14.04.2008

Tuxedomoon: Innere Zersetzung



TUXEDOMOON - Half-Mute

1980




In einer Mitbewerbermusikzeitschrift schrieb ich einmal in einer Rezension zu „Cabin In The Sky“, einem neueren Tuxedomoon-Album, einen langen Satz, der unter anderem davon handelte, dass sich Tuxedomoons Hang zur ernsten Musik in ihrem Schaffen bis einschließlich „Half-Mute“ in einem faszinierend unschlüssigen Stadium befand, das so klang, als hätten sie im Studio alle Fehler gekünstelter Theatralik im Schnelldurchlauf vollzogen, dann wieder verworfen und versucht, sich von ihrem Einfluss zu befreien (statt wie in Wirklichkeit geschehen, erst so richtig in Theatralik und moderne Klassik einzutauchen, was ihren spätereren Platten leider nicht so gut bekam).


Und, ehrlich gesagt, schrieb ich das nur, um auch mal einen langen, altklugspexigen, irgendwie schlau aus der Wäsche guckenden Satz in einem Text unterzubringen, der das, was er behauptet, sofort wieder widerlegt. Denn so scheint mir manchmal das gesamte Handeln des Menschentiers angelegt, und so in der Folge natürlich auch seine Kunst und damit ebenso das Schreiben über Kunst. Den Witz hat aber damals wohl keiner verstanden. Lustigerweise bekam ich dann aber eine - ernstgemeinte - email-Antwort vom Labelpromoter, dem meine Rezension sehr gut gefiel und der mich unbedingt weiter mit allen Neuigkeiten und Interviewterminen der Musiker aus seinem Stall versorgen wollte (meist irgendwelche eher gemäßigten Jazzer, oder Soulsängerinnen im Bar-Jazz-Stil). Ich sagte nicht nein, habe mich dann aber nie wieder auf seine regelmäßigen Newsletter gemeldet. Ich mag den langen Satz aus der Rezension immer noch gerne lesen, mittlerweile glaube ich sogar, er könnte stimmen.


Es soll hier in diesem Text um die ersten Schritte von Industrieromantik in einer Zeit (1977-79) gehen, als immer mehr Musikprojekte bestrebt waren, diesem ganzen Rockmist und Gitarrenmist einen Schuss Realität und Nervigkeit entgegenzustellen. Auch Punk-Gitarrenkram musste damals überwunden werden, die Gitarre entweder mittels Elektronik völlig verworfen (This Heat, Residents, Wire im Ambient-Wahn) oder neu überdacht werden (Chrome, Dr. Mix & The Remix, Young Marble Giants, Wire im Sharpcut-Wahn) oder das eine musste das Filetiermesser des anderen sein (Pere Ubu).


Tuxedomoon, als Projekt von in San Franzisko Studierenden der elektronischen und klassischen (Violine, Saxophon) Musik setzen zu jener Zeit ebenfalls auf einen wachhaltenden Realitätsbezug, der in Form von im Hintergrund wirkender, anätzender Elektronik an der Substanz der Tracks nagt und sie korridiert. Schönspielerei wird auf „Half-Mute“ nicht betrieben. Violine und Saxophon spielen meist gerade so lange eine Melodie, bis sie zu einem genau tarierten Augenblick abbrechen, einen sekundenkurzen Sturz ins Atonale erleben, aus dem sie sich dann wieder notdürftig fangen, um das Spiel an schwer berechenbaren Stellen wieder abzubrechen. Und wenn sie doch mal einen längeren, melodietragenden Part einnehmen, dann wird dieser gleich wieder durch Störungen unterminiert. Zu keinem Augenblick lässt „Half-Mute“ erahnen, welche musikalischen Verbrechen im Folgejahrzehnt am Saxophon begangen werden sollten.


