31.05.2007

Antonio Carlos Jobim: Kaskaden, Wagnisse, Lacke, Erschöpfung, und wieder von vorne





Antonio Carlos Jobim: A Certain Mr. Jobim (1967)

Die große und zum Bersten unergiebige Insider-Sause des Tell-Us-Why-Projektes möchte ich heute fortsetzen mit dem bis dato völlig bekannten Antonio Carlos Jobim.
Nur ein paar hundert Millionen Menschen kennen die Lieder dieses nonchalanten Brasilianers. Höchstens der halbe Erdball hat eine Platte von ihm im Schrank. Daher starb Antonio Carlos Jobim am 8. Dezember 1994 an einem Herzinfarkt als Folge einer Blasenkrebsoperation als völlig vermögender Mann. HSeine Musik ist so unbekannt, dass sie selten nur einmal von den Bewohnern der rechtwinklig angeordneten Straßenzüge zwischen Leblon und Ipanema gesummt wird. Schlendert man durch New York, Tokyo oder London, sind seine Songs aus kaum mehr als siebenundneunzig Prozent aller Schnöselcafes zu hören. Begibt man sich auf die beschwerliche Suche nach seinen Platten, findet man sie in zufällig ausgewählten Tonträger-Geschäften nach sekundenlangem Durchforsten, denn sie sind extrem selten selten. Ich denke daher, ich kann beträchtliche Checkerpunkte sammeln (die ich alle verloren habe, seit ich statt Roddy Frame Roddie Frame schrieb), wenn ich diesen fast völlig unvergessenen Komponisten und Pianisten dem vollständigen Erinnern entreisse.
Nun aber los, sonst leidet die Übersichtlichkeit, der es dieser Tage nicht so gut geht, wie man liest:
Man könnte einige Jobim-Platten hier auswählen, weil sie sich im Aufbau gleichen: Ein Bossa Nova-Groove wird mit genau austarierten Melodien und Harmonien getränkt, die Jobim in wochenlanger Arbeit bis zur Perfektion bearbeitet. Dann setzt er sich mit dem Arrangeur und Orchesterleiter zusammen und entwickelt die Arrangements. Die fallen dann entweder sehr voll aus (Sinatra-Arrangeur Nelson Riddle), verspielt und TV-Show-kompatibel (Eumir Deodato) oder weich und transparent (Claus Ogerman).
Ich habe „A Certain Mr. Jobim“ von 1967 hier aus zwei Gründen ausgewählt: Wegen Claus Ogerman und wegen „Surfboard“. Denn Ogerman ist mir der liebste Jobim-Arrangeur, weil man aus seinen Arrangements am besten die Klasse, die Wagnisse und die wirkliche Schönheit in Jobims Musik heraushören kann. Hört euch „Bonita“ in der ersten und dann in der von Ogerman arrangierten Fassung an. Wie Ogerman nach den ersten Versen („What Can I Say To You Bonita/ What Magic Words Would Capture You?“) den Samtvorhang öffnen lässt, eine Zehntelsekundenpause setzt, aus der heraus das ganze Gebilde dann mit einem leichten Streicherwirbel wieder in die Spur kommt. Dabei ist er immer darauf bedacht, das dem Bossa Nova eigene Bestreben nach gesanglicher Zurückhaltung, minimaler Lautstärke, leicht klingendem, aber vertracktem Beat und einer gewissen wohligen Getragenheit zu erhalten. Und es ist verdammt schwer, sich mit einem Streichorchester im Rücken zurückzunehmen. Jobim selbst reiht sich mit seiner dunklen, rauchigen Stimme ein in die Riege anderer grosser variationsarmer Stimmen wie der von Lou Reed, Lee Perry oder Joao Gilberto. Noch mehr gäbe es zu schreiben. Über das wundervolle Wagnis etwa, in „Off Key (Desafinado)“ wirklich neben der Spur zu singen, ohne daraus einen (für einen guten Bossa Nova unverzeihlichen) Novelty-Gag zu machen, oder über das fantastische Pianospiel Jobims.
Mein Ritual bei „A Certain Mr. Jobim“ sieht immer so aus, dass ich die Platte ganz durch hören will, aber doch erstmal zu „Surfboard“ skippe, das ich so lange höre, bis ich erschöpft bin und dann lasse ich das ganze Album in meinem kraftlosen Zustand durchspielen. „Surfboard“ ist extraordinär, mit seiner seltsamen Keyboard-Kaskade, dem unglaublichen Mittelteil, wenn plötzlich alles zu stehen beginnt, sich wieder anfängt zu bewegen, sich aber noch nicht ganz traut, sich schüchtern zurückzieht und es schliesslich doch wagt und in den Song zurückfindet. Man kann auch eine Analogie zum Wellenreiten darin sehen, wenn eine Welle zu kommen scheint, sie sich aber doch nicht ausprägt und man auf die nächste Welle wartet, die einen wieder trägt.
Insider wie ich besitzen "A Certain Mr. Jobim" natürlich als Super-Billig-Pressung von Pickwick Records, mit unterirdischem Cover und falschem Titel ("A Certain Mister Antonio Carlos Jobim"). Ich empfehle aber die CD "Composer" (erschienen in der Reihe "Warner Archives"), auf der die beiden Jobim-Alben „The Wonderful World Of …“ und „A Certain Mr. Jobim“ zusammengefasst sind. Ausserdem sind noch zwei Songs von „Love, Strings And Jobim“ enthalten, dazu sehr informative Linernotes und vier alternative Versionen. Man kann hier an einigen Songs (z.B. „Surfboard“) die Arrangements von Ogerman gegen andere abgleichen. Eine sehr lohnenden Beschäftigung, denn auch auf „Wonderful World…“ sind zwar entzückende Arrangements anzutreffen, aber es wird noch augenfälliger (ohrenfälliger?), mit welch hochwertigen Lacken Claus Ogerman den Schmelz modelliert und den Bossa-Beat betont hat, dass es einem echt die Espandrillos anzieht. Wieviel Arbeitet muss es Jobim und Ogerman gekostet haben, diese verflucht brillanten Kompositionen auf solch schwebende Fundamente zu stellen!


