28.01.2009

KEITH HUDSON: krächzt sich durch





Es gibt Tage, da möchte ich nur U Roy zuhören, wie er auf „Dynamic Fashion Way“ „the great produsah Keith Hudson“ mit der berühmten „Studio kinda cloudy today“-Einleitung ankündigt. Soviele Silben zu verschlucken ist doch komplett übermenschlich!

Aber darum soll’s hier gar nicht gehen, sondern um die unwirkliche Stimmung, die die besten Arbeiten Keith Hudsons auszeichnet, speziell in diesem Fall: das mesmerisierende "California". Zwischenwelten, nicht Körper, nicht Gefühl, sondern beides und nichts, was irgendwie noch eigener Wille ist. In diese Stimmung krächzt Keith Hudson dann rein wie ein Wesen fremder Art im Paradies anderer Wesen. Ein gefühlvolles WahWah nimmt uns mit auf eine Reise ins erwünschte Land („On my way to California“ - komisch eigentlich, ich dachte immer Afrika wäre das Land, welches …), Bongos verschmelzen mit Bässen, schöne Frauenstimmen summen dich geschmeidig an, irgendwann werden Wörter deutlich („The darkest night/ On a wet looking road“ - da findet Hudson dann seine Erleuchtung). Im Break hält die Welt den Atem an, wenn sich plötzlich der Chor erhebt („Feeling very well/ Looking through the bones/ To the very very thoughts of you“, verstehe ich immer). Um dann in einen samten ausgekleideten Schwindel reinzutrudeln. Dieses Schwindelgefühl wird im anschließenden, nahtlos hineingemorphten Dub („By Night Dub“) nochmal archaisch und traumartig durchgekostet. Ist das noch Reggae? Was ist das? Alles ist fließend, ist Rhythmus, ist Trance. Die Reise nach California ist religiöse Erhöhung, aber egal, was Hudson buchstäblich vorgeschwebt haben mag, im Schleier des hypnotischen Sogs erkenne ich vor allem eins: Es geht um puren Sex mit Liebe!


Technische Zusatzinfos:

- Zu finden ist "California" auf „Playing It Cool“ von Keith Hudson. WVÖ auf Basic Replay, dem Sublabel von Basic Channel. Bei Boomkat kann man mal reinhören. Sound ist schlecht und gibt zu wenig wieder.

- Man kann auf diversen Versions von "California" das ganze, faszinierende Untergerüst auf seine metaphysische Beschaffenheit hin untersuchen. So existiert eine Version auf Hudsons Superplatte „Flesh Of My Skin Blood Of My Blood“ (WVÖ Basic Replay), und auch auf dem Do-CD-Sampler „The Hudson Affair“ (Trojan) sind zwei Versionen zu finden (“Darkest Night On A Wet Looking Road” und Darkest Night Version”). Die tollste Version ist aber die vollkommen beseelte Version auf „Playing It Cool“.

23.01.2009

HEAD OF WANTASTIQUET: in den belgischen bergen










Hinter den Wantastikanern verbirgt sich nur eine einzelne Type, nämlich Paul Labrecque, ein Mitstreiter des von mir sehr geschätzten Weird-Acid-Musikerkollektivs Sunburned Hand Of The Man. Labrecque schichtet auf "Mortagne" eine glänzende Melange aus schnell gezupften Folk-Figuren (Banjo, auch Akustikgitarre, Laute?) und ausbremsenden Untergründen (Bogen zieht langsam über Saite, ihr wisst schon, verhalten wird auch mal eine E-Gitarre verzerrt, kennt ihr ja auch) auf.