Natürlich ist ihrer Kunst Theatralik nicht fremd, aber sie findet noch auf den Straßen statt (über deren Straßenlärm auch mal ein Hubschrauber rotiert). Blaine L. Reiningers überspannter, leicht paranoider Gesang handelt von 59 Sekunden einer jeden Minute, die gegen dich sind, gegen dich und gegen mich. Wir haben also etwas gemeinsam, du und ich. Wir haben einen gemeinsamen Gegner, gegen den wir uns gemeinam in Bewegung setzen können. Tatsächlich wurde „59 to 1“ folgerichtig ein kleiner Wave-Disco-Tanzflur-Hit. Auch sonst ist hier Dank der prägnanten und trockenen Bassarbeit und dem Einsatz einer kühl klopfenden Beatbox in vielen Tracks ein stabiles Fundament gelegt. Etwas, das ich bei einigen drögen Labtop-Exegeten der neueren Zeit doch etwas vermisse.


Die (geschwindigkeitsmanipulierten) Glocken auf „James Whale“ beziehen sich eindeutig auf klassische Gruselfilme der dreissiger und vierziger Jahre. Unterfüttert werden sie mit seltsam künstlichen Galoppgeräuschen und einem Rauschen ganz ähnlich dem, das alten Filmen aus der ersten Hälfte des vergangen Jahrhunderts zugrundeliegt. Ein Synthesizer zieht den Track in die Gegenwart: Er verteilt unheimliche Schlieren, die gut zu einer modernen Menschwerdung künstlicher Wesen gepasst hätten. James Whale, der Namensgeber des Tracks, war einer der fähigsten, virtuos mit stimmungsvollem Licht und vielschichtigen Charakteren arbeitenden Regisseure jener Zeit („Frankenstein“, „Der unsichtbare Mann“), als Gruselfilme einem noch nicht den Magen umdrehen wollten, sondern dem Zuschauer nur das Streichholz hinhielten, damit der die Lunte im Kopf selbst entzünden konnte (das Löschwasser bildete dann der kalte Schweiß).


Tuxedomoon waren also eine Vorstufe derjenigen Romantik, die sich dann leider zu Goth-Romantik entwickeln sollte. Auch Tuxedomoon selbst waren nach „Half-Mute“ in diese Richtung abgedriftet, ja, schlimmer noch, sie zogen nach Brüssel und lenkten ihre Musik zudem in Richtung europäischer Harmoniekultur. Ihre Elektronik setzte keine Gegengewichte mehr, die Tracks wurden nicht mehr von innen zersetzt. Aber in ihren Arbeiten bis einschließlich „Half-Mute“ hatten sie ihre Kunst in vollkommener, unberechenbarer Balance aus Realitätssinn und manisch-kühler Leidenschaft. Ich kenne aus jener Phase nicht jedes Fitzelchen, das sie produziert haben, aber das was ich davon kenne, ist ausnahmslos von Midas berührt. Ich verlor, wie so oft, mit der zweiten LP das Interesse.

Tony Conrad at Galerie Daniel Buchholz, Köln. 15. April 2008

da würde ich gerne zugegen sein...

Tony Conrad at Galerie Daniel Buchholz, Köln

Tuesday April 15, 2008, 8 p.m.



An evening with Tony Conrad, including rare films, unreleased archival audio from the 1960's, a discussion between Tony Conrad, Diedrich Diederichsen, Branden W. Joseph and a Violin Performance by Tony Conrad.

Galerie Daniel Buchholz
Neven-DuMont-Str. 17
50667 Köln
[http://www.galeriebuchholz.de]


[http://a-musik.blogspot.com/2008/04/tony-conrad-at-galerie-daniel-buchholz.html]

13.04.2008

The Modern Lovers: Spielen vor der Zeit


The Modern Lovers
1973 (veröffentlicht 1976)

Ich sah Jonathan Richman 1984 in Bremen. Er spielte in VW-Bus-Dreierbesetzung, nur mit Standschlagzeug, Bass und seiner Gitarre begleitet. Zehn Minuten vor dem Konzert stand der Großteil des Publikums noch im Foyer der "Schauburg", als drinnen plötzlich der Anfang von „Egyptian Reggae“ erklang. Die Band fing schon Minuten vor offiziellem Konzertbeginn zu spielen an! Sowas hatte ich noch nie erlebt! Verwirrt strömte die Menge in den Konzertsaal.

