25.10.2008

PAUL METZGER: raga zoink! (extended edition)




Ein geheimes Handlungspapier in der Schublade meines Vertrauens skizziert ein grob geplantes Projekt, welches sich mit einer Performance auf einem präparierten Banjo beschäftigt. So wollte ich zwar nicht reich, aber immerhin berühmt werden in abseitigen Zirkeln, die sich mit dunkler, primitiver Musik beschäftigen. Zwar kann ich kein Banjo spielen, ja ich beherrsche auch ansonsten kein Instrument, aber das wollte ich dann schon lernen.

Dann entdeckte ich Paul Metzger, US-amerikanischer Banjo- und Gitarrenspieler aus Saint Paul, Minnesota, der meinen Plan augenblicklich zu Staub zerfielen ließ. Metzger spielt auf einem 21-saitigen prepaired and modified banjo (und auf einer heavily modified acoustic guitar) eine dermaßen virtuose, klirrende und von allen Ketten befreite Raga-delia, dass mir augenblicklich klar wurde, dass ich noch nicht mal in drei Leben auch nur annähernd in die Nähe dieser Kunst kommen würde. Mir blieb nur die Möglichkeit, in Windeseile alles an mich herantragen zu lassen, was dieser Mann auf Trägermedien veröffentlicht hat.

Paul Metzger spielt und zerrt und schlägt das ins Heute, was andere Spieler wie John Fahey, Jack Rose, Sandy Bull oder Peter Walker aus amerikanischen und indischen Einflüssen entwickelt haben. Ganz typisch für Metzger: Ein Gleiten und Stocken des Stroms. Die meist sehr langen Tracks entwickeln sich oft zu Stop-And-Go-Ragas, die ihren Weg kurz in kontemplativere Szenen finden oder in die Resonanz des Klangkörpers, wenn Metzger ihn mit der flachen Hand schlägt. Dann wieder zieht das Tempo schwindelerregend an, ein Motiv schält sich heraus, es taucht verändert auf und ab. Faszinierend ist, wie Metzger ständig sucht und sucht - und wenn er etwas findet, das es ihm Wert erscheint, schmeckt er diesen Fund durch, er sucht also selbst noch in dem, was er findet, etwas Neues, Besseres, Aufregenderes.

Dass Metzger von gänzlich unelitärem, dem Hässlichen nicht abgeneigten Punk und seinen freieren Ensemble-Spielarten wie Free- und Post-Rock kommt, ist seiner Musik immer anzumerken. Das macht sie weitgehend resistent gegen Verkopfung. Metzgers Musik hat stattdessen immer einen Körper, der gefordert wird, der sich auf dem Erreichten nicht ausruhen kann. Wird es zu bequem, knallt Metzger einen „Hallo wach!“-Akkord rein, der schmerzt und im Ohr sirrt. Dann wieder wird eine sanftere Fährte gelegt, bei der man aber nie sicher sein kann, welche Kreatur an ihrem Ende warten wird. Eine enorm spannenden Musik ist das.

Am Besten finde ich Metzgers Forschungen, wenn er sie auf seinem 21-saitigen Banjo begeht. Der harte, metallische Klang wird durch die Extrasaiten in tausend schnarrende Zwischentöne zerplittert. Ein Sound, vollständig gegen Kitsch gewappnet, zerlegt die Traditionen des Instruments in improvisierte, aber durchaus wiedererkennbare Einheiten.

Metzgers letzten beiden Studio-Veröffentlichungen möchte ich besonders empfehlen: „Deliverance“ von 2007 findet noch den ein oder anderen gut nachvollziehbaren Anker in Folk- und Raga-Elementen, auch wenn Metzger die Grenzen schon weit überschreitet, hin zu freien und fordernden Gestaden. Bereiche, in denen meines Wissens noch kein Banjo zuvor so virtuos malträtiert wurde. Drei Tracks zwischen 9:32 min und 31:07 min sind enthalten.