* See also other contributions on: THE TELL-US-WHY PROJECT - The Step-By-Step Top 50 List Of Your Favourite Records. Founded in May, 2007. Regulary released at the german INTRO-FORUM.

21.05.2007

Musikforen heimlich belauscht. Heute: Little Feat

wahr: dieser thread widmet sich little feat, einer der besten bands, die anfang der 1970er jahre ihr langhaariges haupt erhob. ich bin voreingenommen gewesen, weil little feat ab ca. 1975 furchtbaren fusion-rock fabrizierten, aber die ersten drei platten sind hervorragende gegenargumente gegen mein eigenes vorurteil, welches besagt, dass man so schlecht wie die stones spielen muss, um so gut zu sein, wie die stones anfang der siebziger waren. stimmt nicht, man kann fachlich ausgezeichneter musiker sein und trotzdem die stones jener zeit (das muss man ja immer betonen, damit hier niemand denkt, ich finde auch nur einen ton von denen nach 1980 gut) an die wand drücken. ach, mich will hier ja doch niemand verstehen. *heul*

_werner_ : lustig. die habe ich nämlich auch gerade für mich entdeckt. ich darf dir also ein taschentuch reichen?

wahr: darfst du, _werner_, darfst du. *schneuz*

werner: hallo in die runde. was ist denn euer liebster song von little feat?

wahr: eindeutig willin'. vielleicht der schönste refrain, denn zu hören ich je die ehre hatte. so einfach und doch so kunstvoll:


and i’ve been from tucson to tucumcari/

from tehachapi to tonopah/

driven every kind of rig that’s ever been made/

driven the back roads so i wouldn’t get weighted/

and if you give me (wundervolle pause zum kurz durchatmen)

... weed .... white .... and wine/

and you show me a sign/

i’ll be willin’/

to be movin'


wer schafft es, den refrain fehlerfrei bis zum 'movin' zu ende zu singen? es klingt so einfach und ist doch so schwierig. die melodie erzählt eine geschichte neben den worten. unglaublich gut.

_werner_: easy to slip. so muss ein album loslegen. treibend, kleinteilig, voller ideen und wendungen, trotzdem nach vorne. gott, was für eine gute band die waren!

heiner geißler: das klingt das klingt zum verrücktwerden interessant. wär das was für mich?

wahr: nein, heiner, für dich ist es zu amoralisch und zerstörerisch. little feat in der post-lowell-george-phase wären was für dich. deren integre bedeutungslosigkeit könntest du dann mit neutestamentarischen bibelsprüchen füllen. hier im thread soll es aber um die frühen little feat und um lowell george gehen.

der gute spaß: gut, dass das mal jemand sagt.

