30.12.2009

MARVIN GAYE: tempo rausgenommen







Als ich letztens Nachts aufwachte und nicht mehr einschlafen konnte und kurze Zeit später auch nicht mehr einschlafen wollte, überlegte ich mir, welche Musik ich jetzt denn mal hören könnte, um die Zeit zu überbrücken und es mir nicht so langweilig werden zu lassen.

Mir kam "What's Going On" von Marvin Gaye in den Sinn, warum weiß ich nicht, denn ich schätze das Album zwar, war aber nie der ganz große Fan. Ich fingerte im Dunkeln das Album aus der Sammlung, legte die Kopfhörer auf und wunderte mich mal wieder, wie es Marvin Gaye schaffen konnte, dem an Hit-Singles geschulten Berry Gordy diesen komplexen, politisch aufgeladenen, musikalisch vorbildlosen Meister-Klops unterzujubeln.

Ich hörte und verstand plötzlich den Fluss dieses Albums als ein langsames Insistieren an die Vernunft und das Herz. Ich hatte das Gefühl, Marvin Gaye hat mit Absicht die Musik verlangsamt und verkompliziert, um die Hörer daran zu hindern, über die Inhalte hinwegzutanzen. Die Texte wiederum hat er dann recht einfach gehalten, damit jeder sie verstehen konnte. Es sagt mir praktisch immer noch: "Bleib stehen und schau, was gerade passiert".

Eigentlich hätte das Album ein Flop werden müssen. Es wurde stattdessen die Motown-Platte, die sich bis dahin am besten verkaufte.

