31.07.2008

DENNIS WILSON: water. salt water.
















Diese jungen alten Männer auf Fotos aus der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zu sehen, wie sie mit unkonturierten Bärten verloren in der Gegend leben, umgeben von unzähligen Sandkörnern oder unzähligen, weit entfernten Menschen, immer bestrebt, sich an etwas anzulehnen - an den Bruder, an die Ehefrau, an die Kinder, an einen Brückenpfeiler - und wenn sie nichts zum Festhalten finden, versinken sie im Sand, im Wasser, in Salzwasserwiesen…


Dennis Wilson: THE OFFICIAL SITE OF PACIFIC OCEAN BLUE

29.07.2008

PERE UBU: Cleveland 1978 (revisited version)






note: ich habe heute den text ein wenig bearbeitet und stelle ihn daher als "revisited version" nochmal rein. darf ich doch, oder?
internet antwortet: ja, darfst du! dankeschön, dann mache ich das auch.


PERE UBU
The Modern Dance
1978


Ich sah Pere Ubu aus Cleveland, USA, 1980 bei einem Auftritt in der Bremer Uni-Mensa. Ich war 16 Jahre alt. David Thomas, damals noch Zeuge Jehovas, hatte gerade sein Pseudonym „Crocus Behemoth“ abgelegt. Der Texaner Mayo Thompson - Marxist und in den 1960er Jahren Gründer des Avant-Rock-Projekts Red Crayola - war schon dabei. Gerade erst war „The Art Of Walking“ erschienen, das vierte Album von Pere Ubu (oder sein Erscheinen stand kurz bevor; ich weiß es nicht mehr). Der Sound, der von den Nacktbetonwänden der Uni-Mensa abgestrahlt wurde, war schlecht. Allen Ravenstine kämpfte das ganze Konzert damit, dem Kreischen, das er seinem Arbeitsplatz - einem alten Analog-Synthesizer mit Kabelsteckern - entlockte, mehr Gehör zu verschaffen. Es gelang ihm nur ab und an, die indifferente Soundwand zu durchbrechen, durchkratzen, durchpluckern, durchschaben. Sänger David Thomas hielt ein kleines Schrottteil in der Hand, auf das er ein paarmal mit einem Silberhammer einschlug. Unzufrieden mit dem Ergebnis, schmiss er es genervt nach hinten auf den Boden. Thomas trug einen dunklen Anzug, dazu ein weißes Hemd (das von den raumgreifenden Bewegungen seines mächtigen Körpers halb aus der Anzughose gezogen wurde) und eine dünne, schwarze Krawatte, die den Umfang seines Leibes grotesk zu verstärken schien. Die Band selbst hatte einfach Jeans an, Freizeithemden, in den Hosenbund gestopft. Sweat-Shirts, aus denen Hemdkragen ordentlich herausschauten. Darüber vielleicht ein Jacket. (Ich, 2008 aus dem Off: Willkommen zur größten All-American-Avantgarde-Pop-Band der letzen drei Jahrzehnte!).

„Die Leute sind sehr diszipliniert, weil Pere Ubu auf der Bühne sehr diszipliniert ist! Das Spektrum unserer Fans ist sehr groß, es ist schwer zu sagen, da es für die Band keine Regeln und Grenzen gibt - und somit auch für’s Publikum nicht. Zu jedem Konzert (im Dome, Media-Center in Cleveland) kommt eine total verkrüppelte Frau, ohne Arme, im Rollstuhl… Ingenieurstudenten, die Krawatten tragen und Nägel in ihren Taschen haben; Bauarbeiter - einer unserer größten Fans ist der Vorarbeiter eines Bautrupps, der Frau und Kind hat. Viele bringen ihre Kinder mit, die stehen auf unserem Rhythmus! Da gibt es ein Kind namens Keith, das mit unserem Album ins Bett geht und all die Texte kennt. Im allgemeinen sind es praktisch veranlagte Menschen, nicht so sehr diese Leute vom College“
Crocus Behemoth a.k.a. David Thomas (aus „Der Sound aus dem Stahlwerk“, von Harald Inhülsen, Musik Express, 1978)

