremen Gewalttätigkeiten, bei denen mehr als 800 Menschen getötet wurden. Im Zuge von Thatcherism und Reagonomics fuhr die konservative JLP einen Kurs zur Deregulierung der ökonomischen Märkte mit einhergehenden massiven sozialen Einschnitten in der Krankenversorgung und anderer sozialer Leistungen. Die Preisbindung für Lebensmittel fiel ebenfalls weg. Preise stiegen, Löhne fielen, die Zahl der Arbeitslosen erhöhte sich signifikant. Wie immer traf es die ärmsten der Armen am schlimmsten.

Die Dancehall reagierte auf die konservative Regierung mit einem Rückzug ins Innere. Soziale Themen gerieten bei den Dances in den Hintergrund, man versuchte durch eine Konzentration auf interne Dancehall-Themen dem Alltag zu entfliehen. Man kümmerte sich um Tanzstile, explizit sexuelle Texte fanden ihren Widerhall in expliziten Tanzfiguren. Die Soundsystems auf den Dancehalls waren nur damit beschäftigt, in immer neuen „Clashes“ um die Gunst des Publikums zu buhlen. Eine Reihe von Sängern in der Dancehall kamen zu einiger lokaler Berühmtheit, konnten aber auf Tonträger die Energie oft nicht rüberbringen.

Digitaler Reggae kam 1985 auf (mit Wayne Smiths „Under Me Sleng Teng“, produziert von King Jammy) und machte schlagartig eine Generation von Reggae-Musikern arbeitslos. Aus Digital Reggae wurde Ragga, das sich als Stimme der Ghettojugend verstand. Die Gegenstände in den Songs wurden wieder härter, man glorifizierte die Waffenkultur der Ghettos und die Sprache der Texte orientierte sich an Gewaltmetaphern, wie es in Jamaika schon lange nicht unüblich war (schon zu Roots-Zeiten wurden die besten Songs einer Schallplatte als „Killer“ bezeichnet, der Begriff „Fire inna Dancehall“ sollte auch bekannt sein, ebenfalls das symbolische Gedisse von Babylon und dem Papst - „Fire pon di Babylon, fire pon di Vatican“). Der harte Wettbewerb unter den Soundsystems führte dann zu immer expliziteren Verbalangriffen in den Texten (sowohl in Richtung Gewalt als auch Sexualität), um das Publikum für sich zu gewinnen.

Und da auf Jamaika eine staatlich sanktionierte Schwulenfeindlichkeit herrscht, die sich auch Teile des Publikums einverleibt haben, konnte der ein oder andere Sänger eben auch mit möglichst derben, homophoben Sprüchen das Publikum auf seine Seite ziehen. Umso größer wird dann auch die Verwunderung gewesen sein, wenn solche Sänger (die sich gegen die riesige Konkurrenz in Jamaika beim Publikum durchgesetzt haben und sich daher wahrscheinlich ganz „natürlich“ für die Größten halten) im westlichen Ausland plötzlich den gerechten Wind des Widerstands gegen ihre Schwule verachtenden Verse zu spüren bekamen und bekommen. Und ich denke, das ist auch gut so. Die sollen ruhig mal spüren, was für einen gefährlichen (ja, für Schwule potenziell lebensgefährlichen) Unsinn sie da verzapfen. Ob’s was nützt? Keine Ahnung. Ich gebe ja generell die Hoffnung nicht auf, dass Reisen und der Kontakt mit anderen Menschen bildet.

Und wenn dadurch wirklich der ein oder andere homophobe Dancehall-Musiker ins Grübeln kommen sollte und von dem Schmarrn ablässt, wäre schon viel gewonnen. Ansonsten gilt, was ich schon an anderer Stelle schrieb: Wenn ich erfahre, dass jemand fortgesetzt explizite, schwulenfeindliche Texte ablässt und sich offensichtlich nicht vom Gegenteil überzeugen lässt, dann kaufe ich weder dessen Produkte noch gehe ich auf dessen Konzerte. Und wenn ich so einen Typen mal persönlich treffe, würde ich ihm das auch ins Gesicht sagen. Da muss man gar nicht schüchtern sein.

Jamaika sollte endlich den Paragraphen streichen, der Homosexualität unter Strafe stellt. Dann wäre ein erster Schritt getan, der vielleicht als Endpunkt irgendwann einmal auch die verbreitete Schwulenfeindlichkeit in der jamaikanischen Gesellschaft beenden könnte. Denn wenn das Publikum solche Texte in der Dancehall nicht hören will, wird sie auch kein Sänger dort singen. Im Übrigen ist es wohl auch sowieso eine Minderheit, die schwulenfeindliche Texte besingt. Ich höre jedenfalls seit Jahren immer nur von den üblichen Verdächtigen Sizzla, Buju Banton, Bounty Killer und Beenie Man. Beenie Man hat sich in späteren Interviews auch mal entschuldigend geäußert, soll dann aber bei anderer Gelegenheit wieder ...


Ich habe sicher vieles noch ausgelassen. Wer die jüngere Geschichte Jamaikas nachlesen möchte, dem empfehle ich das Buch „Bass Culture – Der Siegeszug des Reggae“ von Lloyd Bradley. Den 500-Seiten-Wälzer gab’s letztens bei 2001 für 5 Euro. Aus jenem Buch und aus dem „Reggae – The Rough Guide“ von Steve Barrow und Peter Dalton habe ich Informationen gezogen.