26.11.2009

FINE. METZGER. SERU jetzt oder weg







Wie Zuzeiten beizeiten berichtete, gibt es im November ein neues Tonerzeugnis von Paul Metzger, dem unerschrockenen Gitarristen (wenn er auf seiner präparierten Gitarre spielt) und Banjoisten (wenn er auf seinem präparierten Banjo spielt). Diesmal holte er sich (oder sie ihn, oder einer von den beiden anderen die anderen Zwei) noch Milo Fine und Davu Seru dazu, ob dass ein präpariertes Klavier, Klarinette und allerlei Perkussionsgezimbel und -geschlage ihm Gesellschaft leiste. Zusammen improvisieren die drei Sankt-Paulianer (Minnesota, nicht Hamburg) sicher spannende, äh, Präparationen, in die man auf Metzgers Website schon mal kurz reinhören darf. Metzger spielt auf der Platte übrigens kein Banjo, sondern ausschließlich auf seiner gepimpten Gitarre.

Tja, und der November ist nicht mehr lange hin, genau genommen ist er in vier Tagen schon wieder vorbei, und die Zuzeiten-Kru möchte nicht abermals Waschkörbe voller erboster E-Mails erhalten, weil sie eine Platte mundwässrigmachend besprach, die es dann leider nicht mehr zu kaufen gab, weil auf 300 Stück 180g-Vinyl limitiert, vergriffen, nicht nachgepresst, etc.pp. So ist es uns nämlich bei Metzgers letzter Solo-LP - Anamnestic Tincture - ergangen.

Kurz: Das neue Album von Metzger & Co - Medusa’s Lair - ist auf 300 Stück 180g-Vinyls limitiert! Es wird nicht nachgepresst, die Platte ist über Locust zu beziehen, und zwar seit vorgestern! Die übrige Welt neben USA und Canada zahlt für die LP (incl. Porto) 26 Dollar, das macht im Moment ungefähr 17,75 Euro.

So, jetzt ist es in die Welt posaunt. Ihr wisst Bescheid! Beschwerden werden nicht mehr angenommen. Maulige E-Mails sind zwecklos. Wer das haben will, muss handeln. Und: Wer das hört, sollte sich auf Improvisationen vorbereiten. Improvisationen, also keine schmeicheligen Songlein. Sag ich zur Sicherheit. Und wer morgen zufällig in Minneapolis (oder gegenüber des Flusses in St. Paul) zugegen ist, kann auch die LP-Release-Party besuchen. Sie findet statt in der Rogue Buddha Gallery, 357 13th Ave NE.

23.11.2009

THE DEEP DARK WOODS: byrds on the bridge

 


THE DEEP DARK WOODS: winter hours
2009



The Deep Dark Woods klingen wie Neil Young ohne Neil-Young-Probleme. Nicht, dass nicht auch das ein oder andere Problem und unschöne Verhalten behandelt wird (Abschiede, Verfolgungsgedanken, Geld verlieren, energisches Klopfen an das Schlafzimmer der Angebeteten), aber es wird nicht so stark drunter gelitten. Stattdessen geht die Musik runter wie Kieferharz. Country-Rock, mit viel geschmeidigem Geäst, schön verzweigtem Harmoniegesang, ausgezeichneten, Langeweile-resistenten Songs mit angenehmem Holzgeruch. Zudem ist die Musik noch gut stopfbar, klebt nicht am Instrument, sondern macht einen lebendigen, transluzenten Eindruck. Ein ästhetischer Genuss, ohne wie ein Hollywoodgebiss zu wirken. Man verzeihe mir diejenigen Metaphern, die ich der Dental-Branche entlieh und genieße stattdessen diejenigen aus der Holz verarbeitenden Industrie. Sind schließlich Kanadier hier.

19.11.2009

OLD MOP BUCKET: setzt den kessel auf

Die merkwürdigste Musik des Tages fand ich heute, als ich auf youtube nach einer Banjo-Version von "Molly Put The Kettle On" suchte. Ich fand zwar kein Banjo, dafür aber einen gewissen Old Mop Bucket (er dürfte keinen Facebook-Account besitzen), der mit einem Waschbrett - so glaube ich zumindest - und einem mir nicht bekannten Instrument Scratch-artige Geräusche fabriziert, wie sie auch Moondog gefallen hätten. Dazu leiert er den Text unverständlich in seine möglicherweise nicht vorhandenen Zähne. Aufnahme kommt aus einem fernen Jahrhundert zu uns aber sowas von rübergerauscht.


