28.06.2007

THE COCOON: This is all happening cause I think so





THE COCOON: WHILE THE RECORDING ENGINEER SLEEPS
(1984; VÖ 1989 auf Wilhem Reich Schallspeicher)


Es lohnt sich immer wieder, kleine Notizen über Psychedelist Jürgen Gleue in diesen weltberühmten Blog einzupflechten, der sich mit Lärm und dessen Politiken beschäftigt. Meist allerdings mit Lärm. Ich wähle dieses Mal seine Kollaboration von 1984 mit dem damaligen Kastrierten Philosophen Mathias Arfmann; dem Free-Jazz-Vibraphonisten Gunter Hampel; Flötist und Saxophonist Thomas Keyserling - spielte mit Hampel in der Galaxie (nicht Galaxy!) Dream Band - und Rüdiger Klose, der die Verbindung bildet zwischen Gleue und Arfmann, weil er sowohl mit Ersterem bei Exit Out trommelte als auch mit Zweiterem bei den Kastrierten Philosophen. Verwirrend? Ja, und so soll es auch sein, denn so ist auch The Cocoon!

Warum „While The Recording Engineer Sleeps“ in der Blogspot-Welt der Psych-Heads keine Erwähnung zu finden scheint, in der doch sonst jede, aber wirklich jede halbgare, nur in Zwölferauflage als Testpressung verschenkte Platte mitteltalentierter Garagen-Psych-Bands aus Verona oder Villaregio oder Estremoz der ausgehenden 60er Jahre oder des 60er-Revivals Mitte der 80er Jahre mittlerweile im Netz ver-share-filed und abgefeiert wird, kann ich mir nicht erklären. Die müssten eigentlich alle kollektiv ausflippen, wenn die das hier zu hören bekommen.

So vieles, was diese Bande bleicher Gestalten 1984 zusammenfantasierte, fasziniert und begeistert mich immer noch:
Etwa das Bemühen, sich zwar kundig in den Kontext von US-Song-Psychedeliken zu stellen, ihn aber mit anderen Zeiten (50er Jahre Mad Scientists, eben „The Last Days Of Wonder“, wie ihn die samtenen, amerikanischen Country-Verdreher Handsome Family im letzten Jahr in „Tesla’s Hotel Room“ besingen) und anderen Zeichen (Englischer Gesang mit deutschem Hardcore-Akzent, Free Jazz und Improvisation, Europäische Intellektuelle aus armen Verhältnissen) anzureichern und zu verwirren, also die Sinne im besten psychedelischen Sinn zu fordern und zu erweitern. Denn was leistet gute Psychedelik in erster Instanz anderes als archaische Verwirrung? Verwirrung der Zusammenhänge und Verwirrung der Sinne und der Wahrnehmungsapparate - mit den Ohren sehen („I Can See Voices“), mit dem Gehirn verändern („Ventilator Change Into Airplane“), mit der Pubertät abheben („Teenage Dope Slaves“), mit Andeutungen mystifizieren („Hanging around like no one else would do, oh yeah”).


Solche Reisen und Erfahrungen strengen natürlich auch an, Freunde. Weil ein Weg immer erst durchschritten werden muss, bevor man am Ende verändert wieder herauskommt. Abkürzungen gibt es nicht. Daher muss auch „While The Recording Engineer Sleeps“ bisweilen etwas anstrengen. Die Belohnung wartet in den wirklich wundervollen, scheinbar ausserhalb der physikalischen Welt liegenden Vibraphon-Beiträgen von Gunter Hampel, in Gleues gewohnt aus der coolen Finsternis gesprochenen Wortbeiträgen, der kongenial in deutschen Akzent getunkten „Soulful Voice“ (so das Einlegeblatt der LP) von Gunter Hampel (der unter anderem auch auf dem besten Track, dem Titelsong, singt) und der bewusstseinserweiternden Wirkung von Versen, die brutal in die Melodien gezwungen werden. Hallige Beats halten den Recording Engineer derweil in andauernd narkotisiertem Zustand und verhindern gleichzeitig, dass sich die Band in selbstreferenziellem Psycho-Rock-Jazz-Gedaddel verliert. Denn es mag zwar so scheinen, als wären hier schwer angeknallte Typen am Werk, ich glaube aber eher, dass bei der Realisierung von “While The Recording Engineer Sleeps“ nur wenige Moleküle externer Drogen im Spiel waren. Die bloße Zusammenkunft im Studio Hardenberg zu Osnabrück scheint mir schon von ganz alleine ausreichend interne Endomorphinausstöße bei den Beteiligten evoziert zu haben. „Wasn’t it that easy?“ fragt Hampel euphorisiert am Ende des kollektiven Gewirrs von „The Ritual Of The Boogie Transformation“. Nochmal: „Wasn’t it that easy?“ Und er antwortet gleich selbst: „It was thaaat eeeaaasyyy!“




Für mich ist Jürgen Gleue mit der ihm absolut ebenbürtigen Besetzung von The Cocoon am weitesten in dem gekommen, was ich ihm als Ziel auch seiner anderen Projekte während seiner aktiven Zeit als Musiker einfach mal unterstelle: Einen (un)behaglichen Psychedelik-Untergrund zu entwickeln, indem er auf amerikanischem Acid-Underground und
spätsiebziger Punk-Elektronik-Trash einen eigenen Estrich legt und mit Auslegware aus krautiger Arroganz und europäischem Impro-Jazz wohnlich gestaltet. Vielleicht der Urahn dessen, was das Kammerflimmer Kollektief heute so an Impro-Psychedelik zusammensetzt.

Jürgen Gleue hat sich im übrigen aus dem aktiven Musikgeschehen zurückgezogen und sammelt mittlerweile alte DDR-Comics, wie mir mal auf Anfrage im Spex-Forum ein anscheinend Vertrauter veriet.

Kommentare:

  1. it was that easy. hier gibts das wunder+meisterwerk:

    http://brotbeutel.blogspot.com/2007/05/cocoon.html

    cheers
    thomas

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  2. danke.
    somit wäre also auch diese lücke geschlossen. :)

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  3. ach, da gibt's von dir also auch noch einen (wirklich schönen) text zu cocoon...(ich stöbere halt manchmal ein wenig). übrigens: der text auf BROTBEUTELs seite stammt nicht, wie von dir offenbar angenommen, von ihm. sondern war damals unser pressetext, verfasst von Helmut Fürll, meinem mitstreiter...

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