LEE PERRYs BLACK ARK: wurmloch in flammen







Ich schreibe es nur deswegen, weil das Jahr bald vorbei ist, und dann ist 2010, auf das sich dann Ereignisse aus dem Jahr 1980 zum dreißigsten Mal jähren, und auch wenn 1980 ein Jahr war, das der jamaikanische Reggae-Produzent Lee „Scratch“ Perry in Amsterdam und London verbrachte, was möglicherweise ebenfalls zu netten Geschichten Anlass gäbe, in denen exzentrische, überraschende und schwer zu interpretierenden Anektoden zu erzählen wären, möchte ich aber lieber ein Ereignis erwähnen, das sich noch in diesem Jahr zum dreißigsten Mal jährt:
1979 ging in Kingston, Jamaika, eine wellblechbedachte Baracke in Flammen auf. Die Baracke war das Aufnahmestudio von Lee „Scratch“ Perry. Das Studio war bekannt unter dem Namen „Black Ark“.
„Na und, warum soll das wichtig sein?“, fragt sich vielleicht der ein oder andere Leser dieser Zeilen. Und wer noch ein bisschen mehr weiß, der fügt hinzu: „Ist doch nur Reggae“.
Ich versuche mal zu erkären, warum:
In diesem Studio, das ungefähr so groß war wie eine Doppelgarage, wurden einige der erstaunlichsten Tracks des 20. Jahrhunderts inmitten von Rumgestank, Marihuana-Schwaden, spielenden Kindern, nervenden Schutzgeldeintreibern, herumlungernden Musikern und eines unberechenbaren Musikproduzenten zum Leben erweckt.
Tja, und niemanden scheint's zu kümmern. Sonst werden alle möglichen Jubiläen herbeigezaubert. 20 Jahre Mauerfall oder 50 Jahre Bundesrepublik, Motown und Sandmännchen. Darwin-Jahr war dann auch noch. Alles schön und gut und alle Ehren wert, gewürdigt zu werden, aber ebenbürtig in diese Reihe gehören auch die irrsinnigen musikalischen Ergebnisse, die in den Jahren 1973-79 in jenem unscheinbaren Gebäude im Garten von Produzent Lee Perry Gestalt annahmen – bis schließlich das „Black Ark“-Studio in einem dramatischen Finale zusammenfiel.
Lee „Scratch“ Perry verbreitete im Laufe der Jahre die verschiedensten Versionen, wie es zur Zerstörung der Black Ark, Perrys legendärem Studio, das er seit Mitte der 1970er Jahre kontinuierlich ausbaute, gekommen war. Einmal war es seine Verärgerung darüber, dass der damalige Island-Records-Chef Chris Blackwell die Platte von den Congos - „Heart of the Congos“ - entgegen der Vereinbarung nicht veröffentlichen wollte; dann wieder war es der ständige Ärger mit den Schutzgelderpressern der örtlichen Mafia, der Perry bewog, die Black Ark abzufackeln. Ja, es existiert sogar die Version, dass ein deutscher Tourist Lee Perry so dermaßen auf die Pelle rückte, dass dieser aus spontaner Genervtheit kurzerhand die Black Ark entflammte.
Diese verschiedenen, sich widersprechenden Versionen lassen einen Schluss zu: Lee Perry wusste offenbar selbst nicht genau, warum die Black Ark eigentlich in Flammen aufging. Er konnte im Ganjanebel und Rumrausch nur vermuten, dass es als Folge der oben beschriebenen Ereignisse passiert sein muss, weil er bei jenen Gelegenheiten so dermaßen angefressen war, dass er durchaus dazu fähig gewesen wäre, den ganzen Laden in Schutt und Asche zu legen.
Möglich wäre auch folgendes: Lee Perry war mit zunehmender Entwicklung der Black Ark und der Inanspruchnahme immer größerer Mengen an kreativer Energie in Gefahr, den Verstand zu verlieren.
Vom Zeitpunkt ihrer Erbauung, Ende 1973, bis zum Jahr ihrer Zerstörung, 1979, befand sich die Black Ark nämlich in einem Zustand kontinuierlich gesteigerter Spannung:
Zum einen war dort Lee Perry, der Reggae-Produzent und Erbauer der Black Ark. Er führte die Ark wie ein Cyborg, der mit seinem Studio zu verschmelzen schien. Schicht um Schicht sättigte er die Spuren seiner Bandmaschine mit Musik, bis sie ein undefinierbares, faszinierendes Soundgebräu ergab.
Zum anderen gab es eben die Black Ark selbst, die alles, was in ihre Nähe kam, einsog, transformierte und als Gigant-O-Track wieder ausgespuckte.
Ein alltäglicher, völlig blödsinniger Dialog in der Black Ark zwischen den rumlungernden Musikern und Sängern und Kindern und Lee Perry könnte zum Beispiel folgenden Anfang genommen haben: „He, was isst du da gerade?“ „Roast fish and cornbread“, und – zzzzapppp! - schon schnappte sich das Studio diesen belanglosen Satz, Lee Perry dockte sich an die Drähte und Maschinen an und am gleichen Tag schon war ein weiterer Black-Ark-Klassiker geboren: „Roast Fish & Cornbread“!



