28.09.2008

NEIL YOUNG with CRAZY HORSE: unten am fluss






NEIL YOUNG with CRAZY HORSE

Everybody Knows This Is Nowhere

1969




Photo by Robert Altman

Wenn „Cinnamon Girl“ anfängt, höre ich das Intro-Riff schon ganz leise vorher, wie ein Echo, das vor dem Knall kommt. Das passiert wahrscheinlich deswegen, weil auf meiner italienischen Billigpressung von „Everybody Knows This Is Nowhhere“ die Rille so eng aneinander liegt, das in ihr schon Informationen vorhallen, die eigentlich erst in der nächsten Plattenumdrehung zu hören sein sollten. Sie kommen aus der Zukunft, wenn man so will. Und sie bereiten mich vor auf das, was dann kommt.

Ich habe „Down By The River“ immer als Parabel verstanden über den Impuls, das zu zerstören, wonach man sich am meisten sehnt, ausgerechnet in dem Moment, in dem die Sehnsucht wahr zu werden „droht“. Aus diesem Stoff werden große Romane und Theaterstücke geschrieben. Shakespeare, der die Geschehnisse der menschliche Psyche ganz tief unten am Fluss beschreiben konnte, muss das einfach thematisiert haben, auch wenn mir gerade kein Beispiel dazu einfällt (vielleicht steckt etwas davon in Othello, der, von eingeimpfter Eifersucht angestachelt, seine geliebte Desdemona erdrosselt). Im Film ist es John Wayne, der in „The Searchers“ von John Ford von rastloser Sehnsucht (nach Rache oder nach Liebe, wer kann das schon sagen) getrieben wird und in dem Moment, wo sie sich erfüllen könnte, weiterzieht und weiter zerstört. Die unübertroffene musikalische Königsversion davon ist für mich jedenfalls „Down By The River“:


Be on my side, I’ll be on your side, baby

There is no reason for you to hide

It’s so hard for me staying here all alone

When you could be taking me for a ride.

Yeah, she could drag me over the rainbow, send me away

Down by the river I shot my baby

Down by the river,

Dead, oh, shot her dead.


Die neun Minuten pendeln zwischen der Sehnsucht, der sie zerstörenden Tat selbst und dem Bedauern danach hin und her, und nehmen jede Facette zwischen den Pendelenden gleich mit. Eine moderne Mordballade für die Ewigkeit.


Jeder Song ein Klassiker für mich: Die 10 Minuten Crazy Horse Wahnsinn „Cowgirl In The Sand“, das fließende, noch an Buffalo Springfield erinnernde „The Losing End“, falls sie sich mehr in Richtung Country getraut hätten, an das flehende „Running Dry“ mit der unglaublich bittenden (fast bettelnden) Fiedel; der Titelsong, der noch einmal an die Westcoast erinnert - der einzige halbwegs unschuldige Song auf der Platte; „Round & Round“, der zeigt wie schwer es ist, seine eigenen Illusionen zu überwinden und mit wieviel ausbremsender Anstrengung die Tränen unter der Oberfläche gehalten werden. Da müsste man noch einiges zu schreiben. Ich kann es aber nicht. Irgendwann muss auch mal Schluss sein.

17.09.2008

WOVENHAND: auf steinen wachsen keine blumen

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Gerade gekauft, rotiert das schwarze Ding auf dem Teller, als wäre es die Scheibenerde und wir feiern die Wintersonnenwende mit Menschenopfern. Also alles wie gehabt, nur diesmal mehr geerdet und weniger bemoost wie der Vorgänger "Moosaic" (Brüller!).

Nach dem ersten Erleben sage ich: toll! Man muss jedoch Wovenhand mögen. Mag man diese dräuende Gruppe mitteljunger Männer aus Denver, Colorado, eher nicht, dann wird man sie auch mit „Ten Stones“ keinen Deut mehr ins heidnische Herz schließen. Mag man seit jeher 16 Horsepower lieber als Wovenhand, dann wird man von "Ten Stones" vielleicht als bestes Wovenhand-Werk sprechen.

Zu dieser Platte passt kein Film, sondern ein Marktschreier und Geschichtenerzähler, der mit seinem alten Gaul durch die Lande fährt und sich auf Viehmärkten aufstellt, um auf billigen Holztafeln die Bibel frei nachzuerzählen und mit kleinen, fiesen Einzelheiten zu schmücken. Denn man soll sich vor seinen Geschichten fürchten und sich nicht an ihnen erfreuen. Daher werden auch harte, gnadenlose Steine verteilt und keine zarten Blumen.



