29.07.2009

MOUNTAIN MUSIC OF KENTUCKY: tapetenmuster in bruchbuden gottes




Nachdem mir in den letzten Monaten immer wieder Roscoe Holcombs Gesang unvergesslich im Ohr sirrte (Zu-Zeiten berichtete), musste ich mir dann noch seine restlichen Aufnahmen auf Folkways besorgen, die auf der Do-CD-Zusammenstellung „Mountain Music Of Kentucky“ zu finden sind. Und das, liebe Freunde der Musik, war dann mal wieder ein weiterer Oberknaller mit Erkenntnisgewinn! John Cohen fragte sich 1959 durch Kentucky durch und nahm diverse Musikanten und Sänger auf. Darunter Holcomb, Bill und J.D. Cornett, ein gewisses Ehepaar namens Mr. & Mrs. Sams, das auch auf dem Cover abgebildet ist (ja, so sehen meine momentanen musikalischen Helden aus!), und noch diverse andere Musiker, Solo-Sänger und Gottesdienst versehende Gemeindemitglieder der Holiness Pentecostal Church. Banjo, Gitarre, Instrumentals, Gesang, kratzige Fiddles, hochemotionale Gospels. Der alte religiös-mystische Kram wird mir gegeben - und er ist gut genug für mich!

Ein Track wie „Jawbone“ - wer macht sowas heute? Ein komplexer, in gegenläufigen Rhythmen explodierender, einminütiger Song, 1957 in John Cohens Tonband eingespielt von einem Typen namens Willie Chapman, der auf dem winzigen Foto im Booklet des Albums aussieht wie ein Tanzlehrer, der in Sonntagsklamotten den ersten vorsichtigen Ausfallschritt demonstriert, aber nie und nimmer wie jemand, der im Prinzip die scheinchaotische Struktur der besten Beefheart-Musik auf dem Solo-Banjo vorwegnimmt - und sich dabei auf das Banjospiel der afrikanischen Sklaven („Early slave-style banjo picking and timing“ - so das Booklet) bezieht. Was mir als altem Beefheart-Addict wieder ungeahnte Türen öffnet. Überhaupt bin ich mir fast sicher, dass Beefheart damals dieses Album gekannt haben muss. Ich finde einige Parallelen in seiner Musik hier wieder. Aber das muss ich nochmal sammeln und analysieren. Bis dahin verbleibe ich verloren in archaischer Musik.

Das Booklet zu „Mountain Music Of Kentucky“ beeinhaltet detaillierte Texte zur Musik, den sozialen Kontexten ihrer Entstehung, kurzen Musikerbiografien und herausragenden Fotos aus dem Leben in den Appalachen: Tranceartige Gottesdienste in niedrigen Bruchbuden mit irren Tapetenmustern, die sich über die ganze Fläche von Wand und Decke spannen und wellen; Sandwehen, die die Straße hoch wirbeln und spielende Kinder zwingen, ihnen den Rücken zuzudrehen; Mr. & Mrs. Sams & Kind & Kegel auf der Holzveranda; Holcombs Familie auf der ihrigen; Männer und Frauen bei der Feldarbeit; ein Junge mit selbstgebautem Banjo und Keksdosenresonator; zwei erschöpfte Kohlekumpel stützen sich auf ihre Spitzhacken. Das letzte Foto zeigt nur zwei Stühle auf der Holzveranda, zwei leergetrunkene Tassen stehen ineinander gestapelt auf dem Geländer. Keiner mehr da.

Booklet als freier, legaler PDF-Download.

19.07.2009

13TH FLOOR ELEVATORS: sign of the three eyed men








Die 10-CD-Box von den 13th Floor Elevators hätte ich gerne. Liest hier zufällig ein Promo-Typ mit und schickt mir ein Rezensionsexemplar? Ich schreib dann auch was dazu in meinem enorm einflussreichen Blog.

Meine Lobeshymne an die zweite Elevators-Platte steht hier.

14.07.2009

ALLEN KLEIN: wusste alles







Allen Klein signt die Beatles



Der finanzgeniale Allen Klein, der die Stones und die Beatles erst monetär enorm bereicherte und dann entreicherte, um sich schließlich selbst zu bereichern (in dieser Reihenfolge), starb mit 77 Jahren in New York. Hatte John Lennon kurz nach dem Beatles-Split nur lobende Worte für Klein übrig, wandelte sich das im Laufe der Jahre zu einem etwas ernüchternden Bild (siehe den Lennon-Song „Steel And Glass“). Mick Jagger jagte Allen Klein der Legende nach (bzw. according to „Der Spiegel“) während eines Verhandlungstreffens wütend durch Hotelkorridore.

