30.09.2007

Yabby You: Vivian Jacksons Roots/Dubs/Instrumentals/Versions

Yabby You - Jesus Dread
1972-1977


Es ist erschreckend, mit welch schiefen Bildern doch der durchschnittliche Mitteleuropäer (also so Typen wie ich) an Reggae herangeführt werden, und wie groß der Erkenntnisschock dann ausfällt, wenn man irgendwann Roots-Reggae von der unhaltbaren Wucht Yabby Yous zu hören bekommt. Denn gegen die geballte Power dieser Tracks wirkt Bob Marley, selbst zu Small Axe-Zeiten, wie Engelbert Humperdinck.

Der Superschrein des Roots-verankerten Reggae - irgendwo in dieser Do-CD-Box mit 47 Songs von Produzent/Sänger/Texter Vivian Jackson a.k.a. Yabby You liegt er verborgen, bzw. genau aus dieser gewaltigen Ansammlung an Roots/Dub/Instumentals hat er sich materialisiert. Willst du ihn finden und denkst, du hast ihn verpasst, weil du ein Deatil gerade akustisch nicht ganz mitbekommen hast, dann vergiss das Zurückskippen. Denn in den folgenden diversen Versionen wirst du genug Gelegenheit bekommen, dich in alle Einzelheiten dieser unbezwingbaren Riddims reinzufummeln. So wie die Maler des Fuji jeden Tag immer wieder aufs Neue in den Berg schauen und jedes Mal immer wieder ein anderes Bild aus ihm herausmalen. Und ihnen wird nie langweilig dabei.

Apropos Berg. Darf ich assoziieren? Berg. Bergpredigt. Jesus. Moses. Altes Testament. Ok, schon wären wir am Ziel. Denn anders als der gewöhnliche Rasta von nebenan, ist Yabby You nicht der Ansicht, Haile Selassie wäre der kommende Messiahs, da hält er es mehr mit dem Klassiker Jesus Christus als Mittler zum HÖchsten. Und so sind seine Lyrics auch drängende Chants zu Ehren des Neuen und Alten Testaments und zum Bezwingen der alten Hure Babylon. Was, etwas vereinfacht ausgedrückt, auf dasselbe hinaus läuft wie bei den I-Jah-Männern: Babylon Kingdom wird down-ge-chanted, Plagen kommen über diejenigen, die vom rechten Weg abkommen, und überhaupt: „Run Away/ Go Away/ From Sodom and Gomorrha“! Dabei hat Yabby You oftmals ganz weltliche Probleme jamaikanischen Lebens im Sinn, wenn er bespielsweise über „All that you can see now, the big fishes feeding on the small ones“ chatted. Begleitend dazu zerfallen Steinmauern durch King Tubbys Mixkünste augenblicklich zu Staub, Tommy McCook bläst Seele in tote Materie, und DJs wie Dillinger, Trinity oder Tapper Zukie beamen den ein oder anderen Track, vereint mit Dub und Original, in die Zukunft (immer noch!). Man höre das unbegreifliche „Freshly“ von Dillinger an!

Das fast Markus-Evangelium-dicke (na ja, äh, fast) Booklet, auf extraverstärktem Glanzpapier gedruckt, vergilbt sicher nicht vor Ankunft des neuen Messiahs (hält also ewig) - und kostete dem verdienstvollen Blood And Fire-Label fast die Existenz, denn anscheinend hatte man sich bei der Verpackung und Aufmachung der Do-CD finanziell ein wenig übernommen. Aber es hat sich gelohnt! Ein Kompendium aller Facetten von jamaikanischem Reggae aus der Blütezeit 1972-1977: Unwiderstehliche Riddims, drängender Roots-Reggae, gigantische Dubs und futuristische Versionen. Ein wahrhaftig beseelter Klumpen Lehm (das Wort Monolith habe ich aus meinem Wortschatz verbannt).

05.09.2007

Porter Wagoner: Out of the silence (kommt der Wahnsinn)


Porter Wagoner - The Rubber Room

The Haunting, Poetic Songs of Porter Wagoner
1966-1977




Ich habe keine Ahnung, wie man diese Art des Nashville Psycho-Countrys nennt. Ich kenne mal gerade erst seit ein paar Jahren den Unterschied zwischen Bakersfield- und Nashville-Sound, wobei der Bakersfield-Sound eher den Country-Sound eines klassischen Band-Line-Ups repräsentiert (also für in die Jahre gekommene Indie-Weicheier wie mich bestens geeignet). Nashville-Sound ist der Streicher- und Pedals-Steel-Kitsch klischeereicher Countryschleimer. Porter Wagoner ist Nashville, er muss also auch schleimen, ganz sicher, aber auf dieser Zusammenstellung unglaublicher Songs, die Wagoner zwischen 1966 und 1977 aufnahm, ist der Schleim durch fast schon sengende Leidenschaft ersetzt, genial an der Kante zum over-acting, als wäre er der Vincent Price inna Nudie Suit der Grand Ol’ Opry (und ich glaube, genau DAS ist er auch), mit Mordbereitschaft (nachdem er die „kalten, harten Fakten des Lebens“ angesichtig wurde), der nicht seltenen Begegnung mit dem Bösen schlechthin, einer bizarren Hommage an das Knochengerüst („Bones“), Ansichten aus der Gummizelle („Rubber Room“) usw. usf.

Und das Beste: Ich kenne Porter Wagoners „Rubber Room“ erst seit heute mittag!

Eines der Alben, aus denen diese unfassbaren, verletzten, kleinen Nashville-Epen gesogen wurden, heisst schlicht „Experience“, auf anderen schaut er tief in die Flasche mit dem Teufelszeug drin, dann wieder überrascht er seine Frau mit einem anderen, und glaubt mir, er hat nicht die Faust in der Tasche, dafür aber immer ein praktisches Messer dabei. Dann wieder umringt ihn der Schmerz, und der Schweiss rinnt ihm aus dem ganzen Gesicht, wie Tränen, so zahlreich, dass die Augen nicht ausreichen, um sie heraus zu lassen; zwischendurch macht er auch mal mit Dolly Parton rum.
Das Ganze dann im astreinen, gerade eben mal nicht zu vollgepumpten Sound, dafür aber mit irren Halleffekten an unpassenden Stellen, ein wenig Esquivel-Background-Gesang (er war übrigens auch der erste Country-Sänger, der sich von einer reinen Frauen-Band begleiten ließ), Wah-Wah, und wasweissichnochalles beschwert, beflügelt, beknallt, beworfen, besoult. Ich habe sowas noch nie gehört, aber wie schon gesagt, ich kenne mich da auch nicht wirklich mit aus. Macht nichts, diese Compilation kommt vom Rande irgendeines Sinnzusammenhangs irgendeines Universums neben der Tasse. Soviel Leidenschaft, Morbidität, brennendes Pathos, es trifft mich wie das erste Mal James Brown hören (den Freund Porter Wagoner mal mitnahm in die Grand Ol’ Opry - „the bastion of southern conservatism“ (Liner Notes)). Mit James Browns Vortragsweise hat das ganze allerdings nichts zu tun. Man sollte vielmehr Country-Walzer-Grooves mögen.