Aufgenommen ausgerechnet in Belgien, nennt sich dieser Hybrid aus Altertumsfolk, Drone und dunkler Unschärfe wiederum ausgerechnet nach einem Berg (Wantastiquet). Das bringt gut die unerwarteten Geographien auf den Punkt, die diese Musik für mich beschreibt. Verlassene Orte, in denen Haselnusssträucher wurmige Schatten um Geweihe werfen, während der Mond zum Horizont gezogen wird. Eine Frau bringt frisches Wasser, wir fühlen unsere Tasche schwer mit Gold gefüllt und wähnen uns in sicherer Entfernung von Geistererscheinungen. Ein Banjospieler sitzt alleine mit seinen Ich-Abspaltungen im Gewitter und spielt immer wieder ein Lied, älter als die Edda.

Bin ich eigentlich demnächst reif für Ougenweide? Hat die Popmusik nach dem Dreißigjährigen Krieg stagniert? Es scheint so.

19.01.2009

DEERHOOF: lustiger kleiner haufen







Deerhoof: „Offend Maggie“: Ein Beispiel, wie eine Band nach vielen Jahren aus relativ dilettantischem Krach-Core nach und nach zu gutgelauntem und ziemlich kontrolliertem, enorm kurzweiligem Bubblegum-Krach-Pop mutieren kann. Und obwohl Brooklyn schon seit Jahren ein verlässlicher Ort für kleinteilige, dem Chaos freundlich zuwinkende Musik ist, kommen Deerhoof aber stattdessen aus San Franzisko. Ich würde das jetzt hören, würde mir der Sinn nach Irgendwie-Rock stehen. Mir steht aber im Moment der Sinn nach Old Time Banjo. Pech gehabt.

16.01.2009

LURCHI: insolvent




Aber der gute alte Anarcho-Spießer Lurchi ist seit langem ja sowieso nur noch ein weichgespülter Öko-Fuzzi. Am Ende hat er noch nicht mal mehr gereimt.

Die Süddeutsche trauert ein Tränchen.





(Lurchi und seine Freunde: Ein Bild aus glücklichen Tagen)

09.01.2009

DISRUPT: fights the evil curse of monster deiner wahl










(Foto: M. Risse / risse.org)

Mein letztjähriger Lieblingsdub kommt aus Leipzig, wo eine herausragende Basisstation für Dubstep-freien Digital-Dub der höchsten Qualitätsstufe ansässig ist, die da heißt JAHTARI (lese und höre auch hier)."Foundation Bit" von Disrupt ist zwar schon 2007 erschienen, aber ich rette mich gerade noch aus der Schlinge, weil nämlich die LP-Version erst dieses Jahr verfügbar wurde. Während Rhythm&Sound in der Reduzierung der Soundspuren die Nachfolger des Königs Tubby sind, verfolgt Disrupt eher den Pfad des alten Hühnerkratzers Lee Perry, indem er schichtet und reinpackt, was der digitale Reißwolf aufzunehmen imstande ist. Warum trotzdem hier alles luftig am Platz ist und knallt, knallt, knallt, das bleibt Disrupts Geheimnis.

04.01.2009

PAUL METZGER: banjodelic






War „Deliverance“ Raga-delia of the highest order (and beyond), sind die drei Tracks auf “Gedanken Splitter” tatsächlich harsche Splitter im Arsch von sogenanntem Antifolk und anderen Schrammelbefindlichkeiten. Der in St. Paul, Minnesota, ansässige Paul Metzger spielt auf seinem 21-saitigen Banjo Musik, wie ich sie virtuoser und schnarrender in 2008 nicht gehört habe. Warum nennt keine deutsche Band ihre Songs „Geschenk“, „Zugentgleisung“ oder „Gedanken Splitter“? Warum waren bei Metzgers einzigem Konzert in Deutschland nur zwanzig Leute zugegen? Wieso war ich nicht darunter? Es ist ein Jammer!

Alle Texte auf ZU-ZEITEN zu Paul Metzger hier.

03.01.2009

PORTISHEAD: eine dekade rost







Erst wollte ich das nicht gut finden. Ich freute mich über den Verriss in der WIRE, weil alle anderen so von „Third“ schwärmten. Als ich das Album dann das erste Mal hörte, schämte ich mich für mein erbärmliches Checkertum, das immer alles erstmal schlecht machen muss, was so viele gut finden. Dass Portishead ein Jahrzehnt an dem Teil werkelten und dann zwischen die rostigen Maschinentracks einige provokante, raue Skizzen packen, zeugt von Größe und Humor. Extralob für den italienischen Vintage-Synthesizer und für Beth Gibbons stimmliche Verzweiflung.