17.11.2009

ROBERT FRIPP: bitte fortführen




ROBERT FRIPP: exposure (1979)


Auch wieder so ein Album, das ich erst jetzt entdeckt habe und schätze. Mit längst liebgewonnen Gestalten (Peter Hammill, Brian Eno), mit Beiträgen von Typen, gegen die ich mich langsam nicht mehr wehren kann (Peter Gabriel, Phil Collins), mit Fripp natürlich, dem Urheber dieses technischen Gebräus am äußeren Rande der 1970er Jahre. Prog-Fälle, noch längst nicht erledigt, Aufwind in Wave- und Post-Wave-Zeiten. Mitschnitte von Tonbandgesprächen, brachiale Gitarren manchmal (und ein brachial singender Peter Hammill manchmal auch), Frippertronic-Bandschleifen, ein intellektuell zupackender Strom. Ruhige Momente, in denen Eno einfach Eno ist. Ein paar Bits Soulmusik werden eingestreut. Dann wieder Kabelbuchsen voller Energie und Elektrosturm. Von 1979, dem Jahr, würde man es aus der Musik herausschneiden können, alles Folgende in sich zusammenfallen würde.

Im Prinzip ist auch ohne das Herausschneiden von 1979 in der Folge alles zusammengefallen. Die 80er nahmen sich nur die Maschinen aus den ausgehenden 70ern mit, nicht aber den Willen, sie auch dem Publikum um die Ohren zu hauen. Diejenigen, die das stattdessen aber doch tun wollten, orientierten sich erst an den Psych-60ern, und dann an amerikanischem Punk-Metal. Ok, ich schweife ab und bin wahrscheinlich auch gerade etwas unfair. Bitte hören Sie sich „Exposure“ an, und wenn Sie musikalisch talentiert sind, machen Sie bitte an dem Punkt weiter.

(ahrensfeld gesiezt und geduscht ab)

15.11.2009

SAVOY GRAND: teil 2 - nahe kommen




SAVOY GRAND: accident book
2009


(Fotos: Stephan. ueberzahl.net
. Danke!)


Was bisher geschah: Nachdem der Audioforscher Ahrensfeld lange Zeit hindurch seine Beobachtungen der Spezies Savoyus Grandus aus respektabler Entfernung versah, entschied er sich nun, nach Jahren des stillen Studiums, der faszinierenden Erscheinung einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Er pirschte sich vorsichtig an Savoyus Grandus heran, durchbrach den inneren Bannkreis und kam dem scheuen Wesen näher als er es bisher je gewagt hatte. Er hielt den Atem an, als er nur noch fünf Armeslängen vom Forschungsobjekt entfernt war. Vorsichtig setzte er seine Ohrapparatur zur Verstärkung akutischer Signale auf und lauschte.



Nee, jetzt mal Scherz beiseite. Ich habe mir tatsächlich „Accident Book“ konzentriert reingezogen, und bin zu der Überzeugung gelangt, ihr bisher zugänglichstes und trotzdem dadurch nicht minder beeindruckendes, an düsteren (klar) und erhellenden (das war nicht so klar) Momenten reiches Album vorliegen zu haben. Songstrukturen, Melodiebögen, Stimmungen erschließen sich leichter. Anders als bei den Vorgängeralben habe ich den Eindruck, sofort Zugänge zu finden, mich nicht einhören zu müssen. Es wirkt attraktiv, in die Nähe dieser Platte zu kommen, auch wenn das Wetter/Gemüt gerade nicht regnerisch ist.



Die drei Einstiegssongs machen es leicht: „A Good Walk Spoiled“ überrascht und überzeugt durch ein auf dem Keyboard gespieltes Trompetenmotiv und ein dunkel rollendes Klavier. Allesamt Einsamkeitsmotive: „When he gets home/ you’re still alone“. „Day Too Long” hat einen Refrain, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Up in the morning out in the light/ you won’t remember most of this life/ try to hold on/ to things that are truth/ I’m not a fighter/ I won’t fight you. Dazu einen steten, etwas stotternden Groove, der manchmal wieder aufreißt, wie ein Wetterumschwung. Das dritte Stück - „Fourcandles“ - beginnt traurig mit Oboe, erhellt sich dann aber, nachdem es noch einmal tief Atem holt: Ein schnelles Trommelmotiv, es geht um Veränderungen, um hinter sich Gelassenes.

