17.12.2008

PUMICE: porentief beschmutzt

 


Neuseeland hat eine gewisse Tradition in lauter, fieser Musik, die in eigenbrötlerischer Sperrigkeit eine wohltuende, aber dadurch nicht minder zusetzende Hässlichkeit verbreiten kann. Und da Musik ja mittlerweile inflationär nach ihrer Schönheit beurteilt wird, bin ich vor einiger Zeit dazu übergegangen, der Hässlichkeit das Wort zu reden. Waren es in den 80er Jahren besonders die Tall Dwarfs oder auch mal The Clean oder Bailter Space, die dieses Feld bestritten, ist mir dieses Jahr die Einmann-Band Pumice mit „Quo“ ins Ohr gefallen. Vor keiner scharfen Kante haltmachende Musik, die sich aber nicht als improvisierter Krach erfindet, sondern immer in mit hinterhältiger Bedacht komponierten Songs passiert. Wie es mittlerweile modern ist, zieht auch Pumice mal ambiente, stark beschmutzte Schlieren in seine Tracks ein, die durch keinen Waschgang mehr herauszubekommen sind. Gerne lass ich mich von solch gekonnt verschmierten Schmutzstoffen dreckig machen.

Mehr zu Pumice (incl. Links) hier auf Zu-Zeiten.

16.12.2008

CHARLEY PATTON: kein kind von traurigkeit





Warum habe ich Charley Patton gehört? Weil ich den schmächtigen Mann, der auf dem einzigen mir bekannten Foto von ihm zu sehen ist, nicht mit dem rauen Blues und der aus tiefen Tiefen auftauchenden Stimme zusammen bekomme, die auf der 3er-CD „The Definitive Charley Patton“ zu erahnen ist. Rostige, rauschende Aufnahmen, die Patton in den Jahren 1929-34 aufnahm und die selbst damals nicht dem besten Stand der Studiotechnik entsprachen. War Patton ein Schwarzer? War er ein Weißer? War er ein Native American? Wer war Charley Patton? Man kann es nicht erkennen. Das ist das faszinierende an den alten Fotos und den Shellack-Aufnahmen aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts: Sie geben Geheimnisse nicht preis, sie häufen sie im Gegenteil eher an - jedesmal wenn man sich mit ihnen beschäftigt werden es mehr.

Im Booklet (und vor Jahren in der Spex) lese ich, Patton hatte auch noch anderes außer Blues gespielt, aber diese Sachen wurden nicht aufgenommen, denn nur der Blues ließ sich damals verkaufen (und Patton verkaufte sich sehr gut). Diese andere Musik und deren aufkratzende Präsentation muss es gewesen sein, die den ein oder anderen Farmbesitzer dazu bewog, den charmeurenden Patton vom Gut zu werfen, vielleicht weil er um die Moral seiner Arbeiter fürchtete. Patton war auch ansonsten bei Abendveranstaltungen kein Kind von Traurigkeit: Frauen in Gegenwart von ihren Männern anzubaggern, brachte seiner Kehle und seinen Stimmbändern irgendwann eine gefährliche Bekanntschaft mit einem Messer ein. Zu solchen Gelegenheiten spielte Patton sicher nicht Blues, sondern etwas direkter Animierendes zum Tanzen und Betatschen. Vielleicht wabert jene geheimnisvolle Musik noch irgendwo in den schalltragenden Luftmassen des unübersichtlichen Mississippi-Deltas, bereit, eines Tages mit Hilfe seltsamer Akkumulaturen eingefangen zu werden, auf Tonträger wurde sie jedenfalls nicht konserviert. Aus diesem Grund ist „The Definitive Charley Patton“ eines meiner Alben 2008 nicht nur wegen der Musik, die tatsächlich zu hören ist, sondern auch wegen derjenigen, die dahinter zu erahnen ist.

15.12.2008

DENNIS WILSON: seltsam wund




Die einzige Solo-LP, die Beach Boy Dennis Wilson fertigstellte, nämlich „Pacific Ocean Blue“ von 1977, wurde dieses Jahr mit diversen Bonustracks üppigst als Do-CD wiederveröffentlicht. Großartige, an den Beach Boys orientierte Musik kalifornischer Couleur der Mitsiebziger Jahre, als einige Helden der Sechziger Jahre ihre ersten (und manchmal auch letzten) Krisen bekamen, viel, viel Geld für Studiozeit und diverse Mitmusikanten draufging und die Drogen der vergangenen Jahre ihren körperlichen und seelischen Tribut verlangten. So fällt die Musik (und besonders die Stimme) Dennis Wilsons manchmal in beeindruckender Erschöpfung in sich zusammen, weil sie die Last ihrer Verantwortung ganz alleine kaum zu tragen imstande ist, um dann wieder voll und perfekt in verschwenderischen Arrangements zu baden. Mir fiel beim Blättern im reich bebilderten Booklet irgendwann auf, wie der bärtig zugewachsene und gesundheitlich angegriffene Wilson sich auf den Fotos an alles mögliche anlehnt: An seinen Bruder Brian, an seine Frau, an seine Kinder, an Pfeiler riesiger Brücken, die so tun als könnten sie den ganzen Pazifik umspannen. Zusammen mit der seltsam wunden Verfassung einiger Songs hat mich dieses Anlehnungsbedürfnis sehr berührt. Die remasterte CD klingt übrigens nicht viel anders als das Original-Vinyl von 1977, nämlich toll.

14.12.2008

VALET: kosmos im rückenhaar






Valet ist unter ihrem richtigen Namen (?) - Honey Owens - verbandelt mit einer von mir geschätzten Feedback- und Zeitlupen-Folk-Schwierig-Schwierig-Combo aus Portland, Oregon, namens Jackie-O Motherfucker. Ich tausche jedoch deren Werk gerne ein gegen Valets zweites Album „Naked Acid“, meinem diesjährigen dronigen Favoriten. Wieder einmal muss ich mein Faible für Schamanenmusik eingestehen, die hier nicht selten auf dem poppigen Rücken der britischen 80er-Jahre-Psychedeliker Spacemen 3 ausgetragen wird. Man muss auch die ein oder andere Esoterik-Kröte schlucken, zumindest wenn man Honey Owens in Interviews hört, wo sie gerne mal fühlt, dass das Geheimnis des Universums in der DNA eines Walknochens verborgen sein könnte. Dass das Geheimnis des Universums auch in einem besonders langen Rückenhaar des Typen von den Fabulous Diamonds verborgen sein könnte, verschweigt uns Owens allerdings. Das macht aber gar nichts, denn egal woraus sie ihre Inspiration zieht, wenn ein so erhabener Bastard aus Ambient, Blues, Raga und Voodoo-Psychedelik dabei herauskommt, glaube ich ihr alles. Einer der Tracks erinnert in seinem uferlosen E-Gitarren-Improvisationsgeschüttel sehr an die Kumpel von Jackie-O Motherfucker und heißt entsprechend liebevoll „Fuck It“. Der Rest ist aber noch besser.

21.11.2008

FABULOUS DIAMONDS: duo in hall



Der Ritualgesang aus dem Tempelschiff einer Kultstätte beliebiger Glaubenswahl hat mich erst total genervt, bis er mich zusammen mit einer durchgehallten Sixties-Orgel und Schamanengetrommel ans Feuer locken konnte. Das gemischtgeschlechtliche (sagt man so?) Duo bringt den Gesang so performancemäßig artifiziell rüber, dass ich fast glaube, einem neuen Gesangsstil angeohrig zu werden. Wobei meist die Dame singt und der Herr sporadisch mit einfällt. Eine Mischung aus Predigt und seltsam emotionsloser Proklamation. Gitarren sind nicht vorhanden, dafür sappscht die ver-echo-te Seeds-Orgel mal alleine rum, mal wird sie mit rituellen Field-Recording-Drums bekloppt. Piano und Tapeloops sind gut versteckt. Und sehr tolle, billig ange-freejazz-te Intellektuellensaxophone kommen manchmal dazu! Ich lege meine Hand ins Schamanenfeuer, wenn die nicht noch den größten Saxophonhasser überzeugen können - vorausgesetzt, er ist dem Abseitigen, auch mal Dröhnigen und mild Disharmonischen nicht abgeneigt. Gute Strategie für ein Duo, dass nicht kuscheln will: einfach 16 Tonnen Hall auf alles legen und wabern lassen! Tolle Platte, die irgendwie nur aus Amerika kommen kann, würde sie nicht aus Australien kommen. Nach ein paar dutzend Minuten ist der Spuk vorbei. Ich habe nicht nachgezählt.
Zärtliches, mutmachendes Cover auch:




Fabulous Diamonds at myspace (dort auch Hörbeispiele)

25.10.2008

PAUL METZGER: raga zoink! (extended edition)




Ein geheimes Handlungspapier in der Schublade meines Vertrauens skizziert ein grob geplantes Projekt, welches sich mit einer Performance auf einem präparierten Banjo beschäftigt. So wollte ich zwar nicht reich, aber immerhin berühmt werden in abseitigen Zirkeln, die sich mit dunkler, primitiver Musik beschäftigen. Zwar kann ich kein Banjo spielen, ja ich beherrsche auch ansonsten kein Instrument, aber das wollte ich dann schon lernen.

Dann entdeckte ich Paul Metzger, US-amerikanischer Banjo- und Gitarrenspieler aus Saint Paul, Minnesota, der meinen Plan augenblicklich zu Staub zerfielen ließ. Metzger spielt auf einem 21-saitigen prepaired and modified banjo (und auf einer heavily modified acoustic guitar) eine dermaßen virtuose, klirrende und von allen Ketten befreite Raga-delia, dass mir augenblicklich klar wurde, dass ich noch nicht mal in drei Leben auch nur annähernd in die Nähe dieser Kunst kommen würde. Mir blieb nur die Möglichkeit, in Windeseile alles an mich herantragen zu lassen, was dieser Mann auf Trägermedien veröffentlicht hat.

