29.04.2009

WADE WARD ET AL.: von klauen und nägeln




Mehr Musik von Menschen, die schon mindestens ein Leben gelebt hatten, als ich gerade mal anfing, rudimentäre Vokallaute abzusondern:

Clawhammer Banjo Volume 1 (1965)

CD-WVÖ von 2004 auf County Records


“The music on this CD was recorded in a small area of the Southern Highlands: Independence and Galax, VA and Low Gap, NC in 1965.”

Vier Clawfinger-Haudegen geben einzeln oder im Duo (dann mit Fiddle-Begleitung) ihre Banjo-Musik zum besten: Kyle Creed, der kurz mal das Maultier von der Leine nimmt, um meisterliche Banjotunes in das Tonband des Audioforschers zu klauenhämmern (ein Multitasking-Talent und Handwerker: Farmer, Banjobauer und -spieler, Fiddler, Band-Organisator [Camp Creek Boys], Selbsterbauer einer eigenen Tankstelle und eines eigenen Country Stores); Wade Ward, der laut Booklet wohl der bekannteste unter den Anwesenden ist und auf dem von mir aus dem Internet geklauten Foto dreinblickt, als wolle er den Bela-Lugosi-Twin-Award gewinnen; dazu noch George Stoneman und Fred Cockerham.

Allesamt nie gehört die Namen. Spielen lässig und unglatt wie der Teufel. Kleck, kleck, kleck setzt der Fingernagel nach jeder angeschlagenen Saite einen winzigen, geheimnisvollen Punkt hinter den Ton. Ich kratz da erst ganz zart an der Oberfläche. Man muss aber Banjo mögen - und ab und zu auch Fiddle-Töne, die keinen elektrischen Feedbacklärm benötigen, um tief einzuschneiden. Jeder der Klauenhämmerer spielt irgendwie total anders, und das ist auch eine der Botschaften, die sich hinter der archaischen Musik verbirgt: Willst du spielen wie sie, spiele anders (und übe noch ein paar Jahrzehnte)!

28.04.2009

TIM BUCKLEY: not mercury but ...




„Zwei Drittel des ersten Tim Buckley-Albums sind gut, ein Drittel nicht“. Diese für mich seit einigen Jahrmillionen feststehende, mathematisch-plumpe Behauptung erfuhr gestern eine Erschütterung: Nachdem ich mich nach längerer Abstinenz mal wieder von dem ordnungsgemäßen Zustand meines Vinyl-Exemplars überzeugt hatte, kann ich nun ums Verrecken nicht mehr sagen, welches Drittel der Musik mir eigentlich nicht gefallen haben sollte.

Im Gegenteil, bietet „Tim Buckley“ (1966) doch eine nicht mindere Tiefe wie „Lorca“, nur eben nicht in längeren, improvisierten Tracks, sondern kurz und konzentriert in kleinen, zwei bis drei Minuten langen Happen. Linker Kanal Gitarrengeklingel, rechter Kanal Bass und Drums, und in der Mitte von Nirgendwo ein 19jähriger Zaubersänger, der sich Jahre später bei der Abschätzung einer Heroin-Dosis verhängnisvoll verkalkulieren sollte. Aber das ahnt man hier noch nicht.

Wenn Dylans Aufnahmen zu jener Zeit als quecksilbrig beschrieben werden, was ist dann das Pendant zum Sound, den Paul Rothchild, Jac Holzman und Bruce Botnick ihren Schäfchen aus dem Elektra-Stall (Tim Buckley, Doors, u.a.m.) verpasst haben? Goldig, nickelig, kupferig? Nein, das klingt zu süß, nicht geheimnisvoll genug. Tropenholzig vielleicht? Magnolisch? Egal, denn es kommt hier auf den Teenager Tim Buckley an (den Hinweis auf die Doors vergessen wir daher mal ganz schnell), und der klingt schon damals beängstigend gut und so jenseits von irdisch mickrigem Gesinge der übrigen hominiden Erdenbewohner, dass man sich wundert, wie so ein kleiner Zweiminuten-Song diesen aus noch unerforschtem Emotionspatchfork zusammengesetzten Gesang eigentlich aushält, ohne in freie Teile zu zerfallen (wie es nämlich nur zwei, drei Jahre später Buckleys Tracks erging: Sie wurden frei und freier, ionisierten in seinem Gesang wie Salz in wässriger Lösung).

