13.06.2008

Donald Fagen: Künstliche Fahrgeräusche





Steely Dan ist sicher besser, wertvoller, überraschender, tückischer als Fagen 1993 war. Aber wenn ich Steely Dan hören will, lege ich trotzdem „Kamakiriad“ rein. Ein paar Jahre ging es so, dass immer wenn Besuch kam und ich dazu abkommandiert wurde, die Hintergrundmusik auszusuchen, unweigerlich „Kamakiriad“ in die CD-Abspielmaschine schob. Sie erscheint mir immer noch perfekt dafür, denn sie kann im Hintergrund vertrackt vor sich hin knacken; man nimmt bei anregenden Gesprächen unterschwellig ihre Intelligenz und ihren Funk wahr, trotzdem ist sie höflich genug, sich nicht in Gespräche einzumischen - ausser man bittet sie darum. Vielleicht ist der Unterschied zu „Gaucho“ nur der, dass „Kamakiriad“ dessen großartig sterile Starre zu einem auf technisch allerhöchstem Niveau aufgepimpten Zukunfts-Oldtimer aufgemotzt hat (in Anlehnung an die Rahmengeschichte des Albums). Mit an sich idealem Strömungsverhalten, dem aber der Sinn für kleine verschwenderische Details angenehm in die Quere kommt: Chromverzierte Bläsersätze, ein vertrackt-straighter Beat und zwischendurch delektiert sich das Fahrpersonal an den zusätzlichen, künstlich hinzugefügten Fahrgeräuschen aus Klavier- und Keyboardtönen, die in das leise aber bestimmt klopfende Motorengeräusch getupft werden. Immer noch ein perfektes Fortbewegungsmittel.

07.06.2008

Hank Williams: Trinker mit Haus aus Gold







Wie schaffte der Typ das eigentlich? Totalen Superärger im realen Leben, schwerer Säufer, Privatfehden mit seiner Frau Audrey, Superstarstress (im Prinzip ohne Vorbild, an dem er hätte lernen können, damit umzugehen), im Knast wegen Trunkenheit - aber wenn er schwer angeschlagen ein Studio betrat, war er trotzdem bis auf die letzte Stelle hinterm Komma auf den Punkt genau absolut perfekt! Auch wenn er die Idee für „Your Cheatin’ Heart“ einem schwarzen Typen namens Johnny Bragg für 5 Dollar abkaufte (nicht sein einziger Fall von Ideeneinverleibung) - das ficht seine Klasse nicht an. Hank Williams war einer der ersten Popstars (vielleicht war er auch wirklich der erste), der seinen privaten Ärger offensiv in seine Songs trug - ziemlich offen, ziemlich direkt, ohne Umschweife oder groß ausgedachte Symbolik - anstatt sich hinter Geschichten zu verstecken, die von anderen handelten. Das Ich, das Hank Williams einführte, kam dem wirklich Erlebtem sehr nahe.

Vielleicht ist es die Einfachheit, die ihn so ausmacht. Seine Musik schreitet geschmeidig voran, nimmt manchmal den in der Countrymusik so beliebten Walzerrhythmus auf, ebenso die Hawaii-Gitarre (aus der dann später die Pedal Steel wurde) und Country-Fiddle; dann ist sie wieder schneller und direkter. Weich und verspielt ist sie in ihrer Reduktion trotzdem, vergleicht man sie mit den Tennessee Three um Johnny Cash, die ein paar Züge später in den Countrybahnhof einfuhren - Hank Williams lebte dann schon nicht mehr.

Letztendlich wird der Fluss seiner Musik aber vom Gesang getragen. Ich kenne kaum einen Sänger, der sich so traumhaft sicher durch seine Songs bewegt wie Hank Williams. Ich glaube, er beherrscht in der Beziehung eine Kunst, von der ich nur ahne, dass sie überhaupt existiert. Vielleicht hat sein klarer und direkter Stil deswegen so die Countrymusik geprägt. Vielleicht strahlt er deswegen auch etwas Universelles aus, etwas, das von vielen Popmusiken adaptiert werden konnte. Vielleicht verehren ihn deswegen Leute wie Beck, Dylan, Ryan Adams und Keith Richards. Vielleicht ist es auch seine zwar nur sehr kurze, aber dafür ohne künstlerischen Schwachpunkt glänzende Karriere (gerade mal sechs Jahre von Januar 1947 bis zum 31. Dezember 1952.). Hank Williams stirbt am 1. Januar 1953 in einem Hotel in Knoxville. 29 Jahre alt. Einige Quellen behaupten, er sei auf dem Rücksitz eines weißen Cadillacs gestorben - denn ein Superstarmythos schreibt andere Geschichten als das reale Leben. Als Hank Williams jedoch aus dem Hotelzimmer in den Wagen getragen wird, ist er bereits tot.


HANK WILLIAMS - The Original Singles Collection ... Plus


02.06.2008

PJ Harvey: Verzerrt, beschwert, glamouriert




Wer aus der Wüste auftauchte und seither nie so richtig aus meinem Bewusstsein verschwunden ist, ist PJ Harvey mit „To Bring You My Love“ - meine erste Begegnung mit ihrer Musik. Jahre später stellte ich fest, dass PJ Harvey die Platte nicht nur mit dem gleichen Vers einleitet wie Beefheart seine „Safe As Milk“-LP - „I was born in the desert …“-, sondern dass sie auch das gleiche Gitarrenthema für die Einleitung benutzt, nur verlangsamt und mit tieferer Tonhöhe gespielt. „To Bring You My Love“ ist nämlich letztendlich eine Bluesplatte, verzerrt, glamouriert, beschwert mit Religion und Abstraktion (auch das ist Blues-typisch), mit Bitten und Tod, mit Wut und Wahrheit an Stellen, die besonders weh tun. Dabei aber eingehüllt in schwere glänzende Seide der Komplementärfarben Rot und Grün.

Das finde ich faszinierend: Der Glamour und die schweren Vorhänge auf „To Bring You My Love“ relativieren den Schmerz nicht, sind kein Schild, der PJ Harvey schützt, obwohl doch gerade Glam und fette Produktion so einen guten Schutz abgeben und den Ernst der Lage abzupuffern in der Lage sind. Stattdessen bin ich jedes Mal erschüttert, wieviel von ihrem Kern sie preiszugeben scheint (anders als der nicht nur musikalisch ähnlich arbeitende Nick Cave, dem ich oft seine Posen anzumerken glaube). Ich wundere mich dann immer um so mehr, wie Polly Jean Harvey nach einem neuen Album einfach so ein Interview geben kann, als wäre nichts geschehen, selbst wenn sie im Interview ausführt, was alles geschehen ist.

Seit Wochen höre ich „To Bring You My Love“ immer wieder, wollte ich doch einige Beispiele genau benennen, wo mir eine Soundidee, eine Gitarrenverzerrung, ein bassiges Brummen, eine Orgel, in der das Wimmern der Welt steckt, eine Zeile oder verzerrtes Krächzen in der Stimme besonders symptomatisch, erschütternd und wertvoll erscheint, aber nun wo ich am Schreibtisch sitze, ohne Musik, ohne Anhaltspunkt, ist es mir nicht möglich, Einzelheiten zu benennen. Mir scheint, mit dem Hervorheben von Details werte ich das Nicht-Genannte ab, was mir sehr ungerecht vorkommt. Vielleicht ist auch das ein Merkmal großer Kunst.