Metzgers letzte (und radikalste) Platte trägt bezeichnenderweise den (deutschen) Titel: „Gedanken Splitter“, was aufs Beste beschreibt, dass es hier nicht um ein wohliges großes Ganze geht, sondern um Widersprüche, Gedankenschleifen und Übersprungshandlungen. Die drei Stücke tragen deutsche Titel: „Geschenk“, „Zugentgleisung“, „Gedanken Splitter“. „Geschenk“ ist eine sechsminütige, schafkantige Meditation, bei dem Metzger sein Banjo mit einem Geigenbogen bearbeitet. „Zugentgleisung“ entwickelt sich zu einer aberwitzig gefährlichen Schussfahrt. Metzger lässt die Saiten scharren und rauschen, jäh bremsen und rasen. Der letzte Track „Gedanken Splitter“ lässt mehrere Themen kummulieren und wieder auseinander driften. Ein Spiel mit Assoziationen, ruhigeren Parts und stressigeren Überlagerungen. Ganz so, wie sich auch Gedanken überlagern und an Assoziationen entzünden. Spannend, abwechslungsreich und radikal. Meine Platte des Jahres.

Warum schreibe ich das alles? Darum:

Paul Metzger spielt am 27.10. im Kölner „Stadtgarten“!

Ich hatte gehofft, er würde auch nach Hamburg kommen. Aber leider habe ich nur diesen einen Deutschland-Termin gefunden.

Soundbeispiele:

Ausschnitt aus „Orans“ vom „Deliverance“-Album

Ausschnitt aus „Zugentgleisung“ vom „Gedanken Splitter“-Album

Ausschnitt aus der Performance von Paul Metzger am 26.10.2008 in Prag. In der zweiten Hälfte ist Daniel Meier an der schwindelig machenden Violine zu hören. Passen gut zusammen, die beiden.

22.10.2008

HONIG: atem anhalten








HONIG: treehouse

2008



Auch wenn ich um den subversiven Charakter weiß, der einen mit Metaphern von Bienen und Honig umschwirren kann, möchte ich dem Stefan Honig manchmal seine Freundlichkeit ganz sanft um die Ohren hauen oder wie Obelix kräftig am Baum rütteln, damit der liebe Mensch da oben aus seinem Baumhaus auf den harten Boden der Wirklichkeit herunterfällt. Und dann ist es Stefan Honig plötzlich selbst, der einem die Wirklichkeit um die Ohren haut: Von seinem Baumhaus fliegt eine summende Biene auf meinen Zungengrund, und während Honig meine Reaktion beobachtet, krabbelt die Biene meinen Rachen hinunter, begleitet von lieblichem Geflöte und schunkelndem Chor: „If you could hold your breath ‚till the swelling pass/ You could still be with us next morning“.

Und dann wieder benötige ich sie doch, die erhaben schreitende Welt aus Melancholie und Fernweh, die Herr Honig an der Gitarre zusammenspielt, während sein Kompagnon Jan Sedgwick Piano und Streicher und Beats addiert. Das fängt schon mit dem ersten Song, „In full make-up“, an: Aus der Ferne erklingt ein gutmütiges Summen, ein gemächliches Tempo setzt ein, ich fühle mich recht wohl, bis mich ein Trompetenmotiv plötzlich aus dem Trott holt und auf einen Thron hebt, als wäre ich plötzlich König. Irgendwie weiß man ab da schon, dass das was wird mit Honig. „Brand New Bike“, der nächste Song, ist ein Bastard aus Prefab Sprout und Sufjan Stevens, steht also auf jener Seite reflektierenden Pops, die aus ihrem privaten Umfeld und deren Übertragung auf das Weltengefüge ihre Inspiration holt. Ein sehr charmanter Chor lässt mich an „Illinois“ denken, ich lasse das als leicht zu lösenden Rätsel einfach mal so stehen.