Das Album, mit dem Keith ins Bett geht und dessen Texte er alle kennt, heißt „The Modern Dance“. Es ist das erste Full-Length-Album der größten All-American-Avantgarde-Pop-Band der letzten drei Jahrzehnte (in der Folge als Pere Ubu abgekürzt). Ich weiß nicht, was sich Keith unter seiner Bettdecke vorstellt, wenn ihm die Verse von „Heaven“ in den Sinn kommen, aber mich haben sie immer ungemein beflügelt: „I could swear the cities like a magic beach/ cause against the curb I could hear those street waves beat“. So beflügelt wie den Arbeiter in Ballettschuhen, der auf dem Cover über die rußbeschmutzte Skyline der Industriezone Cleveland tanzt. Und auch wenn „Heaven“ gar nicht auf „Modern Dance“ enthalten ist (dafür aber ein treibender, von kalten Windböen aus Allan Ravenstines Synthesizer durchzogener Rocker namens „Street Waves“), so steht diese LP doch unwiderruflich für meine damalige Vorstellung: Ich surfe auf der Welle des Straßenbetons zum Straßenwellenbeat! Meine gesamte, zeitweise sehr romantische Beziehung (New Wave! Anti-Hippie! Zurück zum Beton! Caligaris Mirror!) zur Ästhetik von Industrieanlagen des metallverarbeitenden Gewerbes, Förderrohr-Labyrinthen, Zuliefererstraßen, Fertigungshallen, Stahlbrückenkonstruktionen und Industrieschrottverwertungen entstand damals unter dem Eindruck dieses Covers und der Musik, die das hyperreale Leben umschloss wie eine rostige Auspufftrommel. Real World! Sich an der Wirklichkeit berauschen. Das waren Dinge, mit denen sich abgegrenzt wurde. Wer benötigte denn da noch Drogen?

Später wurde natürlich auch dieser Industrieschick als Romantizismus enttarnt, aber Pere Ubu schienen das von Anfang an erkannt zu haben, denn sie nannten denjenigen Track "Sentimental Journey", der akustisch am konkretesten mit den realen Insignien industrieller Verwertung und Entwertung spielt, der klingt wie eine Field-Recording-Aufnahme in einer stillgelegten Produktionshalle aus der verarbeitenden Industrie. Es klirren Glasscherben, Metallenes wird schroff an Metallenes gerieben. Es gibt keine Produktion mehr, es gibt keinen Rock’n Roll mehr. Ein Saxophon spielt Ornette-Coleman-artig, ein unregelmäßiger Bass und eine zufällige Gitarre treffen sich nicht, ein sirrender Synthesizer klingt wie die Langwellenfrequenz eines schlecht justierten Radiosenders, dem sowieso keiner mehr zuhört. Chaos verdichtet und entzerrt sich wieder, dazwischen stößt David Thomas Worte und Laute aus ("Window“, „House“, „Hm“, „Tzz“), beiläufig und unzusammenhängend. Dem Ort, dem die sentimentale Reise des Tracks gilt, ist keine Regelmäßigkeit, kein Rhythmus mehr eigen. Die Töne ergeben keinen Zusammenhang mehr. Ein windiger, verlassener, ehemaliger Produktionsstandort. 30 Jahre nach „Sentimental Journey“ ist ganz Cleveland so ein Areal zerbrochener Fensterscheiben geworden, entvölkert und ohne Arbeit.

Pere Ubu gingen schon vorher weg. Im Fluchtgepäck hatten sie die amerikanische Idee der prägenden Landschaften: Raus aus Cleveland, und hinein in andere Bundesstaaten. Albumtitel bildeten Standorte ab („Pennsylvania“, „Arkansas“). Der Blick auf den Eriesee wurde zurückgeworfen mit scharfkantigen Spiegelscherben, die einen in kalten Winterfarben getauchten Horizont spiegelten („Song Of The Bailing Man“). Irgendwann waren die Grenzen der Landschaften nicht mehr klar, auch nicht mehr zu den halb-fantasierten (höre das geisterhafte „Erewhon“ von David Thomas). Kein Wunder, dass Greil Marcus, Obermystiker unter den amerikanischen Musikjourmalisten, ihr großer Fan ist.

„The Modern Dance“ ist eigentlich gar keine schwere Kost (von „Sentimental Journey“ einmal abgesehen). Es enthält unter dem Asphalt mitreissende Songs, die Punk überspringen und dessen Energie behalten: David Thomas brabbelt diszipliniert, während Allen Ravenstines Synthesizer zerrt und reißt und immer wieder versucht, den schweren Rock’n Roll-Verbund der Band zu trennen statt zu verbinden - in dieser Trennarbeit liegt denn auch Ravenstines herausragende künstlerische Leistung! Und das irritierend romantische „Chinese Radiation“ berührt mich immer noch genauso wie es mich ängstigt: „He’ll be the Red Guard/ She’ll be the New World/ He’ll wear his grey cap/ And she’ll wave her red book/ He’ll tell her, ‚One Way?’/ And then they’ll sing…“. Dieser “eine Weg“ ohne Rückfahrkarte ist dann doch ein paar Jahrzehnte später etwas weniger romantisch beschritten worden: Statt des roten Buchs nahm das Girl einfach die ganze zerstörerische Wucht des freien Marktes mit über die Grenze.

28.07.2008

PAUL METZGER: raga zoink!








Ein geheimes Handlungspapier in der Schublade meines Vertrauens skizziert ein grob geplantes Projekt, welches sich mit Performances auf einem präparierten Banjo beschäftigt. So wollte ich zwar nicht reich, aber immerhin berühmt werden in abseitigen Zirkeln, die sich mit dunkler, primitiver Musik beschäftigen. Zwar kann ich kein Banjo spielen, ja ich beherrsche auch ansonsten kein Instrument, aber das wollte ich dann schon lernen. Am besten unorthodox und rudimentär.