WOVENHAND: Ten Stones

12.09.2008

WILLIAM BASINSKI: sterbende musik (remix of "Zu Staub gespeichert")


William Basinski
The Disintegration Loops (2002)
The Disintegration Loops II (2003)
The Disintegration Loops III (2003)
The Disintegration Loops IV (2003)












Anfang 2001 beschäftigte sich der in Brooklyn lebende Musiker und Komponist William Basinski damit, einige analoge Bandschlaufen, die er bereits 1982 aufgenommen hatte, zu archivieren und zu digitalisieren. Die Musik bestand meist aus getragenen Synth-Streicher-Motiven, im Loop in erhabene Bewegung versetzt. Für Basinski ein Sound, den er untrennbar mit seiner Jugend und den räumlichen Dimensionen pastoraler amerikanischer Landschaften verband. Basinskis „Lost Paradise“, wie er es in den Liner-Notes zu den Disintegration Loops beschreibt. Beim Abspielen der Tonband-Loops mit der Bandmaschine bemerkte Basinski erschrocken, wie sich die Musik mit zunehmender Runde verzerrte und ausdünnte. Das Band verlor mit jeder Umdrehung Eisenoxid-Partikel. Zurück blieben immer mehr leere Stellen, bis schließlich fast alle Partikel nach und nach zu Staub zerfallen waren. Am Ende war nur noch ein durchsichtiger Plastikfilm übrig, an dem noch vereinzelt kleine Stellen mit Eisenoxid beschichtet waren. Aufgewühlt verfolgte Basinski, wie der Träger all der Emotionen und Bilder, die er mit den Loops verband, unwiderruflich in das Innere der Bandmaschine rieselte. Basinski hörte seiner eigenen Musik beim Sterben zu.
William Basinski verfasste noch ein Postscriptum zu seinem Einleitungstext der Disintegration Loops, nachdem er unmittelbarer Zeuge eines anderen, ungeheuerlichen Zerfalls wurde: Er sah mit eigenen Augen vom Dach seiner Wohnung, eine „nautische Meile“ entfernt, die Türme des World Trade Centers zusammenstürzen. Geschockt beobachtete er, wie die Feuer bis in die Nacht hinein brannten, während im Hintergrund die Disintegration Loops liefen. Er widmete sie daher den Opfern (den Toten und den noch Lebenden) des Attentats. Man muss die Musik aber nicht zwingend damit verknüpfen, es reicht schon aus, die feinen Eisenpartikel immer weiter vom Tonband abbröseln zu hören, dem bisweilen sehr einsam machenden Fortgang des langsamen Verschwindens der Musik beizuwohnen, dessen Schrecken und Trauer in der Transformation auf ein anderes, vielleicht dauerhafteres Medium auch etwas tröstliches innewohnt.
Ich schrieb einmal im Halbrausch zur Doppel-CD „Koen“ des Belgiers Jürgen de Blonde alias Köhn als Quintessenz seiner elektronischen, prozessual entstandenen Musik, dass man daraus lernen könne, dass Verzerrung Schönheit nie zerstört (auch wenn der Begriff ‚Schönheit’ in der Kunst arg strapaziert wird). Dies passt auf die Disintegration Loops von Basinski mindestens genauso gut.
Auch kamen mir die Disintegration Loops in den Sinn, als ich einmal in einem Musik-Forum eine Diskussion über das Popkultur-Dauer-Thema ‚Idealer Popsong’ verfolgte. Legt man einem Popsong Elemente des Dramas, der Wiedererkennbarkeit, der Wiederholung und dessen Variierung zugrunde, dann haben die besten Disintegration Loops der vier CDs alles, was ein perfekter Popsong benötigt.
Sie lehren mich zudem noch, was prozessuale Musikproduktion bedeuteten kann, nämlich etwas entstehen zu lassen, was aus rein bewusstem, immer steuerbarem Komponieren nie hätte entstehen können. Oder wäre ein Konzept wirklich vorstellbar, bei dem man Magnetbänder 19 Jahre einlagert und verrotten lässt, um sie dann vom Abrieb des Tonabnehmers Loop für Loop langsam zerbröseln zu lassen, und aus der sich als Folge davon nach und nach eine derart hochemotionale Musik mit jeder Umdrehung weiter verdichtet, je mehr Informationen die Musik verliert?



Die Disintegration Loops sind als "Full Tracks" auf last.fm anhörbar.

04.09.2008

BOBBIE GENTRY: tanzdress als letzte chance des lebens








Der kühl Wissende in mir wirft Bobbie Gentrys „Fancy“ (1970) in die Runde viel zu wenig bekannter Tanzflur-Supersongs. Eher ein episches Teil, bei dem man einfach auf dem Flur bleibt, weil es dort so lauschig und wogig und soulig zugeht. Da nimmt man gerne mal einen synkopierten Beat an, fährt sich runter im Tempo, lässt sich einsaugen und wieder dynamisieren, genießt ein kommentierendes, kurzes Trompetenmotiv und singt den umwerfenden Refrain mit - mit Stimme und allem anderen, was der eigene Körper noch so zu bieten hat:

Here's your one chance, Fancy, don't let me down! /
Here's your one chance, Fancy, don't let me down /
Lord forgive me for what I do /
but if you want out well it's up to you /
Now get out girl, you better start movin' uptown


Mit diesen Instruktionen einer Mutter an ihre Tochter beginnt die Unternehmung: Geh in die Stadt und schnapp dir reiche Typen, damit du aus der Scheiße rauskommst. Sie tut’s und sie bereut es nicht. Ich mag es, wenn lange Geschichten erzählt werden auf dem Floor. Festhalten, bitte:


Well, I remember it all very well lookin' back
It was the summer that I turned eighteen.
We lived in a one-room, run down shack
on the outskirts of New Orleans.

