31.03.2008

Bob Dylan und XM Satellite Radio: It's night time in the big city



Ein Porträt über die sehr empfehlenswerte wöchentliche Radiosendung Theme Time Radio Hour ("Your host: Bob Dylan") findet sich in der Zeit:


Sendungsbewusstsein
von Matthias Schönebäumer



Theme Time Radio Hour auf XM Satellite Radio

29.03.2008

Public Image LTD. : Society Boy On Social Security



PUBLIC IMAGE LTD.

Second Edition / Metal Box
1979





Es ist an der Zeit für ultra-dünne Verzerrgitarren. Das dachte ich, als ich letztens „Soldier Talk“, eine alte Platte (1979) der Red Crayola, auflegte.
Aber es ist schon klar, warum der dünne Verzerr-Klang nie in seiner soundtechnisch kümmerlichen Pracht in den heutigen Zitate-Kanon der End-Siebziger aufgenommen wurde. Zu unangenehm, zu wenig beeindruckend wirkt er. Zu wenig öffnet sich der Sound, er bleibt dicht am Körper, ist schmächtig und insektig, er holt nicht aus und vereinnahmt nicht. Er nervt nur.
Und er will auch nerven. Daher meiden wuchtige Indie-Bands wie Interpol ihn, obwohl sie sich ansonsten so deutlich auf die End-Siebziger beziehen. Selbst die Liars, die am Anfang dieser Dekade noch am ehesten auf „They Threw Us All In a Trench And Stuck a Monument On Top“ in die Nähe der dünnen E-Gitarren gekommen sind, haben sich dann doch eher auf Krach mit Telefonstimme, Gang Of Four und Zicken-No-Wave-Funk konzentriert. Die ultra-dünne Verzerrgitarre fristet deswegen ein Dasein ausserhalb der heutigen Zeit. Beziehungsweise fristet sie überhaupt kein Dasein mehr.
In jener Zeit jedoch, als hässliche und fiese ultra-dünne Verzerrgitarren wirklich wegen ihrer Hässlichkeit und Fiesheit eingesetzt wurden, als man versuchte, damit Wirklichkeiten abzubilden, die über den Horizont rein Ich-bezogener Inszenierung hinausgingen, erschien „Second Edition / Metal Box“ von Public Image Limited.
Es ist auch heute noch kaum zu glauben, wie weit PIL ein herkömmliches Band Line-Up - Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard/Synthesizer - hinausgetragen haben, indem sie die traditionellen Gewichtungen veränderten: Das Schlagzeug und der Bass weit, weit vorne; die Gitarre ausgedünnt, verzerrt, sirrt stichelnd wie ein lästiges Insekt; der Sänger (war kurz vorher in einer berühmten Punk-Band) ist nach hinten gemischt, er hält keine Refrains/Strophen mehr aufrecht, er proklamiert beiläufig, als zitiere er Satzfetzen aus einem zufällig mitgehörten Gespräch, ist dann wieder giftig, zynisch und herablassend. Oft ist er gar nicht da, überlässt das Vakuum einem scheinbar zufälligen Synth, der nur einmal wirklich einlullt, nämlich im letzten Stück, „Radio 4“, einem intelligenten Kommentar zu Formatradio und Kaufstimulation.

Eine der vielen die Dekaden überdauerten Sensationen von „Second Edition / Metal Box“ ist der Sound der dominanten Basis: Bass und Schlagzeug, die selbst heute in ihrer Raum einnehmenden Kraft unerreicht sind. In fast 30 Jahren nicht getoppt - eine beachtliche Leistung! Und der Höhepunkt der Sensationen ist das Dreigestirn, das die dritte Seite ausmacht: „Socialist“ / „Graveyard“ / „The Suit“. Ersteres war lange Jahre das Titelstück von „John Peel's Music“, welches wiederum mit „Careering“ (ebenfalls auf dem Album enthalten) ausklang. Mittleres hat den zwingensten Drum-Bass-Part, der sich im Zusammenhang von Experiment, Wave, Track und Song denken lässt. Und letzteres ist die mit dunklen Schritten begleitete Analyse der sich abstrampelnden Pentler zwischen Büro und Heim, zwischen offiziellen Anlässen und institutionalisierten Freizeitbeschäftigungen. Ein Leben zwischen Einrichtungsgegenständen, Sportclub-Mitgliederausweisen und Saisonkarten:




It is your character
Deep in your nature
Take one example
Sample and hold
...
Everyone loves you
Until they know you
...
Society boy
On social security
It is your nature
Tennis on Tuesday
Sipping champagne
Football on Sunday



Ich weiss nicht, ob das gut oder schlecht ist, aber mich hat die zeitlose Größe dieser Musik mehr beunruhigt, als dass ich mich darüber freuen konnte, nachdem ich es nach langen Jahren wieder hörte. Kann ein 28 Jahre altes Werk immer noch heutig sein? Und wenn es das nicht kann, ich es aber so empfinde, bin ich dann noch zu retten?