Dann entdeckte ich vor kurzem den US-Amerikaner Paul Metzger, der meinen Plan zu Staub zerfielen ließ. Metzger spielt auf einem 20-saitigen Modified Banjo (oder wahlweise auf einer bundlosen, präparierten Gitarre) eine dermaßen virtuose, klirrende und befreite Raga-delia, dass mir augenblicklich klar wurde, dass ich noch nicht mal in drei Leben auch nur annähernd in die Nähe dieser Kunst kommen werde. Im Moment die erstaunlichste Musik meines Planeten.

Da wird ganz sicher noch mehr Text folgen.

Beispiel:

ORANS (edit)

Websites:

paulmetzger.net
myspace.com/paulmetzger




27.07.2008

JESSE SYKES: slow motion in dunkeldürr






Jesse Sykes & The Sweet Hereafter: Reckless Burning
(2002)

Zu den herausragenden musizierenden Damen, auf die mich Blog-Kollege Brinkmann während unserer Korrespondenz so gebracht hat, gehören Laura Veirs, Judee Sill und Jesse Sykes. Letztere zuhause in den stimmungsvolleren Ecken Seattles, z.B. in der ein oder anderen „Dive-Bar“ (wie es sie laut Jesse Sykes früher in Seattle gegeben hat), in der sie auch 1998 Gitarrenspieler Phil Wandscher kennenlernte, seitdem ihr Lebensgefährte.

Phil Wandscher ist mein liebster Gitarrist derjenigen, die in den letzten Jahren auf dem mondscheinhellen und hallenden Feld von Slo-Mo-Country einerseits und elektrischem Neil-Young-Rock andererseits ihre dunklen Akkorde gesäht haben. Unglaublich gut also und - ja - gefühlvoll, gefühlvoll -genau!- und für die Coolen unter euch, die vor derartigen Worten peinlich berührt die Nase rümpfen, sage ich es gerne noch einmal: GEFÜHLVOLL! Ausserdem nennt er die formschönste, klassische E-Gitarre sein eigen, wie mir beim Konzert letztens in der Markthalle (HH) auffiel. Nämlich diese hier: Schwarze, schöne Gitarre.

Die Band spielt aufregend unaufgeregt die schönsten Country-Folk-Weisen, wird dabei nie euphorisch, sondern verstärkt noch die einsam in der Fremde stehenden Verse der Sykes mit einem federnden Unterton, der zwar nicht beteuert, dass alles gut gehen wird, der aber schon vorher Trost spendet für den Fall, dass alles schief gehen könnte. Ich würds „realistisch“ nennen.

Die Stimme von Jesse Sykes wirkt in jedem Fall älter als sie ist, man merkt es, ohne das Alter der Sykes zu kennen. Ich spüre, dieser Satz würde auf jedes Alter zutreffen, auf das man sie schätzt. Die Stimme würde immer älter klingen. Seltsam. Anthrazit.

Die Songs sind atemberaubend. Zum einen weil sie von Jesse Sykes Stimme getragen werden, die etwas Geheimnisvolles inne hat, was ich einmal spontan als romantisch autoritär beschreiben möchte, als etwas, das unverrückbar Geschehenes mit einer irgendwie abgeklärten, trotzdem Anteil nehmenden Trauer begleitet, zum anderen aber, weil das langsame Tempo der Songs die eigene Atemfrequenz unmerklich so weit runterzuschrauben in der Lage ist, dass man mit jedem gebannten Atemzug immer etwas zu wenig Sauerstoff aufnimmt, bis dieses Defizit an den passenden, besonders mesmerisierenden, romantisch schönen Stellen durch einen sehr tiefen Seufzer wieder kompensiert werden muss. Dass ein Album ganz physisch zum Seufzen zwingen kann, war mir bisher unbekannt und ist alleine schon einen Eintrag in die Top 50 wert. Seelentiefe.

Passenderweise liessen sich die auf andere, kuttenbehängte Weise ebenso gefühlvollen Dark-Metal-Feedbacker und infernalischen Gitarren-Dröhn-Droner SunnO))) während ihrer Kollaboration mit Boris einen der Songs auf „Altar“ durch Jesse Sykes und Phil Wandscher ins Ausserätherische veredeln. Dunkeldürr.

Der einzige Grund übrigens, warum ich "Reckless Burning" hier auswähle, nicht aber das dunkelrockigere und weniger dunkelcountrige „Like Love Lust & The Open Halls of The Soul“ (2007) ist der, dass ich letzteres Album in letzter Zeit mindestens zweimal täglich durchhörte und ich nun einfach nicht mehr kann, weswegen ich die nächsten Monate „Reckless Burning“ zweimal täglich durchhöre.

Produziert hat „Klangästhet“ (Glitterhouse Katalog) Tucker Martine. Sound.