Das Erfolgsrezept Kleins stützte sich unter anderem darauf, dass er meist der einzige war, der wirklich über die kleinste Einzelheit chaotischer Vertragslabyrinthe im Bilde war. Das brachte dann den Klienten den Vorteil, dass Klein mehr als das Optimum für sie herausholte; das brachte aber auch den Nachteil, dass Klein eben genauso sicher wusste, wie er sich seine Dienste durch geschickte Honorare und Rechtevergaben an Songs doppelt und dreifach für sich verbuchen konnte, falls man beabsichtigte ihn loszuwerden.

Klein konnte Lennon dadurch für sich gewinnen, indem er schon beim ersten Treffen das Individuum John Lennon aus dem monströs aufgeblähten Beatles-Universum herauszuschälen vermochte und eine wohl ziemlich exakte Ferndiagnose der perönlichen und künstlerischen Vernetzungen der vier Beatles untereinander ablieferte. Der Kerl verstand also auch etwas von Kunst und den Bedingungen ihrer individuellen Entstehung.

Gerne zitiere ich noch einmal eine hübsche Anekdote, die auch gut meine zwiespältige, aber entschiedene Sympathie für Allen Klein zusammenfasst:

There is a great article in the new issue of Rolling Stone on the 10 year anniversary of The Big Lebowski; “The Decade Of The Dude” written by Sam Jones. Assistant Editor, Andy Greene, contributes an excellent piece “Inside the Dude’s Stoner Soundtrack”. In the article, music supervisor T-Bone Burnett recounts his troubles in securing the rights to Townes Van Zandt’s cover of the Stones’ “Dead Flowers“:

“[Former Stones manager Allen Klein owns the rights to it,” Burnett says. “He wanted $150,000.” Burnett begged Klein to just come down and watch an early cut of Lebowski. “It got to the part where the Dude says, ‘I hate the fuckin’ Eagles, man!’ Klein stands up and says, ‘That’s it, you can have the song!’ That was beautiful.” For the record, Burnett agrees with the Dude (”[The Eagles] sort of single-handedly destroyed that whole scene that was brewing back then,” he says), but the line infuriated Glenn Frey. “I ran into [Frey] and he gave me some shit,” Jeff Bridges says. “I can’t remember what he said exactly, but my anus tightened a bit.”]
Quelle: rollogrady.com

10.07.2009

NEIL YOUNG: archivhalde








The Neil Young Archives Vol. 1



Kauft sich eigentlich jemand der hier Anwesenden den Kram? Ich spreche von der seit 1951 angekündigten, nun auf diversen medialen Abspielformaten veröffentlichten, großdimensionierten ARCHIVES-Serie von Neil Young, dessen "Volume 1" unlängst endlich nach diversen Terminverschiebungen das Licht der staunenden Welt erblickte.

Selbst mir als Neil Young Schätzer gehen diese Tonnen an Infos und Fotos, alten, seltenen, veröffentlichten, unveröffentlichten Songs, vermengt mit interaktivem Gedöns, wahlweise auf CDoderDVDoderBLUERAYoderWASWEISSICH, etc pp dezent am Arsch vorbei. Wer will denn wirklich noch das letzte, vor Dekaden schon von Neil Young selbst aussortierte Fitzelchen an Geplinke und Geklampfe besitzen? Neil Young vielleicht. Ich nicht. Auch wenn mir dadurch vielleicht ein paar Minuten an Lohenswertem entgehen sollten, werde ich trotzdem den Riesenaufwand an Megaboxgetöse nicht mitmachen. Ich verpasse nicht wirklich was, oder?

08.07.2009

ROSCOE HOLCOMB: irreales setting




Roscoe Holcomb entdeckte ich, als ich über wahlloses Herumgeklicke um Dock-Boggs-Links herum plötzlich einen Filmausschnitt fand, auf dem ein älterer, dünner Mann mit einer schneidenden Stimme auf einer Holzveranda saß und zum Tanz aufspielte. Etwas Irreales sog mich in diese Szenerie ein.




Eine kurze Zeit lang bin ich dem Romantizismus des hart arbeitenden Folkers anheim gefallen, als ich die Musik Roscoe Holcombs und der anderen Folkmusiker aus den Appalachen kennenlernte, die Leute wie Mike Seeger, Alan Lomax und John Cohen aus den Bergen Kentuckys ans Licht brachten. Ich werde aber diesen Kontext hier nicht platttreten, es reicht vielleicht ein Blick auf Holcombs durch Arbeit in einer Zementfabrik völlig zerfurchten und ausgetrockneten Hände. Es reicht auch zu wissen, dass „Moonshining“ ein geläufiger Begriff für das Brennen und den Schmuggel von illegalem Schnaps war und dass es anscheinend bestimmte Gegenden in Kentucky gibt oder gab, wo sich die Holcomb-Sippe nicht unbedingt blicken lassen sollte, weil da der ein oder andere Urahne möglicherweise ein paar Rechnungen offen ließ.