_werner_: lowell george ist ein guter souler. „two trains“ beweist es.

der gute spaß: willkommen im forum der wandernden büsche. meinst du jetzt die version auf dixie chicken oder die auf Thanks I’ll Eat It Here?

werner: ich finde beide gut.

wahr: ich finde die version auf dixie chicken besser. wobei ich betonen möchte, dass besonders auf thanks ‚I’’ll east it here’ lowell george großartige gesangsleistungen abliefert. er hat sich ja dort selbst und andere gecovert, weil es ihm gesundheitlich so schlecht ging, dass er nur zwei oder drei neue songs schreiben konnte. dafür singt er unglaublich gut.

crocus: ist das van dyke parks, der mit co-autor "V. Parks" gemeint ist?

werner: denke schon. im booklet von thanks wird ihm ja auch gedankt.

crocus: ihr beste leisung haben little feat eigentlich als studiomusiker für john cales "paris 1919" abgeliefert.

wahr: ja, dachte ich auch, bis ich eben jene ersten drei lps von little feat entdeckte.

der gute spaß: nicht vergessen, dass zwei drittel von little feat auch auf „discover america“ von van dyke parks mitmachten. nämlich george und drummer hayward.

_werner_: womit wir bei einem weiteren höhepunkt von little feat wären: sailin’ shoes, das ja auch auf discover america gecovert wurde.

wahr: echt? die haben bei DiscoverAmerica mitgespielt? das wusste ich gar nicht! fantastisches album, besser noch als paris 1919. vorher haben die mitglieder von little feat bei zappa gespielt, der ihnen zu einer eigenen karriere riet.

werner: da gibt es ja auch verschiedene versionen von, wie dieser „ratschlag“ zappas ablief, hihi.

werner: wie stehts denn eigentlich mit der dritten von little feat, dixie chicken?

wahr: finde ich nicht ganz so gut wie die ersten beiden, aber sie hat einige momente erhaben schlaffer funkiness. 1973 war ein gutes jahr für diesen gesättigten groove. z.b. fool yourself (das ja dann später von a tribe called quest für „bonita applebum“ gesamplet wurde): hinein ins herz des mainstreams, darüber wird noch bei anthony moore zu schreiben sein, falls ich je mein review von „flying doesnt help“ fertig bekommen sollte …

der gute spaß: anthony moore? kenne ich nicht.

wahr: tut hier auch nichts zur sache. ich kam halt drauf, weil sowohl little feat (spielten bei zappa vorher) als auch anthony moore (spielte bei slapp happy vorher) aus dem prog/avantgardekontext heraus den mainstream in angriff nahmen. ansonsten ist das musikalisch weit voneinander enfernt.

crocus: manchmal klingt lowells slide wie eine mariachi trompete (fat man in the bathtub)

_werner_: es ist echt traurig, dass lowell so früh starb. gegen ende sank sein songschreiber-output gen null.

wahr: wenn er sich dann aber aufraffen konnte, gelangen ihm immer noch schöne songs.

_werner_: seine letzten beiden hiessen ‚I’ve got 20 million things to do’ und ‚heartache’. damit ist alles gesagt.

der gute spaß: überhaupt die texte? was ist mit den texten?

wahr: ich bin noch nicht so weit. ich höre noch nicht so auf die texte.

_werner_: solltest du aber.

wahr: ja, sollte ich. das, was ich so aufschnappe, ist gute bis obskure american staubfresser-lyric. und natürlich der wundervolle refrain von willin.

werner: meint ihr nicht, wir werden mit dieser diskussion die jüngeren mitbürger langweilen?

der gute spaß: ach, was solls. hier ist der präriehund begraben. da kann ein wenig fachsimpelei über eine frische band wie little feat keinen mehr verschrecken.

legoland + wahr: endlich mal was los hier!

18.05.2007

The Baptist Generals - Fuck! It's On The Tape!



This is part of the TELL-US-WHY PROJECT





The Baptist Generals: No Silver /No Gold


Blog-Kollege Brinkmann verdanke ich den ein oder anderen Tipp an abseitiger, sich im Life-Struggle verheddernder Musik. Unter anderem auch diesen hier: Die Baptist Generals - die texanische Strassenkötervariante der Violent Femmes, wie ich sie nennen würde, würde man mich zu prägnanten Analogien zwingen.