23.07.2008

BASIC CHANNEL + RHYTHM & SOUND: vom historischen knacken und rauschen







Dub fasziniert seit Jahrzehnten: Fernsehmechaniker, Hifi-Ingenieure und Elektriker separieren Soundpartikel setzen Stimmen ausser Kraft, um sie nach Belieben wieder in die Tracks einfahren zu lassen wie das Donnergrollen launiger Götter oder schnibbeln gar Tonbänder auseinander, als wären sie Bourroughs und Frankenstein in einem.

Nach/Mit Dub bog Reggae zum digitalen Riddim ab und parkte mit laufendem Motor mitten auf der Dancehall. Heute werden Riddims in das Notebook getragen und dürfen Großstädte visionieren. Lustigerweise geht Clubmusik, die sich an Reggae anlehnt, immer den gleichen Beats-per-minute-Weg, aus dem heraus sich aus Ska und Bluebeat auch Reggae entwickelt hat: von schnell zu langsam. Das war im sehr Reggae-beeinflussten Early NYC-Rap so, wie auch bei Jungle und DnB, das zum langsamen und einsamen Gigantomaniegefummel-Monster von Autoren-DnB mutierte - wo durchaus mal zwei Monate an einem Break gebastelt wurde (daher wahrscheinlich die düstere Stimmung, denn ewiges Gefrickel drückt aufs Gemüt) - bis schließlich Reggae über Dubstep verändert zu sich zurückfand, indem letzteres sich wieder so verlangsamte, dass es sowohl den Sound zum Cluberlebnis als auch zum zwischen aufgeputschter und leicht depressiver Leere pendelndem Zustand taugte, der einen am Morgen nach dem Cluberlebnis erfassen kann.

In diesen Zonen zwischen Mind’n’Matter, zwischen Gedankenschwebe und Körpergefühl, oszillieren auch seit mehr als einer Dekade die Sounds der Berliner Techno’n’Dub-Dependance Basic Channel und Rhythm & Sound. Ist ersters eher das Label für von schwarz gekachelten Wänden abgestrahlte Techno-Echos, wird als Rhythm & Sound der Liebe zum Reggae, der Stille zwischen den Sounds und der federnden Schwere eines skelettierten Riddims gefrönt. Herausragend an der Arbeit von Rhythm & Sound ist die Virtuosität, mit der sie kleinste faszinierende Teilaspekte jamaikanischer Musikkultur zum Ausgangspunkt nehmen, um aus ihnen geschichtsbewusste elektronische Sounds zu generieren. Denn so leer der Raum zwischen den Tönen aus Rhythmus und Sound auch sein mag (ja, sein mag, denn dieser Raum ist nie wirklich leer), er ist immer mit Geschichte belegt. Welche Geschichte er erzählt, lässt sich aus seinen benachbarten Tönen ableiten, so wie Energie selbst ebenfalls nie fassbar ist, sondern nur an seiner Wirkung (auf Mind wie auf Matter) zu erkennen ist.

Auf ihren Tracks schreiben Rhythm & Sound einen sehr genauen Text, in der Teile der jamaikanische Geschichte eingeschrieben sind. So findet sich das typische Klacken von faszinierend minderwertigem Vinyl jamaikanischer Single-Pressungen im Rauschen und Knacken vieler Veröffentlichungen von Basic Channel und Rhythm & Sound wieder.

Hörbeispiele für die neueste CD der Basic-Channel-Crew sind z.B. auf dem Hypnotic Breaks-Blog zu finden. Rhythm & Sound kann man hier beim eleganten Klopfen und Hallen zuhören.

In der WIRE vom Oktober 2003 erschien ein ausführlicher Artikel über Moritz von Oswald und Mark Ernestus, die Hintergrundakteure von Basic Channel/ Rhythm & Sound. Um ihre Geschichte nicht nur auf Gesagtes zu reduzieren, geben die beiden zwar sehr freundliche und auskunftsfreudige Interviews, jedoch ist es Journalisten nicht erlaubt, diese Interviews aufzuzeichen. Es zählen nicht die Fakten, sondern ihre Wirkung.

20.07.2008

I.B.M. 7090 - Music From Mathematics





http://www.ubu.com/outsiders/365/2003/260.shtml






Aus dem Einleitungstext von Phil Clark:

"Music From Mathematics" was an album of early electronic music, programmed by the boffins (very likely in authentic period white coats and glasses) at Bell Laboratories way back in the early 1960s, using the then-new IBM 7090 computer and an "electronic to sound transducer". The music on the album, about half of which is included here, is a mixture of strange, other-worldly blips, rushing white noise, tootly reworkings of classical pieces and a marvellous period "singing computer" version of "A Bicycle Made For Two" (...). Full marks to Decca Records for releasing the record - remember that in 1962, these alien sounds would have been totally new, and suitably space-age in their sound.