Kurz mal frische Luft schnappen


Unzählige Tracks verließen die Black Ark in immer kürzeren Zeitabständen, getränkt mit Dubs, angeknallten Sängern, vielfach multipliziert mit immer dichter aufgetürmten Sounds und Texturen. Zusammengehalten von Bass und Drum, falls nicht auch die noch durch Phaser- und Echo-Einheiten gejagt wurden (und das wurden sie eigentlich immer).
Das Raumschiff namens „Black Ark“ war in diesen Jahren auf einem einsamen Kurs, mit Lee „Scratch“ Perry als Kapitän und Gefangenem zugleich, und niemand konnte ihnen so recht folgen. In dem Ausmaß, in dem Lee Perry seine Tracks immer mehr aufschichtete, verringerten sich seine Plattenverkäufe in Jamaika. In den dortigen Clubs und Dancehalls regierte Ende der 1970er Jahre eher der schlanke und schnelle Rockers-Stil des Channel One-Studios und von Joe Gibbs. Der hochkomplexe Mix aus eben nicht reduzierten Dub-Strukturen und Gesangsschichten, wie ihn Lee Perry zu der Zeit präferierte, ließ daher Perrys „Super Ape“-Album in Jamaika floppen, verkaufte sich aber in Europa (via Island Records), speziell in England, recht akzeptabel.
Ermutigt durch das Engagement von Chris Blackwell, dessen Plattenlabel Island-Records noch einige andere in der Black Ark produzierte Alben in Europa vertrieb, machte sich „Scratch“ daran, in seiner ohnehin schon bis an die physische und psychische Kapazitätsgrenze gehenden Studioarbeit noch ein paar Extrastufen zu zünden:
Der zunehmend zugedrogte, dauergestresste Perry produzierte in bewundernswerter Kontrolle das mit fast schon ausserweltlichen Gesängen und mit Symbolen des alten Testaments bespickte „Heart of the Congos“ im formvollendeten, mumpfig-geheimnisvollen Black-Ark-Sound. Er bereitete „The Return of the Super Ape“ vor, das mit bespiellosen Tracks aufwartete, die den Terminus „Reggae“ großenteils hinter sich ließen. Eine schwindelnde Melange aus Dub, Afrikanischen Gesängen, Jazz und verfilterten und verechoten Sounds, unter die sich der Beat legte wie ein zum Leben erwachter, kosmischer Schwingrasen. Und schließlich produzierte er seine Solo-LP „Roast Fish, Collie Weed & Cornbread“, mit dem unvergleichlichen, prophetischen „Soul Fire“ („Soul fire! And we ain’t got no water!“). Drei schimmernde, dicht vernetzte Platten – die aber allesamt von Island Records abgelehnt wurden! Lee Perry war erbost und sollte noch Jahrzehnte später Island-Records-Chef Chris Blackwell mit niederträchtigen, blasphemischen Bannsprüchen belegen.
Und so glitten Lee „Scratch“ Perry und seine Black Ark zwar auch 1978 – gut vier Jahre nach der Erbauung und darauf folgenden ständigen Weiterentwicklung des Studios - auf einem beispiellos entwickelten Level über die millionen Bandspuren dahin, aber Lee Perry sah sich zunehmend von „Feinden“ umgeben: Chris Blackwell enttäuschte ihn (und nahm ihm sicher auch ein wichtiges finanzielles Standbein), die örtliche Mafia nervte immer wieder mit Geldforderungen, seine Frau hatte von Perrys exzentrischem Gebaren die Nase voll und wollte sich von ihm trennen, einigen Sängern und Musikern unterstellte er, sie würden ihn nur ausnutzen - und dann war da noch die Black Ark, die ihn nicht mehr los ließ und all seine kreative Energie einsaugte.
Zum Ausklang der 1970er Jahre musste es Lee „Scratch“ Perry dann tatsächlich nicht mehr ausgehalten haben. Entweder er würde bald vollständig in dieses unersättliche Studioraumschiff mit Wellblechdach einverleibt werden oder seinen „Feinden“ gelang es, ihn doch noch kleinzukriegen. Daher versuchte Lee Perry, sich vor der Black Ark und den anderen Einflüssen zu schützen, indem er sein Studio über und über mit Zeichen bemalte, die das „Böse“ fernhalten sollten, so wie es zum Beispiel auch Tradition in katholischen Gegenden Deutschlands ist, wo kryptische Symbole mit Kreide über die Hauseingänge geschrieben werden.



Das Innere der Black Ark in der Spätphase


Bald war das Innere der Black Ark übersät mit chaotischen Symbolen und Wörtern, die Perry mit einem dicken Edding-Stift in energischen Strichen auf jede nur erdenkliche Fläche des Studios malte. Ohne Rücksicht überzog er damit all die Fotos, Plattencover, Singles und LPs, die Bilder und Badges, Statuen, Notizbücher und lose Zettel, die TEAC 4-Spur-Bandmaschine, die Echoplex-Delay-Einheit und das Mischpult, und auch den anderen unzähligen Krimskrams, mit dem die Black Ark ausgestattet war.
Dann überschrieb er A’s und E’s nochmals mit einem X.
Bis zur Unkenntlichkeit verband und verdichtete er das gesamte Enterieur der Black Ark mit manisch-flirrendem Gekritzel. Von außen hatte er schon einige Zeit vorher die Mauern der Black Ark mit unzähligen Hand- und Fußabdrücken überzogen, wie eine Horde Höhlenmaler aus dem Jungpaläolithikum.