27.03.2008

Jonathan Richman: Neues Album im März/April 2008


"Jonathan and Tommy Larkins have just completed a brand new album, Because Her Beauty is Raw and Wild. The album will be in stores in March!!!"

http://www.vaporrecords.com/

Because Her Beauty is Raw and Wild - super Titel, den sich der allersympathischte Jonathan Richman für sein neues Album ausgesucht hat. Die Tourdaten auf vapor records weisen zwar nur Termine in den USA aus, aber eigentlich müsste Dauertourer Richman dann irgendwann auch wieder in Europa aufschlagen, VW-Bus-kompatibles Equipment + Mitstreiter inklusive.

Cover ist auch schon mal sehr vielversprechend, vielleicht sogar ein Hinweis auf ein wenig Schmutz und Unbehaglicheit in der Musik?

26.03.2008

Go-Betweens: Acht Bilder, acht Schläge, drei Freunde



The Go-Betweens - Send Me a Lullaby
1981

Ja, dies wird das einzige Album von den Go-Betweens sein, das ich im Tell-Us-Why-Projekt nennen werde. Vielleicht liegt es daran, dass „Lullaby“ die erste war, die ich kennenlernte. Ich konnte mir danach nicht schnell ihren Backkatalog zulegen, denn es gab damals noch keinen Backkatalog. Daher hat sie den größten Eindruck auf mich gemacht, gegen den alle Folgeplatten, so brillant sie auch zweifellos zum großen Teil waren, nicht mehr gegenan konnten. Ich habe immer noch das Gefühl, „Lullaby“ zeigt die Band in ihrer wahren Essenz, während die Alben danach immer Go-Betweens-„Plus“ waren. Plus Profi-Produktion und -Sound ("Before Hollywood"), plus Schwerem Samtvorhang ("Spring Hill Fair"), plus Country und Indie-Star-Erfolgsdruck ("Liberty Belle And The Black Diamond Express"), plus Violine, Tanzbarkeit und Bandmitglieder-Aufstockung ("Tallulah"). Es klang für mich in der Folge von „Lullaby“ stets wie „Seht her, unsere Songs sind so groß, unsere Beziehung untereinander ist so kreativ und auseinandersetzungsstark, dass wir alles mit ihnen machen können, und sie sind immer noch fantastisch“. Und sie hatten recht damit (zumindest bis „16 Lovers Lane“ herauskam, denn das Plus an Charts-Pop-Sound begann dort erstmals ihre Songs merklich anzugreifen).


Selbst in die Gegenrichtung kann ich „Lullaby“ als Essenz wahrnehmen, denn diejenigen Songs, die die Band vor „Lullaby“ aufnahm, die „lost“ Tracks, Singles, etc., die später zugänglich gemacht wurden, scheinen mir nicht ausformuliert genug, ihnen fehlt etwas, was auf „Lullaby“ dann erst perfekt wurde. Dabei ist der Sound auf „Lullaby“ reduziert und fehlbar, trocken und hallarm. Die Go-Betweens waren ein Trio und ein Trio hört man hier auch: Gitarre (Foster), Bass (McLennan), Schlagzeug (Morrisson), es kommt meist nur ein sparsames Steigerungsmodul hinzu, ein Klavier, ein Saxophon (ganz kurz auf zwei Songs), eine zweite Gitarre. Höchst effizient platzierte Module, die nichts kitten oder kaschieren, die keine Lücken schliessen, die einfach nur die mit grobem Werkzeug geschnitzten Songfiguren bereichern, ergänzen, manchmal auch kommentieren (denn was sonst ausser einem Kommentar kommt es gleich, wenn Forster singt “And I’ve grown to accept/ That people know the next steps“, und anschließend untermauert ein unberechenbares Winzsolo eines Saxophons die nicht planbaren Unbilden des Lebens?). Die Tendenz vieler Gitarren-Indie-Songs (bis zum heutigen Tag), fehlende Ideen einfach endlos unterzujanglen, findet hier zu keiner Sekunde statt. Der Sound von „Lullaby“ ist die perfekte Demokratie zwischen drei absolut gleichgestellten Menschen und Freunden. Der Bass ist markant, er begleitet nicht nur, übernimmt Melodien und stellt sich gleichberechtigt neben die Gitarre. Die Drums halten sich zurück oder übernehmen Verantwortung, sind aber immer darauf bedacht, am Ort des Geschehens zu sein. Die Gitarre ersinnt reduzierte, knarrende Wendungen, sie trägt oft nur den Teil der Melodie, den der Bass gerade nicht übernimmt oder umgekehrt. Ähnliche Demokratie habe ich im Kontext von Song und Rockmusik nur noch im Sound von Minutemen/Firehose gefunden.