(Auszug aus) I.B.M. 7090 - Music From Mathematics

17.07.2008

Ultra Nate: Jenseits der Kuschelzone




Ultra Nate: Twisted (original 4 Hero Remix)


Rollend, drehend, nicht leicht zu greifen, man erfasst nicht gleich sein Muster, der Groove steht nicht im Zentrum von Bewegung. Eher ist er eine Nachwirkung davon, eine sich nun passiv weiter drehende Bewegung. Eine süße Nachdenklichkeit liegt über dem Track, ein sehr warm klingender Synth-Streicher taucht immer wieder ganz unkitschig aus gedankenverlorenen Tiefen auf. Das ganze Gebilde dreht ein paar Mal seine rätselhaften Runden. Es ist etwas passiert; passiert vor dem Track, man ahnt es irgendwie. Aber was ist es? Von Ferne endlich ein verhallter Wink, wie ein Echo des drehenden Beats: „Twisted“. „Twisted“. “Twisted!”. “Twisted”.

Aber dieser Wink gilt nicht dem Beat, sondern er gilt dem, was passiert ist, bevor es diesen Track gab:

I'm twisted
Can’t believe what you’ve done to me
Twisted on your love/
Can’t believe you’re making love to me


Und weil Ultra Nate es nicht glauben kann, muss sie immerzu darüber nachdenken:

I can't stop thinking about it
Und deswegen horcht sie in sich rein. Was ist gerade passiert?
Was hat es mit mir gemacht?

It captured my soul
Crazy things you're doing
I'm gonna loosing control

Und dann kriegt sie einen wichtigen Punkt zu fassen. Und weil der für dieses Ereignis so wichtig ist, wird er mit einer absoluten Weltklassemelodie gesungen:

The harder I fight the better it feels
When it finally takes me over
Leaves my body shaking
The harder I fight the better it feels
When it finally takes me over
Leaves my mind torn


Und keine Atempause später schweißt sie an diesen Refrain das Ergebnis:

I'm twisted

Can't believe what you've done to me
Twisted on your love
Can't believe you're making love to me

Und sie konstatiert in einer Mischung aus Erschöpfung und Reflektion:

I'm pushed to my limit

Das was sie an die Grenzen brachte, passierte an keinem flauschigen Ort:

Strained against the wall
Driving deeper inside
Till you reach my heart

Dann wieder der Weltklasse-Refrain:

The harder I fight the better it feels ...

...


I'm twisted.

Can't believe what you've done to me.
Twisted on your love.
Can't believe you're making love to me.

Bis hierhin wärs echt schon genug gewesen für einen Ewigkeitstrack, aber dann kommt luxuriöserweise noch ein ganz wundervoller Part, eine bezaubernde Melodie, wieder so zart und doch so drehend und schwebend:

Ooooo, got me going round and round and round, oooo...
... ein paar Mal dreht sich der Part um seine Achse, während Ultra Nate weiter vor sich hin reflektiert, ohne das alles so richtig fassen zu können:

I don’t know what I am doing
I am lost in this madness

But it’s alright




But it’s alright - jenseits der Kuschelzone.



08.07.2008

Zu-Zeiten: Stufe für Stufe mit Dub ins Heute (den Wortwitz mit Dubstep-by-step verkneife ich mir!)

Mit einer kleinen Dub-Reihe (die ich an anderer Stelle schon versprach und an deren Versprechen ich mich dann doch nicht hielt) möchte ich nach und nach elegant in weniger abgestandene Gewässer aktuellerer heißer Scheiße hinübergleiten. Denn es soll wieder etwas heutiger werden auf Zu-Zeiten. Heutiger und dem Scheitern näher. Nicht so abgesicherter und abgefrühstückter Indie-Wave-Proto-Punk-Rock-Kram wie 30 Jahre alte Platten von Pere Ubu oder Wire. Die Texte der letzten Monate waren sowieso nur Remixe aus jenen Beiträgen, die ich innerhalb eines Jahres für das Tell-Us-Why-Projekt des Intro-Forums verfasst habe. Mit einem ebensolchem Remix möchte ich dieses Kapitel aber fürs erste abschließen und gleichzeitig nach vorne blicken. Rückfälle sind jedoch nicht ausgeschlossen.


Los geht’s mit geburtskanaldumpfen Dub-Signalen, die Mitte der 90er Jahre das WordSound-Label aus Brooklyn aussendete. Absender: Crooklyn Dub Consortium. Inhalt der Sendung: Certified Dope Vol. 1. Manch einer mag die Zeitlupen-Loops der WordSound-Bagage damals unter TripHop subsummiert haben, ich glaube indes, dass es purer Zufall ist, dass dieser Mutterkuchen aus feuchten Konglomeraten urbaner Staubablagerungen gerade zu TripHop-Hoch-Zeiten von der Gebärmutter des Brooklyner Hip-Hop-Untergrunds abgestoßen wurde.