We didn't have money for food or rent
to say the least we was hard-pressed
when Momma spent every last penny we had
to buy me a dancin' dress.

Well, Momma washed and combed and curled my hair,
then she painted my eyes and lips.
Then I stepped into the satin dancin' dress.
It had a split in the side clean up to my hips.

It was red, velvet-trimmed, and it fit me good
and standin' back from the lookin' glass
was a woman
where a half grown kid had stood.

She said, "Here's your last chance, Fancy, don't let me down!
Here's your last chance, Fancy, don't let me down.
God forgive me for what I do,
but if you want out girl it's up to you.
Now get on out, you better start sleepin' uptown."

Momma dabbed a little bit of perfume
on my neck and she kissed my cheek
Then I saw the tears welling up
in her troubled eyes as she started to speak

She looked at our pitiful shack and then
she looked at me and took a ragged breath
She said, Your Pa's runned off, and I'm real sick
and the baby's gonna starve to death.

She handed me a heart-shaped locket that said
"To thine own self be true"
and I shivered as I watched a roach crawl across
the toe of my high-healed shoe

It sounded like somebody else was talkin'
askin', "Momma what do I do?"
She said, "Just be nice to the gentlemen, Fancy.
They'll be nice to you."

She said, "Here's your last chance, Fancy, don't let me down!
Here's your last chance, Fancy, don't let me down.
God forgive me for what I do,
But if you want out girl it's up to you
Now don't let me down,
now get on out, you better start sleepin' uptown."

That was the last time I saw my momma
when I left that rickety shack
The welfare people came and took the baby.
Momma died and I ain't been back.

But the wheels of fate had started to turn
and for me there was no other way out.
It wasn't very long after that I knew exactly
what my momma was talkin' 'bout.

I knew what I had to do.
Then I made myself this solemn vow:
I's gonna to be a lady someday
though I didn't know when or how.

But I couldn't see spendin' the rest of my life
with my head hung down in shame.
You know I mighta been born just plain white trash.
but Fancy was my name.

She said, "Here's your last chance, Fancy, don't let me down!
Here's your last chance, Fancy, don't let me down.
God forgive me for what I do,
but if you want out girl it's up to you.
Now get on out, you better start sleepin' uptown."

Wasn't long after that a benevolent man
took me in off the streets
One week later I was pourin' his tea
in a five roomed penthouse suite.

Since then I've charmed a king, a congressman
and an occasional aristocrat
and I got me an elegant Georgia mansion
and a New York townhouse flat.

Now I ain't done bad

Now in this world there's a lot of self-righteous
hypocrites who call me bad.
They criticize Momma for turning me out
No matter how little we had.

But I haven't had to worry 'bout nothin'
now for nigh on fifteen years
But I can still hear the desperation
in my poor mommas voice ringin' in my ears.

"Here's your last chance, Fancy, don't let me down!
Oh, here's your last chance, Fancy, don't let me down.
God forgive me for what I do,
but if you want out girl it's up to you.
Now get on out, you better start sleepin' uptown.


Lyrics c&p von www.cowboylyrics.com.
:)

Unglaublich guter Song. Es gibt Tage, da gibt es nur Bobbie Gentry und "Fancy".

Zu finden ist der Song auf „Country Got Soul - Volume Two“, zusammengestellt von Jeb Loy Nichols (Fellow Travellers). Großartige Compilation! Ebenso natürlich „…Volume One“!

03.09.2008

NEIL DIAMOND: warum ich nicht zu seinem konzert gegangen bin









Neil Diamonds Musik kann nur dann für mich erträglich sein, wenn man Teile davon abtrennt und in andere Zusammenhänge stellt. Nichts anderes bedeutet es, wenn Rick Rubin sich seiner annimmt: Er streicht Neil Diamond aus Neil Diamonds Kunst heraus und ersetzt ihn durch Leere und empfindliche Studiomikrophone. Bei der Version von „Girl You’ll A Woman Soon“ von Urge Overkill in Pulp Fiction funktioniert das ähnlich gut: Neil Diamonds Pomp wird gehärtet und in den Zusammenhang eines Groschenroman-Plots gestellt. Dann macht Diamonds Musik auch Sinn.

Wenn Neil Diamond aber ohne Einfluss von außen seine Kunst aufführt, kann nur schwerer Neil-Diamond-Sirup dabei herauskommen. Zu keiner Sekunde hätte ich Lust, mir den Typen live anzuschauen. Er ist dann einfach viel zu nahe bei sich selbst.


Foto: Ron Galella, WireImage.com