31.08.2008

WOVENHAND: zehn steine für ein hallelujah




Wer erinnert sich nicht noch an die halluzinatorische Plattenkritik des Wovenhand-Albums „Mosaic“, die ich zu Beginn des Jahres 2007 nach unserer Zeitrechnung in einem zwanzigminütigen prä-alttestamentarischen Wahn in die Steintafeln von „Zu-Zeiten“ meißelte? Ich denke, niemand.

Nun, drei Jahre später, steht ein neues Album unserer liebsten Glaubenskrieger an. Erscheinen wird es uns im Jahre des HErrn 2008, am Tage 9 des Monats September. Zehn Steine wird es uns bringen, auf dass wir werfen sie in unsere Abspielgeräte, um zu hören die gewaltige Musik von Wovenhand!

30.08.2008

GIANT SAND: neues album








Der gute und zähe Howe Gelb arbeitet weiter an seiner Kunst, unbeirrt vom größeren Erfolg der ungleich weichgewascheneren Variante von Desert-Dingens, die seine ehemaligen (und zwischendurch immer wieder) Mitstreiter unter Calexico veröffentlichen. Letztere sind zwar auch wieder mit Neuem am Start, aber hier will ich einzig und alleine darauf hinweisen, dass es EINE NEUE PLATTE VON GIANT SAND GIBT. Die da heißt: PROvisions. Gehört habe ich sie noch nicht, aber sie soll wieder etwas milder ausfallen. So sieht's aus ...








... und aus dieser Wüste kommen die meisten Beteiligten.

27.08.2008

TOM WAITS: uh! hah! uh! hah! bummbumm! hak! ah!






Tom Waits
Real Gone
2004

Fiese kleine Drecks-Lieblingsplatten sind gerade gut genug für eine übel riechende Nennung auf diesem extrem unanständigen ZU-ZEITEN-Blog. Amoralisch. Widerlich. Ekelerregend. Hinterhältig verstecken solch kleinkriminelle Platten ihre Qualität hinter hässlichen Oberflächen. Ihre Töne führen in Sackgassen, die noch keine Müllabfuhr je betreten hat. An ihren scharfen Kanten wartet die Kretze. Wer hat sich nicht als Kind das aufgeschlagene Knie mit Sand eingerieben, damit es schneller heilt? Ich habs getan. Straßenschmutz in den aufgeschürften Stellen zeugen noch heute davon.

Ich werfe daher eine Platte in die Runde, die nicht nur schmutzig ist - sie wurde sogar in der Toilette aufgenommen! Gesungen vermutlich unter der Klospülung, besuhlt mit rostigrotem Spülkastenwasser. Warum tat Tom Waits ihr das an? Weil’s anders nicht funktioniert hat! Sie haben’s versucht, die Typen um Waits - Marc Ribot, Larry Taylor, Sohnemann Casey Waits. Haben erst Waits Badezimmer-Demos ganz normal nachgespielt, haben versucht, seine ausgestossenen Perkussionslaute (UH! HAH! UH! HAH! BUMMBUMM! HAK! AH!) mit normalem Schlaggerät hinzubekommen. Haben alles ausprobiert, im Studio, nachdem sie sich brav die Hände gewaschen haben, diese Dreckssaubermänner! Ging aber nicht, klang nicht, funktionierte nicht, rieb sich nicht, die Scheisse erreichte nicht den Ventilator, der Dreck verteilte sich nicht, die Wirkung war nur ein Furz.

Da hat Waits einfach die Demos genommen (UH! HAH! UH! HAH! BUMMBUMM! HAK! AAH! HU! YA!) und die Superdupermusikanten mussten primitive Drecksakkorde darauf verteilen. Ihre tollen Musikerfähigkeiten konnten sie sich sonstwo hinstecken. Wenn die Scheisse nicht zum Ventilator kommt, dann kommt halt der Ventilator zur Scheisse.

Tom Waits musste sich erst 31 Jahre im Dreck und Bretterstaub zweifelhafter Etablissements und Theaterbühnen suhlen, bevor es ihm gelang, im eigenen Badezimmer seinen wertvollsten Schatz zu heben. Und wenn man dreckig ins Badezimmer geht und dort dann nur singt und klappert, schreit und nuschelt und klopft, dann geht man auch dreckig wieder raus.