Paul Metzger spielt und zerrt und schlägt das ins Heute, was andere Spieler wie John Fahey, Jack Rose, Sandy Bull oder Peter Walker aus amerikanischen und indischen Einflüssen entwickelt haben. Ganz typisch für Metzger: Ein Gleiten und Stocken des Stroms. Die meist sehr langen Tracks entwickeln sich oft zu Stop-And-Go-Ragas, die ihren Weg kurz in kontemplativere Szenen finden oder in die Resonanz des Klangkörpers, wenn Metzger ihn mit der flachen Hand schlägt. Dann wieder zieht das Tempo schwindelerregend an, ein Motiv schält sich heraus, es taucht verändert auf und ab. Faszinierend ist, wie Metzger ständig sucht und sucht - und wenn er etwas findet, das es ihm Wert erscheint, schmeckt er diesen Fund durch, er sucht also selbst noch in dem, was er findet, etwas Neues, Besseres, Aufregenderes.

Dass Metzger von gänzlich unelitärem, dem Hässlichen nicht abgeneigten Punk und seinen freieren Ensemble-Spielarten wie Free- und Post-Rock kommt, ist seiner Musik immer anzumerken. Das macht sie weitgehend resistent gegen Verkopfung. Metzgers Musik hat stattdessen immer einen Körper, der gefordert wird, der sich auf dem Erreichten nicht ausruhen kann. Wird es zu bequem, knallt Metzger einen „Hallo wach!“-Akkord rein, der schmerzt und im Ohr sirrt. Dann wieder wird eine sanftere Fährte gelegt, bei der man aber nie sicher sein kann, welche Kreatur an ihrem Ende warten wird. Eine enorm spannenden Musik ist das.

Am Besten finde ich Metzgers Forschungen, wenn er sie auf seinem 21-saitigen Banjo begeht. Der harte, metallische Klang wird durch die Extrasaiten in tausend schnarrende Zwischentöne zerplittert. Ein Sound, vollständig gegen Kitsch gewappnet, zerlegt die Traditionen des Instruments in improvisierte, aber durchaus wiedererkennbare Einheiten.

Metzgers letzten beiden Studio-Veröffentlichungen möchte ich besonders empfehlen: „Deliverance“ von 2007 findet noch den ein oder anderen gut nachvollziehbaren Anker in Folk- und Raga-Elementen, auch wenn Metzger die Grenzen schon weit überschreitet, hin zu freien und fordernden Gestaden. Bereiche, in denen meines Wissens noch kein Banjo zuvor so virtuos malträtiert wurde. Drei Tracks zwischen 9:32 min und 31:07 min sind enthalten.

Metzgers letzte (und radikalste) Platte trägt bezeichnenderweise den (deutschen) Titel: „Gedanken Splitter“, was aufs Beste beschreibt, dass es hier nicht um ein wohliges großes Ganze geht, sondern um Widersprüche, Gedankenschleifen und Übersprungshandlungen. Die drei Stücke tragen deutsche Titel: „Geschenk“, „Zugentgleisung“, „Gedanken Splitter“. „Geschenk“ ist eine sechsminütige, schafkantige Meditation, bei dem Metzger sein Banjo mit einem Geigenbogen bearbeitet. „Zugentgleisung“ entwickelt sich zu einer aberwitzig gefährlichen Schussfahrt. Metzger lässt die Saiten scharren und rauschen, jäh bremsen und rasen. Der letzte Track „Gedanken Splitter“ lässt mehrere Themen kummulieren und wieder auseinander driften. Ein Spiel mit Assoziationen, ruhigeren Parts und stressigeren Überlagerungen. Ganz so, wie sich auch Gedanken überlagern und an Assoziationen entzünden. Spannend, abwechslungsreich und radikal. Meine Platte des Jahres.

Warum schreibe ich das alles? Darum:

Paul Metzger spielt am 27.10. im Kölner „Stadtgarten“!

Ich hatte gehofft, er würde auch nach Hamburg kommen. Aber leider habe ich nur diesen einen Deutschland-Termin gefunden.

Soundbeispiele:

Ausschnitt aus „Orans“ vom „Deliverance“-Album

Ausschnitt aus „Zugentgleisung“ vom „Gedanken Splitter“-Album

Ausschnitt aus der Performance von Paul Metzger am 26.10.2008 in Prag. In der zweiten Hälfte ist Daniel Meier an der schwindelig machenden Violine zu hören. Passen gut zusammen, die beiden.

22.10.2008

HONIG: atem anhalten








HONIG: treehouse

2008



Auch wenn ich um den subversiven Charakter weiß, der einen mit Metaphern von Bienen und Honig umschwirren kann, möchte ich dem Stefan Honig manchmal seine Freundlichkeit ganz sanft um die Ohren hauen oder wie Obelix kräftig am Baum rütteln, damit der liebe Mensch da oben aus seinem Baumhaus auf den harten Boden der Wirklichkeit herunterfällt. Und dann ist es Stefan Honig plötzlich selbst, der einem die Wirklichkeit um die Ohren haut: Von seinem Baumhaus fliegt eine summende Biene auf meinen Zungengrund, und während Honig meine Reaktion beobachtet, krabbelt die Biene meinen Rachen hinunter, begleitet von lieblichem Geflöte und schunkelndem Chor: „If you could hold your breath ‚till the swelling pass/ You could still be with us next morning“.

Und dann wieder benötige ich sie doch, die erhaben schreitende Welt aus Melancholie und Fernweh, die Herr Honig an der Gitarre zusammenspielt, während sein Kompagnon Jan Sedgwick Piano und Streicher und Beats addiert. Das fängt schon mit dem ersten Song, „In full make-up“, an: Aus der Ferne erklingt ein gutmütiges Summen, ein gemächliches Tempo setzt ein, ich fühle mich recht wohl, bis mich ein Trompetenmotiv plötzlich aus dem Trott holt und auf einen Thron hebt, als wäre ich plötzlich König. Irgendwie weiß man ab da schon, dass das was wird mit Honig. „Brand New Bike“, der nächste Song, ist ein Bastard aus Prefab Sprout und Sufjan Stevens, steht also auf jener Seite reflektierenden Pops, die aus ihrem privaten Umfeld und deren Übertragung auf das Weltengefüge ihre Inspiration holt. Ein sehr charmanter Chor lässt mich an „Illinois“ denken, ich lasse das als leicht zu lösenden Rätsel einfach mal so stehen.

Dann, mit „One“, kommt mir während eines Instrumentalparts plötzlich John Cale in den Sinn (obwohl der gar nicht auf Honigs Myspace-Site als Einfluss genannt wird - aber ist es nicht eher ein Merkmal von anregender Transzendenz, wenn man etwas heraushört, was gar nicht hineingelegt wurde?). Wie Cale auf „Mr. Wilson“ einem gewissen Beach Boy namens Brian seine Ehrerbietung macht, so bilde ich mir ein, „One“ wäre im Bezug dazu eine Hommage der Hommage der Hommage - und nun, wo meine Gedanken an John Cale entzündet sind, höre ich auch plötzlich eine unbestimmte Angst und eine Sehnsucht nach Verständnis, die sich hinter Stefan Honigs Gutmütigkeit verbergen könnte. „One“ ist sowieso sehr großartig, weil so üppig auf große Nummer gemacht und auch gebracht. Ein Strudel, der mich zum Ende hin vollständig in sich reinzieht, und wenn der Schluss dann viel zu schnell kommt, heißt es „festhalten“, sonst kreiselt man sich noch aus lauter Euphorie aus dem Baumhaus heraus.

Es sind auch traurige Songs dabei, die aber in der Traurigkeit nicht verharren, sondern sich durch einen upliftenden Refrain oder eine andere überzeugende Idee darüber hinwegheben, ohne die Traurigkeit damit zu verdrängen. Es ist nicht einfach, auf diesem Grad emotionaler Zustände zu wandern, ohne das eine mit dem anderen zu neutralisieren. Stefan Honig gelingt es aber. Und meist gelingt es mit den Werkzeugen, die auch Sufjan Stevens ein paar tausend Kilometer weiter westlich benutzt: Eine Werkbank aus Folk und Pop, darüber hängen einige holzige Resonanzkörper: Gitarre und Kontrabass, Vibraphon und Blockflöte, Perkussion und Streicher. Sie dürfen viel Schönes spielen, etwas, was ihnen von einem sehr talentierten Songschreiber eingeflößt wurde. Sie dürfen aber auch mal zupacken.

Stefan Honig singt mit einer vorsichtigen Stimme Verse, die eher undistanziert als persönliches Ich am Song teilhaben. An manchen Stellen habe ich den Eindruck, diese geringe Distanz lässt ihn seine Musik etwas zu süß auftragen, als würde er Angst haben, Lücken zu lassen, durch die man seine dünnwandige Behausung entdecken könnte, so wie auch ein Baumhaus im Herbst immer mehr Gefahr läuft, enttarnt zu werden, je mehr Blätter den Baum verlassen und den Blick schmerzlich freigeben auf etwas Wankendes und Schutzloses. In diesen Momenten denke ich kurz, er will zuviel, der Honig. Zuviel Beschützendes, zuviel Harmonie. Ich spüre aber bald: es liegt an mir, weil ich als alter Skeptiker soviel Gutes und Schönes gar nicht ertrage. In Wirklichkeit ist hier nämlich kein Ton zuviel, nur erwarte ich solch reichlich durchdachte Arrangements nicht unbedingt auf einer Indie-Platte aus Düsseldorf.

Mein liebster Song ist vielleicht „Paper Bag“, wo Honig das Tempo anzieht, Geigen exakte Kanten bilden, ich denke fast an Philly-Streicher. Es wäre doch gelacht, könnte man daraus nicht einen mitreißenden Disco-Track remixen! Musikalisch ist „Treehouse“ eine der ausformuliertesten und kurzweiligsten Platten, die mir im Bereich von ungrellen - und Gottseidank unschrammeligen - Popsong-Platten in letzter Zeit so untergekommen ist. Über den Songs wacht ein Mann mit wahrem Talent. Schau einfach nach oben, dann kannst du ihn um so deutlicher in seinem Baumhaus entdecken, je länger du dich an das Astgewirr gewöhnst. Irgendwann wird Stefan Honig herunterklettern und erwachsen sein.