Was mich an Roscoe Holcomb erstarren lässt, ist sein Gesang, der ein dermaßen hochentwickeltes abstarktes Niveau hat, dass er eigentlich der ideale Typ für eine große Story in der „WIRE“ wäre, als ganz natürliches Bindeglied von Old Time Music, Ligeti und Neuer Musik. Ich bin gerne bereit, mir eine ausufernde Geschichte über Holcomb für ein schläfriges Feuilleton beliebiger Wahl aus den Fingern zu saugen, allerdings nur unter der Bedingung, sie wäre der Seite-Eins-Aufmacher. Ich kann den Text auch gerne auf „Aktuelle Krise“ bürsten, denn in den Appalachen herrscht sowieso Dauerkrise, die sich gegenwärtig darin zeigt, dass noch der letzte Rest an Kohle aus der Region herausgebrochen wird, indem einfach die Berghöhen weggesprengt werden und anschließend die Kohle aus dem Geröll geklaubt wird. Zurück bleiben arbeitslose Leute und schwerverletzte, tiefer gelegte Landschaften.

Hoch dagegen bleibt Holcombs Gesang, er singt einen Vers, zieht plötzlich die Stimme auf ein Plateau, bleibt dort mit einem langgezogenen Ton stehen (manchmal eine kleine Ewigkeit) und fällt von da aus dann wieder in den Vers zurück. Darunter legt er dann schnelle Banjo- oder Gitarrenfiguren. Selbst bekannte Songs - z.B. „House in New Orleans“ (a.k.a. „House Of The Rising Sun”) - klingen bei ihm total eigen und frisch. Zum Teil kann man sie kaum erkennen. Auch sehr ergreifend: Sein Gesang ohne Begleitung, nicht umsonst prägte Holcombs Stimme den Begriff des „high lonesome sound“, aus dem sich auch der Bluegrass entwickelte. Auf der CD „High Lonesome Sound“ sieht er aus wie der noch geheimnisvollere Zwilling von W.C. Borroughs. Und so wie sich Holcombs hoher langer Ton durch die Musik schneidet, hat er wirklich was von der Cut-Up-Technik, die Borroughs auf seine Texte anwendete, ohne diesen Vergleich jetzt überzustrapazieren.

Die Booklets zu den CDs sind üppig mit Texten und einigen Fotos ausgestattet. Das großartige Folkways-Label mit seinen Tonnen an interessanten historischen Aufnahmen stellt die Booklets zu den CDs auf der Website kostenlos zum Download als pdf-File zur Verfügung.

Roscoe Holcomb: The High Lonesome Sound. Aufnahmen 1961-74
Booklet als pdf-File

Roscoe Holcomb: An Untamed Sense Of Control Aufnahmen 1961-73
Booklet als pdf-File

04.07.2009

JOHN FRENCH: drumbo über beefheart - frühjahr 2010




John French - eifrige Leser des großartigen und immer gut informierten ZU-ZEITEN-Blogs auf zu-zeiten.blogspot.com wissen, dass sich Drumbo hinter diesem stinknormalen Pseudonym versteckt - , also John French wird sein bereits angekündigtes, dann aber verschobenes, auf zwei(!) Buchausgaben konzipiertes Werk über die magische und sicher nicht immer einfache Zeit mit der Magic Band und ihrem Magic Dictator Captain Beefheart nun im Frühling 2010 veröffentlichen, wie die großartige und immer gut informierte Website beefheart.com heute verlauten ließ. Und zwar entgegen der Planung als eine(!) Buchausgabe, in der aber alles steht, was in den ursprüglich zwei(!) Buchausgaben auch hätte stehen sollen. Got me? Und da heute zufällig auch der 4. July ist, also der Unabhängigkeitstag der US of A, möchte ich euch bitten, alle mal eine Träne zu "Veteran's Day Poppy" zu verdrücken. Wie es dort so bezeichnend heißt: "I cry but I can't buy/ Your Veteran's Day poppy". Aber das eine(!) Buch von Drumbo, das kannst du vielleicht stattdessen trotzdem kaufen, im Frühjahr 2010 (und das ist sooo lange auch nicht mehr hin).