Dann, mit „One“, kommt mir während eines Instrumentalparts plötzlich John Cale in den Sinn (obwohl der gar nicht auf Honigs Myspace-Site als Einfluss genannt wird - aber ist es nicht eher ein Merkmal von anregender Transzendenz, wenn man etwas heraushört, was gar nicht hineingelegt wurde?). Wie Cale auf „Mr. Wilson“ einem gewissen Beach Boy namens Brian seine Ehrerbietung macht, so bilde ich mir ein, „One“ wäre im Bezug dazu eine Hommage der Hommage der Hommage - und nun, wo meine Gedanken an John Cale entzündet sind, höre ich auch plötzlich eine unbestimmte Angst und eine Sehnsucht nach Verständnis, die sich hinter Stefan Honigs Gutmütigkeit verbergen könnte. „One“ ist sowieso sehr großartig, weil so üppig auf große Nummer gemacht und auch gebracht. Ein Strudel, der mich zum Ende hin vollständig in sich reinzieht, und wenn der Schluss dann viel zu schnell kommt, heißt es „festhalten“, sonst kreiselt man sich noch aus lauter Euphorie aus dem Baumhaus heraus.

Es sind auch traurige Songs dabei, die aber in der Traurigkeit nicht verharren, sondern sich durch einen upliftenden Refrain oder eine andere überzeugende Idee darüber hinwegheben, ohne die Traurigkeit damit zu verdrängen. Es ist nicht einfach, auf diesem Grad emotionaler Zustände zu wandern, ohne das eine mit dem anderen zu neutralisieren. Stefan Honig gelingt es aber. Und meist gelingt es mit den Werkzeugen, die auch Sufjan Stevens ein paar tausend Kilometer weiter westlich benutzt: Eine Werkbank aus Folk und Pop, darüber hängen einige holzige Resonanzkörper: Gitarre und Kontrabass, Vibraphon und Blockflöte, Perkussion und Streicher. Sie dürfen viel Schönes spielen, etwas, was ihnen von einem sehr talentierten Songschreiber eingeflößt wurde. Sie dürfen aber auch mal zupacken.

Stefan Honig singt mit einer vorsichtigen Stimme Verse, die eher undistanziert als persönliches Ich am Song teilhaben. An manchen Stellen habe ich den Eindruck, diese geringe Distanz lässt ihn seine Musik etwas zu süß auftragen, als würde er Angst haben, Lücken zu lassen, durch die man seine dünnwandige Behausung entdecken könnte, so wie auch ein Baumhaus im Herbst immer mehr Gefahr läuft, enttarnt zu werden, je mehr Blätter den Baum verlassen und den Blick schmerzlich freigeben auf etwas Wankendes und Schutzloses. In diesen Momenten denke ich kurz, er will zuviel, der Honig. Zuviel Beschützendes, zuviel Harmonie. Ich spüre aber bald: es liegt an mir, weil ich als alter Skeptiker soviel Gutes und Schönes gar nicht ertrage. In Wirklichkeit ist hier nämlich kein Ton zuviel, nur erwarte ich solch reichlich durchdachte Arrangements nicht unbedingt auf einer Indie-Platte aus Düsseldorf.

Mein liebster Song ist vielleicht „Paper Bag“, wo Honig das Tempo anzieht, Geigen exakte Kanten bilden, ich denke fast an Philly-Streicher. Es wäre doch gelacht, könnte man daraus nicht einen mitreißenden Disco-Track remixen! Musikalisch ist „Treehouse“ eine der ausformuliertesten und kurzweiligsten Platten, die mir im Bereich von ungrellen - und Gottseidank unschrammeligen - Popsong-Platten in letzter Zeit so untergekommen ist. Über den Songs wacht ein Mann mit wahrem Talent. Schau einfach nach oben, dann kannst du ihn um so deutlicher in seinem Baumhaus entdecken, je länger du dich an das Astgewirr gewöhnst. Irgendwann wird Stefan Honig herunterklettern und erwachsen sein.



