19.05.2009

VAN MORRISON: fenster öffnen





Van Morrison: T.B. Sheets

Der Typ ist total überfordert. Ein Arschloch. Er lässt seine Freundin im Stich, als sie ihn besonders nötig hat. Lässt sie einfach im Stich, weil sie Tuberkuloseschweiß in ihr Laken schwitzt. Er kommt mit der Situation nicht klar. Er hat nichts besseres zu tun, als sich anzuschicken, sich aus dem Staub zu machen, weil er's nicht aushält. Überdrogt und überfordert. Oder einfach noch zu jung, um damit umzugehen, dass es ausnahmsweise nicht er ist, dem es dreckig geht. Diese Art von Typen, die so nervös sind, dass sie die ersten Worte eines Satzes erst wiederholen müssen, bevor sie den Rest des Satzes zuende sprechen können. Drogen haben seine Sinne hypergeschärft, er riecht das schweißnasse Tuberkuloselaken und erträgt es nicht mehr. Er hat das Gefühl, nicht mehr atmen zu können und muss unbedingt das Fenster öffnen, weil er keine Luft mehr bekommt. Das Zimmer wird kalt und kälter. Aber er riecht immer noch den Tuberkuloseschweiß. Er erfindet irgendwelche Ausreden, um von ihrem Bett verschwinden zu können. Sie sagt nur „Bitte bleib“. Aber er hält's nicht mehr aus: Ich schick dir später jemanden vorbei. Später, Baby. Ich muss, ich muss, ich muss vorher nochn paar Sachen erledigen. Ich komm wieder mitn paar Freunden und ner Flasche Wein für dich, Baby. Keine Angst, ey, keine Angst, keine Angst. Mach dir keinen Kopf. Ich muss jetzt aber gehen, ich muss gehen, ich MUSS GEHEN, ich muss gehen Baby. I gotta go, gotta go, gotta go, gotta go, gotta go. Er macht das Radio an. „I’LL TURN ON THE RADIO!“ schreit er sie an, er tut so, als würde er es für sie machen. Als er ihr das erklärt, ist er kurz vorm Überschnappen. Aber er schafft es nicht zu gehen, denn sie geht vor ihm. „There you go, there you go, there you go, Baby, there you go“.

Eine böse Geschichte, im Sommer der Liebe - 1967 - von Van Morrison ohne Manierismen oscarreif gesungen. Die Musik ein zehnminütiger, federnder Blues, angesichts des Inhalts, der da verhandelt wird, ein zynisch federnder Blues. Hugh McCracken an der Gitarre, ein Keyboard, ein hallender Sound, als hätte jemand im Studio das Fenster geöffnet… Seit ich den Text kenne, hasse ich es eigentlich.

08.05.2009

ROSCOE HOLCOMB















Zu diesem Foto kann ich erstmal nichts sagen. Bin noch mittendrin.

06.05.2009

BOB DYLAN: midas tätschelt leicht


Bob Dylan: Together Through Life






(Foto: Danny Clinch)



Die aktuellen Umfragewerte zum neuen Dylan-Album sind ja recht gespalten. Die Spitzenposition nehmen zwei sich widersprechende Aussagen ein, die zum einen die gegenwärtige Musik Dylans als jenseits erreichbarer Alterserwartung verorten, andererseits aber auch der Meinung sind, man hätte es hier mit einem heißklimatischen Sommeralbum zu tun. Ich selbst bin der Ansicht, ich kann nicht mehr so jung sterben, um Dylans Uralt-Musik wirklich noch gänzlich schlecht zu finden.

Wenn diese Platte allerdings seine beste der letzten dreißig Jahre sein sollte, wie ein möglicherweise etwas urteilsverblendeter Dylan-Hardcore-Fan wie Willi Winkler in der SZ halluziniert, dann könnte Dylan auch mit jeder halbwegs senilen Blues-Cover-Band ohne vorher zu proben an einem Vormittag das gleiche Ergebnis einfahren: „Spielt mal einfach eure Standards, ich sing nur kurz drüber“. Kurz: Durchschnitt. Wäre sie nicht von Dylan, würde kein Hahn danach krähen.

Da sie aber von Dylan ist, krähe ich mit und sage: Eine gute Platte, die das Zupackende von „Love & Theft“ und das Elegante von „Modern Times“ durch das Sedimentierende von eingespielt durchgenudeltem (Rhythm &) Blues ersetzt. Die Musik wechselt wie ein alter Western gemächlich die Grenzufer des Rio Grande und hat im Sattelgepäck allerlei Lieben (vergangene und gegenwärtige), verspätete Chancen und beschwingte Lebensabende verstaut. Nach oberflächlichem Hören kann ich keine preisverdächtigen Lyrics ausmachen, obwohl mich eine Formulierung wie „Boulevard of broken cars“ dann doch wieder kriegt. Ansonsten überwiegt ein Textsortiment zur Beschreibung von Sehnsüchten, mit Handelspartner Robert Hunter (google einfach selber nach ihm und gebe zum Namen noch „Grateful Dead“ dazu) zusammengestellt, bei dem sich auch mal „… out of touch“ auf „… too much“ reimt. Ist eben nicht alles automatisch von Midas betatscht, was der „neue“ Hispano-Senor Dylan aus seinem altersweisen Stetson zaubert. Trotzdem retten mich interessante Momente über die gesamte Länge des Albums: Der sehnsüchtige Ton, den das Akkordeon über die Songs verteilt; der Sommergroove von „I Feel A Change Comin’ On“; „Forgetful Heart“, das mich in seiner uneindeutigen Stimmung gar an „Ain’t Talkin“ von „Modern Times“ erinnert, ohne allerdings ganz an dessen Hypnotik heranzureichen; das rollende „It’s All Good“, bei dem mir gerade nicht einfällt, von wo der Dylan das nun wieder 1:1 geklaut hat.

Und diesen Widerspruch muss ich ganz alleine mit mir austragen: Ich habe selten ein nur okayes Album so oft gehört wie „Together Through Life“. Ich finde es besser als es ist. Warum? Weil ich es so will! Und was will ich? Ich will mich von den aus (Rhythm &) Blues-Standards routiniert verblockten (Rhythm &) Blues-Standards beklopfen lassen wie ein staubiger Teppich, während ich einer alte Krähe beim Krächzen und Älterwerden zuhöre. Das will ich, das krieg’ ich. Würde ich das nicht wollen, wäre die neue Dylan völlig belanglos.