Apropos dreckig: Den Menschen geht es nicht gut auf „Real Gone“, sie sind wirklich weg vom Fenster, verlassen, verraten, verstört, herumkommandiert. Waits versteht sie, er baut ihnen eine Heimstatt aus Schmutz, Holzsplittern und Metallspänen. Eine Heimstatt aus Rhythmus, denn der ist näher dran an Elend, ist direkteres Drama, und geht nicht den schnöseligen Umweg einer abmindernden Melodie, wie es vielleicht gut betuchte Bildungsbürger tun würden, weil sie zu viel zu verlieren haben, wenn es einfach mal Bumm-Tschak macht.

"Real Gone" klingt wie der am weitesten fortgeschrittene Punkt einer Jahrhunderte währenden Evolution alter, primitiver Musik. Einer unglaublich virtuos entwickelten Primitivität, bei der man ständig die Abtastnadel prüft, ob sie zuviel Staub aufgefangen hat, um dann im nächsten Moment mit einem hässlichen Ratscher zum schwarzen Loch in der Mitte zu schlittern. Sie tut es aber nicht, die Nadel ist das einzige, was nicht beschmutzt ist, sie ist sauber wie ein Toilettenkasten.

24.08.2008

BOB DYLAN: voice flash










Was mich in letzter Zeit wirklich blitzt, sind die Augenblicke, wo Robert Zimmerman als Bob Dylan nicht wie Bob Dylan singt: "Forever Young" in der Demoversion 1973 (auf "Biograph"), "Lay Lady Lay" 1969 und einige andere. Das Artifizielle der Dylan-Stimme wird dort besonders klar, indem es vollständig und tief vergraben wird. An Dylans Stimme, die ich so lange gehasst habe, ist nichts authentisch, alles Kunst. Seitdem ich das begriffen habe, komme ich von seiner Kunst kaum noch weg.

21.08.2008

RADIOHEAD: erstmals ertragen






Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich denen mal was abgewinnen kann. Aber die energische Zartheit, mit ein paar brasilianischen Gitarrenfiguren bereichert, lässt mich an einen modernen Caetano Veloso denken. Der kann ebenfalls sehr vorsichtig singen - und über diese Schiene konnte ich auf "In Rainbows" erstmals Thom Yorkes Stimme vollständig ertragen. Auch der Rest ist unkitschiges und engagiertes Drama, mal fester verpackt, mal verzweifelter ummantelt, mal lärmiger angreifend. Sind doch gute, die Typen, trotz ihrer manches Mal sehr unangenehm zu übertriebenem Dringlichkeitsglauben und Fanatismus neigenden Fans. Es spricht für die Band, dass sie es auf „In Rainbows“ schafft, ihre Anhängerschaft vergessen zu machen. Diese Download-Geschichte interessiert heute (21.8.2008) niemanden mehr.



Radiohead - In Rainbows 2007


20.08.2008

MORRISON HOTEL GALLERY: zum nicht-satt-sehen







OK, der Name "Morrison Hotel" ist ziemlich dämlich gewählt, aber dahinter verbirgt sich ein umfangreiches Archiv ausgewählter Fotos aus der faszinierenden und bisweilen merkwürdigen Welt von Popmusik im weitesten Sinne. Reiche Keith Richards einen Drink, spiel mit Dylan auf hartem Kopfsteinpflaster, geselle dich zu Weller & Townshend, steig zu den Pistols in den Container oder mach dich nackig neben Björk. Alles ist möglich auf der großen Zeitfresser-Site von Morrison Hotel.
Nebenbei kannst du dir Drucke kaufen, falls du dein Habitat-Wohnzimmer aufhübschen willst.

18.08.2008

HARMONIA: futura zu griessem 1974







HARMONIA: live 1974


Das seltene Beispiel, dass ich Musik zufällig im Radio höre und sie mich sofort begeistert. Nicht unaggressiv soundige Elektronik + E-Gitarre aus der Vorgabe heraus, alle amerikanischen Kultureinflüsse zu vermeiden und sich auf europäische Kifferimprovisationen zu konzentrieren, ohne dabei zu verquasen. An jenem magischen Abend 1974 in Griessem gelingt alles. Harmonia lassen sich von unverstolperbaren Beats auf den Punkt bringen und hangeln sich von kühlen bis zu mitreissenden Improvisationshöhepunkten, von denen sich aktuelle Elektroniker noch ein paar Bits hinzuladen sollten.