VÖ: 31.10.2008 über Alison/ Babsies Diktatur/ Cargo CD, LP & Digital
www.honigsongs.de
www.alison-records.de
www.babsies-diktatur.de

03.10.2008

TUWP: Wir kommen um zu begründen!





Das Tell-Us-Why-Projekt (TUWP) des Intro.de-Forums trifft sich im realen Leben am Samstag, 22.11.2008, in der Hasenschaukel zu Hamburg. Ab 19 Uhr.




Um dem Listenwahn ein wenig Sinn abzuringen und von stumpfer Titelaufzählung zu befreien, ersonnen vor gut einem Jahr ein paar unerschrockene User des Intro-Forums eine Möglichkeit, wie das Listenwesen endlich Spaß, Unterhaltung und Erkenntnis bieten könnte: Man soll nämlich bitte seine Wahl der 50 liebsten Platten begründen(!). So entstand auf Intro.de/forum das erste "Tell-Us-Why-Project"! Das Projekt wurde ein großer Erfolg, dem bereits weitere Projekte nachfolgen. Nun gibt es ein erstes Treffen der Beteiligten im realen Leben, und zwar in der schnuckeligen Hasenschaukel!

Der Plan: Musik wird gespielt und von den Anwesenden goutiert, zerrupft oder ausgebuht - oder einfach als Soundtrack zum Kennenlernen genossen. Ein halbes Stündchen Zeit zum Auflegen hat jeder TUWP-Delinquent, in der er seine intimsten musikalischen Intimitäten entblößen darf. Da es im Tell-Us-Why-Projekt eben gerade nicht nur um das reine Abspielen von Lieblingsmusik geht, sondern um die textliche Beschmückung derselben bzw. die Begründung der Wahl, werden formschöne Büchlein verteilt, als wären sie geheime Asse im Ärmel, die zu zücken erlaubt ist, wann immer man Muße dazu findet. In ihnen werden ausgewählte Texte zur Musik stehen, sie werden somit Bestandteil der Inszenierung.

'N paar Promis sind auch da: Das Hamburger Urgestein des frühen und leidenschaftlichen Schreibstils der SPEX, Lars Brinkmann, wird zugegen sein und die ein oder andere akustische Verwüstung anrichten. Düsseldorfer Star-DJs mit Poppervergangenheit sind ebenfalls im heterogenen Haufen des TUWP-Packs zu finden und werden an diesem Abend nicht umhin kommen, auch mal zum Tanz zu bitten. Desweiteren haben sich Gäste aus Köln, Düsseldorf, Kiel, Berlin und vielleicht sogar aus Österreich und der Schweiz angekündigt.

Damit die ganze In-Crowd-Bagage nicht nur bräsig sich selbst feiert, wäre es sehr hilfreich, wenn sich viele interessierte Gäste unter das Volk mischen könnten, um mit gezielten Statements und Fragen zu erfrischen und zu verwirren.

Denn: Es geht ums Kennenlernen! Wer versteckt sich hinter welchem Text? Wie geht das, was ich gelesen habe mit dem Urheber zusammen, der da vorne gerade steht? Das sind die Fragen, die wir lösen wollen, während im Hintergrund beste Platten aller Zeiten laufen. Bitte lauft alle mit! Denn egal, was du an jenem Abend hörst, es ist mindestens einem Menschen im Raum ans feuerrote Herz getackert.

Ja, und wer weiß, vielleicht haben auch die tapferen Beteiligten des kleinen Tell-Us-Why-Projekts mit ihren Beiträgen im Forum des Intro-Magazins ein klitzekleines Bisschen dazu beigetragen, dass Intro.de in diesem Jahr der Grimmepreis zuerkannt wurde…

Werner Ahrensfeld