VÖ: 31.10.2008 über Alison/ Babsies Diktatur/ Cargo CD, LP & Digital
www.honigsongs.de
www.alison-records.de
www.babsies-diktatur.de

03.10.2008

TUWP: Wir kommen um zu begründen!





Das Tell-Us-Why-Projekt (TUWP) des Intro.de-Forums trifft sich im realen Leben am Samstag, 22.11.2008, in der Hasenschaukel zu Hamburg. Ab 19 Uhr.




Um dem Listenwahn ein wenig Sinn abzuringen und von stumpfer Titelaufzählung zu befreien, ersonnen vor gut einem Jahr ein paar unerschrockene User des Intro-Forums eine Möglichkeit, wie das Listenwesen endlich Spaß, Unterhaltung und Erkenntnis bieten könnte: Man soll nämlich bitte seine Wahl der 50 liebsten Platten begründen(!). So entstand auf Intro.de/forum das erste "Tell-Us-Why-Project"! Das Projekt wurde ein großer Erfolg, dem bereits weitere Projekte nachfolgen. Nun gibt es ein erstes Treffen der Beteiligten im realen Leben, und zwar in der schnuckeligen Hasenschaukel!

Der Plan: Musik wird gespielt und von den Anwesenden goutiert, zerrupft oder ausgebuht - oder einfach als Soundtrack zum Kennenlernen genossen. Ein halbes Stündchen Zeit zum Auflegen hat jeder TUWP-Delinquent, in der er seine intimsten musikalischen Intimitäten entblößen darf. Da es im Tell-Us-Why-Projekt eben gerade nicht nur um das reine Abspielen von Lieblingsmusik geht, sondern um die textliche Beschmückung derselben bzw. die Begründung der Wahl, werden formschöne Büchlein verteilt, als wären sie geheime Asse im Ärmel, die zu zücken erlaubt ist, wann immer man Muße dazu findet. In ihnen werden ausgewählte Texte zur Musik stehen, sie werden somit Bestandteil der Inszenierung.

'N paar Promis sind auch da: Das Hamburger Urgestein des frühen und leidenschaftlichen Schreibstils der SPEX, Lars Brinkmann, wird zugegen sein und die ein oder andere akustische Verwüstung anrichten. Düsseldorfer Star-DJs mit Poppervergangenheit sind ebenfalls im heterogenen Haufen des TUWP-Packs zu finden und werden an diesem Abend nicht umhin kommen, auch mal zum Tanz zu bitten. Desweiteren haben sich Gäste aus Köln, Düsseldorf, Kiel, Berlin und vielleicht sogar aus Österreich und der Schweiz angekündigt.

Damit die ganze In-Crowd-Bagage nicht nur bräsig sich selbst feiert, wäre es sehr hilfreich, wenn sich viele interessierte Gäste unter das Volk mischen könnten, um mit gezielten Statements und Fragen zu erfrischen und zu verwirren.

Denn: Es geht ums Kennenlernen! Wer versteckt sich hinter welchem Text? Wie geht das, was ich gelesen habe mit dem Urheber zusammen, der da vorne gerade steht? Das sind die Fragen, die wir lösen wollen, während im Hintergrund beste Platten aller Zeiten laufen. Bitte lauft alle mit! Denn egal, was du an jenem Abend hörst, es ist mindestens einem Menschen im Raum ans feuerrote Herz getackert.

Ja, und wer weiß, vielleicht haben auch die tapferen Beteiligten des kleinen Tell-Us-Why-Projekts mit ihren Beiträgen im Forum des Intro-Magazins ein klitzekleines Bisschen dazu beigetragen, dass Intro.de in diesem Jahr der Grimmepreis zuerkannt wurde…

Werner Ahrensfeld

28.09.2008

NEIL YOUNG with CRAZY HORSE: unten am fluss






NEIL YOUNG with CRAZY HORSE

Everybody Knows This Is Nowhere

1969




Photo by Robert Altman

Wenn „Cinnamon Girl“ anfängt, höre ich das Intro-Riff schon ganz leise vorher, wie ein Echo, das vor dem Knall kommt. Das passiert wahrscheinlich deswegen, weil auf meiner italienischen Billigpressung von „Everybody Knows This Is Nowhhere“ die Rille so eng aneinander liegt, das in ihr schon Informationen vorhallen, die eigentlich erst in der nächsten Plattenumdrehung zu hören sein sollten. Sie kommen aus der Zukunft, wenn man so will. Und sie bereiten mich vor auf das, was dann kommt.

Ich habe „Down By The River“ immer als Parabel verstanden über den Impuls, das zu zerstören, wonach man sich am meisten sehnt, ausgerechnet in dem Moment, in dem die Sehnsucht wahr zu werden „droht“. Aus diesem Stoff werden große Romane und Theaterstücke geschrieben. Shakespeare, der die Geschehnisse der menschliche Psyche ganz tief unten am Fluss beschreiben konnte, muss das einfach thematisiert haben, auch wenn mir gerade kein Beispiel dazu einfällt (vielleicht steckt etwas davon in Othello, der, von eingeimpfter Eifersucht angestachelt, seine geliebte Desdemona erdrosselt). Im Film ist es John Wayne, der in „The Searchers“ von John Ford von rastloser Sehnsucht (nach Rache oder nach Liebe, wer kann das schon sagen) getrieben wird und in dem Moment, wo sie sich erfüllen könnte, weiterzieht und weiter zerstört. Die unübertroffene musikalische Königsversion davon ist für mich jedenfalls „Down By The River“:


Be on my side, I’ll be on your side, baby

There is no reason for you to hide

It’s so hard for me staying here all alone

When you could be taking me for a ride.

Yeah, she could drag me over the rainbow, send me away

Down by the river I shot my baby

Down by the river,

Dead, oh, shot her dead.


Die neun Minuten pendeln zwischen der Sehnsucht, der sie zerstörenden Tat selbst und dem Bedauern danach hin und her, und nehmen jede Facette zwischen den Pendelenden gleich mit. Eine moderne Mordballade für die Ewigkeit.


Jeder Song ein Klassiker für mich: Die 10 Minuten Crazy Horse Wahnsinn „Cowgirl In The Sand“, das fließende, noch an Buffalo Springfield erinnernde „The Losing End“, falls sie sich mehr in Richtung Country getraut hätten, an das flehende „Running Dry“ mit der unglaublich bittenden (fast bettelnden) Fiedel; der Titelsong, der noch einmal an die Westcoast erinnert - der einzige halbwegs unschuldige Song auf der Platte; „Round & Round“, der zeigt wie schwer es ist, seine eigenen Illusionen zu überwinden und mit wieviel ausbremsender Anstrengung die Tränen unter der Oberfläche gehalten werden. Da müsste man noch einiges zu schreiben. Ich kann es aber nicht. Irgendwann muss auch mal Schluss sein.

17.09.2008

WOVENHAND: auf steinen wachsen keine blumen

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Gerade gekauft, rotiert das schwarze Ding auf dem Teller, als wäre es die Scheibenerde und wir feiern die Wintersonnenwende mit Menschenopfern. Also alles wie gehabt, nur diesmal mehr geerdet und weniger bemoost wie der Vorgänger "Moosaic" (Brüller!).

Nach dem ersten Erleben sage ich: toll! Man muss jedoch Wovenhand mögen. Mag man diese dräuende Gruppe mitteljunger Männer aus Denver, Colorado, eher nicht, dann wird man sie auch mit „Ten Stones“ keinen Deut mehr ins heidnische Herz schließen. Mag man seit jeher 16 Horsepower lieber als Wovenhand, dann wird man von "Ten Stones" vielleicht als bestes Wovenhand-Werk sprechen.

Zu dieser Platte passt kein Film, sondern ein Marktschreier und Geschichtenerzähler, der mit seinem alten Gaul durch die Lande fährt und sich auf Viehmärkten aufstellt, um auf billigen Holztafeln die Bibel frei nachzuerzählen und mit kleinen, fiesen Einzelheiten zu schmücken. Denn man soll sich vor seinen Geschichten fürchten und sich nicht an ihnen erfreuen. Daher werden auch harte, gnadenlose Steine verteilt und keine zarten Blumen.



WOVENHAND: Ten Stones

12.09.2008

WILLIAM BASINSKI: sterbende musik (remix of "Zu Staub gespeichert")


William Basinski
The Disintegration Loops (2002)
The Disintegration Loops II (2003)
The Disintegration Loops III (2003)
The Disintegration Loops IV (2003)