17.08.2008

KEVIN AYERS: ein schelm kehrt zurück (ist aber auch schon wieder weg)








2007 war das Jahr der kurzen Platten. Endlich, füge ich hinzu. So brachte es Kevin Ayers auf "The Unfairground" fertig, von zehn Kevin-Ayers-Songs zehn Kevin-Ayers-Songs voll Kevin-Ayers-untypisch gelingen zu lassen. Es bringt eben doch was, wenn man sich Mühe macht. Hätte ich nie erwartet, dass der nochmal was starten könnte. Geholfen haben ihm alte Freunde (Robert Wyatt, Phil Manzanera, Hugh Hopper) und Neffen im Geiste wie die jungen Musikerkollegen aus dem Umfeld von Teenage Fanclub oder der Trash Can Sinatras.
Höre ich mir jetzt (2008) Ayers Produktionen aus seiner allgemein als besten Phase bezeichneten Zeit zwischen 1969-74 an (ich tendiere auch das unterschätzte „Dr. Dream“ von 1974 mit einzubeziehen), fällt mir auf, dass vieles, was Ayers dort an Experimenten anstellte, nicht mehr zwingend gehört werden muss. Aber ein paar dieser Sachen sind immer noch von schelmischer Leichtigkeit durchzogen. Höre bitte „Whatevershebringswesing“ von 1972 und „Bananamour“ von 1973, die streckenweise immer noch viel Spaß machen (besonders auch mit den Bonustracks auf den CD-Wiederveröffentlichungen von 2003: den halbironischen Reggae-, Karibik-, Mariachi-Sorglos-Songs „Connie On A Rubber Band“, „Take Me To Tahiti“, „Caribbean Moon“, „Fake Mexican Tourist Blues“). Davon haben sich Ween deutlich das ein oder andere an Konzeptionellem abgeschaut.

16.08.2008

ROBERT PLANT & ALISON KRAUSS: altherrenkram










Robert Plant & Alison Krauss: raising sand


Altherrenkram, der sich aber immerhin von einer intelligenten Frau was sagen lässt (auch wenn er sich noch mehr hätte sagen lassen können). Jetzt nicht so der absolute Top-Bringer, aber das ein oder andere Schöne und Ur-Alte ist auf der Plant/Krauss schon drauf. Die Produktion ist manchmal etwas Daniel-Lanois-dunkellackig (hat er aber nicht produziert, sondern der ähnlich agierende T-Bone Burnette). Trotzdem ein schönes Bad in einer edlen Wanne, aus Old-America-Roots-Traditionen und Mammutbaumholz geschnitzt (Achtung! Bei diesem Vergleich ist kein Baum zu Schaden gekommen!).

15.08.2008

ROBERT WYATT: kontaktsuche






Als ich in der WIRE las, dass Robert Wyatt während der Arbeiten an „Comicopera“ zum Alkoholiker wurde und die Beziehung zu Lebensgefährtin Alfreda Benge beinahe zerbrach, war ich so geschockt, dass ich das Album lange Zeit nicht hören konnte, obwohl ich es längst besaß. Mir ist erst dadurch bewusst geworden, dass die Beziehung der beiden und die in großzügigen abständen erscheinenden Platten Wyatts einen Fixpunkt in meinem Leben darstellen: Wenn eine Wyatt-Platte erschien, war ich beruhigt, nicht mit den Verhältnissen, aber damit, dass Wyatt wieder ein paar wundervolle Ideen zusammentragen konnte, mit denen zu beschäftigen sich lohnen würde. Mir schien dabei die Zusammenarbeit mit Alfreda Benge ein Beispiel zu geben, wie aus einem langjährigen gemeinsamen Leben eine sehr stabile, sich langsam entwickelnde, wirklich zeitlos gute Kunst entstehen kann.
Dass die Produktion dieser speziellen Zeitlosigkeit aber auf Kosten der Existenz gehen kann, war mir bei Robert Wyatt nie bewusst gewesen. Selbst wenn Wyatt auch in den Jahren vorher in Interviews andeutete, dass sein Stimmumfang nachlassen würde, hätte ich nie gelaubt, dass ihn seine langsam schwindenden Kräfte in den Alkoholismus (und damit in die Beziehungskrise) treiben würden. Die Krise ist überwunden, Wyatt hat seine Sucht im Griff, so scheint es, „Comicopera“ wurde fertiggestellt und Alfreda Benge übernimmt nun noch mehr aktive Parts auf einem Album ihres Lebensgefährten als ohnehin schon. Gegenseitig schreiben sie sich rührende und analytische Gedichte, die manchmal erst nach Jahren offenbaren, an wen sie adressiert sind.
Die Musik auf „Comicopera“ steckt wieder tief im Jazz (dem nachdenklichen, dem ironischen und auch dem fordernden) und in seinem Antipoden - der gleichzeitig ätherisch und weltlich klingenden, hohen Pop-Stimme Wyatts. Sie ist aber diesmal noch mehr aus dem Zusammenspiel entstanden und weniger aus den Spuren einer nachträglichen Produktion. Vielleicht sucht sie mehr Kontakt, als sie sich eingestehen will.





