17.12.2008

PUMICE: porentief beschmutzt

 


Neuseeland hat eine gewisse Tradition in lauter, fieser Musik, die in eigenbrötlerischer Sperrigkeit eine wohltuende, aber dadurch nicht minder zusetzende Hässlichkeit verbreiten kann. Und da Musik ja mittlerweile inflationär nach ihrer Schönheit beurteilt wird, bin ich vor einiger Zeit dazu übergegangen, der Hässlichkeit das Wort zu reden. Waren es in den 80er Jahren besonders die Tall Dwarfs oder auch mal The Clean oder Bailter Space, die dieses Feld bestritten, ist mir dieses Jahr die Einmann-Band Pumice mit „Quo“ ins Ohr gefallen. Vor keiner scharfen Kante haltmachende Musik, die sich aber nicht als improvisierter Krach erfindet, sondern immer in mit hinterhältiger Bedacht komponierten Songs passiert. Wie es mittlerweile modern ist, zieht auch Pumice mal ambiente, stark beschmutzte Schlieren in seine Tracks ein, die durch keinen Waschgang mehr herauszubekommen sind. Gerne lass ich mich von solch gekonnt verschmierten Schmutzstoffen dreckig machen.

Mehr zu Pumice (incl. Links) hier auf Zu-Zeiten.

16.12.2008

CHARLEY PATTON: kein kind von traurigkeit





Warum habe ich Charley Patton gehört? Weil ich den schmächtigen Mann, der auf dem einzigen mir bekannten Foto von ihm zu sehen ist, nicht mit dem rauen Blues und der aus tiefen Tiefen auftauchenden Stimme zusammen bekomme, die auf der 3er-CD „The Definitive Charley Patton“ zu erahnen ist. Rostige, rauschende Aufnahmen, die Patton in den Jahren 1929-34 aufnahm und die selbst damals nicht dem besten Stand der Studiotechnik entsprachen. War Patton ein Schwarzer? War er ein Weißer? War er ein Native American? Wer war Charley Patton? Man kann es nicht erkennen. Das ist das faszinierende an den alten Fotos und den Shellack-Aufnahmen aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts: Sie geben Geheimnisse nicht preis, sie häufen sie im Gegenteil eher an - jedesmal wenn man sich mit ihnen beschäftigt werden es mehr.

Im Booklet (und vor Jahren in der Spex) lese ich, Patton hatte auch noch anderes außer Blues gespielt, aber diese Sachen wurden nicht aufgenommen, denn nur der Blues ließ sich damals verkaufen (und Patton verkaufte sich sehr gut). Diese andere Musik und deren aufkratzende Präsentation muss es gewesen sein, die den ein oder anderen Farmbesitzer dazu bewog, den charmeurenden Patton vom Gut zu werfen, vielleicht weil er um die Moral seiner Arbeiter fürchtete. Patton war auch ansonsten bei Abendveranstaltungen kein Kind von Traurigkeit: Frauen in Gegenwart von ihren Männern anzubaggern, brachte seiner Kehle und seinen Stimmbändern irgendwann eine gefährliche Bekanntschaft mit einem Messer ein. Zu solchen Gelegenheiten spielte Patton sicher nicht Blues, sondern etwas direkter Animierendes zum Tanzen und Betatschen. Vielleicht wabert jene geheimnisvolle Musik noch irgendwo in den schalltragenden Luftmassen des unübersichtlichen Mississippi-Deltas, bereit, eines Tages mit Hilfe seltsamer Akkumulaturen eingefangen zu werden, auf Tonträger wurde sie jedenfalls nicht konserviert. Aus diesem Grund ist „The Definitive Charley Patton“ eines meiner Alben 2008 nicht nur wegen der Musik, die tatsächlich zu hören ist, sondern auch wegen derjenigen, die dahinter zu erahnen ist.

15.12.2008

DENNIS WILSON: seltsam wund




Die einzige Solo-LP, die Beach Boy Dennis Wilson fertigstellte, nämlich „Pacific Ocean Blue“ von 1977, wurde dieses Jahr mit diversen Bonustracks üppigst als Do-CD wiederveröffentlicht. Großartige, an den Beach Boys orientierte Musik kalifornischer Couleur der Mitsiebziger Jahre, als einige Helden der Sechziger Jahre ihre ersten (und manchmal auch letzten) Krisen bekamen, viel, viel Geld für Studiozeit und diverse Mitmusikanten draufging und die Drogen der vergangenen Jahre ihren körperlichen und seelischen Tribut verlangten. So fällt die Musik (und besonders die Stimme) Dennis Wilsons manchmal in beeindruckender Erschöpfung in sich zusammen, weil sie die Last ihrer Verantwortung ganz alleine kaum zu tragen imstande ist, um dann wieder voll und perfekt in verschwenderischen Arrangements zu baden. Mir fiel beim Blättern im reich bebilderten Booklet irgendwann auf, wie der bärtig zugewachsene und gesundheitlich angegriffene Wilson sich auf den Fotos an alles mögliche anlehnt: An seinen Bruder Brian, an seine Frau, an seine Kinder, an Pfeiler riesiger Brücken, die so tun als könnten sie den ganzen Pazifik umspannen. Zusammen mit der seltsam wunden Verfassung einiger Songs hat mich dieses Anlehnungsbedürfnis sehr berührt. Die remasterte CD klingt übrigens nicht viel anders als das Original-Vinyl von 1977, nämlich toll.

14.12.2008

VALET: kosmos im rückenhaar






Valet ist unter ihrem richtigen Namen (?) - Honey Owens - verbandelt mit einer von mir geschätzten Feedback- und Zeitlupen-Folk-Schwierig-Schwierig-Combo aus Portland, Oregon, namens Jackie-O Motherfucker. Ich tausche jedoch deren Werk gerne ein gegen Valets zweites Album „Naked Acid“, meinem diesjährigen dronigen Favoriten. Wieder einmal muss ich mein Faible für Schamanenmusik eingestehen, die hier nicht selten auf dem poppigen Rücken der britischen 80er-Jahre-Psychedeliker Spacemen 3 ausgetragen wird. Man muss auch die ein oder andere Esoterik-Kröte schlucken, zumindest wenn man Honey Owens in Interviews hört, wo sie gerne mal fühlt, dass das Geheimnis des Universums in der DNA eines Walknochens verborgen sein könnte. Dass das Geheimnis des Universums auch in einem besonders langen Rückenhaar des Typen von den Fabulous Diamonds verborgen sein könnte, verschweigt uns Owens allerdings. Das macht aber gar nichts, denn egal woraus sie ihre Inspiration zieht, wenn ein so erhabener Bastard aus Ambient, Blues, Raga und Voodoo-Psychedelik dabei herauskommt, glaube ich ihr alles. Einer der Tracks erinnert in seinem uferlosen E-Gitarren-Improvisationsgeschüttel sehr an die Kumpel von Jackie-O Motherfucker und heißt entsprechend liebevoll „Fuck It“. Der Rest ist aber noch besser.