Die Außenmauer der Black Ark



Dadurch, dass Perry mit Hilfe der Bannzeichen, mit denen er das Innere des Studios auskleidete, versuchte, sich von der vollständigen Einverleibung durch die Black Ark zu befreien, konnte das Studio selbst seine Energie nicht mehr kanalisieren. Die Black Ark, sowieso schon immer am Anschlag betrieben, überschritt den kritischen Zustand und die angestaute Spannung entlud sich in Form von Flammen.
Die Black Ark zerstörte sich selbst. Es ist die einzig plausible Erklärung.

Lee Perry selbst wurde durch die Wucht der freiwerdenden Energie buchstäblich von Kingston bis ans Ende der Welt katapultiert. Er landete erst in Amsterdam, dann in London, später schließlich in der Schweiz.

Er macht seitdem immer noch Platten, die ihm gut gelingen, wenn er sich mit verständigen Leuten umgibt, z.B. mit dem Londoner Produzenten Adrian Sherwood (mit dem er sein vielleicht bestes Post-Black-Ark-Album aufnahm: „Time Boom X De Devil Dead“, 1987). Ansonsten hat Perry in den letzten Jahren den Studiohocker vornehmlich mit der Bühne getauscht und tourt sich durch die staunende Welt als lebende Legende, wenn er nicht gerade zwischen seinen Wohnsitzen in Zürich, Kingston und London pendelt. Seit er keine Black Ark mehr hat, behängt er sich einfach selbst mit dem ganzen Krimskrams, mit dem er vorher sein Studio ausgekleidet hat.
Und was passierte seitdem in der Area 5, Cardiff Crescent, Washington Gardens, Kingston, Jamaika, jenem Areal, wo die Black Ark vor etwa dreißig Jahren in den Himmel stob?
Immer wieder scheinen sich dort auch heute noch Bänder aus dem Wurmloch der Black Ark zu materialisieren und werden der staunenden Öffentlichkeit auf immer neuen CD-Zusammenstellungen präsentiert. Vor ein paar Jahren ging sogar das Gerücht, Lee Perry würde sich mit seinem Sohn wieder zu den Ruinen des ehemaligen Studios aufmachen, um nach weiteren verborgenen Aufnahmen zu suchen, ganz so wie die tapferen Wissenschaftler der Miscatonic Universität zu Ark(!)ham, Massachusetts, die Anfang des letzten Jahrhunderts aufbrachen, um die Geheimnisse der Pole zu ergründen und mit der schrecklichen Kultur der Alten Wesen zurückkamen.
Soweit mein Bericht über die verworrenen Ereignisse von vor dreißig Jahren.

Eine vollständige Diskografie von Aufnahmen zu erstellen, die sich je in der Black Ark materialisierten, liegt völlig außerhalb menschlicher Möglichkeiten. Eine hervorragende Übersicht mit sehr kompetenten Bewertungen des musikalischen Outputs von Lee Perry bietet aber die auch ansonsten äußerst informative Website „Eternal Thunder“ von Mick Sleeper.

LEE PERRYs BLACK ARK: uh! und kein löschwasser da!




Allzeit-Favoriten aus der Black Ark, die vor 30 Jahren unter der Last ihrer Einmaligkeit zusammenbrach:


Würde ich nur einen aussuchen dürfen ... Soul fire – uh! - and we ain't got no water!


Würde ich nur zwei aussuchen dürfen …


Black Ark zu aufgeräumten Zeiten. Interessante Einblicke in den Studio-Alltag:


Super-Affe in voller Schichtung. Sound gehört so.


Super-Affe kommt zurück. Eines der schönsten, verschleppt-psychedelischen Stücke, die die Black Ark verlassen haben. Aus der Spätphase 1978.


„Specknackiger Polizist“ von Perrys letztem Album der Black Ark: „Roast Fish, Collie Weed & Cornbread“.