comicopera (2007)
art and design by Alfie Benge

ROBERWYATTANDSTUFF: sehr informativer Blog über Wyatt-relevantes.

14.08.2008

COLLEEN: von hier aus zurück






Ich mag es, wenn man von der Gegenwart aus total in der Zeit zurückgeht. Für "Les Ondes Silencieuses" (2007) lernt die Französische Lehrerin Colleen Viola und altertümliche Cello-Varianten spielen und lässt sich von einem gewissen Emiliano Flores begleiten. Tatsächlich hat das ganze die spröde Romantik von spanischer Avantgarde im Zeitalter der Conquistatoren, wie sie vielleicht heutzutage in einem guten Theater zeitgemäß aber nur mäßig erfolgreich aufgeführt werden würde: Für das Theater-Abo-Publikum zu modern („Die tragen ja gar nicht die alten Kostüme!“).

Noch besser und noch beeindruckender gelang „Everyone Alive Wants Answers“ (2003). Colleen loopschichtet dort Babygebrabbel, Spieluhren, Streichersamples, Akustikgitarren aus fernen Jahrhunderten durchs Telefon in konkret klingende Unheimlichkeiten hinein. Auf dem Cover bestehen Zellverbände, Quallen, Schnecken, Kriechgetier und Pflanzenteile aus Haarlocken (doch, der Satz macht Sinn!). Zusammen fordert dieses Konglomerat aus Manipulationen Antworten. Wenn je TripHop mit den eigenen Mitteln endlich vollständig überwunden wurde, dann auf "Everyone Alive Wants Answers". Totales Supermeisterwerk.



Soundbeispiele auf Colleens Website.

DANIEL HIGGS: metempsychotic melodies






Daniel „belteShazzar“ Higgs: Ehemals Tattoo-Künstler, immer noch Maler, vormals „vocalist and lyricist of meditative rock group Lungfish“ (WIRE). Sieht aus wie der dagebliebene Sohn von Harry Smith und spielt passenderweise auch ganz fantastisch Banjo im older-and-weirder-as-the-original-old-weird-america-ever-been-style. Auf dem Vorgängeralbum “Ancestral Songs” von 2006 kommt Higgs dem Banjostil, der mir als perfekt vorschwebt, erstaunlich nahe. Dazu singt er wie ein Prediger nach Kabelbrand seine auf Bibel-Ikonografie und -mystizismus basierende Apokalypsen-Lyrik über Liebe, Körper, Transzendenz und Kosmos. Auf „Metempsychotic Melodies“ wird der steinige Weg aus Banjo- und Akustikgitarren-Epen und -Drones weiter fortgesetzt. Andere Alben von ihm tunken sich mehr in Noise und Feedback oder werden komplett auf der Jewish Harp bestritten. Tolles quasi-religiöses Gift!