Das heißt nicht, dass hier nicht auch Traurigkeit ein rauchendes Gewehr ist. Zum Beispiel „The Undertaking“ und „The Plan“ sind wieder Standbild-artig konzipierte Songs der eingefrorenen Erinnerungen an Sehnsüchte, verwunderte Erkenntnisse und möglicherweise falsche Entscheidungen. „The Doctor’s Teeth“ ist so ein typischer Savoy-Grand-Schleicher, mit Akustikgitarre und Standbass. Ein beeindruckendes Beispiel für die epische Seite der Band ist „Last Night On Earth“. Eine langgezogene Savoy-Grand-Etüde wie man es fast erwartet (und sich fragt, wieso es immer wieder klappt). Es geht ums Warten, nicht ums Plappern. Das kann man nicht twittern (ja, hab ich geklaut, schon klar), das passt in keine Messagebox. Zum Ende hin läuft der Track aus wie ein gerade trockengelegtes Flussbett. Man trifft sich noch auf einen Black-Earth-Drink im Bohrenclub.



Erstaunlich, was mit genau gesetzten Gitarren- und Bassfiguren, einer meist sparsam platzierten Trommel und dem ein oder anderen Überraschungsgast (Oboe, Keyboard) immer noch alles möglich ist - ohne in plakativem Wüstenambient (a la Calexico oder Friends Of Dean Martinez) abzudriften oder irgendeinen Doom-Kontext mehr als nur zart anzudeuten. Ein derartiger Image-Filter, der den Blick verzerren könnte, scheint mir bei Savoy Grand nicht vorhanden zu sein. In der Art und Weise, wie Savoy Grand ihren Weg in den genauen Zusammenklang einzelner Töne finden, bleiben sie daher (für mich) einsam in ihrer eigenen Liga.

Als Kontext dient ihnen scheinbar einfach ihr Lebensumfeld, dessen Umstände und kleinen Begebenheiten mit großer Wirkung, und die Folgen, die eigenes oder fremdes Handeln auf den Fortgang der eigenen persönlichen Geschichte haben. Falls man überhaupt von einer Chiffre, einer Kodierung sprechen kann, dann ist es diejenige der literarischen (und korrespondierend dazu der musikalischen) Aussparung, der Poesie, also des Gedichts. Wie schwer es ist, Geschichten dem Leben abzuringen, sie durch Aussparung zu verdichten und nur mit den allernotwendigsten Tönen auszustatten - zumindest wenn man großen Wert auf präzise Umsetzungen legt - zeigen ihre langen und unregelmäßigen Veröffentlichungszyklen.



Höhepunkte sind für mich diejenigen Songs, die neue Nuancen zum bisherigen Schaffen addieren, nicht weil die anderen, typischen Savoy Grand-Songs auf „Accident Book“ schlechter sind (sie gehören zum Besten, soweit ich das beurteilen kann, aber ich bin mir da ziemlich sicher), sondern weil sie eben wieder einen anderen Blick zulassen, vielleicht sogar erst der Grund sind, warum sich die Band entschlossen hat, sich wieder einmal zu melden: Ein paar Ereignisse sind neu hinzugekommen, sie haben kleine Perspektivwechsel hervorgerufen. Der Blickwinkel ist etwas freundlicher und offener. Die künstlerische Umsetzung so sorgfältig wie ehedem. Es fällt schwer, unter dem Eindruck ihrer nach wie vor sehr ernsten Kunst in euphorischen Superlativen zu schwelgen. Für diese Art der Musik scheinen mir solche Begriffe abgenutzt und profan. Ich höre keinen Schwachpunkt auf „Accident Book“. Keinen einzigen.


SAVOY GRAND accident book /// VÖ 27.11.2009

12.11.2009

SAVOY GRAND: teil 1 - aus der entfernung




SAVOY GRAND: accident book
2009





VÖ 27.11.2009



Uiih, sind die schnell geworden! - schoss es mir in den Kopf, als ich „Accident Book“ zum ersten Mal anspielte, und kundige Hörer von Savoy Grand wissen, dass sich das Verhältnis von schnell und langsam anders darstellt, wenn man sich auf diese Band erstmal eingelassen hat. Denn ihre Musik und ihre Gedanken kreisen den zu besingenden Gegenstand so langsam ein, dass man versucht ist, aus lauter Ungeduld die Musik selber weiter zu denken, bevor es die Band tut.