Schlüsselreize im Überblick: „Second Hand Science“ von WE basiert passenderweise auf einer Bassline, die von der Goldstandard-Dub-Platte „Scientist Wins The World Cup“ gesamplet ist, ins fast unkenntliche slow-gelooped. Später erscheint noch einmal ein Stimmfetzen aus „World Cup“: „Love is confidental/ is love/ is universal/ is love/ is international love“. Kann sich jemand vorstellen, wie Walgesänge diesen Track noch weiter nach unten drücken, zu einem Tauchgang in kalte Meere hinab? Nein? Zu uncool? So ist es aber. Später (oder war es früher? Wer kann schon genau sagen, was zuerst da war …) tauchen wir wieder auf und finden uns in einer riesigen Halle wieder (ich merke erst jetzt, dass Hallen deswegen Hallen heißen, weil’s da so hallt!). Ich glaube, unverständliche, blechernde Lautsprecherdurchsagen zu hören - befinden wir uns in der Atombombenzusammenbauhalle von Dr. No aus dem ersten Bond-Film? Diese Durchsagen klingen jedenfalls tatsächlich wie pure Musik!

Trotzdem muss jede Atombombenzusammenbauhalle am Ende eines Bond-Films zerstört werden. Wir treten aus dem Schutt heraus und werden zwar nicht mit Dr. No bekanntgemacht, dafür aber mit Dr. Israel. Freundlich sagen wir „Guten Tag“, aber der Doktor sagt nur “Saidisyabruklinmon“, auf unsere fragenden Blicke hin fügt er hinzu: „Nobwoycyantess“. Es klingt nach einem schrecklichen Tod, denn Cyansäure lässt einen bei vollem Bewusstsein ersticken. Wir lehnen daher die Einnahme dankend ab und verleiben uns ein ungleich bleiernderes Gift ein, das da heißt „THC 718“. Immerhin lässt es uns am Leben, auch wenn sich die Atemfreqenz für Humanoiden irgendwie widernatürlich anfühlt. Am Ende sind wir zerschlissen, abgekämpft, unterversorgt und downgebeatet und werden - endlich! - mit der donnernden Stimme von Prince Far I dubwise ge-„cRoOkEd“. Damit beschließt das Crooklyner Dub-Konsortium die Tagung (eher die Nachtung). Es war ein voller Erfolg.

Die Einzelalben der Leute, die diesen Klops genial und finster zusammengekrankt haben, fand ich im Vergleich dazu immer etwas enttäuschend. Aber ich wage aus meiner Kenntnis von ungefähr einem halben Dutzend Compilations aus dem WordSound-Dunstkreis zu behaupten, dass zumindest die Zusammenstellungen alle sehr lohnend sind. „Crooklyn Dub Consortium, Certified Dope Vol.1“ scheint mir allerdings von all den feinstaubbedeckten Crooklyn-Zusammenkünften die feinstaubbedeckteste zu sein. Also kommense rein und haltense besser den Atem an!


P.S: An einer Stelle höre ich immer: „Roots control - this is Niki Lauda!“. Aber das kann unmöglich stimmen.


Nächstes Mal: Digitales Rauschen von Rhythm & Sound. Danach sind wir im Heute angelangt und unterhalten uns ein wenig über Dubstep und Jahtari (die ohne Dubstep steppen und dubben).

06.07.2008

Wire: Stühle vermisst. Post-Punk unbekannt.

WIRE:CHAIRS:MISSING

Im Prinzip ist das die erste Pink Floyd, unter völlig anderen Umständen entstanden, mit punksozialisierten Intellektuellen, recht drogenfrei, aufgeräumt und wütend. Damals verstand ich nicht, warum „Chairs Missing“ wie die anderen beiden Wire-Alben zuvor, auf „Harvest“ erschien, denn das stand für mich für verachtenswerte Prog-Kultur, für überwundenen Bombast und teuer klingende Großproduktion, wie sie bei Pink Floyd mit „Dark Side …“ begann.