PJ HARVEY: white chalk







Vollständig in das viktorianische Weiß von Bluse und Decke getaucht - selbst ihr Gesicht erstarrt im weißen Licht - schimmern nur ihre lose im Schoß verschränkten Hände hautfarben und durchblutet. Sie bilden die Form der ungeschützten Scham. Mit „White Chalk“ gibt Polly Jean Harvey die Kindheit preis. Ihre und diejenige, die sie wahrscheinlich durch Abtreibung verhinderte. Sie spricht von ihrer Großmutter und von anderen Erinnerungen an ihren Geburtsort Abbotsbury, Dorset, am Fuße der St Catherine’s Chapel. Sie singt in einfachen Reimen und so von ihr noch nie vernommener Zurückgenommenheit. So pendelt „White Chalk“ von Kinderlied zu Kindererinnerung zu einfachsten Klaviertönen und der Gleichzeitigkeit aller Zeiten im individuellen Erleben einer Erwachsenen.

Gut 30 Minuten davon hat sie kondensiert. Ein wahres Kunstwerk einer reflektierenden, sich nicht der Wiederholung schuldig machen wollenden Künstlerin. Der Rest ihrer kreativen Produktionen in jener Zeit hat (auch gleichzeitig) die anderen PJ Harveys beinhaltet: die der Gitarren, die der Schreie (statt des schüchternen Wimmerns hier). Sie werden vielleicht später noch folgen. Und natürlich wie bei fast jeder guten Musik, hört man auf „White Chalk“ auch das, was gar nicht da ist - nämlich diese anderen PJ Harveys - einfach mit. Aus der Geschichte herausgebogen, scheinen sie aus allen Zeiten zugleich von Ferne herüberzuwinken.

11.08.2008

ISAAC HAYES: vom drama des loskommens





Isaac Hayes: Hot Buttered Soul (1969)



Eigentlich wollte ich hier eine längere Novelle über Isaac Hayes und „By The Time I Get To Phoenix“ verfassen, aber ich schaffe es einfach nicht, dieser Tragödie des normalen Lebens auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Und der einzige Grund, warum „Hot Buttered Soul“ nicht die vordersten Ränge meiner Lebensplatten bekleidet, ist alleine dem Umstand geschuldet, dass mich das darauf enthaltene Drama so dermaßen in sein Gravitationsfeld zieht, dass ich den Rest des Albums gar nicht mehr beurteilen kann.

Mit einem einzigen langen Keyboardton leitet Isaac Hayes „By The Time I Get To Phoenix“ (ursprünlich eine Countryballade von Jim Webb) ein. Und mit Einleitung meine ich einen andauernden Keyboard-Drone über achteinhalb Minuten! Er wird begleitet von zwei sich wiederholenden Basstönen und einem simplen Beat auf der Drumschelle. In diesen achteinhalb Minuten spricht Isaac Hayes ÜBER „By The Time I Get To Phoenix“. Er erklärt uns, was die Macht der Liebe mit einem anrichten kann. Er erzählt die Geschichte, die er hinter dem Song sieht, er schmückt sie mit Details aus, er macht den Hörer bereit für das Drama. Er betont, dass es eine Interpretation ist, er lädt uns ein, ihm dabei zu folgen: Ein junger Mann kommt nicht los von seiner Frau. Sie ist ein Arsch und betrügt ihn. Er erwischt sie mit jemand anderem, als er früher nach Hause kommt. Er kann’s nicht fassen, er versucht von ihr loszukommen, immer wieder, er kommt zurück, er versucht es, er kommt zurück. Er versucht, mit seinem alten Wagen weg zu fahren, und nach diversen Versuchen und Tränen schafft er es schliesslich raus aus seinem Viertel, raus und fort.

Der erste Teil ist unglaublich. Eine Keyboardtaste wird einfach gehalten. Achteinhalb Minuten. Er schafft es also, der junge Mann, hinauszufahren. Er will es aber gar nicht, er will bleiben, er WILL einfach bleiben, denn er liebt seine Frau. Er liebt seine Frau, aber es geht nicht, er muss weg, so schwer es ihm auch fällt. Und es fällt ihm mehr als nur verdammt nochmal schwer! But I have to leave you, Baby! Als der junge Mann es geschafft hat fortzukommen, bin auch ich geschafft. Geschafft, BEVOR DER EIGENTLICHE SONG ÜBERHAUPT BEGONNEN HAT!