Der große Junior Murvin, diesmal ausnahmsweise nicht mit „Police And Thieves“ (auch in der Black Ark gelegt). Aber genauso gut.


The Congos: Fisherman. „Und wovon singen sie? Von Hunger.“ (Diedrich Diederichsen)


Watty Burnett: Rainy Night in Portland. Schönes Foto aus der Spätphase der Black Ark ist hier eingebunden, als die kryptischen Zeichen schon über die Wände zogen.


Anthony 'Sangie' Davis mit „Words“. Großes Sehnen umspült die Black Ark.

28.12.2009

LEE FIELDS: jb's retrowelt






Lee Fields’ “My World”
ist ein echtes Phänomen. Im August gekauft, habe ich die CD nicht ein einziges Mal bisher gehört. Hatte irgendwie keine Lust. Sowas ist mir noch nie passiert. Muss aber gut sein ... -

... - dachte ich, bis ich vor kurzem doch mal einen Versuch wagte und mir das Album in einem Zug anhörte (also ich hörte es natürlich zu Hause und nicht in einem Zug, aber ich hörte es von Anfang bis zum Ende). Die Band ist gut, weil zwar im Retro-Soul verankert, aber trotzdem kein ganz exakter 1:1-Nachbau im Sound. Lee Fields orientiert sich sehr an James Brown und anderen Soulern mit Pressstimme. Was völlig OK geht, aber mir fehlt da die persönliche Note. Fields scheint mir tatsächlich der Schwachpunkt der ganzen Veranstaltung zu sein. Seine Version von "My World Is Empty" fällt auch ziemlich ab zum Feuer des Originals der Supremes. Überzeugt mich nicht.

17.12.2009

FLAMING LIPS: one track wonder





An den Flaming Lips habe ich jetzt kapiert, dass ihre Platten seit „Soft Bulletin“ nur aus jeweils einem einzigen Track bestehen. Wie eine alte EUROPA-Märchenplatte. Dieser eine Track wird beblubbert, zugeproggt, seziert, Dave Fridmann (dem Produzenten) zum Fraß vorgeworfen, wieder herausgewürgt, zusammengepappt und mit 16 Tonnen Liebe und Stromkabelsalat zum Leben erweckt. Konsequenterweise heißt die letzte Platte „Embryonic“. Irgendwie haben die sich zum xten Mal selbst übertroffen.

CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL: filetiert





Noch ne Box? Habe mir das Creedence Clearwater Revival 40 Anniversary Editions Box Set gegönnt. Alle sieben LPs als CDs im - dem Original nachempfundenen - Zwergen-Format, mit diversen Bonustracks. Schönes Booklet mit vielen Fotos und einer Bandbiografie, aber verglichen mit meiner originalen „Chronicle“-DoLP klingt das Remastering einfach nicht gut. Der Bass ist zwar präsenter, aber die Höhen nerven, dazu wurde der Gesamtsound filetiert und auseinandergerissen, und das, obwohl doch gerade Creedence einen wirklich dynamischen Gruppensound hatten (ich denke, unter anderem deswegen waren sie auch die Helden von Mike Watt und D. Boon). Schade.

Außerdem braucht man wirklich nicht alles von denen. Andererseits reicht die klassische „Chronicle“-Best-Of auch nicht aus, sind doch dort die langen Groover („Grapevine“, „Suzie Q“ u.a.) nur in Kurzversionen enthalten, und das ein oder andere Songjuwel fehlt auch. Also mein Tipp: Box sausen lassen, stattdessen nach den LP-Originalen Ausschau halten. Bekommt man bestimmt hier und da nachgeworfen.

12.12.2009

GENE CLARK: ölige salbung





GENE CLARK: no other
(1974)



Eine der schönsten, in der Produktion teuersten und songstärksten Platten, die in das Beuteschema „Platten von Kokain-Cowboys der 1970er Jahre“ passt, ist "No Other" von Gene Clark, dem trinkfesten, zu mentalen Totalausfällen neigenden, enorm talentierten und unter Drogeneinfluss nach Zeitgenossenberichten leider unerträglichen Gitarristen, der auch mal bei den Byrds keine so unwichtige Rolle spielte.