Anfang 2001 beschäftigte sich der in Brooklyn lebende Musiker und Komponist William Basinski damit, einige analoge Bandschlaufen, die er bereits 1982 aufgenommen hatte, zu archivieren und zu digitalisieren. Die Musik bestand meist aus getragenen Synth-Streicher-Motiven, im Loop in erhabene Bewegung versetzt. Für Basinski ein Sound, den er untrennbar mit seiner Jugend und den räumlichen Dimensionen pastoraler amerikanischer Landschaften verband. Basinskis „Lost Paradise“, wie er es in den Liner-Notes zu den Disintegration Loops beschreibt. Beim Abspielen der Tonband-Loops mit der Bandmaschine bemerkte Basinski erschrocken, wie sich die Musik mit zunehmender Runde verzerrte und ausdünnte. Das Band verlor mit jeder Umdrehung Eisenoxid-Partikel. Zurück blieben immer mehr leere Stellen, bis schließlich fast alle Partikel nach und nach zu Staub zerfallen waren. Am Ende war nur noch ein durchsichtiger Plastikfilm übrig, an dem noch vereinzelt kleine Stellen mit Eisenoxid beschichtet waren. Aufgewühlt verfolgte Basinski, wie der Träger all der Emotionen und Bilder, die er mit den Loops verband, unwiderruflich in das Innere der Bandmaschine rieselte. Basinski hörte seiner eigenen Musik beim Sterben zu.
William Basinski verfasste noch ein Postscriptum zu seinem Einleitungstext der Disintegration Loops, nachdem er unmittelbarer Zeuge eines anderen, ungeheuerlichen Zerfalls wurde: Er sah mit eigenen Augen vom Dach seiner Wohnung, eine „nautische Meile“ entfernt, die Türme des World Trade Centers zusammenstürzen. Geschockt beobachtete er, wie die Feuer bis in die Nacht hinein brannten, während im Hintergrund die Disintegration Loops liefen. Er widmete sie daher den Opfern (den Toten und den noch Lebenden) des Attentats. Man muss die Musik aber nicht zwingend damit verknüpfen, es reicht schon aus, die feinen Eisenpartikel immer weiter vom Tonband abbröseln zu hören, dem bisweilen sehr einsam machenden Fortgang des langsamen Verschwindens der Musik beizuwohnen, dessen Schrecken und Trauer in der Transformation auf ein anderes, vielleicht dauerhafteres Medium auch etwas tröstliches innewohnt.
Ich schrieb einmal im Halbrausch zur Doppel-CD „Koen“ des Belgiers Jürgen de Blonde alias Köhn als Quintessenz seiner elektronischen, prozessual entstandenen Musik, dass man daraus lernen könne, dass Verzerrung Schönheit nie zerstört (auch wenn der Begriff ‚Schönheit’ in der Kunst arg strapaziert wird). Dies passt auf die Disintegration Loops von Basinski mindestens genauso gut.
Auch kamen mir die Disintegration Loops in den Sinn, als ich einmal in einem Musik-Forum eine Diskussion über das Popkultur-Dauer-Thema ‚Idealer Popsong’ verfolgte. Legt man einem Popsong Elemente des Dramas, der Wiedererkennbarkeit, der Wiederholung und dessen Variierung zugrunde, dann haben die besten Disintegration Loops der vier CDs alles, was ein perfekter Popsong benötigt.
Sie lehren mich zudem noch, was prozessuale Musikproduktion bedeuteten kann, nämlich etwas entstehen zu lassen, was aus rein bewusstem, immer steuerbarem Komponieren nie hätte entstehen können. Oder wäre ein Konzept wirklich vorstellbar, bei dem man Magnetbänder 19 Jahre einlagert und verrotten lässt, um sie dann vom Abrieb des Tonabnehmers Loop für Loop langsam zerbröseln zu lassen, und aus der sich als Folge davon nach und nach eine derart hochemotionale Musik mit jeder Umdrehung weiter verdichtet, je mehr Informationen die Musik verliert?



Die Disintegration Loops sind als "Full Tracks" auf last.fm anhörbar.

04.09.2008

BOBBIE GENTRY: tanzdress als letzte chance des lebens








Der kühl Wissende in mir wirft Bobbie Gentrys „Fancy“ (1970) in die Runde viel zu wenig bekannter Tanzflur-Supersongs. Eher ein episches Teil, bei dem man einfach auf dem Flur bleibt, weil es dort so lauschig und wogig und soulig zugeht. Da nimmt man gerne mal einen synkopierten Beat an, fährt sich runter im Tempo, lässt sich einsaugen und wieder dynamisieren, genießt ein kommentierendes, kurzes Trompetenmotiv und singt den umwerfenden Refrain mit - mit Stimme und allem anderen, was der eigene Körper noch so zu bieten hat:

Here's your one chance, Fancy, don't let me down! /
Here's your one chance, Fancy, don't let me down /
Lord forgive me for what I do /
but if you want out well it's up to you /
Now get out girl, you better start movin' uptown


Mit diesen Instruktionen einer Mutter an ihre Tochter beginnt die Unternehmung: Geh in die Stadt und schnapp dir reiche Typen, damit du aus der Scheiße rauskommst. Sie tut’s und sie bereut es nicht. Ich mag es, wenn lange Geschichten erzählt werden auf dem Floor. Festhalten, bitte:


Well, I remember it all very well lookin' back
It was the summer that I turned eighteen.
We lived in a one-room, run down shack
on the outskirts of New Orleans.

We didn't have money for food or rent
to say the least we was hard-pressed
when Momma spent every last penny we had
to buy me a dancin' dress.

Well, Momma washed and combed and curled my hair,
then she painted my eyes and lips.
Then I stepped into the satin dancin' dress.
It had a split in the side clean up to my hips.

It was red, velvet-trimmed, and it fit me good
and standin' back from the lookin' glass
was a woman
where a half grown kid had stood.

She said, "Here's your last chance, Fancy, don't let me down!
Here's your last chance, Fancy, don't let me down.
God forgive me for what I do,
but if you want out girl it's up to you.
Now get on out, you better start sleepin' uptown."

Momma dabbed a little bit of perfume
on my neck and she kissed my cheek
Then I saw the tears welling up
in her troubled eyes as she started to speak

She looked at our pitiful shack and then
she looked at me and took a ragged breath
She said, Your Pa's runned off, and I'm real sick
and the baby's gonna starve to death.

She handed me a heart-shaped locket that said
"To thine own self be true"
and I shivered as I watched a roach crawl across
the toe of my high-healed shoe

It sounded like somebody else was talkin'
askin', "Momma what do I do?"
She said, "Just be nice to the gentlemen, Fancy.
They'll be nice to you."

She said, "Here's your last chance, Fancy, don't let me down!
Here's your last chance, Fancy, don't let me down.
God forgive me for what I do,
But if you want out girl it's up to you
Now don't let me down,
now get on out, you better start sleepin' uptown."

That was the last time I saw my momma
when I left that rickety shack
The welfare people came and took the baby.
Momma died and I ain't been back.

But the wheels of fate had started to turn
and for me there was no other way out.
It wasn't very long after that I knew exactly
what my momma was talkin' 'bout.

I knew what I had to do.
Then I made myself this solemn vow:
I's gonna to be a lady someday
though I didn't know when or how.

But I couldn't see spendin' the rest of my life
with my head hung down in shame.
You know I mighta been born just plain white trash.
but Fancy was my name.

She said, "Here's your last chance, Fancy, don't let me down!
Here's your last chance, Fancy, don't let me down.
God forgive me for what I do,
but if you want out girl it's up to you.
Now get on out, you better start sleepin' uptown."

Wasn't long after that a benevolent man
took me in off the streets
One week later I was pourin' his tea
in a five roomed penthouse suite.

Since then I've charmed a king, a congressman
and an occasional aristocrat
and I got me an elegant Georgia mansion
and a New York townhouse flat.

Now I ain't done bad

Now in this world there's a lot of self-righteous
hypocrites who call me bad.
They criticize Momma for turning me out
No matter how little we had.

But I haven't had to worry 'bout nothin'
now for nigh on fifteen years
But I can still hear the desperation
in my poor mommas voice ringin' in my ears.

"Here's your last chance, Fancy, don't let me down!
Oh, here's your last chance, Fancy, don't let me down.
God forgive me for what I do,
but if you want out girl it's up to you.
Now get on out, you better start sleepin' uptown.


Lyrics c&p von www.cowboylyrics.com.
:)

Unglaublich guter Song. Es gibt Tage, da gibt es nur Bobbie Gentry und "Fancy".

Zu finden ist der Song auf „Country Got Soul - Volume Two“, zusammengestellt von Jeb Loy Nichols (Fellow Travellers). Großartige Compilation! Ebenso natürlich „…Volume One“!

03.09.2008

NEIL DIAMOND: warum ich nicht zu seinem konzert gegangen bin









Neil Diamonds Musik kann nur dann für mich erträglich sein, wenn man Teile davon abtrennt und in andere Zusammenhänge stellt. Nichts anderes bedeutet es, wenn Rick Rubin sich seiner annimmt: Er streicht Neil Diamond aus Neil Diamonds Kunst heraus und ersetzt ihn durch Leere und empfindliche Studiomikrophone. Bei der Version von „Girl You’ll A Woman Soon“ von Urge Overkill in Pulp Fiction funktioniert das ähnlich gut: Neil Diamonds Pomp wird gehärtet und in den Zusammenhang eines Groschenroman-Plots gestellt. Dann macht Diamonds Musik auch Sinn.

Wenn Neil Diamond aber ohne Einfluss von außen seine Kunst aufführt, kann nur schwerer Neil-Diamond-Sirup dabei herauskommen. Zu keiner Sekunde hätte ich Lust, mir den Typen live anzuschauen. Er ist dann einfach viel zu nahe bei sich selbst.


Foto: Ron Galella, WireImage.com

31.08.2008

WOVENHAND: zehn steine für ein hallelujah




Wer erinnert sich nicht noch an die halluzinatorische Plattenkritik des Wovenhand-Albums „Mosaic“, die ich zu Beginn des Jahres 2007 nach unserer Zeitrechnung in einem zwanzigminütigen prä-alttestamentarischen Wahn in die Steintafeln von „Zu-Zeiten“ meißelte? Ich denke, niemand.

Nun, drei Jahre später, steht ein neues Album unserer liebsten Glaubenskrieger an. Erscheinen wird es uns im Jahre des HErrn 2008, am Tage 9 des Monats September. Zehn Steine wird es uns bringen, auf dass wir werfen sie in unsere Abspielgeräte, um zu hören die gewaltige Musik von Wovenhand!

30.08.2008

GIANT SAND: neues album








Der gute und zähe Howe Gelb arbeitet weiter an seiner Kunst, unbeirrt vom größeren Erfolg der ungleich weichgewascheneren Variante von Desert-Dingens, die seine ehemaligen (und zwischendurch immer wieder) Mitstreiter unter Calexico veröffentlichen. Letztere sind zwar auch wieder mit Neuem am Start, aber hier will ich einzig und alleine darauf hinweisen, dass es EINE NEUE PLATTE VON GIANT SAND GIBT. Die da heißt: PROvisions. Gehört habe ich sie noch nicht, aber sie soll wieder etwas milder ausfallen. So sieht's aus ...








... und aus dieser Wüste kommen die meisten Beteiligten.

27.08.2008

TOM WAITS: uh! hah! uh! hah! bummbumm! hak! ah!






Tom Waits
Real Gone
2004

Fiese kleine Drecks-Lieblingsplatten sind gerade gut genug für eine übel riechende Nennung auf diesem extrem unanständigen ZU-ZEITEN-Blog. Amoralisch. Widerlich. Ekelerregend. Hinterhältig verstecken solch kleinkriminelle Platten ihre Qualität hinter hässlichen Oberflächen. Ihre Töne führen in Sackgassen, die noch keine Müllabfuhr je betreten hat. An ihren scharfen Kanten wartet die Kretze. Wer hat sich nicht als Kind das aufgeschlagene Knie mit Sand eingerieben, damit es schneller heilt? Ich habs getan. Straßenschmutz in den aufgeschürften Stellen zeugen noch heute davon.