Der junge Mann sitzt also im Auto, und die Worte, die ihm in den Sinn kommen, das sind die Verse, mit denen der eigentliche Song beginnt. Die Drums setzen ein, Hayes singt: „By the time I get to Phoenix, she’ll be rising/ She'll find the note I left hangin' on her door/ She'll laugh when she reads the part that says I'm leavin'/ 'Cause I've left that girl so many times before“. Mit dem Wechsel des Keyboard-Tons nach achteinhalb Minuten steigt das Wasser hoch. Mit den Streichern kommen die Tränen. Und noch ist nicht mal die Hälfte des Tracks um! Hayes windet sich mit dem Protagonisten, fühlt und denkt und analysiert seinen Schmerz. Oft werden kleine Indie-Songlein als „groß“ bezeichnet. Ich behaupte, wer durch die vollen 19 Minuten „By The Time I Get To Phoenix“ gegangen ist, der vergibt Attribute wie „groß“ nur noch sehr vorsichtig auf andere Musik.

Ich kapiere die letzten zehn Minuten gar nicht mehr richtig, obwohl ich alles höre - den genauen Beat, die scharfen Bläsereinschübe, die Drums, die Orgel, das Klavier, die nie verkleisternden Streicher, die Dynamiken, die Stelle kurz vor dem Ende, wenn sich alles noch einmal beruhigt und der Song auszulaufen scheint, so als würde er sich langsam aus dem weiteren Leben des jungen Mannes verabschieden, um dann doch noch einmal näher zu kommen, so wie sich auch schmerzhafte Erinnerungen dem Bewusstsein immer wieder nähern.

OK, es reicht. Ich sage nur noch dies: „By The Time I Get To Phoenix“ in der Interpretation von Isaac Hayes ist der zweitbeste Song aller Zeiten. Der beste ist schon anderweitig vergeben (eine Single-B-Seite, tja). Und das Plattencover von „Hot Buttered Soul“ ist ein wahrhaft visionäres und wunderschönes HipHop-Plattencover. 1969. Zehn Jahre vor HipHop.

Man sollte den Plattentitel übrigens so lesen, wie er auf dem Cover angeordnet ist. Als eine Folge einzelner Eigenschaften. Also nicht ‚Hot Buttered Soul’, sondern

Hot
Buttered
Soul


Isaac Hayes starb am 10.8.2008 in seinem Haus in Memphis. Er wurde tot neben einem Fitness-Laufband gefunden. Hayes wurde 65 Jahre alt.

07.08.2008

JAHTARI: dröhnung, wo leben und fiepen ist








Nachdem Reggae-Authorität Steve Barker in seiner Dub-Kolumne im englischen WIRE-Magazin gleich in zwei Ausgaben hintereinander Veröffentlichungen des deutschen Reggae-Labels Jahtari gelobt hatte, war auch mein Interesse geweckt. Ein Dub-Label aus Leipzig - es versprach eine fremde und vertraute Welt. Ich klickte mich also durch die Jahtari-Site durch, las Theorien und Philosophien über Computer-Reggae, blätterte versonnen die Infos über die Digital-Riddim-Artisten, Amigasound-Adepten und Dub-Devoten durch, hörte zeitgleich die zahllosen Tracks, die zum freien Download zur Verfügung standen und war schwer begeistert über den Reichtum an Boooms, Emotions’n’ Humour, der mir massiv entgegendonnerte. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem sich der Jahtari-Booom nicht unter das heisere Geräusch meines Opels mischt.

Die musikalischen Zutaten zahlreicher Jahtari-Projekte bauen auf vielen Aufzeichnungen vorhergegangener Scientisten, Königen, Prinzen, Verrückten Professoren und Hühnerkratzern auf, was dem Spaß keinen Abbruch tut, denn hier ist die Liebe zum (Dub-)Reggae am Werk, ohne jetzt Innovationspreise einheimsen zu müssen.

Auf der reich bepflanzten Plantage von Jahtari warten denn auch zuverlässige Sensimilla-Darreichungen auf den Wanderer der Echokammern. Es geht in den Raum aller Räume in schicken Astronautenanzügen. An der nächsten Planetenecke erwartet den so eingekleideten Bummler der Kosmen schon die Basisstation in Form eines riesigen Hanfblatts, und der Originalsound des Titanmondes macht beim Landeanflug endgültig klar, dass wo Leben und Fiepen existiert, auch immer Dröhnung ist. Mit tiefem Bassbrummen setzen wir auf die Oberfläche auf und begeben uns hernach in den Chipraum, wo wir uns erstmal ein paar japanische Actionfilme auf die Netzhaut laden. Solcherart vorbereitet, taumeln wir von einem großartigen Track in den nächsten. Abends dann schauen wir die Untergänge diverser Sonnen an und lassen uns wohlig erschöpft köstliche Süßigkeiten von Illyah & Limited Candy reichen.