An keinem Ort finde ich eine feinpelzigere Produktion und einen schmeichelwärmeren Gesang, eine schwebendere Glätte und erhabenere Schweinesoli, wie auf "No Other", das Clark zusammen mit seiner ebenfalls nicht immer ganz ohne mentale Zusatzstoffe auskommenden, abgezockten Studiomannschaft unter Zuhilfenahme einer sechsstelligen Dollarsumme künstlerisch hochgelungen finanziell in den Sand setzte. Ein Sound wie (auch mal pedal-steel-bewimmerter) Bakersfield-Country meets mondäne Hollywood-Party in einer weißen Bauhaus-Villa der 1920er Jahre. Die Pedal-Steels müssen - ich bin mir absolut sicher - mit goldenen Bünden und perlenreichem Geschmeide aufgemotzt gewesen sein. Und stand in der Villa vielleicht ein alter Synthesizer rum, einer von den Dingern, die sich damals eigentlich nur Abba und Stevie Wonder leisten konnten? Um das Maß voll zu machen, wurden engelsgleiche Backgroundsängerinnen aus dem Emo-Himmel deiner Wahl eingeflogen. Auch wenn ich nur wenige Post-Byrds-Platten ehemaliger Mitglieder kenne, kann ich mir kaum vorstellen, dass diese ölige Superlativ-Platte davon getoppt werden konnte.

Für mich steht „No Other“ daher auf einer Stufe mit den Großwerken der Byrds, „Younger Than Yesterday“ und „Notorious Byrd Brothers“, aber eben ohne jeglichen Bodenkontakt oder romantische Landfluchten. Klar bin ich unsachlich, denn ich höre das Zeug von „No Other“ gerade und denke fortwährend Sätze wie „Ah, diese tolle ange-wahwah-te Schweinegitarre!“, „Oh, dieser getragen-schwelgerische Gesang, der nicht von wachem Verstand und nüchterner Welt ist!“, „Und dann die Uuhs, die Aahs, die Oohs, die - ach! - alles ist buchstäblich 'No Other'!".

„No Other“ gibt es sicherlich als mega-remasterte Sonderedition mit zig Bonustracks und Hintergrundinfos und diversen Pipapos bestückt als CD-Box zu kaufen (schreibe ich mal gänzlich unrecherchiert). Ich habe sie aber als schnödes, ungefähr 1979 nachgepresstes LP-Vinyl, das ungefähr so dünn ist, wie ich mir eine Kokainlinie vorstelle.

… und während ich obigen Text zusammenkleisterte, kam mir der Gedanke, dass „No Other“ eine ideale Konsensplatte für das Leserforum einer beliebigen, überegionalen Tages- oder Wochenzeitung abgeben würde. Denn spricht das „spirituelle Meisterwerk“ (Rolling Stone) nicht besonders die zahlreichen des Glaubens gläubigen Forum-User der - sage ich mal - ZEIT an? Ist nicht auch der ein oder andere Drogie unter den Usern, der gerne mal unter Einsatz des Inhaltes einer Rotweinflasche seine Kommentare formuliert, und der dadurch auch die umnebelte Verfassung goutiert, unter der große Teile von „No Other“ entstanden sein müssen? Und welcher schwule Aktivist oder welche lesbische Aktivistin kann ernsthaft Gene Clark widerstehen, wie er mit fettem Maskara, Gesichtstusche, totaler oversized Seidenhose, Flatterbluse (mit Bauchnabelknoten) und Perlenkettchen ganz zart auf der Cover-Rückseite posiert?