Es gibt einen Song von Jonathan Richman, der davon handelt, wie er mit einer Freundin bis in die Nacht hinein diskutiert, und sie lieber rechtzeitig gehen will, weil sie sich darum sorgt, die Nachbarn könnten ihre Anwesenheit sonst missverstehen und Jonathans Frau einen falschen Eindruck vermitteln. Und Jonathan antwortet ihr: „Well my wife knows me by now/So there's no need to let the neighbors run my life/ No, no need to let the neighbors run my life, no no.“ Nach dem Konzert in der "Schauburg" gingen Kai und ich zum Bühnenrand, wo wir Jonathan Richman zu fassen bekamen. Kai fragte ihn, wie es mit den Nachbarn läuft. Richman bedeutete uns, dass er nach dem Konzert seine Stimme schonen müsse und daher nicht sprechen könne. Stattdessen holte er einen Schreibblock hervor und schrieb etwas darauf. Er schrieb und schrieb, so ungefähr drei Seiten voll. Dann schrieb er etwas auf die vierte Seite, riss sie heraus und gab sie uns, wobei er sich freundlich von uns verabschiedete. Auf dem Zettel stand nur: „We’re moved“ - Wir sind umgezogen.

So sehr ich die Velvet Underground auch schätze, so ziehe ich viele ihrer offensichtlichen Epigonen doch meist vor. Dazu gehören Spacemen 3 („The Perfect Prescription“) genauso wie The Clean („Compilation“). Aber die Größten sind die frühen Modern Lovers. Meine liebste Platte von Jonathan Richman ist daher die erste Modern Lovers von 1973. Nenne sie Prä-Punk oder Post-VU, egal, sie steht eben in der Mitte dieser beiden ganz ähnlich britzelnden Energien. Daran ist sicher auch John Cale nicht ganz unschuldig, der zwei Drittel des Albums produziert und den Sound in seiner typischen Weise trocken und gefahrvoll zusammengeschweißt hat.

Das treibende „Roadrunner“ enthält vielleicht den besten rauen Orgelsound, den ich kenne (oder doch eher die Orgel auf "Modern World"? Oder auf "She Cracked"? Egal, sind ja alle auf dieser Platte drauf!). Und das langsame „Hospital“ erschüttert mich jedes mal immer wieder mit seiner Anfangszeile: „When you get out of the Hospital/ Let me back into your life“. „Pablo Picasso“ ist ein schönes Beispiel für Richmans Humor („Some people try to pick up girls/ And get called an asshole/ This never happened to Pablo Picasso/ He could walk down your street/ And girls could not resist to stare/ And so Pablo Picasso was never called an asshole/ Not like you“), und dabei doch grimmig und mit velvetesten Gitarren geschnitten. “She Cracked” ist US-Punk in Reinkultur, trotz der scharfkantigen Orgel, die im Hintergrund sägt. Ein Ewigkeitssong, vielleicht der erste Anti-Drogen-Punk (“Well she cracked, I won't/ She did things that I don't/ She'd eat garbage, eat shit, get stoned/ I stay alone, eat health food at home”). Undsoweiterundsofort. Zu jedem Song könnte ich Hymnen dichten, könnte ich Hymnen dichten.

09.04.2008

Rufus Wainwright: Aus den Schatten kommt das Licht

Poses

2001


Schon mit dem zweiten Album von Rufus Wainwright ging es los, dass ich fremdelte. So tief war der Eindruck, den sein erstes auf mich gemacht hat. Ich wollte exakt das gleiche Album nochmal haben! Dies ist eigentlich ein Grundproblem meiner Musikrezeption: Begeistert mich eine Platte, dann will ich im Prinzip, dass das Nachfolgealbum exakt genauso ist wie das erste (also das erste, das ich kennengelernt und an dem sich meine Begeisterung entflammt hat). Völlig unmöglich natürlich, denn wäre das Nachfolgealbum exakt wie das erste Album, dann wäre es ja auch das erste Album! In dieser stinkkonservativen Sicht liegt begründet, warum mich so viele zweite Alben überhaupt nicht mehr interessieren.