They (die Songs sind gemeint) hold the magic of japanese watercolours“, druckt die Coverrückseite in der charakteristischen Elektra-Buchstaben-Type. Und erst wollte ich mich darüber beschweren, weil meine Gedanken sofort Assoziationen mit „Verwässerung“ bildeten. Aber nun halte ich den Vergleich für passend: Mit seinem Debut begann Tim Buckley an Wasserzeichnungen zu arbeiten, auf die man noch einen Ozean schütten könnte, und trotzdem würden sie nicht im Meer verschwinden, sondern das Meer in ihnen.

08.04.2009

AMERICAN PRIMITIVE VOL. 1: gimme dat raw religion!




American Primitive Vol. 1: Pre-War Gospel (1926-36) CD

Wie auch Vol II mit blendend geschmackvollem Cover und Booklet. Optisch, haptisch, olfaktorisch und wahrscheinlich auch gustatorisch - würde ich die Hülle essen wollen - allererste Güte. Was hier gospelt, das bluest und folkt ebenfalls, immer aus dem unerklärlich wabernden Äther der irgendwie total vertrauten Fremdheit der Klänge, aus denen man ohne Probleme das gesamte musikalische Fundament der westlichen Popkultur heranzüchten könnte. Erschienen auf John Faheys Revenant-Label. Hefte dir Faheys Botschaft an wie den Sinnspruch eines Hosenbandordens: „Salve Christmas Guilt! Get Raw Religion!“

07.04.2009

DYLAN | MOULD: zweimal bob


Damit es auch die mitkriegen, die es gar nicht unbedingt wissen wollen: Dylan hat in diesem Monat ne neue Platte draußen. "Together Through Life" wird sie heißen, so sieht das Cover aus:
<-- und auf seiner Site kann man einen Song daraus anhören. Klingt jetzt erstmal nicht so supertoll, eher so ein Mainstream-Swamp-Teil mit Akkordeon (jetzt beim dritten Hören finde ich's plötzlich doch ganz gut).

Ein zweiter Song ist als Stream über Newsweek anzuhören. Ein ganz gut gelaunter Groover. Dylan läuft ein paarmal Gefahr, stimmlich interessant abzukacken. Gefällt mir gut, so zum Frühlingsbeginn: "Feel a Change Comin' On".

Die Musik auf der Platte soll auch ansonsten mal wieder älter als alt sein, und so will ich ihn eigentlich auch haben, den Dylan. Man munkelt von Sun-Studio-Hommage, aber das wird sicher in den nächsten Tagen von einschlägigen Schreibern noch zur Genüge zu Tode analysiert werden. Ich verordne mir erstmal strikte Lesekarenz der zu erwartenden Elaborate, urteile heimlich ganz für mich alleine und teile mein Ergebnis dann der Weltöffentlichkeit in einschlägigen Netzpublikationen mit. Ihr seid gespannt!