Ich werfe daher eine Platte in die Runde, die nicht nur schmutzig ist - sie wurde sogar in der Toilette aufgenommen! Gesungen vermutlich unter der Klospülung, besuhlt mit rostigrotem Spülkastenwasser. Warum tat Tom Waits ihr das an? Weil’s anders nicht funktioniert hat! Sie haben’s versucht, die Typen um Waits - Marc Ribot, Larry Taylor, Sohnemann Casey Waits. Haben erst Waits Badezimmer-Demos ganz normal nachgespielt, haben versucht, seine ausgestossenen Perkussionslaute (UH! HAH! UH! HAH! BUMMBUMM! HAK! AH!) mit normalem Schlaggerät hinzubekommen. Haben alles ausprobiert, im Studio, nachdem sie sich brav die Hände gewaschen haben, diese Dreckssaubermänner! Ging aber nicht, klang nicht, funktionierte nicht, rieb sich nicht, die Scheisse erreichte nicht den Ventilator, der Dreck verteilte sich nicht, die Wirkung war nur ein Furz.

Da hat Waits einfach die Demos genommen (UH! HAH! UH! HAH! BUMMBUMM! HAK! AAH! HU! YA!) und die Superdupermusikanten mussten primitive Drecksakkorde darauf verteilen. Ihre tollen Musikerfähigkeiten konnten sie sich sonstwo hinstecken. Wenn die Scheisse nicht zum Ventilator kommt, dann kommt halt der Ventilator zur Scheisse.

Tom Waits musste sich erst 31 Jahre im Dreck und Bretterstaub zweifelhafter Etablissements und Theaterbühnen suhlen, bevor es ihm gelang, im eigenen Badezimmer seinen wertvollsten Schatz zu heben. Und wenn man dreckig ins Badezimmer geht und dort dann nur singt und klappert, schreit und nuschelt und klopft, dann geht man auch dreckig wieder raus.

Apropos dreckig: Den Menschen geht es nicht gut auf „Real Gone“, sie sind wirklich weg vom Fenster, verlassen, verraten, verstört, herumkommandiert. Waits versteht sie, er baut ihnen eine Heimstatt aus Schmutz, Holzsplittern und Metallspänen. Eine Heimstatt aus Rhythmus, denn der ist näher dran an Elend, ist direkteres Drama, und geht nicht den schnöseligen Umweg einer abmindernden Melodie, wie es vielleicht gut betuchte Bildungsbürger tun würden, weil sie zu viel zu verlieren haben, wenn es einfach mal Bumm-Tschak macht.

"Real Gone" klingt wie der am weitesten fortgeschrittene Punkt einer Jahrhunderte währenden Evolution alter, primitiver Musik. Einer unglaublich virtuos entwickelten Primitivität, bei der man ständig die Abtastnadel prüft, ob sie zuviel Staub aufgefangen hat, um dann im nächsten Moment mit einem hässlichen Ratscher zum schwarzen Loch in der Mitte zu schlittern. Sie tut es aber nicht, die Nadel ist das einzige, was nicht beschmutzt ist, sie ist sauber wie ein Toilettenkasten.

24.08.2008

BOB DYLAN: voice flash










Was mich in letzter Zeit wirklich blitzt, sind die Augenblicke, wo Robert Zimmerman als Bob Dylan nicht wie Bob Dylan singt: "Forever Young" in der Demoversion 1973 (auf "Biograph"), "Lay Lady Lay" 1969 und einige andere. Das Artifizielle der Dylan-Stimme wird dort besonders klar, indem es vollständig und tief vergraben wird. An Dylans Stimme, die ich so lange gehasst habe, ist nichts authentisch, alles Kunst. Seitdem ich das begriffen habe, komme ich von seiner Kunst kaum noch weg.

21.08.2008

RADIOHEAD: erstmals ertragen






Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich denen mal was abgewinnen kann. Aber die energische Zartheit, mit ein paar brasilianischen Gitarrenfiguren bereichert, lässt mich an einen modernen Caetano Veloso denken. Der kann ebenfalls sehr vorsichtig singen - und über diese Schiene konnte ich auf "In Rainbows" erstmals Thom Yorkes Stimme vollständig ertragen. Auch der Rest ist unkitschiges und engagiertes Drama, mal fester verpackt, mal verzweifelter ummantelt, mal lärmiger angreifend. Sind doch gute, die Typen, trotz ihrer manches Mal sehr unangenehm zu übertriebenem Dringlichkeitsglauben und Fanatismus neigenden Fans. Es spricht für die Band, dass sie es auf „In Rainbows“ schafft, ihre Anhängerschaft vergessen zu machen. Diese Download-Geschichte interessiert heute (21.8.2008) niemanden mehr.



Radiohead - In Rainbows 2007


20.08.2008

MORRISON HOTEL GALLERY: zum nicht-satt-sehen







OK, der Name "Morrison Hotel" ist ziemlich dämlich gewählt, aber dahinter verbirgt sich ein umfangreiches Archiv ausgewählter Fotos aus der faszinierenden und bisweilen merkwürdigen Welt von Popmusik im weitesten Sinne. Reiche Keith Richards einen Drink, spiel mit Dylan auf hartem Kopfsteinpflaster, geselle dich zu Weller & Townshend, steig zu den Pistols in den Container oder mach dich nackig neben Björk. Alles ist möglich auf der großen Zeitfresser-Site von Morrison Hotel.
Nebenbei kannst du dir Drucke kaufen, falls du dein Habitat-Wohnzimmer aufhübschen willst.

18.08.2008

HARMONIA: futura zu griessem 1974







HARMONIA: live 1974


Das seltene Beispiel, dass ich Musik zufällig im Radio höre und sie mich sofort begeistert. Nicht unaggressiv soundige Elektronik + E-Gitarre aus der Vorgabe heraus, alle amerikanischen Kultureinflüsse zu vermeiden und sich auf europäische Kifferimprovisationen zu konzentrieren, ohne dabei zu verquasen. An jenem magischen Abend 1974 in Griessem gelingt alles. Harmonia lassen sich von unverstolperbaren Beats auf den Punkt bringen und hangeln sich von kühlen bis zu mitreissenden Improvisationshöhepunkten, von denen sich aktuelle Elektroniker noch ein paar Bits hinzuladen sollten.

17.08.2008

KEVIN AYERS: ein schelm kehrt zurück (ist aber auch schon wieder weg)








2007 war das Jahr der kurzen Platten. Endlich, füge ich hinzu. So brachte es Kevin Ayers auf "The Unfairground" fertig, von zehn Kevin-Ayers-Songs zehn Kevin-Ayers-Songs voll Kevin-Ayers-untypisch gelingen zu lassen. Es bringt eben doch was, wenn man sich Mühe macht. Hätte ich nie erwartet, dass der nochmal was starten könnte. Geholfen haben ihm alte Freunde (Robert Wyatt, Phil Manzanera, Hugh Hopper) und Neffen im Geiste wie die jungen Musikerkollegen aus dem Umfeld von Teenage Fanclub oder der Trash Can Sinatras.
Höre ich mir jetzt (2008) Ayers Produktionen aus seiner allgemein als besten Phase bezeichneten Zeit zwischen 1969-74 an (ich tendiere auch das unterschätzte „Dr. Dream“ von 1974 mit einzubeziehen), fällt mir auf, dass vieles, was Ayers dort an Experimenten anstellte, nicht mehr zwingend gehört werden muss. Aber ein paar dieser Sachen sind immer noch von schelmischer Leichtigkeit durchzogen. Höre bitte „Whatevershebringswesing“ von 1972 und „Bananamour“ von 1973, die streckenweise immer noch viel Spaß machen (besonders auch mit den Bonustracks auf den CD-Wiederveröffentlichungen von 2003: den halbironischen Reggae-, Karibik-, Mariachi-Sorglos-Songs „Connie On A Rubber Band“, „Take Me To Tahiti“, „Caribbean Moon“, „Fake Mexican Tourist Blues“). Davon haben sich Ween deutlich das ein oder andere an Konzeptionellem abgeschaut.

16.08.2008

ROBERT PLANT & ALISON KRAUSS: altherrenkram










Robert Plant & Alison Krauss: raising sand


Altherrenkram, der sich aber immerhin von einer intelligenten Frau was sagen lässt (auch wenn er sich noch mehr hätte sagen lassen können). Jetzt nicht so der absolute Top-Bringer, aber das ein oder andere Schöne und Ur-Alte ist auf der Plant/Krauss schon drauf. Die Produktion ist manchmal etwas Daniel-Lanois-dunkellackig (hat er aber nicht produziert, sondern der ähnlich agierende T-Bone Burnette). Trotzdem ein schönes Bad in einer edlen Wanne, aus Old-America-Roots-Traditionen und Mammutbaumholz geschnitzt (Achtung! Bei diesem Vergleich ist kein Baum zu Schaden gekommen!).