Seit ein paar Jahren nun schon stellt sich mir die Frage, warum Savoy Grand eine nicht geringe Anziehungskraft auf mich ausübt. Ich kaufe mir stetig ihre Alben, obwohl ich sie selten höre. Höre ich sie doch einmal, kann ich sie nicht voneinander unterscheiden. Ich höre vereinzelte Klänge auf Gitarre und Bass, ab und an bespelzt von einem Keyboard, noch seltener von tiefkörpernden Trommeln vorsichtig begroovt, und ganz ganz selten taucht ein Waldhorn auf und zieht eine somnambule Szenerie in etwas hinein, das ich sowenig zu fassen bekomme wie die unscharfen Cover ihrer Platten (nur einmal gelang es mir, darauf ein altes Möbelstück zu identifizieren). Ich höre die Stimme eines Mannes, die nie durch andere Stimmen unterstützt wird. Immer ist sie auf sich alleine gestellt. Ihr Echo fällt durch die Musik hindurch, wie eine Sardine durch ein Schleppnetz. Aber trotzdem sie traurig und verlustreich klingt, scheint sie doch eine zeitliche Entfernung zum Geschehen entwickelt zu haben - oder bin ich es einfach nur, der diese Entfernung fühlt, weil mir Savoy Grand unmittelbar nicht greifbar erscheint?

Es ist nämlich so, als existiere die gesamte Präsentation der Band - Musik, Texte, Cover, Aussehen, Herkunft, Veröffentlichungsrhythmus- in einem anderen Realitätstunnel, und ich würde nur lückenhaft mit diesem Tunnel Kontakt aufnehmen können. Ich weiß bis heute nicht, wie die Typen überhaupt aussehen. Meine Vorstellung sagt mir: Sie sehen aus wie felt in den 80ern aussah, würde man ein halbes Leben auf dem Land hinzuaddieren. Wo kommen sie her? Sind sie Schotten, Engländer, Waliser, Iren? Keine Ahnung. Irgendwo von der Insel müssen sie kommen.

Noch eine merkwürdige Sache, die ich unmittelbar mit dem Bandschaffen selbst erkläre: Ich habe alle ihre CDs per Post bekommen. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, sie in einem Plattenladen zu kaufen. Ich glaube, das hätte mir den Warencharakter der Musik zu nahe gebracht. Bei Savoy Grand-Alben muss der Zusammenhang von Geldverkehr und Warenausgabe so weit wie möglich ausgeblendet werden. Ich muss möglichst vergessen haben, dass ich das Album bestellt und bezahlt habe. Es muss eines Tages einfach erscheinen.

So erschien dann auch vor ein paar Tagen „Accident Book“ bei mir - als Promo-Exemplar. Ich musste also noch nicht mal ausblenden, dass sich das Album in Form einer bezahlten Ware materialisierte. Es war wirklich plötzlich einfach nur da! Ich kann diesmal auf dem Cover auf Anhieb etwas erkennen (Schweine und Steine), und ich habe mich anfangs von relativer Geschwindigkeitszunahme überrumpeln lassen. Die Frage ist ja, ob die ausgesucht Platz findenden Songgebilde von Savoy Grand nicht gerade dann zusammenbrechen, wenn sie auf solide Füße gestellt werden. Verletzt zuviel Rhythmus nicht die Intimsphäre, unter der ihre Liedgebilde erst so richtig in voller und bescheidener Pracht gedeihen?

Um die Musik bei ihren Intimitäten so wenig wie möglich zu stören, habe ich mich jedenfalls - wie immer eigentlich - dezent zurückgezogen und „Accident Book“ aus der Entfernung gehört, während ich mich taktvoll anderen, ablenkenden Tätigkeiten widmete. Was von Weitem an mein Ohr drang, gefiel mir allerdings so gut, dass ich im zweiten Teil der Savoy Grand-Geschichte jegliche Höflichkeit fahren lasse und mich rücksichtslos an die einzelnen Tracks ranschmeiße. Aus der Entfernung in die Nähe, sozusagen. Zerstört der furchtlose (und manchmal recht ungeschickte) Audioforscher damit das zu beobachtende Objekt? Wird ihm dieser Blick von Nahem zum Verhängnis werden? Wird das Verhältnis von Prof. aud. phil. Ahrensfeld zu Savoy Grand danach unrettbar zerrüttet sein? Sehen Sie die Fortsetzung jetzt in diesem Kino.