Mit „Chairs Missing“ ist Punk schon 1978 erwachsen geworden. Das hat Wire damals manch einer übel genommen und sie als Künstlertypen beschimpft, die das Medium Rock mit mittelmäßiger Experimentalmusik überstrapazieren würden (warum auch immer Leute meinen, Künstlertypen per se beschimpfen zu müssen, während saufende und Frauen prügelnde Fußballprolls wie Paul Gascoigne oder Wayne Rooney verehrt werden). Aber eigentlich treten Wire schon 1977 mit „Pink Flag“, der erste LP, aus dem Schatten gängiger Pogo- und Rotzrhetorik heraus, mit der sich viele Punks ihren Spaß am Komasaufen als irgendwie bedeutungsvolles Anderssein schön rempeln. Bei Wire ist von Anfang an keine unkontrollierte adoleszente Energie am Wirken - obwohl „Pink Flag“ viele klassische Punk-Idiome in sich trägt: kurze Songs, keine Soli, Gitarre-Bass-Schlagzeug-Nichtgesang. Stattdessen gibt es Kontrolle, harte Schnitte, dead stops, Schreie und gleichzeitig abrupte Distanzierungen von ihnen - ein Ausbremsen von Elan und Sich-gehen-lassen. Ihr präzises Spiel kappt jeglichen jugendlichen Überschwang. Der Vorwurf an Wire, sie wären eine Intellektuellenband, liegt darin begründet, dass sich diese Band immer schon weigerte, Spaß zu haben. Noch nicht mal am Lärm oder an der Zerstörung. Der Fehler liegt jedoch schon darin begründet, überhaupt mit „Intellektuellenband“ einen Vorwurf formulieren zu wollen. Für mich zählen ihre ersten drei Platten, die sie in den Jahren 1977-79 aufnehmen, immer noch zu den beeindruckendsten und zwingendsten Arbeiten, die aus klassischer Punkmusik zu avancierterer („New Wave“-)Kunst geführt haben. Heute würde man Post-Punk dazu sagen. Aber nach meiner festen Überzeugung hat es diesen Begriff damals noch gar nicht gegeben (oder nur sehr sehr selten), auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen (bin aber immer offen für die Widerlegung meiner Behauptung - aber bitte nur mit Belegen aus zeitgenössischen Quellen!). Früher lief das unter New Wave. „Keine Beschränkung - alles ist möglich“.

02.07.2008

Pere Ubu: Cleveland 1978



PERE UBU
The Modern Dance
1978

Ich sah Pere Ubu aus Cleveland, USA, 1980 bei einem Auftritt in der Bremer Uni-Mensa. Ich war 16 Jahre alt. David Thomas, damals noch Zeuge Jehovas, hatte gerade sein Pseudonym „Crocus Behemoth“ abgelegt. Der Texaner Mayo Thompson - Marxist und in den 1960er Jahren Gründer des Avant-Rock-Projekts Red Krayola - war schon dabei. Gerade erst war „The Art Of Walking“ erschienen, das vierte Album von Pere Ubu (oder sein Erscheinen stand kurz bevor; ich weiß es nicht mehr). Der Sound, der von den Nacktbetonwänden der Uni-Mensa abgestrahlt wurde, war schlecht. Allen Ravenstine kämpfte das ganze Konzert damit, dem Kreischen, das er seinem Arbeitsplatz - einem alten Analog-Synthesizer mit Kabelsteckern - entlockte, mehr Gehör zu verschaffen. Es gelang ihm nur ab und an, die indifferente Soundwand zu durchbrechen, durchkratzen, durchpluckern, durchschaben. Sänger David Thomas hielt ein kleines Schrottteil in der Hand, auf das er ein paarmal mit einem Silberhammer einschlug. Unzufrieden mit dem Effekt, schmiss er es genervt nach hinten auf den Boden. Thomas trug einen dunklen Anzug, dazu ein weißes Hemd (das von den raumgreifenden Bewegungen seines mächtigen Körpers halb aus der Anzughose gezogen wurde) und eine dünne, schwarze Krawatte, die den Umfang seines Leibes grotesk zu verstärken schien. Die Band selbst hatte einfach Jeans an, Freizeithemden, in den Hosenbund gestopft. Sweat-Shirts, aus denen Hemdkragen ordentlich herausschauten. Darüber vielleicht ein Jacket. (Ich, 2008 aus dem Off: Willkommen zur größten All-American-Avantgarde-Pop-Band der letzen drei Jahrzehnte!).

„Die Leute sind sehr diszipliniert, weil Pere Ubu auf der Bühne sehr diszipliniert ist! Das Spektrum unserer Fans ist sehr groß, es ist schwer zu sagen, da es für die Band keine Regeln und Grenzen gibt - und somit auch für’s Publikum nicht. Zu jedem Konzert (im Dome, Media-Center in Cleveland) kommt eine total verkrüppelte Frau, ohne Arme, im Rollstuhl… Ingenieurstudenten, die Krawatten tragen und Nägel in ihren Taschen haben; Bauarbeiter - einer unserer größten Fans ist der Vorarbeiter eines Bautrupps, der Frau und Kind hat. Viele bringen ihre Kinder mit, die stehen auf unserem Rhythmus! Da gibt es ein Kind namens Keith, das mit unserem Album ins Bett geht und all die Texte kennt. Im allgemeinen sind es praktisch veranlagte Menschen, nicht so sehr diese Leute vom College“
Crocus Behemoth a.k.a. David Thomas (aus „Der Sound aus dem Stahlwerk“, von Harald Inhülsen, Musik Express, 1978)