15.08.2008

ROBERT WYATT: kontaktsuche






Als ich in der WIRE las, dass Robert Wyatt während der Arbeiten an „Comicopera“ zum Alkoholiker wurde und die Beziehung zu Lebensgefährtin Alfreda Benge beinahe zerbrach, war ich so geschockt, dass ich das Album lange Zeit nicht hören konnte, obwohl ich es längst besaß. Mir ist erst dadurch bewusst geworden, dass die Beziehung der beiden und die in großzügigen abständen erscheinenden Platten Wyatts einen Fixpunkt in meinem Leben darstellen: Wenn eine Wyatt-Platte erschien, war ich beruhigt, nicht mit den Verhältnissen, aber damit, dass Wyatt wieder ein paar wundervolle Ideen zusammentragen konnte, mit denen zu beschäftigen sich lohnen würde. Mir schien dabei die Zusammenarbeit mit Alfreda Benge ein Beispiel zu geben, wie aus einem langjährigen gemeinsamen Leben eine sehr stabile, sich langsam entwickelnde, wirklich zeitlos gute Kunst entstehen kann.
Dass die Produktion dieser speziellen Zeitlosigkeit aber auf Kosten der Existenz gehen kann, war mir bei Robert Wyatt nie bewusst gewesen. Selbst wenn Wyatt auch in den Jahren vorher in Interviews andeutete, dass sein Stimmumfang nachlassen würde, hätte ich nie gelaubt, dass ihn seine langsam schwindenden Kräfte in den Alkoholismus (und damit in die Beziehungskrise) treiben würden. Die Krise ist überwunden, Wyatt hat seine Sucht im Griff, so scheint es, „Comicopera“ wurde fertiggestellt und Alfreda Benge übernimmt nun noch mehr aktive Parts auf einem Album ihres Lebensgefährten als ohnehin schon. Gegenseitig schreiben sie sich rührende und analytische Gedichte, die manchmal erst nach Jahren offenbaren, an wen sie adressiert sind.
Die Musik auf „Comicopera“ steckt wieder tief im Jazz (dem nachdenklichen, dem ironischen und auch dem fordernden) und in seinem Antipoden - der gleichzeitig ätherisch und weltlich klingenden, hohen Pop-Stimme Wyatts. Sie ist aber diesmal noch mehr aus dem Zusammenspiel entstanden und weniger aus den Spuren einer nachträglichen Produktion. Vielleicht sucht sie mehr Kontakt, als sie sich eingestehen will.





comicopera (2007)
art and design by Alfie Benge

ROBERWYATTANDSTUFF: sehr informativer Blog über Wyatt-relevantes.

14.08.2008

COLLEEN: von hier aus zurück






Ich mag es, wenn man von der Gegenwart aus total in der Zeit zurückgeht. Für "Les Ondes Silencieuses" (2007) lernt die Französische Lehrerin Colleen Viola und altertümliche Cello-Varianten spielen und lässt sich von einem gewissen Emiliano Flores begleiten. Tatsächlich hat das ganze die spröde Romantik von spanischer Avantgarde im Zeitalter der Conquistatoren, wie sie vielleicht heutzutage in einem guten Theater zeitgemäß aber nur mäßig erfolgreich aufgeführt werden würde: Für das Theater-Abo-Publikum zu modern („Die tragen ja gar nicht die alten Kostüme!“).

Noch besser und noch beeindruckender gelang „Everyone Alive Wants Answers“ (2003). Colleen loopschichtet dort Babygebrabbel, Spieluhren, Streichersamples, Akustikgitarren aus fernen Jahrhunderten durchs Telefon in konkret klingende Unheimlichkeiten hinein. Auf dem Cover bestehen Zellverbände, Quallen, Schnecken, Kriechgetier und Pflanzenteile aus Haarlocken (doch, der Satz macht Sinn!). Zusammen fordert dieses Konglomerat aus Manipulationen Antworten. Wenn je TripHop mit den eigenen Mitteln endlich vollständig überwunden wurde, dann auf "Everyone Alive Wants Answers". Totales Supermeisterwerk.



Soundbeispiele auf Colleens Website.

DANIEL HIGGS: metempsychotic melodies






Daniel „belteShazzar“ Higgs: Ehemals Tattoo-Künstler, immer noch Maler, vormals „vocalist and lyricist of meditative rock group Lungfish“ (WIRE). Sieht aus wie der dagebliebene Sohn von Harry Smith und spielt passenderweise auch ganz fantastisch Banjo im older-and-weirder-as-the-original-old-weird-america-ever-been-style. Auf dem Vorgängeralbum “Ancestral Songs” von 2006 kommt Higgs dem Banjostil, der mir als perfekt vorschwebt, erstaunlich nahe. Dazu singt er wie ein Prediger nach Kabelbrand seine auf Bibel-Ikonografie und -mystizismus basierende Apokalypsen-Lyrik über Liebe, Körper, Transzendenz und Kosmos. Auf „Metempsychotic Melodies“ wird der steinige Weg aus Banjo- und Akustikgitarren-Epen und -Drones weiter fortgesetzt. Andere Alben von ihm tunken sich mehr in Noise und Feedback oder werden komplett auf der Jewish Harp bestritten. Tolles quasi-religiöses Gift!

PJ HARVEY: white chalk







Vollständig in das viktorianische Weiß von Bluse und Decke getaucht - selbst ihr Gesicht erstarrt im weißen Licht - schimmern nur ihre lose im Schoß verschränkten Hände hautfarben und durchblutet. Sie bilden die Form der ungeschützten Scham. Mit „White Chalk“ gibt Polly Jean Harvey die Kindheit preis. Ihre und diejenige, die sie wahrscheinlich durch Abtreibung verhinderte. Sie spricht von ihrer Großmutter und von anderen Erinnerungen an ihren Geburtsort Abbotsbury, Dorset, am Fuße der St Catherine’s Chapel. Sie singt in einfachen Reimen und so von ihr noch nie vernommener Zurückgenommenheit. So pendelt „White Chalk“ von Kinderlied zu Kindererinnerung zu einfachsten Klaviertönen und der Gleichzeitigkeit aller Zeiten im individuellen Erleben einer Erwachsenen.

Gut 30 Minuten davon hat sie kondensiert. Ein wahres Kunstwerk einer reflektierenden, sich nicht der Wiederholung schuldig machen wollenden Künstlerin. Der Rest ihrer kreativen Produktionen in jener Zeit hat (auch gleichzeitig) die anderen PJ Harveys beinhaltet: die der Gitarren, die der Schreie (statt des schüchternen Wimmerns hier). Sie werden vielleicht später noch folgen. Und natürlich wie bei fast jeder guten Musik, hört man auf „White Chalk“ auch das, was gar nicht da ist - nämlich diese anderen PJ Harveys - einfach mit. Aus der Geschichte herausgebogen, scheinen sie aus allen Zeiten zugleich von Ferne herüberzuwinken.

11.08.2008

ISAAC HAYES: vom drama des loskommens





Isaac Hayes: Hot Buttered Soul (1969)



Eigentlich wollte ich hier eine längere Novelle über Isaac Hayes und „By The Time I Get To Phoenix“ verfassen, aber ich schaffe es einfach nicht, dieser Tragödie des normalen Lebens auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Und der einzige Grund, warum „Hot Buttered Soul“ nicht die vordersten Ränge meiner Lebensplatten bekleidet, ist alleine dem Umstand geschuldet, dass mich das darauf enthaltene Drama so dermaßen in sein Gravitationsfeld zieht, dass ich den Rest des Albums gar nicht mehr beurteilen kann.

Mit einem einzigen langen Keyboardton leitet Isaac Hayes „By The Time I Get To Phoenix“ (ursprünlich eine Countryballade von Jim Webb) ein. Und mit Einleitung meine ich einen andauernden Keyboard-Drone über achteinhalb Minuten! Er wird begleitet von zwei sich wiederholenden Basstönen und einem simplen Beat auf der Drumschelle. In diesen achteinhalb Minuten spricht Isaac Hayes ÜBER „By The Time I Get To Phoenix“. Er erklärt uns, was die Macht der Liebe mit einem anrichten kann. Er erzählt die Geschichte, die er hinter dem Song sieht, er schmückt sie mit Details aus, er macht den Hörer bereit für das Drama. Er betont, dass es eine Interpretation ist, er lädt uns ein, ihm dabei zu folgen: Ein junger Mann kommt nicht los von seiner Frau. Sie ist ein Arsch und betrügt ihn. Er erwischt sie mit jemand anderem, als er früher nach Hause kommt. Er kann’s nicht fassen, er versucht von ihr loszukommen, immer wieder, er kommt zurück, er versucht es, er kommt zurück. Er versucht, mit seinem alten Wagen weg zu fahren, und nach diversen Versuchen und Tränen schafft er es schliesslich raus aus seinem Viertel, raus und fort.

Der erste Teil ist unglaublich. Eine Keyboardtaste wird einfach gehalten. Achteinhalb Minuten. Er schafft es also, der junge Mann, hinauszufahren. Er will es aber gar nicht, er will bleiben, er WILL einfach bleiben, denn er liebt seine Frau. Er liebt seine Frau, aber es geht nicht, er muss weg, so schwer es ihm auch fällt. Und es fällt ihm mehr als nur verdammt nochmal schwer! But I have to leave you, Baby! Als der junge Mann es geschafft hat fortzukommen, bin auch ich geschafft. Geschafft, BEVOR DER EIGENTLICHE SONG ÜBERHAUPT BEGONNEN HAT!

Der junge Mann sitzt also im Auto, und die Worte, die ihm in den Sinn kommen, das sind die Verse, mit denen der eigentliche Song beginnt. Die Drums setzen ein, Hayes singt: „By the time I get to Phoenix, she’ll be rising/ She'll find the note I left hangin' on her door/ She'll laugh when she reads the part that says I'm leavin'/ 'Cause I've left that girl so many times before“. Mit dem Wechsel des Keyboard-Tons nach achteinhalb Minuten steigt das Wasser hoch. Mit den Streichern kommen die Tränen. Und noch ist nicht mal die Hälfte des Tracks um! Hayes windet sich mit dem Protagonisten, fühlt und denkt und analysiert seinen Schmerz. Oft werden kleine Indie-Songlein als „groß“ bezeichnet. Ich behaupte, wer durch die vollen 19 Minuten „By The Time I Get To Phoenix“ gegangen ist, der vergibt Attribute wie „groß“ nur noch sehr vorsichtig auf andere Musik.

Ich kapiere die letzten zehn Minuten gar nicht mehr richtig, obwohl ich alles höre - den genauen Beat, die scharfen Bläsereinschübe, die Drums, die Orgel, das Klavier, die nie verkleisternden Streicher, die Dynamiken, die Stelle kurz vor dem Ende, wenn sich alles noch einmal beruhigt und der Song auszulaufen scheint, so als würde er sich langsam aus dem weiteren Leben des jungen Mannes verabschieden, um dann doch noch einmal näher zu kommen, so wie sich auch schmerzhafte Erinnerungen dem Bewusstsein immer wieder nähern.