03.07.2009

THE "BUMP DIT-TY" WAR: die herren der daumen





(Bild nur zur Illustration. Hat mit dem Text nichts zu tun)



Im wohl meistfrequentierten Banjo-Forum des Netzes, dem „Banjo Hangout“, tobt gerade der „Bump Dit-ty War“ über die Basis des Old-Time-Banjo-Spielens. Der Terminus „Bump Dit-ty“ beschreibt darin lautmalerisch ein (wenn nicht das) grundlegende Pattern, auf dem sich das Banjo-„frailing“ aufbaut. Banjo-Lehrer und Spezialisten schmeißen sich akademische „Ich weiß es besser“-Happen zu. Wer frisst die Behauptung, mit dem Bump-Dit-ty-Strum könnte man keine Fiddle begleiten? Warum wird das aber seit Jahrhunderten trotzdem gemacht? Ist der Basic Frailing Strum „1-2and“ (also 1 Viertelnote und zwei Achtelnoten) in Wirklichkeit 4 Achtelnoten mit einem nicht spielenden Daumen zwischen der ersten und dritten Achtelnote? Was ist der wahre alte Stil? Wer spielt ihn, und warum spielt er ihn nicht, weil er nämlich gaaaanz anders spielt? Wir aus dem Norden haben gegen euch aus dem Süden die Fahne des wahren Banjo-Stils hochgehalten! Und anderes BlaBla mehr. Ein komisches Gemengelage aus hintergeschalteten Interessen (z.B. konkurrierende Banjo-Lehrer, die ihre Lernmethode verkaufen wollen; Akademische Musiker, die Ihre Eitelkeiten pflegen müssen) zeigt: Auch die Banjo-Welt ist nicht heil, wäre ja auch ein Wunder. Komischerweise interessiert das ziemlich viele Leute. Auf verständliche Einwürfe wie „Was soll's? Spielt einfach den Kram so, wie ihr es am liebsten habt“, wird im Thread leider selten eingegangen.

Mein Online-Banjo-Lehrer Patrick Costello nimmt im Forum nicht an der Diskussion teil - er ist gesperrt. Wahrscheinlich, weil er wohl ebenfalls sehr leicht bei solchen Diskussionen überhitzen kann („Trouble Maker“ ist ein Vorwurf an ihn). Sonst scheint er ein lieber Kerl zu sein, wie mir ein Bekannter erzählte, der Costello persönlich kennt. Ich habe dem guten Patrick jedenfalls alles zu verdanken, was das Banjo-Spielen betrifft. Auf seiner Website Tangier Sound nimmt er zum Bump-Dit-ty-War-Thread Stellung, lässt es sich aber auch nicht nehmen, daraufhin gepostete Kommentare von Kritikern einfach zu löschen, weil er es anscheinend leid ist, immer wieder mit den selben Vorwürfen zugeballert zu werden. Tja, nobody is perfect. Ich finds ja eher sympathisch, wenn man seine eigene Website diktatorisch managed und Beleidigungen entfernt. Ohne freilich selbst das Beleidigen zu lassen. ;-)

Soweit zur aktuellen Lage an der Banjo-Front. Es gibt Verletzte.

01.07.2009

DOCK BOGGS: anschluss unter dieser verbindung




Dock Boggs: His Folkways Years 1963-1968
DoCD

Der Folk-Musiker und Field-Recording-Forscher Mike Seeger spürte den Banjo-Spieler und Sänger Dock Boggs, der in den 1920er Jahren nur ein Dutzend bis auf die Knochen abgenagte Songs veröffentlichte ("Country Blues"), Anfang der 1960er Jahre in Virginia auf, als er nach einer längeren Spurensuche schließlich den Rat seiner Frau Marj Seeger befolgte und einfach mal ins örtliche Telefonbuch schaute. Das kam Mike Seeger irgendwie absurd vor - „Look in the phone book for Dock Boggs, the banjo picker with that rough, wild voice?” - aber siehe da, seine Frau hatte Recht. Seeger traf Boggs alive and kicking und zufällig nach Jahrzehnten wieder Banjo spielend an, holte ihn aus dem kleinen schmucken Häuschen am Rande der Bahngleise und brachte ihn wieder an die Öffentlichkeit. Alle Folkways-Aufnahmen der darauf folgenden Jahre (3 LPs) sind auf dieser Do-CD versammelt.

Es ist schön, Boggs Klassiker (und noch viel mehr) in guter Aufnahmequalität zu hören, seinen ziemlich eigenen Stil, der Einzeltöne hervorhebt, anstatt zu „strummen“, zu bewundern (und bei den etwas zu stimmungsanimierenden Tracks einfach weiterzuskippen). Booklet hat 36 Seiten und zwei lange Texte von Mike Seeger und Barry O’Connel. Leider nur wenige Fotos, aber als Entschädigung möchte dich die ZU-ZEITEN-Crew mit einem besonders gelungenen Video zur Mordballade "Pretty Polly" verlinken. Pass auf dich auf!