Forster und McLennan schienen selbst nicht glücklich mit dem Sound zu sein („metallic folk in a way“, werden sie vom All Music Guide zitiert), aber wann schaffen es Musikern denn schon mal, wirklich zu wissen, was an ihrer Musik gut ist? Nie haben für mich Songs je wieder solch individuelle Balance zwischen Sperrigkeit und Perfektion erlangt. Sie scheinen sich ständig gegen ihren natürlichen Fortgang zu wehren - und das auch noch mit Erfolg. Trotzdem bleiben es streng und bewusst komponierte Songs. In der Summe kenne ich niemanden, der solche Musik schreibt wie Foster/McLennan auf „Lullaby“. Verstärkter Metallsaiten-Folk, der durch Punk und Dylan gleichzeitig gegangen ist. Harsches Understatement. Lindy Morrisson trommelt so präsent, wie ich es nie wieder so direkt und touching von einer Go-Betweens-Platte gehört habe. Auf „Eight Pictures“ gelingt ihr ein für die damalige Zeit in seiner Formverletzung vollkommener Tabubruch - sie spielt ein Schlagzeugsolo! 1981 sogar verdammenswerter als ein Gitarrensolo! Und es passt so wunderbar zu der tragikomischen Geschichte, die Forster erzählt: Die Beweisführung der Untreue mittels heimlich geknipster Fotobelege. Das Drum-Solo als Welteinsturz des Protagonisten. Zu Ehren der acht unleugbaren Fotobeweise wird Lindy Morrisson den Song mit acht harten Drumschlägen beenden.

Blind Willie Johnson: Summen und Rauschen







Blind Willie Johnson

Dark Was The Night

1928-31


Der interessierte Leser muss es mir bitte verzeihen, dass die Eigendynamik dieses über viele Monate gehenden Projektes mir Platten aufdrängt, an die ich nie und nimmer dachte, als das Projekt seinen Anfang nahm. Dafür fallen dann sicher gesetzte Alben weg, soweit kann ich mich schon festlegen, jetzt, wo das Ende dieser kleinen Threadreihe nur noch wenige Wochen entfernt ist. Es wird beispielsweise wohl keine Platte von Giant Sand mehr kommen („Ballad Of A Thin Line Man“ war in den Top 10 gesetzt). Schaffe ich es stattdessen immerhin, die einmalige erste Feelies zu erwähnen, die das Kunststück fertig bringt, der Prototyp (in Musik, Bild, Cover, Image) einer Indie-Collegeband zu sein, ohne dass eine Indie-Collegeband jemals wieder an deren Stil anknüpfte (stattdessen wurde sich an den ungleich konventionelleren R.E.M orientiert - später leider irgendwie auch von den Feelies selbst)? Ich meine, wie großartig ist denn bitte die Idee, nervöse Gitarrenpopsongs mit einem minutenlangen Intro zu spielen, an das sich zum Schluß noch ein winziger Teil mit Refrain und Strophe dranhängt? Müssen nicht wenigstens The Fall noch erwähnt werden? Oder eine der vielen herausragenden Platten von Al Green, gerade weil ich doch Ann Peebles schon im Programm hatte, und Al Green sogar noch besser ist? Die Byrds fallen raus, die Beau Brummels wollte ich mit Bradley’s Barn noch erwähnen, aber ich schaff’s nicht. Wie steht’s mit La Nouvelle Pouvreté von Jan Jelinek? Mit Stereolab, Air, MC 900 Ft Jesus, Rufus Wainwright, Van Dyke Parks (Discover America!)? Die erste Undertones (die englische Ausgabe mit „Teenage Kicks“ drauf)? Superfly? Ich müsste sie erwähnen, nur fällt mir zu ihnen gerade nichts ein, ich höre sie momentan auch nicht. Und wenn ich was nicht höre, kann es ja auch nicht das Beste sein, das ich kenne. Denn dann würde ichs ja hören, oder?