OK, es reicht. Ich sage nur noch dies: „By The Time I Get To Phoenix“ in der Interpretation von Isaac Hayes ist der zweitbeste Song aller Zeiten. Der beste ist schon anderweitig vergeben (eine Single-B-Seite, tja). Und das Plattencover von „Hot Buttered Soul“ ist ein wahrhaft visionäres und wunderschönes HipHop-Plattencover. 1969. Zehn Jahre vor HipHop.

Man sollte den Plattentitel übrigens so lesen, wie er auf dem Cover angeordnet ist. Als eine Folge einzelner Eigenschaften. Also nicht ‚Hot Buttered Soul’, sondern

Hot
Buttered
Soul


Isaac Hayes starb am 10.8.2008 in seinem Haus in Memphis. Er wurde tot neben einem Fitness-Laufband gefunden. Hayes wurde 65 Jahre alt.

07.08.2008

JAHTARI: dröhnung, wo leben und fiepen ist








Nachdem Reggae-Authorität Steve Barker in seiner Dub-Kolumne im englischen WIRE-Magazin gleich in zwei Ausgaben hintereinander Veröffentlichungen des deutschen Reggae-Labels Jahtari gelobt hatte, war auch mein Interesse geweckt. Ein Dub-Label aus Leipzig - es versprach eine fremde und vertraute Welt. Ich klickte mich also durch die Jahtari-Site durch, las Theorien und Philosophien über Computer-Reggae, blätterte versonnen die Infos über die Digital-Riddim-Artisten, Amigasound-Adepten und Dub-Devoten durch, hörte zeitgleich die zahllosen Tracks, die zum freien Download zur Verfügung standen und war schwer begeistert über den Reichtum an Boooms, Emotions’n’ Humour, der mir massiv entgegendonnerte. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem sich der Jahtari-Booom nicht unter das heisere Geräusch meines Opels mischt.

Die musikalischen Zutaten zahlreicher Jahtari-Projekte bauen auf vielen Aufzeichnungen vorhergegangener Scientisten, Königen, Prinzen, Verrückten Professoren und Hühnerkratzern auf, was dem Spaß keinen Abbruch tut, denn hier ist die Liebe zum (Dub-)Reggae am Werk, ohne jetzt Innovationspreise einheimsen zu müssen.

Auf der reich bepflanzten Plantage von Jahtari warten denn auch zuverlässige Sensimilla-Darreichungen auf den Wanderer der Echokammern. Es geht in den Raum aller Räume in schicken Astronautenanzügen. An der nächsten Planetenecke erwartet den so eingekleideten Bummler der Kosmen schon die Basisstation in Form eines riesigen Hanfblatts, und der Originalsound des Titanmondes macht beim Landeanflug endgültig klar, dass wo Leben und Fiepen existiert, auch immer Dröhnung ist. Mit tiefem Bassbrummen setzen wir auf die Oberfläche auf und begeben uns hernach in den Chipraum, wo wir uns erstmal ein paar japanische Actionfilme auf die Netzhaut laden. Solcherart vorbereitet, taumeln wir von einem großartigen Track in den nächsten. Abends dann schauen wir die Untergänge diverser Sonnen an und lassen uns wohlig erschöpft köstliche Süßigkeiten von Illyah & Limited Candy reichen.

Und als wären diese Beschreibungen nicht schon anregend genug, so lässt sich ZU-ZEITEN erstmals dazu hinreißen, aus den frei flottierenden Tracks auf der Jahtari-Site Stücker sieben auszuwählen und shamelessly zum kostenlosen Download anzubieten. Ich garantiere 28 Minuten Weltklasse-Dub, incl. Blue Vitriol, Disrupt, Blaze Dem - und meinen absoluten Lieblingen Illyah & Ltd. Candy, die sich wirklich vor keiner „Rhythm & Sound w/ Artist“-12" verstecken müssen (da muss noch mehr folgen, bitte!). Ich hoffe, die Jahtari-Crew hat nichts dagegen (Stunden später erfuhr ich: hat sie nicht!), dass ich mich aus ihrem freien Downloadkatalog bediene, hier sind jedenfalls …

28 MINUTES FROM CANDY TO TITAN - a JAHTARI compilation - Compiled by ZU-ZEITEN

Trackliste:
01 Blue Vitriol - Submethane
02 Blue Vitriol - Cryovolcano
03 Illyah And Limited Candy - Fight The Formation
04 Illyah And Limited Candy - Poor Girl
05 Disrupt - Last Blade
06 Disrupt - The Brink Of Destruction
07 Blaze Dem - Dubness Of This Creation (7inch)


Noch viel mehr Tracks sind auf Jahtari zu finden. Eine Labelübersicht mit Tracks, die zum Teil nicht zum Download freigegeben sind, gibt es auch als CD zu kaufen. Unter anderem auch ein weiterer Track von Illyah & Ltd. Candy. Hörbeispiele sind vorhanden. Ein Besuch lohnt sich also in jedem Fall.

04.08.2008

PUMICE: verkeilter one-man-fuzz





PUMICE: quo
(2008)





Wenn Gitarrensounds an der Oberfläche zerbröseln und ihre sich verändernden, autarken Tonfiguren schmutzig ineinanderstecken, wenn die Drums als Unterhändler versuchen, zwischen den verkeilten Gitarrenspuren zu vermitteln, dann entsteht entweder gequirlte Kacke oder wirbelnde Magie. Höre ich letzteres, erwacht der intellektuelle Rockist in mir. Der erfreut sich nämlich an solch genau durchkomponiertem chaotischem Tun, weswegen er unter anderem die Magic Band so schätzt, was niemandem verborgen bleiben wird, der ihn (also mich) über einen längeren Zeitraum auf Zu-Zeiten liest.

Immer mal wieder schaffen es auch aktuelle Varianten dieser Kompositionskunst, dass ich ihrem höchst spannenden Krachpfad wie ein Esel folgen muss und alles andere, was noch am Wegesrand dubbt, pluckert oder sägt, einfach links liegen lasse.

Und wer das mal wieder seit längerer Zeit geschafft hat, ist ein gewisser Neuseeländer namens Stefan Neville, a.k.a. Pumice.
Pumice steht in der Tradition anderer verbogener Homemade-Musik, wie man sie am Ende der Welt immer noch und immer mal wieder antrifft - ich tippe hier mal „Tall Dwarfs“ hin und jeder kann sich noch vier bis fünf andere Bands oder One-man-Projekte dazu denken (irgendwas von den Kilgour-Brüdern zum Beispiel). Eine raue Mischung aus Fuzzgitarren, Nervelektronik aus dem Kinderparadies, Schlagzeug und Megaphonstimme hat Herr Neville zu einem brüchigen Haufen zusammengespielt. Respektlos und gekonnt aus dem Handgelenk von Punk zu Dunkel-Drönig wechselnd - und das alles von einem einzigen Typen zusammengebracht!

Alles ist auf „Quo“ möglich, und alles was ermöglicht wurde, ist unterhaltsam und kurzweilig. Stefan Neville ist ein Könner seines Homemade-Fachs, was man perfiderweise nicht immer sofort merkt. Wer leistet sich denn noch die Frechheit, einen Track auf halblangsam herunterzulangweilen? Unschuldige Indie-Stimmen werden so dem unheilvollen Gesang betagter Matrosen näher gebracht. In Zeiten der Überfülle im Internet wird das Auslegen von falschen Fährten, das Vermeiden von schneller Überzeugungskraft der Inbegriff totaler Unkommerzialität. Insofern ist Pumice eigentlich unverkäuflich. Die Musik klingt manchmal, als wäre sie nur unter Mühen von einem Gitarrenanfänger zusammengegriffelt worden. Aber wir, die wir mittlerweile „Pumicequo“ (link weiter unten) heruntergeladen haben, wissen es besser: Der Typ ist Herr seiner hässlichen Tonkunst, ein Jäger kopfschüttelnder Zweifler, der kleine, fiese Lo-Fi-Fallen auslegt, in die wir leicht hineintappen können. Also nicht in Sicherheit wiegen, sondern aufmerksam bleiben! Und tatsächlich: Aus dem vermeintlichen Laiengespiele entwickelt sich mit zunehmender Hörrunde ein enorm spannendes Knäuel aus verhalltem Psycho-Fuzz und anderen schmutzig-fiebrigen Schlieren. Momentane Gitarrenplatte meiner Wahl.

Drei Tracks von „QUO“ stehen im Netz als freie Downloads zur Verfügung:

PUMICEQUO (via Stereogum)
FORT (via Stereogum)
PEBBLES (via SoftAbuse)

„Quo“ von Pumice ist als CD über SOFTABUSE zu beziehen (11 Dollar + Shipping). Dort ist auch eine Diskographie zu finden: Pumice hat seit 1994 diverse Tunes auf diversen Formaten veröffentlicht.

Eine VINYL-VERSION (180g) wird von TIPPED BOWLER TAPES vertrieben. Die LP kostet 25 Dollar (inklusive Shipping), was beim derzeitigen Dollarkurs etwa 16,50 Euro entspricht.

02.08.2008

FURNITURE: boomt nicht mehr, bounced aber noch




Gerade nochmal die "When The Boom Was On"-EP von Furniture (1983) gehört, besteht sie fast vollständig den Zeittest, wiewohl tatsächlich unverkennbar 1980er Jahre. Aber Furniture haben deren mich Würgen machende Ingredienzen (Ekelsaxophon, Pappmachésynthieflächen) nicht oder nur sehr dezent eingesetzt. Stattdessen zieht sich Funkiness durch die Tracks. Auch der damals in der ersten 80er-Hälfte omnipräsente (Bar-)Jazz-Einfluss ist zu finden, jedoch sehe ich beim Hören von „They’re On Me“ keine pinken Dreiecke und schmecke auch keinen Prosecco. Stattdessen greifen Furniture in die Eingeweide der Nacht, wie sie sich ausserhalb der Schnöselbars im Licht insektenverdreckter Straßenbeleuchtung zeigt. Auch das nervöse Schlagzeug auf „Robert Nightman's Story“ steht eher für ungesättigtes Leben statt für saturiertes Sackkraulen. „I Miss You“ ist ähnlich aufgebaut und instrumentiert wie „Shipbuilding“ von Robert Wyatt/Elvis Costello: Ein schöner Träger trauriger Gedanken.