Und macht nicht der Boxergürtel zur Rechten (siehe Scan links) eine gute Figur, vielleicht auch bei Machos und auf Harteier stehenden Frauen? Und ist der Boxergürtel in Wirklichkeit nicht vielmehr ein Strapshalter? Könnte das Vintage-Cover der Vorderseite nicht eine Zierde für den Kamin jedes ZEIT-lesenden Innenarchitekten und Historikers sein? Ist nicht überhaupt das unter dem Strich viele Sünden in sich vereinende Meisterwerk auch als Paradebeispiel für den verderblichen Westen zu lesen, so also auch dem einen oder anderen Muslim als abschreckendes Anschauungsmaterial willkommen?

Ich denke: "Ja, das könnte durchaus sein". Gehet nun in Frieden und pfeift euch rein, was ihr meint, euch reinpfeifen zu müssen. Überlegt euch aber auch, ob das wirklich eine so tolle Idee wäre.

09.12.2009

DEVENDRA BANHART: aufgeräumt und narrenfrei

 







Ich hörte auf myspace einige neue Stücke von Devendra Banhart, fand alle (!) absolut super und kaufte mir die neue Platte "What Will We Be". Der total aufgeräumt wirkende Banhart haut hier wirklich einen schillernden Amethysten nach dem anderen raus und manövriert sich endlich raus aus der Kritzelsong-Ecke (die verunglückte Woodstock-Platte überspringen wir mal), die ich zwar auch mochte, die mich aber dieses Jahr nicht mehr gekriegt hätte.

Hier gibt es alles von psychedelischem Überzeugungsgedaddel, Caetano-Veloso-Inkarnationen (ungefähr zu „Caetano Veloso II“-Zeiten, 1969 - als Tropicalismo und Beatles die schönste Allianz eingingen), Studio One-Verbeugung im letzen Stück „Foolin“, spanischen Lyrics, kleinteiligen Mini-Suiten bis hin zu einer Prise Roxy-Glamour. Lasst euch den nicht entgehen, weil ihr vielleicht denkt, er würde zu gut aussehen oder hätte die falschen Fans. Sowas spielt einfach keine Rolle.

07.12.2009

TIMESBOLD: wirkliches vermissen








TIMESBOLD ill seen ill sung
2008




Die CD, die ich 2009 am meisten gehört habe, ist von Timesbold, nennt sich „Ill Seen Ill Sung“, ist von 2008, und dem Alten Amerika verfallen, mit Ofenrohren als Perkussion oder so, echten Gedichten als Lyrics, und einem zittrigen Sänger, der auch mal dräuend (s)eine Mama besingt. Stellenweise wieder treibend, dann plumpst die Chose in Kindheitserinnerungen und stille akustische Löcher, stabreimt sich einen Heiligenschein („Hollow Halo“) und pflegt auch ansonsten Abseiten, die aber nie manieriert bedient werden.

Ziemlich einmalig. Als wären ca. acht Amerikaner in einem Bergdorf in Rumänien eingeschneit und machen das Beste draus, nämlich sich unheimliche Lebensgeschichten erzählen und mit den umliegenden Gerätschaften vertonen (ich sag mal Violine, Cello, Orchestrale Perkussion, Banjo, Gitarre, und was halt noch so zu gebrauchen ist). Ein sehr tolles Zitat von Robert Walser ist abgedruckt: „There’s something missing when I don’t hear music, and when I do, then there’s really something missing“. Damit ist alles gesagt - auch über Timesbold (kommen aus Brooklyn + Portland).

04.12.2009

SAVOY GRAND obs they did it again









Wie aus zuverlässigen (OBS-Blog) und superzuverlässigen Kreisen (Facebook, haha!) verlautete, spielt die derzeitige Lieblingsband der Zuzeiten-Redaktion-auf-Muskatnusspulveraufguss - Savoy Grand - auf dem Orange Blossom Special 2010. Ein weiterer Grund, dort endlich einmal aufzuschlagen und durch die transparenten Akkorde von Savoyus Grandus hindurch ohne Netz auf den harten Boden des Weserberglandes zu fallen. Ist ein Arzt anwesend? Ja, mindestens Deadhead Dr. Hartmut aus Hannover. Er wird mich mit sanften Banjo-Weisen verarzten. (Hoffe, diesmal klappt es wirklich mal mit mir und dem OBS...)