Mich zwingt aber niemand zu prägnanten Analogien, und so hole ich jetzt etwas weiter aus, da ich textlich zur Geschwätzigkeit neige und mir sowieso die Forderung, man möge sich doch in Internetforen und Internetblogs kurz halten, weil niemand die Zeit und Muße hat, sich durch lange Texte zu „quälen“, schwer auf die Nerven geht.

Wer auch ständig genervt sein muss ist Chris Flemmons, Sänger und Komponist der drei Baptistengeneräle. Das Cover von „No Silver/No Gold“ illustriert den ungefähren Grad seines Genervtseins: Man sieht darauf den Kopf eines irritierten und ängstlichen Säuglings, über dem Sikorski-Doppelrotor-Hubschrauber kreisen, wie ein Heiligenschein aus Killerinsekten.
Flemmons stelle ich mir als kaum berechenbaren Typen vor, mit einer Portion Grundaggressivität ausgestattet, dabei recht gehemmt und nur selten mit seinen Gefühlen aus sich rauskommend, ausser natürlich, wenn er sich angegriffen fühlt, und er scheint sich verdammt oft angegriffen zu fühlen.

Flemmons heiserer Gesang klingt, als würde er einem an der Schwelle zur Übergewichtigkeit stehenden Körper gehören, auch wenn „gehören“ vielleicht nicht das richtige Wort ist, da die Stimme sich ab und zu der Kontrolle seines Besitzers zu entziehen scheint. Sie fängt dann an zu zittern und zu beben, ohne an Verve und Präsenz zu verlieren. Nie verfällt sie ins Jammern. Beim Hören habe ich den Eindruck, als wenn Flemmons nur einmal, ein einziges Mal, den jeweiligen Song absolut hinreissend hinbekommt, und der alleinige Grund, warum die Ausbeute an Tonträgern der Baptist Generals so erbärmlich gering ist (zwei (?) EPs und eine CD in neun Jahren), könnte der sein, dass Flemmons vermutlich hunderte von Songs geschrieben und gesungen hat, aber halt nicht immer ein Mikro da war, wenn er diese eine einzigartige Superversion zum Besten gab. Manchmal ist dann aber doch zufällig ein Mikro und ein Wenig-Spur-Aufnahmegerät vorhanden, und wenn dann der kostbare Moment kommt, dann wird er durchgezogen bis zum Schluss - oder bis nach drei Minuten das Telefon klingelt, welches daraufhin in einem Wutanfall zu Kleinholz verarbeitet wird. Zu hören ist das auf dem intimen „Ay Distress“, mit dem „No Silver /No Gold“ seine knarrende Pforte öffnet.

Manchmal drängeln sich auf „No Silver /No Gold“ minimale Schepperdrums unhöflich nach vorne und machen großartig treibenden Krach. Eine Keyboardorgel sirrt und ein Cello brummt ab und an vor sich hin, ein akustischer Bass zerschellt fast an den Wiedergabegrenzen des Aufnahmegeräts. Ansonsten wird die Szenerie aber von sehr bestimmt geschlagenen LoFi-Gitarren beherrscht; und natürlich von Flemmons leicht angetrunken wirkender Vortragsweise mit texanischem Akzent, von dessen Power sowohl in kontemplativen wie auch in exaltierten Momenten ich nicht genug bekommen kann. Jeder Song ist künstlerisch soviel wert wie ein Ölfeld in der texanischen Wüste schmutzige Dollars abwirft. Indes werden die Baptist Generals von ihrer Musik nicht leben können. Sie scheinen auch wenig Interesse daran zu haben, ausserhalb von Texas aufzutreten. „No Silver /No Gold“ erschien 2003 in Deutschland auf Glitterhouse (und in den USA auf Sub Pop). Ihr Promoter (Hallo Stephan!) schickte mir vor zwei Jahren mal einen neuen Track zu, weil ich unbedingt wissen wollte, wann mal wieder was kommt aus Denton, Texas. Ein guter kleinteiliger Song, den aber der Odem des Überambitionierten umwehte („Raw From Self Destruction“ ist mittlerweile auf der MySpace-Seite der Baptist Generals zu hören). Als der Promoter bei Chris Flemmons nachfragte, ob dieser Song denn alles wäre, was sie hätten, erntete er pampige Antworten. Ich hoffe inständig, sie kriegen das mit dem Album noch irgendwie auf die Reihe und begnügen sich nicht mit selbstgenügsamen Auftritten in und um Denton, Texas.