Später in ihrer Karriere wurden Furniture mir dann meist etwas zu dünnsoundig, etwas zu wenig greifbar, etwas zerfahrener. Das kann aber auch an einer recht quäkigen Pressung einer Best-Of liegen, die Anfang der 90er rauskam (die EP klingt zehnmal besser). Die Best-Of ist neben "When The Boom Was On" auch das einzige, was ich von Furniture kenne. Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand bleibe ich daher dabei: "When The Boom Was On" zeigt sie auf dem Punkt, den sie auf späteren Erzeugnissen wieder ein wenig verwischen. Wer die EP also irgendwo stehen sieht, sollte mal ein Ohr riskieren. Auch 2008 noch.


BILLIANT MINDS - THE FURNITURE STORY


JIM IRVING (Songwriter/ Sänger von Furniture) auf myspace

31.07.2008

DENNIS WILSON: water. salt water.
















Diese jungen alten Männer auf Fotos aus der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zu sehen, wie sie mit unkonturierten Bärten verloren in der Gegend leben, umgeben von unzähligen Sandkörnern oder unzähligen, weit entfernten Menschen, immer bestrebt, sich an etwas anzulehnen - an den Bruder, an die Ehefrau, an die Kinder, an einen Brückenpfeiler - und wenn sie nichts zum Festhalten finden, versinken sie im Sand, im Wasser, in Salzwasserwiesen…


Dennis Wilson: THE OFFICIAL SITE OF PACIFIC OCEAN BLUE

29.07.2008

PERE UBU: Cleveland 1978 (revisited version)






note: ich habe heute den text ein wenig bearbeitet und stelle ihn daher als "revisited version" nochmal rein. darf ich doch, oder?
internet antwortet: ja, darfst du! dankeschön, dann mache ich das auch.


PERE UBU
The Modern Dance
1978


Ich sah Pere Ubu aus Cleveland, USA, 1980 bei einem Auftritt in der Bremer Uni-Mensa. Ich war 16 Jahre alt. David Thomas, damals noch Zeuge Jehovas, hatte gerade sein Pseudonym „Crocus Behemoth“ abgelegt. Der Texaner Mayo Thompson - Marxist und in den 1960er Jahren Gründer des Avant-Rock-Projekts Red Crayola - war schon dabei. Gerade erst war „The Art Of Walking“ erschienen, das vierte Album von Pere Ubu (oder sein Erscheinen stand kurz bevor; ich weiß es nicht mehr). Der Sound, der von den Nacktbetonwänden der Uni-Mensa abgestrahlt wurde, war schlecht. Allen Ravenstine kämpfte das ganze Konzert damit, dem Kreischen, das er seinem Arbeitsplatz - einem alten Analog-Synthesizer mit Kabelsteckern - entlockte, mehr Gehör zu verschaffen. Es gelang ihm nur ab und an, die indifferente Soundwand zu durchbrechen, durchkratzen, durchpluckern, durchschaben. Sänger David Thomas hielt ein kleines Schrottteil in der Hand, auf das er ein paarmal mit einem Silberhammer einschlug. Unzufrieden mit dem Ergebnis, schmiss er es genervt nach hinten auf den Boden. Thomas trug einen dunklen Anzug, dazu ein weißes Hemd (das von den raumgreifenden Bewegungen seines mächtigen Körpers halb aus der Anzughose gezogen wurde) und eine dünne, schwarze Krawatte, die den Umfang seines Leibes grotesk zu verstärken schien. Die Band selbst hatte einfach Jeans an, Freizeithemden, in den Hosenbund gestopft. Sweat-Shirts, aus denen Hemdkragen ordentlich herausschauten. Darüber vielleicht ein Jacket. (Ich, 2008 aus dem Off: Willkommen zur größten All-American-Avantgarde-Pop-Band der letzen drei Jahrzehnte!).

„Die Leute sind sehr diszipliniert, weil Pere Ubu auf der Bühne sehr diszipliniert ist! Das Spektrum unserer Fans ist sehr groß, es ist schwer zu sagen, da es für die Band keine Regeln und Grenzen gibt - und somit auch für’s Publikum nicht. Zu jedem Konzert (im Dome, Media-Center in Cleveland) kommt eine total verkrüppelte Frau, ohne Arme, im Rollstuhl… Ingenieurstudenten, die Krawatten tragen und Nägel in ihren Taschen haben; Bauarbeiter - einer unserer größten Fans ist der Vorarbeiter eines Bautrupps, der Frau und Kind hat. Viele bringen ihre Kinder mit, die stehen auf unserem Rhythmus! Da gibt es ein Kind namens Keith, das mit unserem Album ins Bett geht und all die Texte kennt. Im allgemeinen sind es praktisch veranlagte Menschen, nicht so sehr diese Leute vom College“
Crocus Behemoth a.k.a. David Thomas (aus „Der Sound aus dem Stahlwerk“, von Harald Inhülsen, Musik Express, 1978)

Das Album, mit dem Keith ins Bett geht und dessen Texte er alle kennt, heißt „The Modern Dance“. Es ist das erste Full-Length-Album der größten All-American-Avantgarde-Pop-Band der letzten drei Jahrzehnte (in der Folge als Pere Ubu abgekürzt). Ich weiß nicht, was sich Keith unter seiner Bettdecke vorstellt, wenn ihm die Verse von „Heaven“ in den Sinn kommen, aber mich haben sie immer ungemein beflügelt: „I could swear the cities like a magic beach/ cause against the curb I could hear those street waves beat“. So beflügelt wie den Arbeiter in Ballettschuhen, der auf dem Cover über die rußbeschmutzte Skyline der Industriezone Cleveland tanzt. Und auch wenn „Heaven“ gar nicht auf „Modern Dance“ enthalten ist (dafür aber ein treibender, von kalten Windböen aus Allan Ravenstines Synthesizer durchzogener Rocker namens „Street Waves“), so steht diese LP doch unwiderruflich für meine damalige Vorstellung: Ich surfe auf der Welle des Straßenbetons zum Straßenwellenbeat! Meine gesamte, zeitweise sehr romantische Beziehung (New Wave! Anti-Hippie! Zurück zum Beton! Caligaris Mirror!) zur Ästhetik von Industrieanlagen des metallverarbeitenden Gewerbes, Förderrohr-Labyrinthen, Zuliefererstraßen, Fertigungshallen, Stahlbrückenkonstruktionen und Industrieschrottverwertungen entstand damals unter dem Eindruck dieses Covers und der Musik, die das hyperreale Leben umschloss wie eine rostige Auspufftrommel. Real World! Sich an der Wirklichkeit berauschen. Das waren Dinge, mit denen sich abgegrenzt wurde. Wer benötigte denn da noch Drogen?

Später wurde natürlich auch dieser Industrieschick als Romantizismus enttarnt, aber Pere Ubu schienen das von Anfang an erkannt zu haben, denn sie nannten denjenigen Track "Sentimental Journey", der akustisch am konkretesten mit den realen Insignien industrieller Verwertung und Entwertung spielt, der klingt wie eine Field-Recording-Aufnahme in einer stillgelegten Produktionshalle aus der verarbeitenden Industrie. Es klirren Glasscherben, Metallenes wird schroff an Metallenes gerieben. Es gibt keine Produktion mehr, es gibt keinen Rock’n Roll mehr. Ein Saxophon spielt Ornette-Coleman-artig, ein unregelmäßiger Bass und eine zufällige Gitarre treffen sich nicht, ein sirrender Synthesizer klingt wie die Langwellenfrequenz eines schlecht justierten Radiosenders, dem sowieso keiner mehr zuhört. Chaos verdichtet und entzerrt sich wieder, dazwischen stößt David Thomas Worte und Laute aus ("Window“, „House“, „Hm“, „Tzz“), beiläufig und unzusammenhängend. Dem Ort, dem die sentimentale Reise des Tracks gilt, ist keine Regelmäßigkeit, kein Rhythmus mehr eigen. Die Töne ergeben keinen Zusammenhang mehr. Ein windiger, verlassener, ehemaliger Produktionsstandort. 30 Jahre nach „Sentimental Journey“ ist ganz Cleveland so ein Areal zerbrochener Fensterscheiben geworden, entvölkert und ohne Arbeit.

Pere Ubu gingen schon vorher weg. Im Fluchtgepäck hatten sie die amerikanische Idee der prägenden Landschaften: Raus aus Cleveland, und hinein in andere Bundesstaaten. Albumtitel bildeten Standorte ab („Pennsylvania“, „Arkansas“). Der Blick auf den Eriesee wurde zurückgeworfen mit scharfkantigen Spiegelscherben, die einen in kalten Winterfarben getauchten Horizont spiegelten („Song Of The Bailing Man“). Irgendwann waren die Grenzen der Landschaften nicht mehr klar, auch nicht mehr zu den halb-fantasierten (höre das geisterhafte „Erewhon“ von David Thomas). Kein Wunder, dass Greil Marcus, Obermystiker unter den amerikanischen Musikjourmalisten, ihr großer Fan ist.

„The Modern Dance“ ist eigentlich gar keine schwere Kost (von „Sentimental Journey“ einmal abgesehen). Es enthält unter dem Asphalt mitreissende Songs, die Punk überspringen und dessen Energie behalten: David Thomas brabbelt diszipliniert, während Allen Ravenstines Synthesizer zerrt und reißt und immer wieder versucht, den schweren Rock’n Roll-Verbund der Band zu trennen statt zu verbinden - in dieser Trennarbeit liegt denn auch Ravenstines herausragende künstlerische Leistung! Und das irritierend romantische „Chinese Radiation“ berührt mich immer noch genauso wie es mich ängstigt: „He’ll be the Red Guard/ She’ll be the New World/ He’ll wear his grey cap/ And she’ll wave her red book/ He’ll tell her, ‚One Way?’/ And then they’ll sing…“. Dieser “eine Weg“ ohne Rückfahrkarte ist dann doch ein paar Jahrzehnte später etwas weniger romantisch beschritten worden: Statt des roten Buchs nahm das Girl einfach die ganze zerstörerische Wucht des freien Marktes mit über die Grenze.