Und bei Wainwright ist es erstmal genauso gewesen. Warum also erwähne ich hier „Poses“, ist es doch schließlich das zweite Album? Weil Wainwright eben so gut ist, dass er mich auch dort wieder von neuem total überzeugen, überrumpeln und hintenrum ins Herz stechen konnte. Freilich benötigte ich meine Zeit, bis ich das zulassen konnte, denn der Widerstand meiner konservativen Haltung war so groß (weil das erste Album von Wainwright so herausragend ist), dass ich enttäuscht war vom Nachfolger. Aber während dieser Zeit der Enttäuschung gingen anscheinend geheimnisvolle Dinge in mir vor. Es war im Nachhinein fast so, als musste sich mein Organismus erst langsam auf einen „anderen“ Wainwright einstellen, als suchte er offene Kanäle in der Zellmembran, als musste er sich irgendwie durchlässig und geschmeidig machen. Dieser Prozess verlief unmerklich. Als mein Organismus dann heimlich seine Vorbereitungen für die neue Platte von Rufus Wainwright abgeschlossen hatte, benötigte er nur eine Einzelheit, einen Katalysator - ein Melodiefitzelchen, eine Körper und Geist schwächende Erkältung, eine Wolke, die die Sonne verdunkelt, oder etwas anderes völlig banales oder kitschiges - und mein Widerstand war dahin. Was es genau war, kann ich nicht mehr sagen. Jedenfalls floss danach in kürzester Zeit die neue Wainwright in mich rein wie ein Sturzbach. Ich trank und trank, wochenlang, monatelang, ich kannte keine andere Musik mehr.



Das erste, was in mich floss, war der Titelsong „Poses“. Vielleicht nahm es so seinen Anfang. Ein ruhiges Klavierstück, mit Streicher und einem kleinen Chor versehen. Wainwright zerdehnt wie so oft die Verse ins Ungriffige hinein (ich glaube, deswegen mögen ihn viele nicht). Nichts berühmtes, dachte ich so, bis in einer schwachen Sekunde der Refrain in seiner ganzen Zartheit in mich versank wie Nosferatu/Kinski in die Halsschlagader eines schönen Körpers. Ich erkannte die totale emotionale Meisterschaft dieses gezogenen Refrains, seine kleinen Talfahrten, aus denen immer wieder ein höherer Berg bewältigt wird. Eine perfekte dramatische Struktur, auf sich aufbauend, sich wieder zurücknehmend, und doch unmerklich immer weiter dramatisierend. „Poses“, der Song, machte mich echt fertig im doppelten Sinn. „All this poses of classical torture ruined my mind like a snake in the orchard“, singt Wainwright. Eine klassische Tortur, fürwahr.

Danach erschloss sich auch der Rest der Platte schnell. So gut wie jeder Song auf „Poses“ ist zu gewissen Zeiten mein Lieblingssong gewesen, ok, „Poses“ selbst thronte immer über allem, aber von ihm leiten sich viele andere ab: Andere Posen wie im „Greek Song“ zum Beispiel, mit seinem außerordentlichen Arrangement, das mich an China erinnert, an das Standbild eines altes chinesisches Orchester (oder an „Passage to India“ von David Lean); oder wie im laissez-faire-Stil (mit halbgeschlossenen Augen) treibenden „Shadows“ und dem langezogenen, genüßlichen „Out of this shadows …“ der Backing Vocals, das Wainwright beendet und weiterführt mit „ … comes the light“, undsoweiter.


„Poses“ wirkt nicht ganz so oberteuer arrangiert und verbarockiert wie andere Alben Wainwrights, mehr wie eine intime Version davon, wie ein verstecktes architektonisches Kleinod - ein Atrium auf den zweiten Blick, vielleicht hinter der kleinen Gartenanlage eines glamourösen Schwulenclubs in San Francisco gelegen - oder wie die Alternativinszenierung eines dramatischen Stoffs abseits der Salzburger Festspiele. Schaut man einmal genauer hin, ist „Poses“ immer noch Oper, nur spielt sie auf einer Bühne, von der aus man den Orchestergraben nicht sehen kann - und nur deswegen denkt man, er wäre gar nicht da. Aber eine Unaufmerksamkeit genügt, um tief hinein zu fallen.