Das Album, mit dem Keith ins Bett geht und dessen Texte er alle kennt, heißt „The Modern Dance“. Es ist das erste Full-Length-Album der größten All-American-Avantgarde-Pop-Band der letzten drei Jahrzehnte (in der Folge als Pere Ubu abgekürzt). Ich weiß nicht, was sich Keith unter seiner Bettdecke vorstellt, wenn ihm die Verse von „Heaven“ in den Sinn kommen, aber mich haben sie immer ungemein beflügelt: „I could swear the cities like a magic beach/ cause against the curb I could hear those street waves beat“. So beflügelt wie den Arbeiter in Ballettschuhen, der auf dem Cover über die rußbeschmutzte Skyline der Industriezone Cleveland tanzt. Und auch wenn „Heaven“ gar nicht auf „Modern Dance“ enthalten ist (dafür aber ein treibender, von kalten Windböen aus Allan Ravenstines Synthesizer durchzogener Rocker namens „Street Waves“), so steht diese LP doch unwiderruflich für meine damalige Vorstellung: Ich surfe auf der Welle des Straßenbetons zum Straßenwellenbeat! Meine gesamte, zeitweise sehr romantische Beziehung (New Wave! Anti-Hippie! Zurück zum Beton! Caligaris Mirror!) zur Ästhetik von Industrieanlagen des metallverarbeitenden Gewerbes, Förderrohr-Labyrinthen, Zuliefererstraßen, Fertigungshallen, Stahlbrückenkonstruktionen und Industrieschrottverwertungen enstand damals unter dem Eindruck dieses Covers und der Musik, die das hyperreale Leben umschloss wie eine rostige Auspufftrommel. Real World! Sich an der Wirklichkeit berauschen. Das waren Dinge, mit denen sich abgegrenzt wurde. Wer benötigte denn da noch Drogen?

Später wurde natürlich auch dieser Industrieschick als Romantizismus enttarnt, aber Pere Ubu schienen das von Anfang an erkannt zu haben, denn sie nannten denjenigen Track "Sentimental Journey", der akustisch am konkretesten mit den realen Insignien industrieller Verwertung und Entwertung spielt, der klingt wie eine Field-Recording-Aufnahme in einer stillgelegten Produktionshalle aus der verarbeitenden Industrie. Es klirren Glasscherben, Metallenes wird schroff an Metallenes gerieben. Es gibt keine Produktion mehr, es gibt keinen Rock’n Roll mehr. Ein Saxophon spielt Ornette-Coleman-artig, ein unregelmäßiger Bass und eine zufällige Gitarre treffen sich nicht, ein sirrender Synthesizer klingt wie die Langwellenfrequenz eines schlecht justierten Radiosenders, dem sowieso keiner mehr zuhört. Chaos verdichtet und entzerrt sich wieder, dazwischen stößt David Thomas Worte und Laute aus ("Window“, „House“, „Hm“, „Tzz“), beiläufig und unzusammenhängend. Dem Ort, dem die sentimentale Reise des Tracks gilt, ist keine Regelmäßigkeit, kein Rhythmus mehr eigen. Die Töne ergeben keinen Zusammenhang mehr. Ein windiger, verlassener, ehemaliger Produktionsstandort. 30 Jahre nach „Sentimental Journey“ ist ganz Cleveland so ein Areal zerbrochener Fensterscheiben geworden, entvölkert und ohne Arbeit.

Pere Ubu gingen schon vorher weg. Im Fluchtgepäck hatten sie die amerikanische Idee der prägenden Landschaften: Raus aus Cleveland, und hinein in andere Bundesstaaten. Albumtitel bildeten Standorte ab („Pennsylvania“, „Arkansas“). Der Blick auf den Eriesee wurde zurückgeworfen mit kantigen Spiegeln, die einen in kalten Winterfarben getauchten Horizont spiegelten („Song Of The Bailing Man“). Irgendwann waren die Grenzen der Landschaften nicht mehr klar, auch nicht mehr zu den halb-fantasierten (höre das geisterhafte „Erewhon“ von David Thomas). Kein Wunder, dass Greil Marcus, Obermystiker unter den amerikanischen Musikjourmalisten, ihr großer Fan ist.

„The Modern Dance“ ist eigentlich gar keine schwere Kost (von „Sentimental Journey“ einmal abgesehen). Es enthält unter dem Asphalt mitreissende Songs, die Punk überspringen und dessen Energie behalten: David Thomas brabbelt diszipliniert, während Allen Ravenstines Synthesizer zerrt und reißt und immer wieder versucht, den schweren Rock’n Roll-Verbund der Band zu trennen statt zu verbinden - in dieser Trennarbeit liegt denn auch Ravenstines herausragende künstlerische Leistung. Und das irritierend romantische „Chinese Radiation“ berührt immer noch genauso wie es ängstigt: „He’ll be the Red Guard/ She’ll be the New World/ He’ll wear his grey cap/ And she’ll wave her red book/ He’ll tell her, ‚One Way?’/ And then they’ll sing…“. Dieser “eine Weg“ ohne Rückfahrkarte ist dann doch ein paar Jahrzehnte später etwas weniger romantisch bestritten worden: Statt des roten Buchs nahm das Girl einfach die ganze zerstörerische Wucht des freien Marktes mit über die Grenze.