02.01.2009

BOB DYLAN: bis zum hals in geschichte






Meine Dylan-Fan-Werdung habe ich irgendwo in den unendlichen Weiten des LÄRMPOLITIK-Blogs auch schon mal beschrieben. Hier nämlich. Seitdem hat meine Beschäftigung mit Zimmerman und seinen Verschränkungen mit der Kunstfigur Bob Dylan nicht nachgelassen. Daher kam die achte Folge seiner „Bootleg Series“ („Tell Tale Signs“) dieses Jahr gerade recht. Diesmal beschäftigt sie sich mit den Jahren 1989-2006. Und somit mit einer seiner besten Phasen überhaupt.

Wir hören Dylan, wie er bis zum Hals im American Songbook steckt (welches ja im Grunde seine Ur-Religion ist, auf die er alle anderen seiner Religionskonvertierungen übergestülpt hat, mal das Judentum, mal das Christentum) und wie er die inividuelle Bearbeitung desselben für sich als Autor beansprucht. Er scheint in dieser Phase zu merken, dass es seine einzige Rettung ist, nicht weiter nach Luft zu schnappen, sondern erst recht tief hinab zu tauchen. Das lässt ihn in Würde altern, weil er keiner Aktualität mehr hinterher rennt.

Auf der Do-CD ist einiges an Unveröffntlichtem zu finden, dazu Alternativversionen, Soundtrackbeiträge und auch Live-Aufnahmen (die aber durchaus auch weniger hätten sein können). Jedenfalls sind absolut großartige Songs dabei. Momentaner Lieblingssong: „’Cross The Green Mountain“, das Dylan für eine Doku schrieb („Gods and Generals“) und das zu jenen Geschichte und Generationen umspannenden Werken der einsamen Klassen gehört, wie z.B. „Misfits“ von Neil Young oder „He’s Simple, He’s Dump, He’s The Pilot“ von Grandaddy. Auch eine Live-Version von „High Water (For Charley Patton)“ ist auf dem Album zu finden, was mir erlaubt, gleich mal zu einem anderen Text von ZU-ZEITEN zurückzuspulen, nämlich denjenigen über den Schwerenöter Charley Patton.

01.01.2009

RON SEXSMITH: ausgänge finden

 



Als in Norddeutschland Aufgewachsener habe ich Romantik nicht erfunden. Daher benötige ich jedes Jahr eine romantische Platte, die mich auftaut und näher ans Wasser führt. Letztes Jahr war es Eleni Mandells „Miracle Of Five“. Dieses Jahr erledigte diesen gefühlvollen Job Ron Sexsmith mit „Exit Strategy Of The Soul“. Sehr guter, auf den ersten Blick eher unromantischer Albumtitel, wie ich finde. Ich mag die Vorstellung, dass der Seele Optionen offen gelassen werden, sie sich also eine Strategie überlegt hat, um den Ausgang zu finden. So bleibt mir die Möglichkeit, mich darüber in Träumereien zu ergehen und der Seele bei ihrer Suche zuzuhören. Deswegen kommt der Titel nämlich in Wirklichkeit hintenrum wieder sehr romantisch um die Ecke. Wie die Musik übrigens auch. Ach so, was ist zu hören? Ein großer kanadischer Songwriter, der mit einer hervorragenden (Southern-)Soul Band Musik spielt, die Paul McCartney seit Jahrzehnten nicht eingefällt, und wenn doch, hätte er sie nicht mit soviel Herzblut umgesetzt. Der erste Song ist übrigens eine sehr gefühlvolle, klassische Einführung namens „Spiritude“, die sehr an die traurige Schönheit einiger Beach Boys Musik erinnert.