„No Silver /No Gold“ gibt es bei Glitterhouse im Mail Order für 6,75 Euro. Die ebenfalls hervorragende, noch roughere EP „Dog“ gibt es dort für 4,75 Euro. Ich empfehle dringend den Kauf. Es soll noch eine andere, ältere EP geben, die ich aber nicht kenne. Ich kenne auch niemanden, der sie kennt. Kennt hier vielleicht jemand jemanden, der sie kennt?


See also other contributions on: THE TELL-US-WHY PROJECT - The Step-By-Step Top 50 List Of Your Favourite Records. Founded in May, 2007. Regulary released at the german INTRO-FORUM.

08.05.2007

CAPTAIN BEEFHEART & HIS MAGIC BANbin der spiegelmann schau den spiegel an










CAPTAIN BEEFHEART & HIS MAGIC BAND
mirror man
1967 (VÖ 1971)




Mirror Man steht (und fällt? Nein, es fällt tatsächlich nie.) mit Drummer John French a.k.a. Drumbo, der mindestens so viele Hände zu haben scheint wie die hinduistische Göttin Durga. Die meisten benötigt er zum Spielen, aber ein paar Hände hat er auch frei, um sie denjenigen zu reichen, die bereit sind, sich von ihm durch die vier 8-19 Minuten langen Tracks von Mirror Man führen lassen.

Man sollte dieses Angebot annehmen und Händchen haltend durch den aufgeräumten Irrgarten schlendern, den Beefheart und seine Magic Band 1967 anlegten, denn tatsächlich erschliesst sich Mirror Man sehr schnell, wenn man sich nur auf Drumbos furioses Schlagzeugspiel konzentriert. Dann zieht er einen durch die Tracks wie eine nach bestimmten, nicht ganz durchschaubaren Mustern geknotete Schnur, während man die Gitarren links und rechts als inspririerten Improv-Zierat nur noch halb bewusst mitbekommt. Der Bass walkt derweil den Humus durch, während sich der Captain als Howlin-Wolf-Impersonator durch das Gestrüpp harpt, singt, musettet und knurrt, soweit ihm dabei die damalige Mikrophontechnik zu folgen imstande ist. Drei der vier Tracks sind live im Studio entstanden. Man mag es vielleicht kaum glauben, aber Mirror Man ist eine Blues-Platte. Mayflower Child Met A 25th Century Quaker Blues. Das ist so toll, ich könnte heulen wie Bruce Darnell.

Auf dem Cover sind noch drei weitere unvertonte Gedichte Beefhearts abgedruckt, von denen besonders das längste, I Like The Way The Doo Dads Fly, die Sinne aufmischt. Beefhearts Naturbeobachtungen sind Wahrnehmungsritte durch Flora und Fauna. Sieh in 'Doo Dads' durch das Auge einer Libelle im Angesicht von Gottes glücksgrüner Zunge wie ein gigantischer Seestern in Meer und Schaum versinkt. Später (auf Trout Mask Replica) lässt Beefheart die Musik durch ein Fliegenohr hindurch aufnehmen, welches nur durch ein Fliegenauge zu erkennen ist („Master master/ This is recorded thru a flies ear/ And you have to have a flies eye to see it!“, aus „The Blimp“). Auf dem Cover von Trout Mask Replica schaut/riecht/spricht der Captain durch das Gesicht einer Forelle, ein Oktopus denkt in Alliterationen - die Natur-Lyrik Beefhearts ist fern jeglicher Romantik oder Kitschigkeit, sie nimmt mit den Sinnen von nicht menschlichen Wesen wahr. Die Menschheit macht keine glückliche Figur: sie schießt sich als Affenpaar in den Weltraum, bildet seltsame Hybridwesen aus, wird shanghait, beutet die Vorkommen an Erdöl aus (was laut Beefheart nichts anderes als Saurierblut ist) oder muss beinlos am Strassenrand Bleistifte verkaufen. Da ließe sich einiges zu sagen, aber Trout Mask Replica und Konsorten werden auf 'Lärmpolitik' bestimmt immer mal wieder durchgemangelt werden.