(Zusatzinformation: Lässt man den Stream einfach weiterlaufen, springt er auf einen neuen Song von Bob Mould. Passt gut. Hat sich schon wieder äußerlich verändert, der Bob)

CHROME: schemen im flimmer




Chrome: Blood On The Moon
LP 1981

Nicht ganz der lärmig-böse Irrsinn von Half Machine Lip Moves (meine Lieblings-Chrome, von 1979: pharaonisch, metallisch, flimmerig, untief), dafür aber erstaunlich straight und strukturiert. So als wären die feindlichen Aliens nach der großen, alles ins Chaos gebracht habenden Invasion schon ein paar Jährchen auf der Erde, Menschen und Monstren verstehen sich mittlerweile ein wenig besser und pflegen verhalten freundschaftliche Kontakte, bei denen immer weniger Tote zu beklagen sind. Zum Ausgehen hört man dann „Blood On The Moon“. Das schnelle Geklöppel auf der Double-Bass-Drum (heißt so, oder?) geht fast schon als Black Metal-Vorläufer durch, wenn mich meine rudimentären Kenntnisse nicht täuschen.
Immer noch fremd. Immer noch twilighted. Immer noch gut.

06.04.2009

PAUL METZGER: tinkturen mit fotoecken







Paul Metzger: Anamnestic Tincture LP
(2009)

Wieder eine wunderschön beknallte Platte von Paul Metzger, dem Glenn Branca unter den Banjo-Spielern (sag ich nur, weil’s gut klingt). Handmade-Cover in 425er-Auflage, jeweils mit individuellem Foto aus fernen Jahrzehnten beklebt (Fotoecken!). Habe die Platte bereits seit Januar (Nummer 43 von 425), kann also sein, dass es sie bald schon nicht mehr gibt. Also Beeilung. Einfach mal auf Metzgers Website gehen und bestellen. Kommt für ca. 16 Euro (incl. Porto) aus Minneapolis zu euch geflogen! (edit: nichts da, zu spät - "sold out"!)

Seite 2 ist ziemlich gigantisch, mit einer Live-Version von „Orans“, die sehr beeindruckend zeigt, dass Metzger nie nur improvisiert, sondern seine Stücke reproduzierbar anlegt, um sie dann mit allerlei Stacheln und Klirren und Trancen zu bestücken. Dazu gibt es noch ein zweites, ebenfalls tolles, dunkler glimmendes Stück, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin, ob Metzger wirklich Banjo spielt. Ich bleibe dabei, der Kerl macht Dinge, die sonst niemand macht. Beachtet den doch endlich mal, liebe Userinnen und User!

Seite 1 nimmt ein älteres 20minütiges Stück von 2002 ein. Diesmal mit präparierter Gitarre und noch Raga-philer als die späteren Sachen. Das Stück hat leider einen etwas murksigen Klang. Metzger hat bei mir ein Abo auf die Jahres-Top-Ten, und da ich mir dieses Jahr sowieso nur wenig aktuelle Musik zulegen werde, wird es wohl auch so bleiben.

05.04.2009

BEEFHEART: drumbo besucht haus "forellenmaske"




Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger und Kinder von Mitbürgerinnen und Mitbürgern und vielleicht auch das ein oder andere ihrer Haustiere (Spinnen!) fragen sich vielleicht, was eigentlich aus dem Haus und dem knorrigen Spinnenparadiesgarten geworden ist, in dem die zweitbeste Platte aller Zeiten (laut Zu-Zeiten-Chef Ahrensfeld) vor vierzig Jahren diktatorisch eingeübt, gehasst, gespielt und mit merkwürdigen Waschfrauenkitteln und Baseballkappen bekleidet rezitiert wurde. Nun, es geht ihm gut, dem Haus. Welches Haus? Jenes, in dem die Magic Band nebst Kapitän Beefheart die Songs von "Trout Mask Replica" zu realisieren versuchten. Ein Ort also, magischer als alle anderen Orte (außer einem, der noch magischer ist, laut Zu-Zeiten-Chef Ahrensfeld). Das hier Jahrzehnte später tatsächlich offene und hilfsbereite Menschen wohnen, die sich der Geschichte ihrer Heimstatt bewusst sind, konnte man nicht ahnen. Aber als der ehemalige Drummer der Magic Band, John French a.k.a. Drumbo, letztens ganz touriemäßig zu Besuch kam, wurde er überaus freundlich empfangen. Einzelheiten und aussagefähiges Foto auf der Beefheart-Website.