Stattdessen bin ich unmerklich über einen sehr langen Zeitraum hinweg nach und nach in einen anderen Strudel gesogen worden. Es nahm vor bestimmt vier Jahren seinen Anfang mit Howlin Wolf und „Moanin’ At Midnight“, das mich aus heiterem Himmel traf. Ich sah plötzlich die Vergangenheit der Jon Spencer Blues Band, ich sah DEN Gitarrensound und DAS Heulen. 1952 aufgenommen! Unglaublich. Ich hörte „Moanin’“ seit damals mehrere hundert Male. Damit gings irgendwie los. Dann kam zeitgleich das Psych-Folk-Revival (Scheiß auf Anti-…) - und schon hatte mich die Gitarrensaite wieder. Ich entdeckte über The Books einen Weg, der mich auf den Pfad der Anthology of American Folk Music brachte, von da ist es nur noch eine Gitarrenvariation bis zu John Fahey. Immerhin knöcheltief fand ich mich plötzlich in Rootsmusik wieder und hörte rauschende Zusammenstellungen alter Shellack-Aufnahmen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts von Folk, Bluegrass, Blues und Gospel, die schon damals mit ihrem ersten Erscheinen Old Time Music genannt wurden.


Der Blues’n’Folk hat sich in unmöglichem Zick-Zack-Kurs durch mich hindurchgeschlängelt wie eine Patrone aus Lee Harvey Oswalds klapprigem Gewehr. Plötzlich sah ich mich 3-CD-Boxen von Charley Patton kaufen, das durchsichtige Vinyl einer Dock-Boggs-Platte - erschienen auf Revenant, dem Plattenlabel von John Fahey - auflegen, lud mir Slim Harpo auf den Rechner und lauschte gebannt Muddy Waters, wie er den kräftigen Wind besingt, der in Chicago weht („Blow Wind Blow“ from Chicago - mit der Betonung auf dem letzten Vokal, so wie es Bob Dylan tat, als er in der ersten Folge seiner Theme Time Radio Show den Song anmoderierte). Mich packte das Fieber, als ich „Dark Was The Night“ von Blind Willie Johnson in das Abspielgerät schob (so wie es vielleicht auch Extraterristrische tun werden, wenn sie den Titelsong auf der Schallplatte aus Gold finden, die dem Voyager-Raumschiff beigefügt ist). Sein Gesang elektrisierte mich. Später bemerkte ich erst, wie fantastisch er außerdem Gitarre und Slide spielen konnte. Ich bin kein Fachmann, was diese alten Tunes aus Folk, Gospel und Blues betrifft (die Aufnahmen von „Dark Was The Night“ stammen von 1928-31), aber obwohl sich hier fast nur ein Mann mit (Slide-)Gitarre begleitet (manchmal singt auch seine Frau mit), finde ich, dass Blind Willie Johnson wie kein zweiter klingt. Die Stimme kann vollendet kratzen (wenn sie will), nicht rau im Sinne von Kontrollverlust, sondern sie kratzt stetig indem sie den Ton dabei hält. Das ist toll. Noch toller aber ist, wie Blind Willie Johnson manchmal am Ende eines Verses das Kratzen herausnimmt, und was dann ganz unspektakulär zum Vorschein kommt, ist ein nie gehörtes Summen und Seufzen. Es zieht den Vers nach unten und nach oben. Gleichzeitig. Wie ein Wink aus einer anderen Dimension. Das meine ich gar nicht pathetisch. Man könnte versucht sein, aus diesem Seufzen ein Symbol des Leidens herauszulesen (seiner Vita nach zu urteilen hätte er durchaus Grund dafür gehabt), aber damit würde man nur einem platten Blues-Idiom aufsitzen. Niemand muss sich hier am Leiden ergötzen, denn dieses Summen und Seufzen ist selbstbewusst und selbstbestimmt, selbst noch in der Trauer. Es horcht in sich hinein und findet auch wieder heraus. Der Titelsong kommt ohne Text aus, das Seufzen und Summen ist hier ganz rein. Es kommt bei mir an. Durch und durch.