04.07.2007

ESPERS: Werksbesichtigung

Extended and carefully remastered version

Die Espers sind die onyxglänzendste und dunkelschönste Folk-Noir-Band der letzten Jahre, höre ich mich denken. Und bei allem Respekt, das muss an Information genügen. In Fieberträumen begebe ich mich stattdessen auf die Suche nach dem Ungefähren und Nicht-Greifbaren, in der Hoffnung, dass aus deren Summe etwas Fassbares ausflockt, fast so wie ein anorganisches Salz aus dem gekonnten Zusammenmischen verschiedener Flüssigkeiten. Anfangs geleitet hat mich das Debutalbum „Espers“ von 2004, das so klar und evil und schön ist wie ein Gebirgsbach, der lieblich fließend mit unsichtbarem und geruchlosem Gift versetzt auf ein von der UNESCO geschütztes mittelalterliches Fachwerkdorf zufließt.

Zwei Jahre später gewährt uns „Espers II“, das noch wirksamere Folgeprodukt, einen weiteren tiefen Einblick in das technisch komplizierte Verfahren der Giftmischerei. Zusammen mit einer kleinen Gruppe Interessierter mache ich mich daher zu einer Werksbesichtigung auf.


Foto: Alissa Anderson (thank you for your permission to use it!). www.alissaanderson.com

An der Eingangspforte des Firmengeländes kommen wir an lieblich angelegten Beeten und gekonnt geschnittenem Buschwerk vorbei. Linker Hand des Gebäudekomplexes steht ein kleines Wäldchen aus dickstämmigen, grotesk verästelten Bäumen unbekannten Alters. Es stellt das Holz bereit, aus dem spezielle Akustikinstrumente gefertigt werden, deren charakteristische klangliche Beschaffenheiten in der Summe erst das Resonanzklima bilden, in dem die langsam aber bestimmt wirkenden toxischen Substanzen ihre Stabilität bewahren. In der benachbarten kleinen Werkshalle werden zum Beispiel die Celli, die auf „Espers II“ noch mehr zum Tragen kommen als auf dem Debut, feingetuned, um auf besonders geheimnisvolle Weise ätherisch zu wirken. Wie das funktioniert, wissen selbst die Betreiber nicht genau. Der Konstrukteur der Anlage gilt als unbekannt, soll aber besonders in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gewirkt haben. Die Konstruktionspläne sind mit merkwürdigen, sechsblättrigen Symbolen versehen. Auf dem dunkelbraunen Schöpfpapier wirken sie wie Eiskristalle und stilisierte Blüten gleichzeitig. Ein firmeneigenes, kombiniertes Wärme-und Kältekraftwerk stellt die Energie bereit für die elektronischen Sounds aus Tongeneratoren und E-Gitarren, die sowohl aus dem Innern des Werkes als auch aus dem Innern der Songs zu uns herübergeweht kommen.



Der Firmengründer Greg Weeks begrüßt uns an der schattigen Seite des Hauptgebäudes. Er wirkt eloquent und zufrieden. Das Unternehmen prosperiert. Es bietet nun sechs statt vormals nur drei Klangbedienern eine Beschäftigung an. Zu den Gründungsmitgliedern Greg Weeks, Meg Baird und Brooke Sietinsons sind noch Helena Espvall, Christopher Smith und nicht zuletzt mit Otto Hauser endlich auch ein echter Schlagwerker mit ins Team gekommen. Aus Sicherheitsgründen müssen alle sechs Langhaarigen auf dem Werksgelände spezielle Haarnetze tragen. Die Matrix des Fadenstoffs der Haarnetze soll gerüchteweise Polymere aus Spinnfadensekret enthalten. Als ich eines der Haarnetze befühle, stelle ich fest, dass es überhaupt nicht klebrig ist. Stattdessen scheint sich das Webmuster der Netze ständig langsam zu verändern. Greg Weeks verrät den Gästen jedoch nichts über dieses seltsame Phänomen.

Aber er verrät ein paar andere Geheimnisse aus dem Innern der Hexham Head Sound Laboratories in Philadelphia, einer No-Go-Area auf dem Produktionsgelände, zu der die Besuchergruppe auch nach mehrmaligem Bitten kein Zutritt gewährt wird. Zum Beispiel dass die Band auch auf dem neuen Album einem genauen Pfad folgt. Improvisiert wird so gut wie gar nicht. Jeder hat seinen festen Part innerhalb der Struktur. Daddeliges Folkgeklingel im Gruppenerlebnissound ist die Sache der Espers nun mal nicht. „Zum Glück“, träume ich leise, damit meine Worte nicht allzu stark von den seltsamen, symmetrisch gebogenen Wänden zurückgeworfen werden.

Als der Rest der kleinen Besucherschar durch ein fieses Flötenarrangement abgelenkt ist, kann ich Greg kurz in eine Ecke ziehen. Greg, warum vergiften die Espers ihren Folksound auf so raffinierte Weise mit elektronischen Störgeräuschen? Im Flüsterton erzählt er: „Wir wollen einen gewissen Gehalt an Bösem in unsere Songs einbringen. Wenn Geräusche oder Drones von unten an den Melodien zerren, wird Spannung erzeugt, es wird unbehaglich. Wir wollen damit aber keine kranke Stimmung heraufbeschwören. Es geht um ein angenehmes Unbehagen. Der Song wird vergiftet und erfährt gleichzeitig ein höheres Level an Schönheit.“ Du arbeitest zurzeit an einem Horrorfilm. Worum geht es da? „Es geht darum, wie der Mensch der Steinzeit seine Denkweise in die Gegenwart transportiert. Es geht um den Planeten und die Gegenkraft, die die Menschheit zu ihm entwickelt – und um den Preis, den die Menschheit dafür zahlen muss“, gibt sich Greg kryptisch. Passend dazu seid ihr ja auch schon mal im Planetarium aufgetreten. „Ja, das müssen wir unbedingt mal wieder machen. Eine Planetariumstour würde…“, wir werden durch Schritte gestört. Die Gruppe nähert sich uns langsam und schwankend, noch etwas betäubt von dem mittlerweile die Produktionshallen erfüllenden Zartbittersound aus Violine, droniger E-Gitarre und ‚male & female larynx’, wie es auf „Espers II“ so schön heißt. Meine Kehle ist davon ganz trocken geworden, ich bekomme Durst.

Kurz darauf ist die Führung zu Ende. Im Gästebuch des kuppelförmigen Eingangsbereichs finde ich Einträge von Devendra Banhart (in Spanisch), Linda Thompson und einer Delegation der Incredible String Band. Andere Namen wiederum existieren nur in Form von absurden Kürzeln, teils mit rostroter Farbe und Vogelfeder geschrieben, teils mit Stempel oder Barcode versehen. Ich kann die Zeichen nicht entschlüsseln. Eine innere Stimme sagt mir, ich solle es auch nicht versuchen. Als ich gehen will, bietet mir eine freundliche junge Dame mit glockenhellem Hauchgesang einen Becher mit ‚köstlichem Gebirgswasser’ an. Ich zögere nicht, lösche meinen Durst und wache nicht mehr auf.