Und als wären diese Beschreibungen nicht schon anregend genug, so lässt sich ZU-ZEITEN erstmals dazu hinreißen, aus den frei flottierenden Tracks auf der Jahtari-Site Stücker sieben auszuwählen und shamelessly zum kostenlosen Download anzubieten. Ich garantiere 28 Minuten Weltklasse-Dub, incl. Blue Vitriol, Disrupt, Blaze Dem - und meinen absoluten Lieblingen Illyah & Ltd. Candy, die sich wirklich vor keiner „Rhythm & Sound w/ Artist“-12" verstecken müssen (da muss noch mehr folgen, bitte!). Ich hoffe, die Jahtari-Crew hat nichts dagegen (Stunden später erfuhr ich: hat sie nicht!), dass ich mich aus ihrem freien Downloadkatalog bediene, hier sind jedenfalls …

28 MINUTES FROM CANDY TO TITAN - a JAHTARI compilation - Compiled by ZU-ZEITEN

Trackliste:
01 Blue Vitriol - Submethane
02 Blue Vitriol - Cryovolcano
03 Illyah And Limited Candy - Fight The Formation
04 Illyah And Limited Candy - Poor Girl
05 Disrupt - Last Blade
06 Disrupt - The Brink Of Destruction
07 Blaze Dem - Dubness Of This Creation (7inch)


Noch viel mehr Tracks sind auf Jahtari zu finden. Eine Labelübersicht mit Tracks, die zum Teil nicht zum Download freigegeben sind, gibt es auch als CD zu kaufen. Unter anderem auch ein weiterer Track von Illyah & Ltd. Candy. Hörbeispiele sind vorhanden. Ein Besuch lohnt sich also in jedem Fall.

04.08.2008

PUMICE: verkeilter one-man-fuzz





PUMICE: quo
(2008)





Wenn Gitarrensounds an der Oberfläche zerbröseln und ihre sich verändernden, autarken Tonfiguren schmutzig ineinanderstecken, wenn die Drums als Unterhändler versuchen, zwischen den verkeilten Gitarrenspuren zu vermitteln, dann entsteht entweder gequirlte Kacke oder wirbelnde Magie. Höre ich letzteres, erwacht der intellektuelle Rockist in mir. Der erfreut sich nämlich an solch genau durchkomponiertem chaotischem Tun, weswegen er unter anderem die Magic Band so schätzt, was niemandem verborgen bleiben wird, der ihn (also mich) über einen längeren Zeitraum auf Zu-Zeiten liest.

Immer mal wieder schaffen es auch aktuelle Varianten dieser Kompositionskunst, dass ich ihrem höchst spannenden Krachpfad wie ein Esel folgen muss und alles andere, was noch am Wegesrand dubbt, pluckert oder sägt, einfach links liegen lasse.

Und wer das mal wieder seit längerer Zeit geschafft hat, ist ein gewisser Neuseeländer namens Stefan Neville, a.k.a. Pumice.
Pumice steht in der Tradition anderer verbogener Homemade-Musik, wie man sie am Ende der Welt immer noch und immer mal wieder antrifft - ich tippe hier mal „Tall Dwarfs“ hin und jeder kann sich noch vier bis fünf andere Bands oder One-man-Projekte dazu denken (irgendwas von den Kilgour-Brüdern zum Beispiel). Eine raue Mischung aus Fuzzgitarren, Nervelektronik aus dem Kinderparadies, Schlagzeug und Megaphonstimme hat Herr Neville zu einem brüchigen Haufen zusammengespielt. Respektlos und gekonnt aus dem Handgelenk von Punk zu Dunkel-Drönig wechselnd - und das alles von einem einzigen Typen zusammengebracht!

Alles ist auf „Quo“ möglich, und alles was ermöglicht wurde, ist unterhaltsam und kurzweilig. Stefan Neville ist ein Könner seines Homemade-Fachs, was man perfiderweise nicht immer sofort merkt. Wer leistet sich denn noch die Frechheit, einen Track auf halblangsam herunterzulangweilen? Unschuldige Indie-Stimmen werden so dem unheilvollen Gesang betagter Matrosen näher gebracht. In Zeiten der Überfülle im Internet wird das Auslegen von falschen Fährten, das Vermeiden von schneller Überzeugungskraft der Inbegriff totaler Unkommerzialität. Insofern ist Pumice eigentlich unverkäuflich. Die Musik klingt manchmal, als wäre sie nur unter Mühen von einem Gitarrenanfänger zusammengegriffelt worden. Aber wir, die wir mittlerweile „Pumicequo“ (link weiter unten) heruntergeladen haben, wissen es besser: Der Typ ist Herr seiner hässlichen Tonkunst, ein Jäger kopfschüttelnder Zweifler, der kleine, fiese Lo-Fi-Fallen auslegt, in die wir leicht hineintappen können. Also nicht in Sicherheit wiegen, sondern aufmerksam bleiben! Und tatsächlich: Aus dem vermeintlichen Laiengespiele entwickelt sich mit zunehmender Hörrunde ein enorm spannendes Knäuel aus verhalltem Psycho-Fuzz und anderen schmutzig-fiebrigen Schlieren. Momentane Gitarrenplatte meiner Wahl.

Drei Tracks von „QUO“ stehen im Netz als freie Downloads zur Verfügung:

PUMICEQUO (via Stereogum)
FORT (via Stereogum)
PEBBLES (via SoftAbuse)

„Quo“ von Pumice ist als CD über SOFTABUSE zu beziehen (11 Dollar + Shipping). Dort ist auch eine Diskographie zu finden: Pumice hat seit 1994 diverse Tunes auf diversen Formaten veröffentlicht.

Eine VINYL-VERSION (180g) wird von TIPPED BOWLER TAPES vertrieben. Die LP kostet 25 Dollar (inklusive Shipping), was beim derzeitigen Dollarkurs etwa 16,50 Euro entspricht.

02.08.2008

FURNITURE: boomt nicht mehr, bounced aber noch




Gerade nochmal die "When The Boom Was On"-EP von Furniture (1983) gehört, besteht sie fast vollständig den Zeittest, wiewohl tatsächlich unverkennbar 1980er Jahre. Aber Furniture haben deren mich Würgen machende Ingredienzen (Ekelsaxophon, Pappmachésynthieflächen) nicht oder nur sehr dezent eingesetzt. Stattdessen zieht sich Funkiness durch die Tracks. Auch der damals in der ersten 80er-Hälfte omnipräsente (Bar-)Jazz-Einfluss ist zu finden, jedoch sehe ich beim Hören von „They’re On Me“ keine pinken Dreiecke und schmecke auch keinen Prosecco. Stattdessen greifen Furniture in die Eingeweide der Nacht, wie sie sich ausserhalb der Schnöselbars im Licht insektenverdreckter Straßenbeleuchtung zeigt. Auch das nervöse Schlagzeug auf „Robert Nightman's Story“ steht eher für ungesättigtes Leben statt für saturiertes Sackkraulen. „I Miss You“ ist ähnlich aufgebaut und instrumentiert wie „Shipbuilding“ von Robert Wyatt/Elvis Costello: Ein schöner Träger trauriger Gedanken.

Später in ihrer Karriere wurden Furniture mir dann meist etwas zu dünnsoundig, etwas zu wenig greifbar, etwas zerfahrener. Das kann aber auch an einer recht quäkigen Pressung einer Best-Of liegen, die Anfang der 90er rauskam (die EP klingt zehnmal besser). Die Best-Of ist neben "When The Boom Was On" auch das einzige, was ich von Furniture kenne. Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand bleibe ich daher dabei: "When The Boom Was On" zeigt sie auf dem Punkt, den sie auf späteren Erzeugnissen wieder ein wenig verwischen. Wer die EP also irgendwo stehen sieht, sollte mal ein Ohr riskieren. Auch 2008 noch.


BILLIANT MINDS - THE FURNITURE STORY


JIM IRVING (Songwriter/ Sänger von Furniture) auf myspace